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Du, meine Seele singe

Die deutsche Chorlandschaft ist so bunt wie nie zuvor

Von Jan Tengeler

Geistliches Liedgit ist nicht mehr allein Sache der Profis, wie hier des Leipziger Thomanerchors
Geistliches Liedgit ist nicht mehr allein Sache der Profis, wie hier des Leipziger Thomanerchors (picture alliance / dpa / Peter Endig)

Deutschland singt wieder, vor allem im Chor. Die Singbewegungen haben sich vom Missbrauch durch den Nationalsozialismus wieder erholt. Die Mehrzahl der Chöre ist konfessionell nicht gebunden, aber das Liedgut ist zum Großteil immer noch geistlich.

Mittwochabend in der Innenstadt von Köln. Im Pfarrsaal der katholischen Herz Jesu Kirche sitzt der Gemeindechor und folgt den Anweisungen seines Leiters. Die 15 Frauen und 4 Männer proben einmal in der Woche, sie treten zu den christlichen Hochfesten auf, an Ostern, Pfingsten, in den Weihnachtstagen. Darüber hinaus gibt es drei bis vier Konzerte im Jahr, die außerhalb des Gottesdienstes stattfinden. Typisch für einen normalen Gemeindechor, genauso wie das Problem mit dem Nachwuchs, wie Chorleiter Andre Klatte feststellt:

"Ja, es gibt viele Kirchenchöre von der Anzahl, die haben aber das Problem des Überalterns und des Nachwuchses. Die meisten Kollegen, die ich kenne, haben Sorgen was die langfristige Zukunft angeht."

Die Kirchenaustritte - in den letzten zehn Jahren haben fünf Millionen Deutsche die Kirche verlassen - schlagen sich auch auf die Arbeit mit den Chören nieder: Weniger Mitglieder bedeuten weniger Sänger und weniger Geld, um zum Beispiel gut ausgebildete Kirchenmusiker zu bezahlen, die sich um den Erhalt der Ensembles kümmern - ein Problem vor allem in den ländlichen Regionen im Norden und Osten Deutschlands.
In den Städten und den vielen nicht-konfessionellen Chören stellt sich die Situation anders dar: Zwischen Gospel-, Kammer- und Männerchor, zwischen Pop, Jazz, moderner Klassik und alter Musik sei die Chorlandschaft so bunt wie nie zuvor. Das konstatiert Moritz Puschke, Geschäftsführer des Deutschen Chorverbandes in Berlin, der mit 700.000 aktiven Mitgliedern und 25.000 Ensembles der größte Verband in Deutschland ist.

"Das erste Mal mit Glück und Stolz können wir sagen, dass wir in den letzten drei Jahren eine gute schwarze Null haben – das heißt, wir haben wegsterbende Chöre, traditionell Männerchöre, aber wir haben das erste mal Trendwende, dass Kinderchöre mehr Neulinge haben, als in anderen Chören Mitglieder wegsterben – das ist klasse, weil wir glauben, dass die Chorbiografie nicht im Jugendalter aufhört, ganz im Gegenteil, da beginnt sie und sie wird weiter wachsen, sodass ich glaube, dass ich vor einer Renaissance des Singens stehen."

Eine Renaissance des Singens. Zu den 25.000 Chören, die der Deutsche Chorverband betreut, kommen Schätzungen zufolge rund 40.000, die in einem anderen oder in gar keinem Verband organisiert sind, mit insgesamt rund zweieinhalb Millionen Sängern. Neben verschiedenen Serviceleistungen, kümmert sich der Verband vor allem um den Nachwuchs:

"Wir versuchen da das Singen neu zu etablieren, über die Erzieher, die in der Regel in der Ausbildung überhaupt nicht mit singen und Musik umgehen lernen, das wir die qualifizieren und weiterbilden, denen das kindgerechte Singen, in den hohen Tonarten, mit den richtigen Liedern, beibringen."

Das Singen in den Kindergärten sieht Moritz Puschke als gesamtgesellschaftliche Aufgabe. Er arbeitet dabei mit dem Cäcilienverband der katholischen und dem Verband evangelischer Kirchenchöre eng zusammen. Es ist ein historisches Unternehmen, um den Deutschen ihr Liedgut zurück zugeben und mit dem Singen eine kulturelle Praxis wieder zu etablieren, die nach dem Zweiten Weltkrieg fast verloren gegangen ist.

"Es war wirklich lange Zeit uncool zu singen, ich denke, durch das, was im Dritten Reich passiert ist, auch durch bestimmte Thesen Adornos, war es nicht so angesagt, jungen Leute sind eher in Bands gegangen oder haben Hip Hop Combos aufgemacht, das Singen war nichts normales, natürliches – das hat sich verändert über Kinder und Jugendliche, die jetzt wieder ganz ideologiefrei und voller Spaß ans Singen rangehen. Und dadurch hat sich die Sichtweise auf das Singen verändert, auch die Großelterngeneration, wenn die sehen, dass Kinder Spaß am Singen haben, dann denken die: Aha, ist doch was ganz Schönes, was Umspannendes.’"

‚Nach Auschwitz ein Gedicht zu schreiben, ist barbarisch’, so lautet einer der bekanntesten Sätze des Philosophen und Musiktheoretikers Theodor W. Adorno. Weniger bekannt, aber nicht weniger wirkungsvoll, sind seine Ausführungen zur Pädagogik des Singens gewesen, wie der Musikwissenschaftler Günter Noll erläutert:

"Adorno hatte sehr stark kritisiert, dass nach dem Krieg, nach Auschwitz, Lieder unbefangen gesungen worden sind, die zum Teil auch von der Hitlerjugend gesungen worden sind. Man hat der Musikpädagogik vorgeworden: ihr seid naiv, ihr singt diese Lieder und habt keine kritische Distanz. Da war man so verschreckt, dass man eine Kampagne gegen das Singen an sich eingeleitet hat. Die Befürchtung, dass mit dem Singen die Manipulation des Menschen wieder passieren wird. Denn Singen ist Manipulation primär über die Emotion."

Von dem Schock, den die verschiedenen Singbewegungen in Deutschland durch den Nationalsozialismus erlitten, hat man sich mittlerweile einigermaßen erholt. Doch nur im Kirchenraum konnten sich viele Kompositionen tatsächlich unbeschadet halten. Moritz Puschke vom Deutschen Chorverband spricht deshalb nicht nur von einer Renaissance des Singens, sondern auch einer Renaissance des kirchlichen Liedguts.

"Wir haben mal erhoben wie das mit der Literatur aussieht und wir haben festgestellt, dass weit mehr als 50 Prozent der Chöre geistliche Chormusik singen. Es gibt wahnsinnig viele gute geistliche Chormusik, die sich durch die Jahrhunderte durchsetzt, immer wieder neue interpretiert, immer wieder Lust auf singen macht und in der alten Musik haben wir sehr viel gelernt durch historische Aufführungspraxis und das findet seinen weg in Laienchöre, Monteverdi, Schütz, Schein singt man nicht nur in Wettbewerben, sondern auch in Konzerten weitaus öfter als noch vor zehn Jahren."

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