Montag, 20.11.2017
StartseiteTag für TagWo gehören wir hin?13.07.2017

Drusen auf den GolanhöhenWo gehören wir hin?

Die Drusen sind eine religiöse Minderheit. Viele Drusen, die auf den von Israel kontrollierten Golanhöhen leben, betrachten sich als Syrer, obwohl sie einen israelischen Pass haben. Besonders junge Leute fragen sich aber angesichts des Krieges in Syrien: Ist dieses Land noch mein Zuhause?

Von Markus Dichmann

Hören Sie unsere Beiträge in der Dlf Audiothek
Drusen in Majdal Shams auf dem Golan - die einen pro, die anderen contra Präsident Baschar al-Assad. Im Hintergrund: die Flagge der Drusen (imago / ZUMA Press)
Drusen in Majdal Shams auf dem Golan - die einen pro, die anderen contra Präsident Baschar al-Assad. Im Hintergrund: die Flagge der Drusen (imago / ZUMA Press)
Mehr zum Thema

Drusen in Israel und Syrien Ein Leben zwischen den Stühlen

Naher Osten Der Krieg 2006 und die Situation heute

Syrien und Israel Angespannte Ruhe auf dem Golan

Israels Blick auf Syrien Lieber IS als Hisbollah

Eine staubige Straße am Rande der Stadt, steil schlängelt sie sich den Berg hinauf. Nicht viel los hier, nur ab und zu fahren schicke SUVs mit getönten Scheiben vorbei, die sich die Straße hinaufkämpfen. An einer Bushaltestelle stehen ein paar Schuljungs mit ihren Ranzen, die gerade vom Schulbus abgesetzt wurden.

Gleich hinter der Bushaltestelle – fällt das Gelände steil ab. Ein kleines Tal. Und dann nur einige Dutzend Meter weiter – erhebt es sich wieder zu einem flachen Hügel. Der Hügel trägt den Namen "shouting hill".

Auf ihm standen früher Mütter und Väter, Schwestern und Brüder und Cousinen und Cousins, die ihrer Familie auf der anderen Seite Nachrichten über ein Megaphon zubrüllten. Denn zwischen Bushaltestelle und Hügel – liegen Welten. Hier verläuft die syrisch-israelische Grenze. Willkommen in Majdal Shams.

Der sogenannte "shouting hill" in der syrisch-israelischen Grenzregion. (Deutschlandradio / Markus Dichmann)Der sogenannte "shouting hill" in der syrisch-israelischen Grenzregion. (Deutschlandradio / Markus Dichmann)

"Der shouting hill ist heute Geschichte, sagt Shefaa Abu Jabal. Zu gefährlich. Und die 31-Jährige habe ohnehin andere Wege, ihre Verwandten in Syrien zu kontaktieren."

Einmal Druse, immer Druse

Wir treffen Shefaa in einem Café gleich auf der anderen Seite der Straße, die entlang der israelisch-syrischen Grenze verläuft. Shefaa selbst ist Drusin, so wie praktisch jeder der 10.000 Einwohner in Majdal Shams.

"Die Drusen, und ganz besonders die auf dem Golan, halten zusammen, sie sind gütig, gastfreundlich und großzügig, aber sie sind eben auch sehr isoliert. Ich meine, man kann es ja auch sehen: Wir leben auf einem Berg. Außerdem glauben die Drusen an Wiedergeburt. Vor 1000 Jahren wurde unsere Religion geboren – und wer Druse werden wollte, hatte dafür exakt 21 Jahre lang Zeit. Dann war Schluss. Dann war sozusagen Einlass-Stopp. Deshalb sind es die gleichen Drusen, die seit 1000 Jahren immer und immer wieder wiedergeboren werden. Und deshalb sind zum Beispiel auch Ehen mit Nicht-Drusen streng verboten, weil ihre Kinder keine reinen Drusen wären. Und wer es dennoch tut, der muss außerhalb der Gemeinde leben. Aber man kann auch nicht konvertieren, oder den Glauben ablegen, man wird trotzdem als Druse wiedergeboren. So ist das halt, damit muss man klar kommen."

Drusen in der Identitätskrise

Shefaa allerdings kann mit diesem religiösen Leben der Drusen nicht viel anfangen, ist kein großer "Fan" ihrer eigenen Glaubensgemeinschaft, wie sie sagt. Denn sie selbst, mit ihren Vorstellungen vom Leben, habe unter den Drusen eigentlich keinen Platz.

"Anders zu sein ist hier schon eine Art Aktivismus. Als 2011 der Bürgerkrieg in Syrien ausbrach, habe ich hier in der Stadt und auf Facebook gegen Assad protestiert. Da hat man mir gesagt: Du bist eine Frau, du solltest nicht über Politik sprechen! Außerdem: Ich bin 31 Jahre alt, unverheiratet und lebe und studiere in Haifa, in Israel. Wie sagt man so schön? Meine ganze Existenz ist Widerstand."

