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StartseiteForschung aktuellDurchbruch oder Täuschung?30.07.2008

Durchbruch oder Täuschung?

Untersuchungsbericht zur kalten Fusion wirft Fragen auf

Physik. - Die Bläschenfusion ist ein Thema, das Wissenschaft wie Öffentlichkeit erregt. Der US-Physiker Rusi Taleyarkhan trat 2002 erstmals mit der Nachricht an die Öffentlichkeit, er habe sie erreicht. Seitdem wogt ein heftiger Streit um seine Erkenntnisse. Jetzt hat erneut eine Untersuchungskommission gesprochen, und der Bericht sorgt wieder für Auseinandersetzungen.

Von Haiko Lietz

Rusi Taleyarkhan von der Purdue Universität behauptet, die kalte Fusion im Wasserglas erreicht zu haben. (Purdue Universität)
Rusi Taleyarkhan von der Purdue Universität behauptet, die kalte Fusion im Wasserglas erreicht zu haben. (Purdue Universität)

Kernfusion im Labormaßstab – ist das möglich? Die Gruppe von Rusi Taleyarkhan meint schon und hat seit 2002 dreimal Ergebnisse veröffentlicht, die dieses beweisen sollen. Doch nun wirft ein Untersuchungskomitee der Purdue University ihrem Angestellten "wissenschaftliches Fehlverhalten" in zwei von zwölf Fällen vor. Im Zentrum steht eine Arbeit der Purdue-Physiker Yiban Xu und Adam Butt, die 2005 eine Bestätigung der so genannten Bläschenfusion veröffentlicht hatten. Das Komitee wirft dem Ingenieur vor, erstens, Zitat:

Dr. Taleyarkhan hat mit fälschender Absicht dafür gesorgt, dass Adam Butt als Koautor zu zwei Veröffentlichungen hinzugefügt wurde, obwohl Butt nicht signifikant zu Experiment, Datenauswertung oder Manuskripterstellung und -einreichung beigetragen hatte.

Und zweitens, Zitat:

Dr. Taleyarkhan hat mit fälschender Absicht in einer Veröffentlichung von 2006 behauptet, seine Ergebnisse von 2002 seien mittlerweile "unabhängig bestätigt" worden.

Diese Anschuldigungen stehen bereits seit 2006 im Raum. Damals hatte eine interne Untersuchung Taleyarkhan von praktisch denselben Vorwürfen freigesprochen. Dieser sieht sich als Opfer einer Rufmordkampagne und will die Anschuldigungen nicht auf sich und seinem Team sitzen lassen. Vorgestern ist er in interne Berufung gegangen. Taleyarkhan:

"Nach der Untersuchung von 2006 fühlten sich unsere Gegner ungehört. Also wurde politischer Druck aufgebaut, der den US-Kongress dazu brachte, eine neue Untersuchung zu fordern, die nicht nur Purdue-interne Behauptungen untersuchen sollte. Von 34 dafür gesammelten Vorwürfen wurden 22 abgewiesen, darunter alle, die sich um Fälschung und Betrug drehen. Doch in keiner der verbleibenden zwölf Behauptungen ging es um die Koautorenschaft eines Studenten oder die Behauptung einer "unabhängigen Bestätigung" durch die Arbeit von 2005. Nachdem auch die verbliebenen zwölf Behauptungen abgewiesen worden waren, wurden auf einmal die beiden alten Vorwürfe wieder aufgetischt. Das widerspricht dem rechtmäßigen Auftrag des Untersuchungskomitees und wir betrachten das als fundamentalen Fehler der Untersuchung."

Dem Deutschlandfunk liegen Dokumente vor, die Taleyarkhans Darstellung stützen. Doch was ist inhaltlich dran an den Vorwürfen gegen den umstrittenen Fusionsforscher? Die Beweiskraft mancher der 100 Fußnoten des Untersuchungsberichts nimmt ab, wenn man sie sich einmal genauer anschaut. Was etwa die Unabhängigkeit von Xus Experimenten angeht, unterschlägt der Bericht dessen Aussage, dass Taleyarkhan "bei keinem Experiment beteiligt" gewesen sei. Keinesfalls auch kann ihm "fälschende Absicht" nachgewiesen werden. Entscheidende Argumente im Bericht sind Auslegungssache, weswegen dieselben Beschuldigungen 2006 zurückgewiesen worden waren.

"Ich finde es sehr unglücklich, dass diese Wortklauberei so wichtig geworden ist. Ich hoffe, dass die Leute sich trotzdem noch die eigentliche Forschung anschauen werden."

Der Physikprofessor Ted Forringer von der texanischen LeTourneau University hatte Taleyarkhans Labor im Mai 2006 besucht und mit zwei seiner Studenten unabhängige Messungen gemacht. Zurück in Texas errechnete er, dass die gemessenen Hinweise auf Kernfusionsereignisse statistisch signifikant waren. Forringer:

"Ich glaube, dass ich es hätte schaffen können, finanzielle Förderung zu finden, um die Forschung fortzuführen. Doch durch die ganze Politik sieht das jetzt nicht mehr so aus."

Auch Taleyarkhans Gruppe hat seit 2006 nach und nach ihre Fördergelder verloren. Wer könnte ein Interesse daran haben? Die meisten Beschuldigungen stammen von einer unmittelbar um Geld und Ruhm konkurrierenden Gruppe. Innerhalb der Hochschulmauern stammen sie von Taleyarkhans ehemaligem Institutsleiter. Dieser musste Oktober 2006 im Zusammenhang mit rechtswidrigem Vorgehen gegen Taleyarkhan von seiner Position zurücktreten. Mehrere Institutsmitarbeiter haben ihn außerdem in eidesstattlichen Erklärungen der Lüge und Manipulation bezichtigt. Dass solche Dinge im nun vorgelegten Abschlussbericht des Untersuchungskomitees unerwähnt bleiben, wirft unangenehme Fragen auf.

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