• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Google+
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 23:00 Uhr Nachrichten
StartseiteHintergrundDuce, Duce, Duce14.11.2010

Duce, Duce, Duce

Wie der Faschismus im heutigen Italien wieder aufgewertet wird

Sie heben den rechten Arm zum "römischen Gruß" und rufen "Duce, Duce". Doch der Mann, der Italiens Politik seit 1994 gründlich umgekrempelt hat, findet solche Rufe nicht schlimm. Wohin entwickelt sich das heutige Italien unter Silvio Berlusconi?

Von Jan-Christoph Kitzler

Nach Expertenmeinungen führt Silvio Berlusconi Italien in die Postdemokratie. (AP)
Nach Expertenmeinungen führt Silvio Berlusconi Italien in die Postdemokratie. (AP)

Ein Sonntagabend in Rom vor dem Olympiastadion. Heute spielt Lazio Rom gegen Inter Mailand. Die Fans strömen in die Fußball-Arena – eigentlich ein ganz normaler Abend in der italienischen Hauptstadt. Und doch ist das hier am Tiber eine Situation, die in Deutschland undenkbar wäre. Der Vorplatz zum Stadion, über den heute Zehntausende laufen, gehört zum "Foro Italico", einem monumentalen Sportstättenkomplex, der in den 20er- und 30er-Jahren gebaut wurde. Damals hieß die Anlage noch "Foro Mussolini". Und bis heute ist das Gelände eine einzige, gigantische Verherrlichung des Faschismus: Auf großen Steinquadern sind die vermeintlichen Heldentaten des Regimes verewigt. Zum Beispiel der so genannte "Abessinienkrieg": damals, 1935/36, schreckte Mussolini in seinem Streben nach Größe, auch vor dem massenhaften Einsatz von Giftgas nicht zurück. Hunderttausende Menschen im heutigen Äthiopien kamen dabei ums Leben.

Doch an die Opfer erinnert hier heute nichts – im Gegenteil. In den Fußboden eingelassen sind noch immer die Textvorlagen für die Jubelrufe der Massen bei großen Veranstaltungen: "Viel Feind, viel Ehr" ist da zu lesen. Und immer wieder "Duce, Duce, Duce!" Bestens restauriert ist die ganze Anlage auch: besser als so manches antike Monument in Rom. Und so reckt sich hier in leuchtendem Weiß der große Obelisk in dem Himmel, auf dem "MUSSOLINI DUX", also: "Führer", steht. Und man braucht gar nicht lange zu suchen, um hier auch die zu finden, die sich im Schatten des Mussolini-Obelisken die alten Zeiten zurückwünschen. Die sich offen als Anhänger des Faschismus bekennen:

"Wir sind Linientreu – Anhänger von Mussolini."

"Das ist eine schöne Sache, denn das erinnert an unsere Ursprünge. Italien ist doch aus dem Faschismus geboren – also Viva Italia, Viva Roma."

"Von mir aus sollte ruhig ein wenig Faschismus zurückkommen – das würde uns ganz gut tun. Wir sind schlecht regiert. Uns lassen sie nicht ins Stadion – es gibt viel zu viele Ausländer."

Schon seit Jahren sind die Rechtsextremen ein Problem in den Fußballstadien des Landes. Doch der Europäische Fußballverband FIFA macht Druck und die Vereine sind unter Zugzwang. Und deshalb haben sich die rechtsradikalen Auswüchse verlagert: von den Stadien auf die Straße. Das hat auch Birgit Schönau beobachtet, die schon lange in Rom lebt und die als Journalistin für die "Zeit" und für die "Süddeutsche Zeitung" schreibt.

"Ja, die Situation ist heute so, paradoxerweise, dass jemand, der im Stadion den "Hitlergruß" macht oder den "Römischen Gruß" macht, wie das hier heißt, bestraft wird, und jemand, der das auf der Straße tut, nicht. Oder Minister, die das tun, wie die Tourismus-Ministerin Brambilla: Die werden nicht strafrechtlich verfolgt, obwohl es den Straftatbestand "Verherrlichung des Faschismus" gibt."