Shefaas Widerspruch trifft einen wunden Punkt. Eigentlich gleich mehrere wunde Punkte in Sachen Tradition und Herkunft, denn seit 2011, seitdem Syrien im Chaos versinkt, stecke die ganze Stadt, steckten alle Drusen des Golans in einer Identitätskrise.

"Vor 2011 mussten wir uns nicht fragen, ob wir Israelis sind oder Syrer. Das war selbstverständlich. 99 Prozent hätten gesagt, wir sind Syrer. Heute ist das eher ein Verhältnis 70/30, 60/40. Vor 2011 wäre es ein Tabu gewesen, die israelische Staatsbürgerschaft zu beantragen. Heute machen das viele, und es interessiert überhaupt niemanden mehr. Und im Gegenzug ist es nicht mehr so sexy zu sagen: Ich bin Syrer."

"Von Syrien ist nichts mehr übrig"

Anders vor 2011, als die Verbindungen nach Syrien noch stark waren, auch jenseits von Familie. Viele junge Drusen gingen zum Beispiel für ein Studium nach Damaskus, um sich gebührenfrei und ohne Bewerbungsdruck einzuschreiben. Majdal Shams hat davon profitiert, die Stadt ist voller Sportwagen, Kirchbäume und Zahnärzte, viele Drusen haben es zu Bildung und Wohlstand gebracht.

"So wie mein Vater, er und seine ganze Generation glaubten daran, dass es irgendwann ein Zurück nach Syrien geben wird. Und wenn irgendwas passiert in Syrien, wie jetzt der Krieg zum Beispiel, dann verzögert das die Rückkehr nur. Und deshalb haben sie Assad unterstützt! Sie dachten, dann ist die Sache nach fünf, sechs Monaten vorbei! Aber wohin will man zurück, wenn es kein Syrien mehr gibt. Wir können nicht zurück, da sind nur noch Ruinen. Es ist ein Desaster, es ist vorbei - von Syrien ist nichts mehr übrig."

Viele kehren nach dem Studium zurück

Heute gehen junge Drusen für ein Studium nicht mehr nach Damaskus – sondern nach Deutschland, in die USA oder - so wie Shefaa - nach Israel. Und das obwohl sie ein belastetes Verhältnis zu Israel hat und sich nicht als Bürgerin Israels sieht. Sie sagt, sie lebe "unter Besatzung".

"Aber die Besatzung ist nicht brutal. Wir zahlen brav Steuern und das Leben hier ist gut! Die Leute hier sind jetzt offener gegenüber Israelis, gegenüber dem Westen, auch für Reisen in andere Länder. Woanders zu leben ist immer noch nicht so gerne gesehen, aber wir reisen immerhin, ständig."

Eine Gruppe drusischer Frauen in Majdal Shams. (picture alliance / dpa / Atef Safadi)Eine Gruppe drusischer Frauen in Majdal Shams. (picture alliance / dpa / Atef Safadi)

Trotzdem – eines ist klar: Egal wie viel sie reisen, egal wo sie studieren – für Drusen geht es am Ende wieder zurück in die Heimat, zurück nach Majdal Shams, zurück in die Gemeinde.

"98 percent come back. Especially the young generation."

Warum?

"Aus Dummheit? Mangel an Alternativen? Oder weil sie hier geboren und aufgezogen wurden mit dieser wahnsinnigen emotionalen Bindung an diesen Ort? Keine Ahnung. Das einzige, was Drusen sicher wissen, ist, dass sie Drusen sind. Das ist das einzige, was an ihrer Identität wirklich standhält."

"Immer mehr Frauen rauchen Schischa"

Hin und hergerissen zwischen Israel und Syrien, zwischen Moderne und Tradition, zwischen Distanz und Hinwendung zur Religion bleiben die Drusen also gerne unter sich. Und insofern setzt Shefaa Abu Jabal nicht darauf, dass ein Wandel von außen kommt, sondern dass er in Majdal Shams geschieht.

"Wenn man sich zum Beispiel das Leben der Frauen hier anschaut: Sie studieren, sie reisen, sie arbeiten, sie sind modern, kleiden sich modern, gehen in Bars, trinken Alkohol, rauchen Schischa, keine Zigaretten, aber daran arbeiten wir noch. Im Grunde ist vieles gut, aber wenn man mit jungen Frauen spricht, dann sagen sie: Immerhin studiere ich. Das reicht. Ich habe keine Ambitionen mehr draus zu machen, zum Beispiel einen Doktor-Titel oder so. Keine Frau auf dem gesamten Golan hat einen Doktortitel! Vielleicht ist ein Doktortitel kein Gradmesser um irgendwas über die Frauen hier auszusagen, aber trotzdem. Ich glaube es sagt etwas über ihre Grenzen aus, und wie weit man sie dehnen kann, trotz aller Erwartungen zu heiraten, Kinder zu kriegen, Mutter zu sein. Das ist eigentlich eine Schande! Und ich hoffe, das wird sich bald ändern."

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk