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StartseitePISAplusDu alter Streber!27.01.2007

Du alter Streber!

Wenn gute Leistungen zur Strafe werden

Sie werden gehänselt, gemieden und als Außenseiter diffamiert - für so genannte Streber kann der Uni- oder Schulalltag schnell zur Qual werden. Als Professoren- oder Lehrerlieblinge beschimpft, erleben sie nicht selten einen sozialen Spießroutenlauf. Und dabei zeigen Streber doch eigentlich nur die Leistung und den Eifer, die in Deutschland immer wieder gefordert werden. Doch statt Anerkennung schlagen ihnen Neid und Missgunst entgegen.

Von Michael Naumann

"Wie unsere Befunde zeigen, ist ein typischer Streber jemand, der sehr gute Noten und relativ wenig Freunde hat." (AP)
"Wie unsere Befunde zeigen, ist ein typischer Streber jemand, der sehr gute Noten und relativ wenig Freunde hat." (AP)
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Ich war ein Streber

Mittags halb eins: Große Hofpause am Kant-Gymnasium in Leipzig. Die Schüler hier wissen ziemlich genau, was sie unter einem Streber verstehen, in jedem Fall nichts Gutes:

Benjamin (11. Klasse): " Bei mir ist ein Streber jemand, der immer zuhause hockt, immer lernt und andauernd den Lehrern in den Arsch kriecht soweit es irgendwie geht. Die melden sich auch immer sobald der Lehrer was wissen will. "

Jonas (9. Klasse): " Die mag halt keiner, weil die nur am Lernen sind und den ganzen Tag nix anderes machen. Klar, für die Noten ist es gut, aber wenn man sich nicht mit Freunden trifft, find ich das nicht so gut. "

Alexandra (10. Klasse): " Jemand der sich bei den Lehrern total einschleimt, die anderen von oben herab anguckt als wäre er was Besseres und immer wirklich jede Aufgabe gemacht hat. Und der eben permanent nur Einsen hat. "

Rahel (5. Klasse): " Wir haben so einen in unserer Klasse auch drin. Der hat zwar ein paar Freunde, aber die sind auch so komisch. Die hopsen beim Melden immer so hoch und sind alle ein bisschen komisch. "

Kein Zweifel, das Phänomen "Streber" ist bekannt an deutschen Schulen. Aber: Jeder hat so seine eigene Interpretation des Begriffs. Eine objektive Definition gibt es nicht, oder doch? Katrin Rentzsch, Psychologie-Diplomandin TU Chemnitz:

" Wie unsere Befunde zeigen, ist ein typischer Streber jemand, der sehr gute Noten und relativ wenig Freunde hat, vielleicht auch etwas unattraktiv ist, keinen anderen Aktivitäten wie Sport oder so nachgeht, sondern wirklich nur lernt. Aber das ist wirklich nur das Bild, was man von einem Streber hat, ein Stereotyp. Das entspricht nicht dem, wie die Schüler dann tatsächlich auch sind, die als Streber bezeichnet werden. "

Katrin Rentzsch muss es wissen. Die 22-jährige Psychologie-Absolventin hat gerade an der TU Chemnitz eine Diplomarbeit geschrieben - über Streber. Ein bisher weltweit fast unberührtes Forschungsland.

" Es gab zwar schon einmal eine Studie dazu in Deutschland, die sich aber mehr mit Noten und Leistung beschäftigte. Und wir versuchen nun, das ganze Phänomen zum ersten Mal abzudecken - also, mit welchen Merkmalen es einhergeht, welche Definition man finden und wie weit diese gefasst werden kann. "

Rund 320 Chemnitzer Schüler hat Katrin Rentzsch dafür befragt. Ihre Ergebnisse liefern den Beweis, dass weit mehr Jugendliche mit dem Strebervorwurf leben, als vermutet.

" Allein 22 Prozent der Schüler wurden manchmal bis häufig als Streber bezeichnet. Und 33 Prozent aller Schüler nannten andere Streber, also waren in dem Sinne die Hänselnden. Und wir fanden auch, dass fast ein Viertel aller Schüler Angst hat, als Streber bezeichnet zu werden. Also es scheint doch bei den Betroffenen mit einem gewissen Leidensdruck einherzugehen. "

Angst davor, als Lehrerliebling abgestempelt und von den anderen gemieden zu werden. Die Vorsitzende der GEW-Sachsen, Sabine Gerold, sieht das Problem zwar nicht als vordergründig im Schulalltag, weiß aber um dessen Existenz.

" In einer Leistungskultur, wo Einige es als gerecht oder ungerecht empfinden, entstehen natürlich auch Stigmatisierungen unter den Betroffenen, die Leistung erbringen sollen. Und in diesem Kontext entsteht auch die Bewertung derer, die im Besonderen Maße nach guten Leistung streben. Und das wird negativ besetzt und der Begriff Streber von Schülern auch als Schimpfwort benutzt. "

Oder anders ausgedrückt, gute Leistungen erzeugen Neid und Missgunst. Warum das so ist, kann auch Katrin Rentzsch nicht sagen. Sie vermutet aber, dass es am deutschen Gesellschaftssystem liegt, welches eher auf Gleichheit abzielt.

" Und wenn dann eben Einer eine sehr gute Leistung zeigt, dann kann es vorkommen, dass derjenige abgewertet wird, weil er eben aus der Reihe springt, weil er nicht konform mit den anderen ist. Und deswegen wird er abgelehnt und deswegen könnten auch derartige Phänomene zustande kommen. "

Kritisch wird es dann, wenn der Strebervorwurf als verbale Gewalt empfunden wird, eine Art Vorstufe von Mobbing also. Wenn aus der Angst als Streber zu gelten plötzlich eine Angst vor guten Noten wird.

" Natürlich kann man jetzt beim Strebervorwurf nicht direkt gleich von verbaler Gewalt sprechen, aber es scheint schon so zu sein, dass diejenigen mit sehr guten Noten versuchen, ihre Leistungen nach unten zu korrigieren, weil sie Angst vor dem Strebervorwurf haben. Sie zeigen schlechtere Leistungen, als sie eigentlich haben könnten. Und das ist schon relevant, insbesondere wenn unsere Gesellschaft nach guten Leistungen verlangt. "

In diesem Punkt tragen Schüler, Eltern und natürlich auch Lehrer eine besondere Verantwortung, meint Sabine Gerold von der GEW.

" Unsere Kollegen haben die Aufgabe - und viele meistern das auch in dem gegliederten System sehr gut - die Anforderungsniveaus im Unterricht so zu gestalten, dass alle Schüler mit unterschiedlichen Voraussetzungen Erfolgserlebnisse haben. "

Denn wo das geschafft wird, entstünde auch kein Neid auf vermeintlich Leistungsstärkere. Und dann wäre das Thema "Streber" auch keines mehr unter den Schülern.

Wer sich angesprochen fühlt, kann sich auf der Webseite: Ich war ein Streber näher über das Thema informieren. Hier gibt es nützliche Tipps, wie man sich als Schüler oder Student verhalten kann, wenn man von anderen nicht als Streber bezeichnet werden möchte. Außerdem hat Katrin Rentzsch hier in einem Gastartikel noch einmal Kernpunkte ihrer Diplomarbeit zusammengefasst.

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