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StartseiteWissenschaft im BrennpunktDrum prüfe, wer sich ewig bindet03.12.2006

Drum prüfe, wer sich ewig bindet

Über die zähe Suche nach einem Atommüllendlager

Als Carl Friedrich von Weizsäcker 1969 zum Endlager-Problem befragt wurde, da schien ihm das Ganze eine einfache Rechnung zu sein: ein Behälter von der Größe eines Doppelhauses, den strahlenden Müll darin verpacken und in ein Bergwerk stecken - damit sollte das Problem gelöst sein. Doch der Experte hatte das Problem unterschätzt. Er hatte den Faktor Mensch nicht mitkalkuliert.

Von Dagmar Röhrlich

Das Erkundungsbergwerk der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe in Gorleben, Niedersachsen (AP)
Das Erkundungsbergwerk der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe in Gorleben, Niedersachsen (AP)

In Deutschland ist ein Endlager immer noch nicht in Sicht. Die hochradioaktiven Müllberge wachsen immer weiter, und mit ihnen der politische Druck. Noch in dieser Legislaturperiode, so stand es in der Koalitionsvereinbarung, soll eine Lösung gefunden werden. Doch wie könnte diese Lösung aussehen? Soll der Fall "Endlager" noch einmal komplett neu aufgerollt werden? Oder soll die Erkundung in Gorleben zuende gebracht werden?


" Dieses ist, soweit ich es sehen kann, ... überhaupt kein Problem. ... Ich habe mir in Karlsruhe sagen lassen, dass der gesamte Atommüll, der in der Bundesrepublik im Jahr 2000 vorhanden sein wird, in einen Kasten hineinginge, der ein Kubus von 20 Meter Seitenlänge ist. Wenn man das gut versiegelt und verschließt und in ein Bergwerk steckt, dann wird man hoffen können, dass man damit dieses Problem gelöst hat. "

Das war Carl Friedrich von Weizsäcker im Jahr 1969. Doch der Physiker irrte: Einfach sollte bei der Endlagersuche nichts werden.

" Demonstration in Gorleben: Wieder einmal ist ein Atommüll-Transport aus der Wiederaufarbeitungsanlage im französischen La Hague ins wendländische Zwischenlager unterwegs. Die Bilder wirken vertraut: Bauern, die mit Traktoren die Strasse verbarrikadieren, Menschen, die sich an Eisenbahnschienen ketten, Polizisten, die mit ernster Miene neben voluminösen Metallhüllen marschieren. "

Gorleben ist ein Symbol: für den unerbittlichen Kampf gegen die Atomenergie - und den ebenso unerbittlichen Kampf gegen das Endlager, das seit Ende der 70er Jahre im Salzstock Gorleben erkundet wurde.

Michael Sailer:
" Man hat die Abfälle, es werden hier immer mehr, und die Notwendigkeit dafür eine saubere technische Lösung zu finden, die steigt immer mehr. Denn wenn irgendwann einmal durch einen terroristischen Anschlag, oder durch ein Versehen die Abfälle in die Umgebung gelangt sind, dann ist es zu spät, da braucht man keine Endlagerung mehr. "

Michael Sailer ist Atomexperte des Ökoinstituts Darmstadt und stellvertretender Vorsitzender der Reaktorsicherheitskommission. Weltweit sind bislang beim Betrieb kommerzieller Kernkraftwerke mehr als 190.000 Tonnen ausgedienter Brennelemente angefallen. Allein die aus Deutschland ließen sich auf einem Fußballfeld drei Meter hoch stapeln - und dazu kommen noch die nicht minder strahlenden Abfälle aus der Wiederaufbereitung.

