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StartseiteBüchermarkt"Du, Mensch, du bist nicht mehr"18.12.2011

"Du, Mensch, du bist nicht mehr"

Buch der Woche: Peter Englund: "Schönheit und Schrecken".

Peter Englund ist Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, die den Nobelpreis vergibt. Sein "Schönheit und Schrecken" ist eine aufwühlende und bereichernde Lektüre, ein Mosaik aus Briefen und Tagebucheinträgen vieler Protagonisten des Ersten Weltkriegs. Unendlich viel lernt man über diese europäische Selbstzerfleischung, die nur wenige Generationen zurückliegt.

Vorgestellt von Martin Ebel

Der Schrecken des Kriegs aus Briefen und Tagebüchern  (AP)
Der Schrecken des Kriegs aus Briefen und Tagebüchern (AP)

Alljährlich, immer an einem Donnerstag im Oktober, ist Peter Englund für ein paar Minuten der wichtigste Mensch der Welt - jedenfalls der literarischen Welt. Es sind die Minuten, in denen er bekannt gibt, wer den Nobelpreis für Literatur erhält. Seit zwei Jahren ist der 54-jährige Ständiger Sekretär der Schwedischen Akademie, und er widerlegt schon durch seine Erscheinung und sein Auftreten alle Vorurteile gegen Akademien als verstaubte Institutionen für beschäftigungslose ältere Herren. Er ist smart und eloquent, und er weiß etwas vom Leben. Nach dem Studium hat er für den Geheimdienst gearbeitet, und etliche Jahre war er Kriegskorrespondent für eine Boulevardzeitung. Mit dem Krieg beschäftigt er sich auch in seinem Hauptberuf. Peter Englund ist Historiker. Seine Darstellung der Schlacht von Poltawa, der schlimmsten Niederlage der schwedischen Geschichte, wurde vom Publikum verschlungen wie ein Roman. Seine Geschichte des Dreißigjährigen Krieges trägt den Titel "Die Verwüstung Deutschlands". Und sein jüngstes Buch, das zu seinem Glück fast fertig war, als er zum Akademiesekretär gewählt wurde, hat sich in Schweden bereits mehr als 120.000 Mal verkauft - umgerechnet auf deutsche Verhältnisse wäre das eine Million.

Es trägt den Titel "Schönheit und Schrecken" und widmet sich wieder einem Krieg: dem Ersten Weltkrieg. Der ist in unserem Bewusstsein weit weggerückt. Den Blick versperrt uns wie eine hohe Mauer der Zweite Weltkrieg, mit seinen noch viel höheren Totenzahlen und vor allem dem im industriellen Maßstab durchgeführten Massenmord an den Juden Europas. "Sie reden immer vom Zweiten Weltkrieg", hat ein Student seinen Professor Englund einmal gefragt, "gab es denn einen Ersten?"

Wie es ihn gab, wie er war, vor allem: wie ihn die Beteiligten erlebten, das ist das Thema des neuen Buches, das jetzt auch auf Deutsch erschienen ist.

"Schönheit und Schrecken" ist erzählte Geschichte, Alltagsgeschichte, Geschichte von unten. Englund vermeidet die Vogelperspektive, die das, was dem Einzelnen widerfährt, in Strategien, Frontlinien und Verlustzahlen verschwinden lässt. Er wählt die Froschperspektive: die des Frontsoldaten, der kaum weiß, wo der Feind ist und was der Befehl, dem er folgen soll, bedeutet; die der Schülerin im Hinterland, die vom Geschehen nur in Form von Gerüchten und Propaganda Kenntnis erhält; die des am Fließband amputierenden Arztes.

Englund zeigt, wie der Krieg erlebt und erlitten wurde, und er zeigt ihn in seiner ganzen Vielfalt. Der unser inneres Bild dominierende Ausschnitt - die Schützengräben an der Westfront - fehlt nicht, aber er wird ergänzt von anderen Schauplätzen, anderen Erscheinungsformen: Russland und die Türkei, Ostafrika, Mesopotamien. Es ist ein Weltkrieg, und aus aller Welt kommen die 19 Personen, die Englund als Hauptdarsteller ausgewählt hat. Ein Italiener, der aus den USA zurück in seine Heimat eilt, um am großen Ereignis teilzunehmen. Ein schon etwas reiferer Glücksritter aus Venezuela, der beim Osmanischen Reich anheuert; ein Australier, der bei Gallipoli fällt; eine Krankenschwester, eine Krankenwagenfahrerin, ein Matrose, ein Bürohengst in Paris, der die ganzen vier Jahre keinen einzigen Schuss hört. Englund hat ihre Briefe und Tagebücher ausgewertet und lässt sie im Originalton zu Wort kommen oder resümiert ihre Erlebnisse. So entsteht ein Mosaik, dessen Steinchen eines verbindet: Niemand hat geahnt, was das für ein Krieg werden würde.