Nein, verfolgt wird das nicht, denn Michela Vittoria Brambilla, eine frühere Schönheitskönigin, ist seit 2009 italienische Tourismusministerin von Silvio Berlusconis Gnaden. Kurz nach ihrer Ernennung, bei einem Fest der Carabinieri in Lecco, hob sie am Ende der Nationalhymne den rechten Arm zum "Römischen Gruß". Wie früher die Faschisten. Das hat ihr zwar viel Kritik eingebracht, aber es hat sie nicht ihr Amt gekostet. Ihr Chef, Ministerpräsident Silvio Berlusconi, wird schließlich in gewissen Kreisen auch als "neuer Duce" Italiens gefeiert.

Zum Beispiel im Wahlkampf vor vier Jahren im April 2006: Zum Abschluss dieses Wahlkampfes in Rom konnte man, obwohl es eine Veranstaltung seiner damaligen Partei, der "Forza Italia" war, auch Fahnen rechtsextremistischer Gruppierungen sehen. Und einige in der Menge hoben hin und wieder den rechten Arm. Berlusconis Rede endete mit den fulminanten Worten:

"Sonntag und Montag werden wir die Wahlen gewinnen – weil wir keine Idioten sind."

Der Mann, der Italiens Politik seit 1994 gründlich umgekrempelt hat, findet solche Rufe nicht schlimm. Es entsteht der Eindruck, Berlusconi fühlt sich geradezu geschmeichelt. Berlusconi, der mit Unterbrechungen vier Mal an der Spitze der Regierung stand, hat keine Berührungsängste mit den politischen Vertretern der extremen Rechten. Von Beginn an gehörte die Alleanza Nazionale zu seinem Regierungsbündnis – eine Partei, die aus einer neofaschistischen Bewegung hervorgegangen ist. Inzwischen ist die Alleanza Nazionale in Berlusconis neuer Partei, dem Popolo della Libertà, also dem "Volk der Freiheit", aufgegangen. Auch die Lega Nord ist von Beginn an dabei und stellt in der aktuellen Regierung Italiens vier Minister. Eine Partei, die immer wieder durch fremdenfeindliche Aktionen von sich reden macht. Der Schweizer Historiker Aram Mattioli, der ein Buch über die Aufwertung des Faschismus im Italien Berlusconis geschrieben har, sammelt Belege für die fremdenfeindlichen Entgleisungen dieser Regierungspartei. Er betrachtet die Auswüchse mit großer Sorge:

"Wenn man, wie vor Kurzem geschehen, Anti-Immigrations-Seifen im Wahlkampf verteilt, wie das die Lega Nord in der Provinz Arezzo getan hat, dann ist das natürlich ein Rassismus von oben. Und da ist ein ganz klarer Tabubruch, der nicht nur nicht politisch korrekt ist, sondern eben in eine extreme Richtung weist. Und gerade wenn man bei der Lega Nord schaut, da gibt es, gerade was den Rassismus betrifft ganz erstaunliche, gefährliche Dinge, die sich in Italien ereignen."

Silvio Berlusconis Partei "Volk der Freiheit" ist ein politisches Sammelbecken - mit recht unscharfen Grenzen am rechten Rand. Das liegt auch am Personal in den eigenen Reihen: darunter sind Politiker, die einst glühende Anhänger Mussolinis waren, frühere neofaschistische Straßenkämpfer - und auch Alessandra Mussolini, die Enkelin von Benito Mussolini. Sie saß nicht nur für Italien im Europaparlament sondern ist, schon seit einigen Legislaturperioden, Abgeordnete im italienischen Parlament – inzwischen für das Volk der Freiheit. Mussolini betrachtet den Faschismus als eine Art Familienangelegenheit. Aber darüber scheinen sich in Italien nicht mehr viele aufzuregen. Regelmäßig wird sie im Fernsehen zur besten Sendezeit in die Talkshows eingeladen und darf dort ihre politischen Ansichten zum Besten geben. Zum Beispiel in der Sendung "Porta a Porta" von Bruno Vespa, der im ersten Programm der RAI eine feste Institution ist.

Vor nicht einmal zwei Jahren hatte Alessandra Mussolini dort einen denkwürdigen Auftritt, den seitdem Millionen Menschen im Internet angesehen haben. Es ging, wie so oft im italienischen Fernsehen, um viele Themen gleichzeitig. In diesem Fall auch um Immigranten und um Homosexuelle. Alessandra Mussolini gegenüber saß Vladimir Luxuria, eine bekannte Aktivistin der italienischen Schwulen- und Lesbenbewegung. Die Diskussion wurde recht heftig und Mussolini schrie ihr Gegenüber an, Sie solle sich was schämen:

"Vergogna! Vergogna! Vergogna! Vergogna!"