" In der Koalitionsvereinbarung steht, dass in dieser Legislaturperiode eine Lösung in der Endlagerfrage gefunden wird. "

Die Frage ist, was genau damit gemeint ist. Wolfgang Renneberg, Leiter der Abteilung Reaktorsicherheit im Bundesumweltministerium versteht es so:

" Es soll in dieser Legislaturperiode ein Weg zur Lösung gefunden werden, der auch dann für die zukünftigen Legislaturperioden verbindlich ist, oder jedenfalls so weit wie möglich verbindlich ist. "

Zügig und ergebnisorientiert möchte man vorgehen. Die Floskel soll verbergen, dass sich die Koalitionsparteien uneins sind. Die SPD fürchtet den Protest der Linken, falls die Arbeit in Gorleben wieder aufgenommen wird. Die CDU möchte auf die rund 30 Jahre Forschung in Gorleben aufbauen und die Erkundung abschließen.

Einfahrt in das Erkundungsbergwerk von Gorleben. Das Gitter schließt sich, das Signal ertönt - und der Korb saust 820 Meter tief hinab.

Die Frage ist: Wohin mit dem Müll? Bislang hat weltweit lediglich Finnland eine Antwort: Granit. Sicher ist, dass auch Schweden sein Endlager im Granit bauen wird. Gleich mehrere Gemeinden haben sich in Stockholm um den Zuschlag beworben. Fragt man die Verantwortlichen nach ihrem Trick, lautet die Antwort: Streit vermeiden, Überzeugungsarbeit leisten und endlose Gespräche führen. Warum also nicht lernen, dachte sich Ex-Bundesumweltminister Jürgen Trittin: Der Endlagerstandort müsse im Konsens gefunden werden, verkündete er und stoppte im Herbst 2000 die Erkundung in Gorleben - ein Moratorium, das längstens zehn Jahre dauern soll, erklärt Christian Isslinger, Pressesprecher der Deutschen Gesellschaft zum Bau und Betrieb von Endlagern für Abfallstoffe:

" Das Moratorium ist ja so begründet worden, dass die bisherigen Ergebnisse als positiv bewertet werden, dass es aber grundsätzliche Fragen gibt zur Endlagerung. "

Etwa die, ob Salz wirklich das beste Wirtsgestein ist. Darauf lässt sich in Gorleben keine Antwort finden.

" so dass eine weitere Erkundung hier am Standort nichts bringen würde zur Lösung der offenen Fragen. "

Während das Licht der Grubenlampe über die Schachtwand tanzt, erzählt Isslinger, dass Trittin damals einen Arbeitskreis gegründet habe: den AK End. Der sollte die Vorgehensweise bei der Endlagersuche beratschlagen. Universitäten, Forschungszentren, Umweltinstitute und das Bundesamt für Strahlenschutz debattierten über wissenschaftliche, soziale, gesellschaftliche und politische Aspekte. Schließlich empfahl der AK End:

" Das Endlager soll an einem Standort mit langfristiger Sicherheit errichtet und betrieben werden, der in dem kriteriengesteuerten Auswahlverfahren als relativ bester Standort ermittelt wird. "

Der Arbeitskreis durfte nur empfehlen, nichts vorgeben. 272 Seiten ist der Abschlußbericht stark, und seit dem 17. Dezember 2002 ruht er in den Schubladen des Umweltministeriums. Inzwischen in denen von Sigmar Gabriel.

" Wir sind unten. Das Gitter öffnet sich. In der haushohen Halle empfängt uns gleißendes Neonlicht. Es riecht nach Bergwerk: Eine Mischung aus Salzstaub, Diesel und dieser besonderen Luft, die durch die Lüfter der Bewetterung gesaugt worden ist - der Duft der Technik. Hier steht der Fuhrpark: Geländewagen. Mit ihnen tauchen wir ins Bergwerks ein. Die Stollenwände werfen den Motorenlärm zurück: Wir scheinen zu rasen. Aber die Sinne täuschen: Tempo 30. "

Renneberg:
" Diese atomaren Abfälle haben bis heute keine sichere Heimat gefunden, sie sind in Zwischenlagern gelagert, dort auch sicher gelagert. Aber natürlich nicht für die Zeiten, die notwendig sind, damit sie so abklingen, dass sie keine Gefahr mehr darstellt. "

Das soll das Endlager leisten, erklärt Wolfgang Renneberg:

" Endgelagert heißt, das sie so gelagert werden, dass die Menschheit sie vergessen kann. "

Allerdings sind manche Zerfallszeiten so lang, dass der radioaktive Müll für eine Million Jahre sicher eingeschlossen sein muss: Nichts darf heraus aus dem Endlager und nichts hinein. Aber: Lässt sich Sicherheit über solche Zeiträume garantieren? Angesichts der Tatsache, dass Homo sapiens selbst 160.000 Jahre auf der Erde lebt und die ägyptischen Pyramiden gerade einmal 5000 Jahre alt sind, scheinen Zweifel angebracht. Ideal wäre es, wenn nicht menschgemachte Barrieren den strahlenden Abfall abschotten, sondern geologische: Alles soll unerreichbar tief unter die Erde. Dafür kommen drei Wirtsgesteine in Frage: Salz, Ton und Granit.

" Nach der Diskussion, die in der deutschen Fachszene stattfindet, unter den Geologen und Ingenieuren, die mit der Endlagerung zu tun haben, gibt es unter deutschen Bedingungen eigentlich nur zwei wirklich spannende Formationen: Das eine sind Salzstöcke und das andere sind in tiefen Lagen befindliche Tongesteine, die als Abschirmung des Endlagers oder als Wirtsgestein des Endlagers dienen. "

Der in Skandinavien gewählte Granit dagegen steht hierzulande nicht hoch im Kurs. Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe in Hannover.

" Sie haben natürlich Granitgebiete in Deutschland in Süddeutschland, in Sachsen, in Thüringen, in Bayern, in der Oberpfalz zum Beispiel, sehr großräumige Gebiete, die allerdings - wenn man jetzt den direkten Vergleich zum skandinavischen Granit sieht-, sehr stark zerrüttet sind. "

Die deutschen Granite sind tektonisch stark beansprucht worden, sprich: Sie sind stark von Klüften durchzogen:

" Deswegen gelangt im Granit unweigerlich Wasser bis zu den eingelagerten Abfällen, vor allem wenn man die Millionen Jahre berücksichtigt, die die Abfälle abgeschirmt sein müssen. "

Wasser ist der Feind schlechthin im Endlager, denn es dient dem Atommüll als Transportmittel in die Umwelt. Granit für sich alleine ist niemals sicher, auch nicht in Finnland und Schweden, weshalb in den skandinavischen Konzepten dickwandige Kupferbehälter mit stählernem Innenleben den Müll abschotten sollen. Die werden zusätzlich mit einem Tonmantel umhüllt, der den Grundwasserfluss behindern und notfalls Schadstoffe speichern soll. Rein technische Barrieren also:

" Bei technischen Barrieren habe ich Erfahrungen über ein paar Dutzend oder ein paar 100 Jahre maximal, weiß auch, das die immer fehlerbehaftet sein können, wenn in der Ausführung Fehler da sind. Bei der Geologie gibt es Formationen, bei denen ich auch über 100.000 oder eine Million Jahre, oder 10 Millionen Jahre extrapolieren kann, so dass ich eigentlich eine größere Sicherheit habe, dass eine bestimmte gut geeignete Gesteinsformation eine Million Jahre Schutz bietet, als dass eine technische Barriere eine Million Jahre Schutz bietet. "

Dröhnend schafft die Bewetterungsanlage frische Luft ins Bergwerk. Es ist ein seltsames Gefühl: Wir fahren durch Salz, das mehr als 250 Millionen Jahre alt ist. Damals zeichneten sich noch nicht einmal die Saurier am Horizont ab, geschweige denn Menschen oder Kernkraftwerke. Dafür lag Deutschland fast am Äquator und Niedersachsen und Polen waren von einer tropischer Version der Ostsee bedeckt. In diesem Zechsteinmeer kristallisierte das Salz um uns herum aus - über Jahrmillionen hinweg. Eine Lagerstätte entstand. Christian Isslinger:

" Weil diese mächtige Salzlagerstätte im Lauf der Erdgeschichte von anderen Gesteinen überdeckt wurde und dabei abgesenkt wurde in den Bereich von 600 bis 1000 Metern, hat das Salz dann das Bestreben, aufgrund des geringen Gewichts, nach oben zu steigen. "