"Wieder einmal bestätigt sich die uralte Einsicht, dass Krieg früher oder später unkontrollierbar und zerstörerisch wird, weil Menschen und Gesellschaften in blindem Siegeseifer dazu tendieren, alles zu opfern. Selten galt dies mehr als jetzt, da die Regierenden, unbeabsichtigt und planlos, unbeherrschbare Kräfte losgelassen haben: extremen Nationalismus, revolutionäre Energie, religiösen Hass. Nicht zu reden von der grotesken Verschuldung, die das ökonomische Wohlergehen sämtlicher beteiligter Staaten gefährdet."

Nicht nur an dieser Stelle kann der Leser nicht anders als Bezüge zur Aktualität ziehen. Englund, der gelegentlich selbst das deutende und einordnende Wort ergreift, hat die Initialzündung für dieses Buch aus dem Irakkrieg gewonnen, der auch vergleichsweise blind begonnen wurde und bei dem Kriegsbefürworter sich selbst und die Öffentlichkeit mit Propaganda besoffen machten. So geschah es auch 1914, als breite Kreise der Bevölkerung sich geradezu begeistert in den Krieg stürzten. Etwa der 22-jährige Schiffsmatrose Richard Stumpf, der von einem martialischen Kriegsgedicht, wie sie zu Hunderten in den Zeitungen erschienen und zum fröhlichen Morden aufriefen, so ergriffen war, dass er es in sein Tagebuch übernahm. Englund kommentiert, und erteilt zugleich dem Gerede von der Unausweichlichkeit des Krieges eine klare Absage:

"Die aufgepeitschte Rhetorik und der hohe Ton der Propaganda stehen in krassem Gegensatz zur tatsächlichen Lage. Es gibt sehr wohl Konflikte, aber keiner ist so unlösbar, dass der Krieg notwendig, geschweige denn so akut, dass er unausweichlich wäre. Unausweichlich wurde dieser Krieg erst in dem Augenblick, als er für unausweichlich gehalten wurde. Gerade wenn die Motive vage und die Ziele schwankend sind, wird die Energie gebraucht, die in den fetten, wohlschmeckenden Worten enthalten ist."

Die beiden gefährlichsten Klippen der Kriegsliteratur - und um ein mindestens ebenso literarisches wie historisches Werk handelt es sich ja hier - umschifft Englund. Er vermeidet jegliche Sinngebung des monströsen Schlachtens; und er erliegt auch nicht der Illusion, es könne in der entfesselten Vernichtung so etwas wie Ordnung und Orientierung gegeben haben. Immer wieder, geradezu obsessiv, fallen Bemerkungen wie: "Ich wusste überhaupt nicht, wo ich war". Wenn es überhaupt eine Ordnung gab, dann war das das Klassensystem, das damals die europäischen Gesellschaften beherrschte und im Krieg peinlich genau aufrechterhalten wurde. Als eine britische Einheit in Mesopotamien kapitulierte, wurden die Offiziere von den türkischen Siegern zum Bankett geladen; die Soldaten aber vegetierten in elenden Lagern, kaum versorgt, etliche verhungerten auf dem anschließenden Todesmarsch. Klar war die Klassenlage auch auf den deutschen Kriegsschiffen, wie der schon genannte Matrose Stumpf berichtet; während die Massen unter Deck zusammengepfercht waren, waren die Kabinen der Offiziere eingerichtet wie die Villen der höheren Stände, mit orientalischen Teppichen, gepolsterten Ledersesseln und teuren Kunstgegenständen. Kein Wunder, dass gegen Kriegsende die revolutionäre Energie der Marine von solchen Erlebnissen befeuert wurde, die aller Propaganda vom gemeinsamen Ringen des Volkes Hohn sprachen.

Der Kavallerist Pal Kelemen, der auf Seite Österreich-Ungarns gegen die Russen kämpft, stellt fest, dass die Militärlieferanten die Stiefel der Soldaten mit Pappsohlen versehen, um ihren Profit zu erhöhen. Von demselben Kelemen stammt die folgende Szene: Beim Rückzug muss die Truppe auf einem Gebirgspass übernachten, Platz im warmen Haus ist nur für den Stab und die Verletzten. Ein todkranker Soldat wird hineingetragen. Dann öffnet sich die Tür.