Und schließlich, zur besten Sendezeit im öffentlich-rechtlichen Fernsehen, bringt die Enkelin des "Duce" das Argument des Abends: "Besser, Faschistin zu sein als Schwuchtel!"

"... meglio fascista che frocio." - "... per favore, per favore, per favore!"

In Berlusconis Italien sind öffentliche Bekenntnisse zum Faschismus salonfähig geworden. Und das hat auch großen Einfluss auf die rechtsradikale Jugendbewegung, die im ganzen Land auf dem Vormarsch ist.
Mailand, Via de Alessandri 11. Vor dem Haus ein riesiger Kinderspielplatz. Im fünften Stock hat die linksliberale Zeitung "La Repubblica" ihr Regionalbüro. Hier arbeitet Paolo Berizzi – er ist zuständig für investigative Recherchen. Im vergangenen Jahr ist sein Buch über die sogenannten Schwarzen Banden erschienen. Dafür ist er durch ganz Italien gereist und hat im rechtsextremen Milieu recherchiert, zum Teil undercover. Eine Reise zu den dunklen Seiten des "Bel Paese". Berizzi schätzt, dass mindestens 150.000 junge Italiener unter 30 den faschistischen oder neofaschistischen Kult ausleben. Viele sind nicht nur von Mussolini, sondern auch von Adolf Hitler fasziniert. Gewalt ist ein fester Bestandteil dieser Gruppen – auch wenn ihre Sprecher Anderes behaupten. Gewalt und Aggressivität gegen die, die anders sind: Ausländer, Immigranten, die Linken. Das Bild dieser Rechtsradikalen ist sehr vielschichtig: Zum Teil kommen sie aus dem Umfeld der Fußball-Stadien, zum Teil aus den Jugendorganisationen rechtsradikaler Parteien. Berizzi hat beobachtet, dass sich diese Gruppen weiter ausbreiten, und dass sie nicht mehr versteckt agieren, sondern immer öfter in aller Öffentlichkeit. Er ist den "Schwarzen Banden" bei Demonstrationen, bei Aufmärschen und auf Konferenzen begegnet. Dort kommen ganz selbstverständlich Symbole und Rituale aus der Zeit des Faschismus oder aus der Nazizeit zum Einsatz:

"Es gibt in der italienischen Verfassung einen Artikel, der den Wiederaufbau der aufgelösten Faschistischen Partei in jeder Form streng verbietet. In Wirklichkeit wird dieses Gesetz jeden Tag missachtet und lächerlich gemacht. Wenn man auf italienischen Plätzen unterwegs ist, kann man leicht in einem Aufmarsch geraten, wo der "Römische Gruß" gemacht wird, wo keltische Kreuze oder Runen-Symbole gezeigt werden. Das wird in Italien akzeptiert."

Birgit Schönau in Rom kann das unterschreiben. Auch sie hat schon viel über die rechten Umtriebe geschrieben. Und – nicht zuletzt als Mutter zweier Kinder - hat sie eine Erklärung, warum sich vor allem junge Menschen in Italien den Rechtsradikalen anschließen:

"Es gibt sehr viel Jungendfrust in Italien. Es gibt eine immens hohe Jugendarbeitslosigkeit, keine guten Ausbildungsmöglichkeiten, keine Möglichkeit, zuhause auszuziehen und sich sein eigenes Leben zu organisieren. Und dieses Frustpotenzial führt dazu, dass sich Teile der italienischen Jugend sehr stark radikalisieren und auch rechtsradikalisieren. Und das ist eine neue und sehr beunruhigende Entwicklung."