Wie ein Stück Holz, das man unter Wasser drückt und dann los lässt. Dahinter steckt, dass das spezifische Gewicht von Salz gering ist und dass es plastisch wird, wenn Druck und Temperatur stimmen:

" So hat das Salz begonnen aufzusteigen vor über 200 Millionen Jahren, bis sich letztendlich diese Salzstöcke oder Salzmauern gebildet haben. "

Ein paar weißgraue Salzkristalle glitzern im Licht der Grubenlampe. Dann weist uns Christian Isslinger auf eine Lage aus festeren Gestein hin:

Hier sind am Stoß diese grauen Linien, diese Linien bestehen aus Anyhdrit, also nicht aus Steinsalz. Das heißt, während dieser Ausscheidungsphase kam es immer wieder zu Verdünnungserscheinungen, dass also nicht permanent Salz ausgeschieden wurde, sondern zwischendurch auch einmal Anhydrit.

Wie ein Band zieht sich diese Lage schräg über die Stollenwand. Ein paar dutzend Meter zuvor haben wir sie schon einmal gesehen, da aber war sie viel schmaler, knapp handbreit, und sie krümmte sich wie Gekröse im Salz.

" Diese Bank wird als Gorlebenbank bezeichnet. Und die Gorlebenbank ist ein ganz wichtiger Leithorizont, wie so ein rotes Tuch, weil ich an dieser Gorlebenbank oben und unten unterscheiden kann und das brauchen die Geologen, um ein dreidimensionales Bild von dem Salzstock zu bekommen. "

Denn der Innenbau eines Salzstocks ist äußerst komplex, schließlich wurden beim Aufstieg die einst flach im Meer abgelagerten Schichten stark gepresst, verwürgt und gefaltet:

" Es ist einiges durcheinander geraten, und wir suchen in diesem großen Durcheinander die Bereiche, die für eine spätere Endlagerung interessant wären. Die müssen zum einen homogen aufgebaut sein, und diese Bereiche müssen auch die entsprechende Mächtigkeit aufweisen. "

Sprich: groß genug für ein Endlager sein. Die Gorlebenbank macht auch die Bewegungen sichtbar, die der Bergbau auslöst: Zentimetergroße Sprünge im spröden Anhydrit zeigen, dass sich das Salz bemüht, den Stollen zu schließen:

" Es fließt dann so, bis der Hohlraum wieder verschwunden ist. Dieses Zusammenfließen wird auch gemessen: Das sind immer diese grün markierten Flächen, die Sie hier sehen, hier horizontal und da hinten ist auch noch mal eine vertikale. "

Darunter verzeichnen Messgeräte auf den Tausendstel Millimeter genau, wie sich das Salz diesseits und jenseits der Gorlebenbank bewegt. Salz ist nicht gleich Salz: Die Bewegungen in dem Flöz oberhalb der Gorlebenbank sind langsamer als die in dem unterhalb. Je schneller das Salz fließt, desto schneller wird es die Endlagerbehälter einschließen. Genau das ist gewünscht, man würde das Lager also in das untere Flöz bauen.

Der AK-End empfahl, dass die Oberkante eines Salzstocks mit "Endlager-Eignung" rund 300 Meter tief in der Erde liegen sollte, und das Endlager selbst wäre dann noch einmal einige hundert Meter weiter unten. Man könnte die Endlagerbehälter direkt im Stollen abstellen und mit gemahlenem Salz zuschütten. Oder man versenkt sie einzeln in tiefe Bohrlöcher. So oder so - die Behälter wären vollkommen von Salz umgeben.

" Dann soll das Salz über Jahrtausende hinweg einen sicheren Einschluss gewährleisten. Das ist einerseits dadurch gegeben, das das Salz undurchlässig ist von seiner Natur her, aber auch noch einen weiteren Vorteil bietet: Es schließt durch seine mechanischen Eigenschaften etwaige Klüfte von allein, "

so Volkmar Bräuer. Nach ein paar Jahrhunderten wären die Behälter dann eingeschlossen wie eine Mücke im Bernstein. Hochaktiver Abfall strahlt aber auch Wärme ab: Ein im Zwischenlager frei stehender Castorbehälter hat die Temperatur eines Heizkörpers. In Salz verpackt, stiege sie auf die von kochendem Wasser, was dem Salz aber nichts ausmacht. Trotzdem gibt es offene Fragen, so Sailer:

" Das Problem liegt darin, das die radioaktiven Abfälle Strahlung aussenden. Und durch die Strahlung wird das Kristallgitter des Steinsalzes, in dem Natrium- und Chlorionen vorhanden sind, wird an manchen Stellen gestört, und damit bildet sich Natriummetall und Chlorgas, die wieder miteinander reagieren können. "

Ein Prozess namens Radiolyse. Im Labor kann sie explosiv ablaufen - und der Gedanke an eine Explosion im Endlager ist nicht gerade Vertrauen erweckend.

" Im Endlager geht es ja darum, dass ein konkretes Stück Salz, das an einem konkreten Abfallbehälter liegt, über Hunderte oder Tausende von Jahren bestrahlt wird. Irgendwann einmal nimmt die Strahlungsintensität ab durch den radioaktiven Zerfall, dann spielt das keine Rolle mehr. Interessant sind die ersten paar 100 Jahre. Und das ist eine Sache, die man im Labor nicht simulieren kann. "

Der Faktor Zeit ist bei Experimenten problematisch. Deshalb streiten sich Salz-Befürworter und - Gegner über die Bedeutung der von einem niederländischen Physiker durchgeführten Experimente. In Groningen hatte Den Hartog Steinsalz einer starken Strahlung ausgesetzt und die Veränderung im Kristallgitter gemessen. Innerhalb kürzester Zeit tauchten Schäden auf. Lassen sich diese Ergebnisse auf die Bedingungen im Salzstock übertragen? Die Reaktorschutzkommission hat sich der Frage gestellt. Ihre Einschätzung: Die Radiolyse ist kein Problem. Schlimmstenfalls reicht die Sprengkraft für einen sehr begrenzten Schaden im Umkreis von einem Meter um den Behälter. Bei einem Salzstock von mehreren Hundert Metern Durchmesser vernachlässigbar.

" Das Problem, dass Wegsamkeiten für Wasser über mehrere hundert Meter geöffnet werden, gibt es also nicht. "

Die Erkundungsarbeiten in Gorleben ruhen, ein paar Kumpel konservieren den erreichten Zustand. Maschinen müssen immer repariert werden. Die Werkstätten dafür sind in großen, ins Salz gesprengten Hallen untergebracht. Von drei Seiten her laufen Stollen auf sie zu. In einem weist Christian Isslinger bei einem Stopp auf ein paar rostfarbene Flecken an der Gorlebenbank:

" Das sind Lösungszutritte. Das sind also Lösungen, die hier ganz speziell im Anhydrit eingeschlossen sind, die schon seit vielen Millionen Jahren hier im Salzstock sind. "

Es sind die Überreste des Zechsteinmeers. Das haben geochemische Analysen bewiesen. Mit dem Grundwasser draußen haben sie nichts zu tun. Vielmehr haben sich die Flüssigkeiten über mehr als 250 Millionen Jahre in dem von Klüften durchzogenen Anhydrit angesammelt. Das dichte Salz hält sie darin gefangen, bis der Mensch das Gestein mit seinen Maschinen anschneidet:

" Dann tritt die Lösung hier aus und dann haben wir hier so feuchte Flecken an der Wand, bis das Ganze dann leer gelaufen ist. Dann trocknet das wieder alles ab. Wir haben auch einmal größere Lösungszutritte gehabt, der größte, dass waren 160 Kubikmeter, was an fossilen Wässern da abgepumpt wurde. "

Insgesamt, so fährt der Pressesprecher fort, seien bei den Erkundungsarbeiten 300 Kubikmeter von diesen harmlosen, salzgesättigten Lösungen abgelaufen: Das ist so in etwa eine Schwimmbadfüllung, verteilt auf viele einzelne Stellen. Anrichten könnten die gesättigten Wässer nichts, erklärt Isslinger, diese Mengen seien völlig harmlos.

Noch etwa zehn, 15 Jahre würde es dauern, um die Langzeitsicherheit von Gorleben nachzuweisen. Falls der Stock überhaupt geeignet ist. Mehr als 40 Jahre hätte die Erkundung dann gedauert - und es gibt keinen Grund anzunehmen, warum das bei einem anderen Standort wesentlich schneller gehen sollte. Vor allem, falls das Zielgestein gewechselt wird. In Deutschland galt bislang das Salz als Endlagerformation Nummer Eins. In Frankreich und in der Schweiz ist das anders. Dort gibt es keine riesigen Salzstöcke, aber dafür mächtige Tonsteinlagen - und über deren Eignung wird nun auch in Deutschland nachgedacht.

" Es geht also nicht um den Töpferton, den man in der oberirdischen Tongrube holt, sondern es geht um Tonschichten, die 500 oder 800 oder 1000 m tief unter der Erde sind. "

Diese Tonsteine haben viele positive Eigenschaften: Genau wie Salz halten sie Wasser und Gas gefangen, weshalb auch unter ihnen Öl- und Gaslagerstätten liegen. Das macht sie interessant.

" Man überlegt heute zwei Möglichkeiten: Entweder dass man direkt in so eine Tonstein Schicht hineingeht, wenn sie mächtig genug ist, oder man überlegt auch, dass man in eine Formation geht, die unter einer solchen Tonschicht ist, das heißt, dass die Tonschicht die Abdichtungsfunktion übernimmt. "

Aber Ton hat auch Nachteile. Volkmar Bräuer von der Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe:

" Er ist nämlich auch - was die Temperaturbelastbarkeit betrifft - nicht sehr günstig im Vergleich zum Salz. Wenn sie den Ton über 100° erhitzen, verändert er seine physikalische Eigenschaft, und wenn sie daran denken, dass hochaktive Abfälle nicht nur hochradioaktiv sind, sondern eben auch ‚Hochtemperatur' sind, dann ist die Einlagerung im Ton doch sehr eingeschränkt. "

"Gekochte" Tonminerale können keine Radionuklide mehr wegfangen und speichern. Diese Barriere wäre dahin. Um das zu vermeiden müssten die zunächst kräftig heizenden Behälter weit voneinander entfernt aufgestellt werden, das Endlager entsprechend groß dimensioniert sein. Außerdem braucht Tonstein - anders als das formstabile Salz - ein stützendes Korsett, solange der Bergbau läuft:

" Sie müssen die untertägigen Hohlräume unterstützen durch Stahlbögen oder durch Betonringe, damit sie überhaupt dort einlagern können und das Endlager betreiben können. "

Sonst können die Stollen einbrechen, und neue Klüfte könnten dem Grundwasser Wege öffnen - womit das Endlager nicht mehr dicht wäre.

" Untertägige Erfahrungen mit Ton gibt es sehr, sehr wenig. Wenn Sie das mit Salz vergleichen, haben wir im Salz über hundertjährige Bergbauerfahrung, und im Granit durch unseren Erzbergbau auch sehr gute Erfahrungen, aber sie haben sehr, sehr wenig Erfahrung mit Ton als Wirtsgestein im Untertagebereich. "

Andererseits halten in Kanada, unter dem Cigar Lake in Sasketchewan, Tonsteine schon seit mehr als einer Milliarde Jahre eines der größten bekannten Uranvorkommen der Erde dicht umschlossen. Nichts dringt aus dieser natürlichen Lagerstätte. Es könnte also funktionieren.

Wir sind noch ein Stück tiefer in den Salzstock von Gorleben vorgedrungen. Dort, wo der Atommüll seine letzte Ruhe finden könnte, würde das Gestein mit 180 bar Druck auf den Behältern lasten - für Jahrmillionen. Dass sie dabei zerbrechen, sei unwichtig, so Christian Isslinger:

" Der Behälter ist ja nicht die Barriere, der Ihnen die Langzeitsicherheit garantiert, bei dem Endlagerkonzept im Salz ist es das Salz. Sie können in diesen Salzschichten lesen wie in einem Buch. Wie sind sie entstanden, was ist passiert, und wir wissen, dass das Salz, so wie wir es heute hier sehen, so seit ungefähr 60 Millionen Jahren vorliegt. "

So alt ist also der Salzstock, durch den wir uns bewegen. In dieser unvorstellbar langen Zeit ist an der Erdoberfläche viel passiert: Über Norddeutschland wogte ein Meer, dann kamen die Gletscher. Aber den Salzstock hat das nicht beeindruckt: Seit Jahrmillionen schützt ihn ein mächtiger Gipshut aus wasserunlöslichen Gesteinen - und das müssten sie auch weiterhin tun, falls ein Endlager hier eingerichtet wird. Gleichgültig, was an der Oberfläche passiert.

Zwar sieht das vom AK End vorgeschlagene Verfahren vor, dass in ganz Deutschland nach dem Endlager gesucht wird - aber im Grunde ist die Karte der potentiellen Endlagerstätten gar nicht so weiß, wie es die Politiker gerne darstellen. Über den Untergrund ist sehr viel bekannt, weshalb die Bundesanstalt für Geowissenschaften und Rohstoffe schon 2006 eine erste Studie über die infrage kommenden Gebieten veröffentlichen konnte. In Norddeutschland bleiben von rund 200 möglichen Salzstöcken - neben Gorleben - nur noch vier Stöcke übrig, die überhaupt eine Untersuchung lohnen:

" Das ist der Salzstock Zwischenahn, der Salzstock Wahn, Gülze-Sumte und Wattekatt. "

Bei den Tonsteinen gibt es potentiell geeignete Vorkommen in Nord- und Süddeutschland. Letztere liegen allerdings meist entweder in Erdbebengebieten, was sie von vorneherein ausschließt - oder aber unter der Schwäbischen Alb und damit unter Karstgestein:

" Karst bedeutet auch immer hohes Grundwasseraufkommen, das kennen wir von der schwäbischen Alb, dieses Grundwasser wird auch vielfältig genutzt, und dort würde ich von einer bedingten Eignung ausgehen. "

Also landet man doch wieder in Norddeutschland, wo sich mehrere hundert Meter unter der Erde dicke Tonsteinschichten verbergen. Um die Auswahl zu vergrößern, können die Geologen auch nach einem Standort suchen, an dem erst eine Kombination mehrerer Gesteine ein sicheres Endlager garantieren.

Auf jeden Fall - so wünscht es sich das Bundesumweltministerium - soll es der "beste" Standort sein, frei nach Schillers: "Drum prüfe, wer sich ewig bindet". - Wobei man den Zusatz nicht vergessen sollte: "Ob sich nicht noch was Bess'res findet" - kommt so eine Suche je zum Ende?

Damit der Traumtermin 2030 für die Eröffnung eines Endlagers nicht schon in dieser Legislaturperiode Makulatur wird, hat Umweltminister Sigmar Gabriel ein Konzept für die Endlagerung erstellt. Danach soll sich Gorleben in einem Auswahlverfahren der Konkurrenz stellen – und zwar der von zwei weiteren Standorten. 2020 will man wissen, wer es wird.

Dieses Konzept hat er im Oktober dem Bundeskanzleramt eingereicht. Daraufhin hat das Bundeskanzleramt das Wirtschaftsministerium mit der Erarbeitung einer Alternative zum Gabriel-Konzept beauftragt. Und das Wirtschaftsministerium schlägt jetzt wiederum vor, doch Gorleben weiter zu verfolgen.

" Als ich jung war, und das ist schon viele Jahrzehnte her, hieß es ja immer in den achtziger oder spätestens neunziger Jahren des - wohlgemerkt - 20. Jahrhunderts wird ein Endlager zur Verfügung stehen. Über die Zeit sind wir längst raus, ohne dass besonders viel passiert ist. "

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