"Herein tritt einer der Adjutanten, Fürst Schönau-Gratzfeld, frisch rasiert, in Pyjamas, und bläst Rauch aus einem länglichen türkischen Chihouk in die verbrauchte, säuerliche Luft. Er bemerkt den Soldaten, der reglos in seiner Ecke liegt, geht zu ihm, weicht aber erschrocken zurück. Indigniert gibt er den Befehl, die Leiche des Mannes, der offenbar an der Cholera gestorben ist, sofort zu entfernen. Dann zieht er sich mit empörter Miene zurück in den hinteren Raum. Zwei Soldaten schleppen eine Reisebadewanne aus Gummi hinter ihm her, die mit einem Adelswappen geschmückt und mit warmem Wasser gefüllt ist."

Es sind solche Herrenmenschen, die die ihnen anvertrauten Soldaten kaltblütig in aussichtslose Kämpfe schicken. Der Begriff "Kanonenfutter" kam damals auf. Was es bedeutet, kann man in den Erinnerungen des französischen Infanteristen René Arnaud lesen. Der fürchtete anfangs noch, wie viele, bei den Einberufungen übergangen zu werden. Der Krieg hatte, heute kaum vorstellbar, etwas ausgesprochen Attraktives.

"Welche Schande wäre es, eins der grössten Abenteuer meiner Generation nicht miterleben zu dürfen!"

Er darf es dann miterleben, und viel mehr, als ihm lieb ist. Seine Truppe wird in Verdun verheizt, auf einem Frontabschnitt, der kaum eine strategische Bedeutung hat, aber, da er einmal im Kriegskommuniqué erwähnt und zu solcher Bedeutung emporgeschrieben worden war, unbedingt gehalten werden musste. Nach zehn Tagen im Trommelfeuer sind von 100 Mann noch 30 übrig. Der Hauptmann, "der sich die meiste Zeit im Cognacrausch befunden hatte", befiehlt, abzuziehen und die Toten in einem Schützengraben abzulegen. Nun gibt es ein kleines Epitaph, jeder Tote erhält eine ganz kleine, ihn charakterisierende Bemerkung:

"Körper um Körper wird auf ein Stück Persenning gehoben, das als behelfsmässige Bahre dient, und dann zu dem improvisierten Grab geschleppt. Obwohl die Leichen schon im Zerfall begriffen sind, erkennen sie jeden Einzelnen von ihnen: Bérard (wie so viele andere vom Beschuss durch das deutsche Maschinengewehr drüben bei Ravin de la Dame getötet, das ihre Stellung in Längsrichtung bestrichen hatte), Bonheure (der Melder, der den Wein so liebte), Mafieu (der Koch, der zur Strafe für Trunkenheit im Dienst zum Fusssoldaten degradiert wurde), Sergeant Vidal (mit seinem schwarzen Bart und seinen traurigen Augen, der vorgestern, als sie den deutschen Angriff abwehrten, von einem Schuss mitten in die Stirn getroffen wurde), Mallard (der aus der Vendée mit seinen schwarzen Haaren und blauen Augen, der verblutete, als ihm seine eigene Handgranate einen Fuss abriss), Jaud (Arnauds alter Korporal, sonnengegerbt, mit seinen sanften Kinderaugen und seinem rauen Bart), Ollivier (der tapfere, pflichttreue kleine Ollivier mit seinem glatten blonden Haar), Sergeant Cartelier (groß, schlank und jederzeit erkennbar an seinen besonders flachen Stiefeln, die er gegen jede Vorschrift trug) usw."

Das usw. ist ein bewusst gesetztes Zeichen der Hilflosigkeit, der Unmöglichkeit, all diesen sinnlos geopferten Individuen, von denen ein Großteil in Massengräbern verschwunden ist, wenigstens ein schriftliches Grabmal zu setzen.

Historiker sollen nüchtern und ungerührt zu Werke gehen. Sie können aber kaum vermeiden, dass ihre Leser der lodernde Zorn ergreift, wenn sie etwa mitverfolgen, wie italienische Offiziere ihre Leute einen Berghang hinaufjagen, ungeachtet der oben postierten österreichischen Maschinengewehre. Vincenzo d'Aquila ist der Zeuge der folgenden Szene; da er selbst einen Beobachtungsposten beim Stab bekommen hat, entgeht er der Schlächterei:

"Die Maschinengewehre knattern. Die Reihen der Männer lichten sich, werden langsamer, kommen zum Halt, kehren um. Ein ums andere Mal wiederholt sich die Prozedur dort unten im Tal. Eine Kompanie klettert aus ihren Schützengräben, arbeitet sich ein Stück den Berghang hinauf, bleibt im peitschenden Maschinengewehrfeuer liegen und tritt schließlich dezimiert den Rückzug an; nach einer gewissen Zeit wird ein neuer Versuch gestartet, auch dieser vergebens, denn jetzt sind es weniger Männer als beim vorigen Mal, worauf man unter noch mehr Verlusten zurückkehrt, um aufs Neue losgejagt zu werden - und so weiter."