Birgit Schönau wohnt in Rom, Piazza Vittorio in der Nähe des Bahnhofs Termini. Gleich um die Ecke hat die rechtsradikale Jugendorganisation Casapound ihr Hauptquartier. Benannt nach dem Schriftsteller Ezra Pound, der ein glühender Anhänger Mussolinis war und der zur Zeit des Faschismus von Italien aus antisemitische Propaganda verbreitet hat. Die Gründer der Organisation haben sich für ihr Hauptquartier ein römisches Viertel ausgesucht, in dem viele Ausländer leben. 2003 haben sie hier ein leerstehendes Haus besetzt und bieten inzwischen Wohnraum für 20 Familien – natürlich nur für Italiener. Über der Eingangstür steht in großen, eckigen Lettern "CASAPOUND". Inzwischen ist das Zentrum der jungen römischen Rechten fest als Veranstaltungsort im Viertel etabliert – gleich um die Ecke gibt es jetzt auch einen Buchladen, in dem ein freundlicher junger Mann einschlägige Literatur anbietet, unter anderem Hitlers "Mein Kampf" und Schriften von Holocaustleugnern. Casapound ist zum Modell geworden für die rechtsradikalen Jugendbewegungen in ganz Italien, das auch viel Aufmerksamkeit in den Medien genießt. Paolo Berizzi hat in seinem Buch ein ganzes Kapitel Casapound gewidmet. Ihn beunruhigt vor allem, wie schnell sich die Organisation in vielen Städten in ganz Italien ausgebreitet hat – inzwischen sind sie auch an seinem Wohn- und Arbeitsort Mailand angekommen. Getarnt als Kulturzentrum ist Casapound zu einer Propagandazentrale der neuen Rechten geworden. Ihre Führer geben sich demokratisch und kandidieren sogar hin und wieder bei Kommunalwahlen. Mit einer futuristischen Schildkröte als Symbol. Die kann man in der römischen Zentrale überall sehen, aber an die Wand gemalt sind auch die Namen von Mussolini und von anderen Faschisten. Von Mussolini gibt es sogar eine Büste. Die Straßen rund um Casapound sind voller Plakate, in denen Sie für Ihre Veranstaltungen werben. Für Aufmärsche, Demonstrationen, sogenannte Kulturveranstaltungen, dabei geht es dann zum Beispiel um die Helden des Krieges und um dessen italienische Opfer.

"In Rom haben diese Gruppen immer Unterstützung von der Politik bekommen. Die Politiker, die sie unterstützen, wollen oftmals nicht, dass man das weiß, deshalb machen sie das manchmal im Geheimen. Aber es reicht schon eine Runde in Rom zu drehen: Da kann man sehen, dass die Wände in der Stadt voll sind mit Schriftzügen dieser Gruppen, Slogans gegen die Juden, gegen Einwanderer, gegen Kommunisten, gegen Homosexuelle. Das ist wie ein großes Becken, in dem man alles Mögliche findet – ein privilegiertes Labor der italienischen Neofaschisten."

Auch für den Schweizer Historiker Mattioli hat der Aufschwung der Neofaschisten in Italien System. In seinem Haus in Basel zeigt er Zeitungsausschnitte. Sauber abgeheftet stehen sie für einen gefährlichen Wandel in der italienischen Politik. Mattioli nennt das "Aufwertung des Faschismus". Das ist einerseits ein schleichender Prozess in der italienischen Gesellschaft, andererseits wird diese Aufwertung seiner Meinung nach aktiv von der Politik betrieben und zwar nicht nur auf lokaler Ebene in den einzelnen Kommunen, sondern landesweit. Möglich ist das auch, weil es nach Kriegsende keine ernsthafte Auseinandersetzung mit dem faschistischen Regime gegeben hat. Das unterscheidet Italien von Deutschland, meint der Historiker Filippo Focardi. Der für italienische Verhältnisse recht junge Professor aus Florenz ist in den letzten Jahren einer der wichtigsten Experten für die italienische Erinnerungspolitik geworden:

"In Deutschland gab es ein kritisches Nachdenken darüber, wer die Nazis waren. Da gab es Einigkeit auch in der Frage von Scham und Schuld. In Italien ist das völlig anders. Hier hat man die Tatsache, dass die meisten Italiener für den Faschismus waren, als Beweis dafür genommen, dass er etwas Gutes war. Man sagt: Wenn der Faschismus gesellschaftlicher Konsens war, dann kann er doch gar nicht so schlecht gewesen sein. Aber das konnte man nur sagen, weil man die Verbrechen des Faschismus nicht richtig aufgearbeitet hat."

Seine Kollegen nimmt er in Schutz: Historiker haben in den vergangenen Jahren viel zur Aufarbeitung der italienischen Kriegsverbrechen beigetragen. Aber ist das auch in den Köpfen angekommen? Gesellschaftlicher Konsens ist für Focardi lediglich, dass es ein Fehler Mussolinis war, mit Hitler zu paktieren. Und auch sein Antisemitismus wird kritisiert. Aber ansonsten, so die verbreitete Meinung, war das Regime eigentlich ganz in Ordnung, vielleicht sogar notwendig – weil Italien halt so schwer zu regieren ist. Aram Mattioli sieht das im Prinzip ähnlich. Er betont allerdings, dass dieser Umgang mit der Vergangenheit bewusst gesteuert wird. Weil das für die aktuelle Politik nützlich ist.

"Wenn man den Faschismus verniedlicht, dann kann man auch in ganz anderer Weise Politik zum Beispiel gegen Minderheiten machen. Strenge Immigrationsgesetze, eine Sicherheitspolitik die sehr, sehr illiberal ist. Wenn man diese Regime also aufwertet und in dieser Weise darstellt, dann ist das möglich. Und ich glaube, dass ist der eigentliche Sinn des Ganzen. Und das macht Berlusconi meines Erachtens politisch relativ geschickt. Aber es ist höchst unanständig und für die Demokratie auch ausgesprochen gefährlich."

Die rechten Parteien geben vor, die alten Gegensätze zwischen Faschisten und Antifaschisten zu überwinden und Italien wieder einen zu wollen. Und für diesen neuen Patriotismus werden die Grenzen zwischen Tätern und Opfern des faschistischen Regimes verwischt. Und nicht nur in den öffentlichen Debatten zeigt sich dieses Weichspülen des Faschismus. Es fällt einem in ganz Italien ins Auge, wenn man einen Blick dafür hat: Straßen, Plätze und Denkmäler werden inzwischen in vielen Orten Italiens wieder nach hohen faschistischen Funktionsträgern benannt. Eine Gemeinde am Ätna wollte gar eine Straße dem "Staatsmann Mussolini" widmen – das wurde dann aber an höherer Stelle verhindert. Was bedeutet das für die neofaschistischen, extremistischen Jugendgruppen in Italien? Viele ihrer Mitglieder brauchen die Geschichte nur, um sich abzugrenzen. Aber sie werden unterstützt durch ein Geschichtsbild, in dem Taten des faschistischen Regimes verdrängt werden und das immer mehr gesellschaftliche Akzeptanz findet. Dieser Überzeugung zumindest ist Paolo Berizzi. Der "Repubblica"-Redakteur wirkt ziemlich ratlos:

"Die Gefahr ist meiner Meinung nach vor allem die mangelnde Aufmerksamkeit in unserer Gesellschaft. Und diese kann dann leicht zu einer Akzeptanz werden. Deshalb wird akzeptiert, dass die Jugendlichen mit Hakenkreuzen oder keltischen Runen unterwegs sind, die auf ihre Rucksäcke gemalt sind, mit denen sie zur Schule gehen. Man akzeptiert Slogans oder Taten gegen Immigranten. All das ist ein ziemlich gefährliches Gelände. Die Gefahr ist, dass man sich an das Schlimme gewöhnt."

Seine Kollegin Birgit Schönau sieht das ganz ähnlich:

"Die Neofaschistischen Organisationen sind eigentlich gar nicht das Problem, das große Problem für die italienische Gesellschaft. Denn Ihr Zulauf wird immer begrenzt sein. Das sind radikale junge Leute, die sich Ihnen anschließen. Das große Problem ist weichgespültes neofaschistisches Gedankengut in großen Parteien, in großen Regierungsparteien, wie der Berlusconi-Partei und auch der Lega Nord."

Aram Mattioli, der Schweizer Geschichtsprofessor, klappt den Deckel seines Aktenordners zu. Er ist pessimistisch, was die Zukunft Italiens angeht.

"Italien im Moment ist im Stadium der Postdemokratie angekommen. Das heißt auch, dass die Zivilgesellschaft zunehmend schwächer wird. Und das ist eine beängstigende Entwicklung und ich würde sagen, das ist letztendlich eine Entwicklung mit offenem Ausgang. Es kann noch weiter runter gehen. Es kann natürlich, wenn es gut kommt, zu einer Reinigung kommen, allerdings sind die Vorzeichen dafür im heutigen Italien eher schlecht."

Zumindest, solange Italien von Parteien regiert wird, die auf nationale Töne setzen. Und, weil sich viele Italiener schon längst an ein positiveres Bild vom Faschismus gewöhnt haben. Eine schleichende Aufwertung des Faschismus – die inzwischen offen zur Schau getragen wird – nicht nur vor den italienischen Fußball-Stadien.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk