Freitag, 15.12.2017
StartseiteBüchermarktDTV-Atlas Englische Sprache18.06.2002

DTV-Atlas Englische Sprache

DTV, 275 S., EUR 14,-

Sie blitzt uns an allen Ecken und Enden entgegen, und es ist müßig, auch nur ein Beispiel zu zitieren: Die englische Sprache gehört zu unseren Lebensumständen wie die kritischen Stimmen dagegen zu unserem Nationalverständnis. Umzingelt und bedroht von Anglizismen, bilden wir eine schützenswerte Minderheit unter den Weltsprachen, und hätten wir bloß mehr Kolonien besessen, würde man dem Deutschen international größere Achtung zollen. Irrtum! Der Siegeszug des Englischen beruht auf einer komplexen Mischung aus politischen, ökonomischen und linguistischen Gründen, und wer dies nicht glauben mag, greife zum neuen "DTV-Atlas Englische Sprache". Eine spannende Lektüre! Selbst die augenquälerisch kleine Schrift, die sich auf jeder rechten Buchseite zu einem schwer durchdringbaren Letterngespinst zusammenballt, hält einen nicht davon ab, das lexikalisch aufgebaute Buch kontinuierlich durchzulesen.

Florian Felix Weyh

Seit vielen Jahrzehnten folgt die DTV-Atlas-Reihe einem Konzept, das man heute mit dem Begriff "Infografik" verbindet. Jeweils die linke Buchseite bleibt für die Verbildlichung komplexer Inhalte reserviert, während die rechte den Text enthält. Nicht bei allen DTV-Atlanten geht dieses Konzept auf, das vorliegende Stoffgebiet erweist sich aber als dankbarer Landkartenlieferant: Sprach- und Dialektverteilung in Großbritannien, Nordamerika, Australien, Entwicklung von Wortstämmen, Reiserouten von Lehnwörtern. Dabei geben die drei Autoren Wolfgang und Karin Viereck, sowie Heinrich Ramisch von der Universität Bamberg dem Affen durchaus Zucker. Tönt der erste Satz des Vorworts noch streng puritanisch - "In diesem Buch legen wir Fakten vor!" -, ist die Auswahl der Beispiele bisweilen höchst amüsant. Da wäre die Verteilung des Wortes Ameise im schottischen Sprachraum; Gymnasiasten lernen hierzulande den hochsprachlichen Ausdruck "ant". "Pishminnie", "pissminnie" oder noch schöner "pissie mother" heißt das kleine Tier umgangsprachlich. Übersetzung überflüssig, man riecht förmlich den strengen Odeur der verspritzten Ameisensäure.

Sprachen und Sprachverwandtschaften zu verstehen, ihre verblüffenden Gemeinsamkeiten entdeckt und ihre Wandlungsfähigkeit demonstriert zu bekommen, gehört zu den wahrhaft aufklärerischen Genüssen der geistigen Welt. Dass es gerade Englisch zur Lingua franca gebracht hat, nimmt einen angesichts der breiten lokalen Varietäten kaum Wunder. Keine andere Sprache hätte sich so willfährig auf einzelne Rudimente reduzieren lassen (wie im Pidgin-Englisch), ohne dabei ihre Verständlichkeit einzubüßen. Dies ist augenscheinlich ein stärkerer Grund für den Vormarsch des Englischen als der politische Vorrang englischsprachiger Nationen im 19. und 20. Jahrhundert. Kein Wunder allerdings, dass die Kunstsprachen Volapük und Esperanto just Ende des 19. Jahrhunderts entstanden, als der Neid der übrigen Europäer auf die begünstigten englischen Muttersprachler zum Nationalismus anschwoll. Viel Erfolg war den künstlichen Sprachen nicht beschieden, und spätestens seit die Hauszeitschrift der Esperanto-Anhänger "Language Problems and Language Planning" heißt, dürfte es jedermann klargeworden sein, dass man zur Einführung neuer Weltsprachen eine gemeinsame alte benötigt.

In vielen Ländern ist Englisch ohnehin schon heimliche Zweitsprache, auch wenn man sich offiziell mit Händen und Füßen dagegen wehrt. Wer beneidet die skandinavischen Völker nicht um ihre vokabelreichen Englischkenntnisse, weil die meisten Filme unsynchronisiert im heimischen Fernsehen laufen? Wir Deutschen haben da einen erheblichen Entwicklungsbedarf: Durch Synchronisation und Übersetzung schneiden wir uns selbst von den Quellen des spielerischen Spracherwerbs ab. Unglaubliche 72,2% der Übersetzungen von Büchern ins Deutsche entstammen dem englischen Sprachraum. Zum Selbstbetrug, wir seien kein Einwanderungsland, gesellte sich jahrzehntelang die Einschätzung, flüssige Englischkenntnisse seien für eine gewachsene Kulturnation entbehrlich. Das Gegenteil dürfte der Fall sein: Als Regionalsprache dient Deutsch dem häuslichen Gebrauch und wird um so poröser, je mehr man es abschottet. Zur heilsamen Konfrontationstherapie sollten Sprachpuristen das vorliegende Buch lesen. Oder um mit dem Vorwort zu schließen: "Möge sich dieser Atlas als nützlich erweisen und eine weite Verbreitung finden."

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