Gegen alle Erkenntnis halten die Generäle daran fest, dass man überlegene Feuerkraft durch reinen Willen kompensieren kann.

"Gegen Abend hört D'Aquila ein Gespräch mit an, das übers Feldtelefon vermittelt wird. Der Hauptmann einer Gebirgsjägerkompanie bittet darum, seinen Männern weitere Angriffe zu ersparen. Fünfzehn Mal sind seine Elitesoldaten den Berghang hinaufgestürmt und fünfzehn Mal sind sie zurückgeschlagen worden. Von zweihundertfünfzig Mann sind noch knapp fünfundzwanzig übrig. Der Kommandeur sagt nein, ermahnt den Mann am Hörer, den Hauptmann an den Eid zu erinnern, den er der Krone und Italien geleistet hat. Die Gebirgsjägerkompanie greift ein letztes Mal an. Auch dieser Angriff scheitert. Der Hauptmann gehört nicht zu den Überlebenden. Man munkelt, dass er sich umgebracht hat."

Dieser d'Aquila wird Typhus bekommen und nach einem Nahtoderlebnis "verrückt". Er glaubt, er sei auserwählt, den Krieg zu beenden. Den Ärzten erklärt er: nicht er, die Welt ist wahnsinnig geworden.

Es gibt nicht nur einen Krieg, es gibt zehn, hundert, tausend, schreibt Englund. In Ostafrika etwa ist es schwieriger, den Feind überhaupt zu finden, als ihn zu bekämpfen:

"Keine großen Schlachten, sondern Spähtrupps, Scharmützel, Erkundungszüge, mehr oder weniger erfolgreiche Hinterhalte, Nadelstiche über die Grenzen. Die Entfernungen sind enorm. Ungefähr zehntausend bewaffnete Männer suchen einander in einem Gebiet, dessen Fläche Westeuropa entspricht, dessen Kommunikationswege aber praktisch nicht existieren."

Und dann das Hinterland! Hier wird nicht nur gehungert - von 700.000 Toten durch Hunger und Mangelernährung schreibt Englund -, hier wird auch gefeiert und geprasst, obwohl oder gerade weil hier eine ganze Generation junger Männer abgeschlachtet wird. Der Krieg entwickelt seine eigenen Attraktionen, bekommt an manchen Stellen eine touristische Seite, und wir erfahren, wo das Wort "Schlachtenbummler", das wir mit Fußballstadien in Zusammenhang bringen, eigentlich herkommt. Die ehemaligen Schauplätze der Marne-Schlacht sind für die Pariser zu einem beliebten Ausflugsziel geworden, die Leute fahren hin, sammeln die Überreste der Kämpfe ein, die noch immer massenweise auf dem Schlachtfeld herumliegen, und nehmen sie als Souvenirs mit nach Hause: Pickelhauben, Mützen, Knöpfe, Patronenhülsen, Granatsplitter, Kartätschenkugeln.

Wer bei Peter Englunds Unternehmen an Walter Kempowskis "Echolot" denkt, der den Zweiten Weltkrieg als Chor der Stimmen dargestellt hat, zusammengestellt aus unzähligen Dokumenten und Zeitzeugen, der liegt nicht falsch. Kempowski und der französische Historiker Claude Manceron sind Englunds Anreger und Vorbilder. Aber seine Methode ist doch etwas ganz Eigenes. Er beschränkt sich auf wenige Helden, und diese bekommen eine stärkere Individualität. Englund geht es darum, ihr Erleben zu zeigen, ihre Handlungen aus der Beschränktheit der Mittel und der Information nachfühlbar zu machen, ihnen nicht besserwisserisch dreinzureden. Nur gelegentlich lässt er seinen Blick in die Zukunft schweifen, von der "Urkatastrophe des 20. Jahrhunderts" zu deren Folgen. Etwa, wenn er bei der Beschießung eines armenischen Dorfes den Typus des Schreibtischtäters erkennt:

"Neben Nogales steht Djevded Bey, ein Herr in den Vierzigern, der gern über Literatur plaudert, sich nach der neuesten Pariser Mode kleidet und abends im Anzug mit weisser Krawatte und einer frischen Blume im Knopfloch sein Souper geniesst, mit anderen Worten ein offenbar kultivierter Herr. Mit seinen engen Beziehungen zu den Herrschenden in Konstantinopel und seiner Skrupellosigkeit ist er jedoch einer der Urheber der Tragödie. Er verkörpert einen neuen Typ im Bestiarium des neuen Jahrhunderts: Den artikulierten und ideologisch geschulten Massenmörder im sauber gebügelten Strassenanzug, der sein Schlachten hinter einem Schreibtisch sitzend betreibt."

Englunds "Schönheit und Schrecken" ist eine aufwühlende und bereichernde Lektüre. Unendlich viel lernt man über diese europäische Selbstzerfleischung, die nur wenige Generationen zurückliegt und doch wie aus einer anderen Welt wirkt. Übervoll ist das Buch an spannenden, erschütternden, auch pittoresken Details. Englund versteckt sie oft in den Anmerkungen, deren Lektüre diesmal unbedingt dazu gehört. So erfahren wir, dass neben 15 Millionen Menschen auch acht Millionen Pferde in diesen vier Kriegsjahren starben. Dass wegen Meuterei in Frankreich weniger als 50 Soldaten erschossen wurden, von den vermeintlich so laschen Italienern aber über 1000. Dass die Deutschen 300.000 Brieftauben einsetzten, von denen 90 Prozent ihr Ziel erreichten, die erfolgreichsten erhielten sogar einen Orden. Dass dieser Krieg ein Moment der Globalisierung besaß: Indische Verbände kämpften im Irak, Eingeborenenbataillone in Afrika, es gab sogar chinesische Arbeiter, die für die Franzosen Gräber aushoben.
Aber Englund ist kein Faktenhuber. Er ist Erzähler und Moralist. Und ein Melancholiker: Sein Buch ist auch eine lange Elegie auf die Unfähigkeit des Menschen, die Kräfte und Errungenschaften zu beherrschen, die er selbst geschaffen hat. Zwar wird kein Historiker glauben, dass man aus der Geschichte etwas lernen kann. Aber eine Warnung kann sie uns schon sein. Vor der Selbstberauschung durch starke Worte. Vor der Blindheit gegenüber den Werten, die man leichtfertig opfert, aus Hass, Ressentiment und Gier. Vor der Leichtigkeit, mit der eine Zivilisation zerstört werden kann. Den Schlusspunkt setzt er wohlüberlegt mit einem Auszug aus Hitlers "Mein Kampf", als dieser von der deutschen Kapitulation erfährt und beschließt, Politiker zu werden, mit den bekannten Folgen. Das Schlusswort dieser Besprechung soll ein anderer Soldat haben, einer mit weniger verbrecherischem Lebensweg. Es ist die Meditation des Gebirgsjägers Paolo Monelli angesichts eines gefallenen Kameraden:

"Du bist schon nichts, nichts mehr als eine graue, am Felsen zusammengesunkene Masse, der es vorherbestimmt ist zu stinken, und wir so lebendig, so unmenschlich lebendig, dass ich vergebens einen Hauch von Reue in der Tiefe unseres Bewusstseins gesucht habe. Was nützt es dir, die Welt mit solcher Lüsternheit betrachtet zu haben, ihren jungen Körper in deinen Armen gehalten zu haben, in den Krieg gegangen zu sein, als sei das eine Berufung? Vielleicht warst auch du berauscht von der großen Aufgabe und von deinem Platz im Vortrupp und davon, dass es vielleicht deine Bestimmung war, dich zu opfern. Für wen? Die Lebenden, die es so eilig haben, die Lebenden, die sich an den Krieg gewöhnt haben wie an einen hitzigen Lebensrhythmus, die Lebenden, die nicht glauben, dass sie selbst sterben müssen, die denken nicht mehr an dich. Es ist, als hätte dein Tod dein Leben nicht nur beendet, sondern es auch annulliert. Eine kurze Zeit noch wirst du eine Nummer im Verzeichnis des Feldwebels sein, ein Objekt von pathetischen Gedenkreden, aber du, Mensch, du bist nicht mehr, und es ist, als hätte es dich nie gegeben. Kohle und Schwefelwasserstoff liegen dort unten, bedeckt von einem Haufen Uniformfetzen; und das nennen wir Tote."

Peter Englund: Schönheit und Schrecken. Eine Geschichte des Ersten Weltkriegs erzählt in neunzehn Schicksalen. Aus dem Schwedischen von Wolfgang Butt. Rowohlt Berlin 2011. 704 S., 34,95 Euro

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