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StartseiteBüchermarktDurchs Leben stolpern24.04.2004

Durchs Leben stolpern

Jerry Spinelli über einen Held aus der letzten Reihe

Er gehörte zu dem neuen Wurf von Jungen, den dieser am Reißbrett entstandene Vorort hervorgebracht hat, von dem aus man mit der Straßenbahn zehn Meilen bis zur Millionenstadt fährt. Während der ersten paar Jahre waren sie Mamakindchen - Zinkoff und die anderen -, zurückgehalten von Mauern und den Maschendrahtzäunen der Hinterhöfe und, vor allem, von den besorgten Rufen ihrer Mütter.

Von Siggi Seuss

Jerry Spinelli, "Der Held aus der letzten Reihe", Coverausschnitt (Cecile Dressler Verlag)
Jerry Spinelli, "Der Held aus der letzten Reihe", Coverausschnitt (Cecile Dressler Verlag)

Dann kommt der Tag, an dem sie zum ersten Mal allein auf der Vordertreppe stehen, wie eben erst erschaffene kleine Geschöpfe, die in die wärmende Sonne blinzeln.

Es ist alles da, was man an Jerry Spinellis Blick aufs Leben mag. Unspektakuläres, wohin man guckt, in seinem neuen Roman "Der Held aus der letzten Reihe". Großstadtperipherie, Häuserblocks, Vorgärten, Vordertreppe, Hinterhöfe, Sackgassen, Schulen vom Reißbrett, Menschen jeder Couleur, Kotzbrocken und solche, mit denen man Pferde stehlen könnte. Und über allem: der Himmel. Nirgendwo heile Welt, nirgendwo hoffnungsloser Verfall und schon gar keine Ästhetik des Untergangs. Normalität, zum Gähnen langweilig, zum Heulen schrecklich und zum Jubeln schön.
Mittendrin, zwischen Wohnblocks, Schule und Himmel ein Junge, Zinkoff, Donald Zinkoff.

Zuerst beschattet Zinkoff seine Augen. Dann lässt er die Hand sinken. Er starrt in den Himmel, will den eigenen Blick heller leuchten lassen als die Sonne, wendet sich schließlich begeistert ab und lacht.

Unauffällig bis zum Verschwinden ist er, dieser Zinkoff, - Spinellis Held, natürlich ein Außenseiter. So wie - wie hieß er denn gleich? Damals in der Schule. Hatte der nicht so einen tollpatschigen Gang? Saß der in der Klasse nicht irgendwo hinten links, blieb bei der Mannschaftswahl im Sportunterricht immer übrig? Und man konnte aufatmen, nicht selbst der Letzte zu sein. Keine große Leuchte. Ein Versager. Ein Nichts. Ein Niemand. Trotzdem eine Frohnatur. Ging Tag für Tag gern zur Schule. Merkte erst, als es ernst wurde, in der Fünften, dass er gnadenlos verarscht wurde. Blieb allein. Und ging fröhlich pfeifend in den nächsten Tag.

Also tut er, was ein Kind eben so tut: Er schnuppert an der Zedernholzkiste im Schlafzimmer seiner Eltern, er köpft Löwenzahnblüten, schaukelt auf der Wippe im Park, fährt Fahrrad, zählt Eisenbahnwaggons, hält die Luft an, schnalzt mit der Zunge, probiert Tofu, streichelt Moos, träumt in den Tag hinein, erinnert sich, stellt sich die Zukunft vor, Wünsche, Wunder ..."

Das ist das Erstaunliche an Spinellis Geschichten: Obwohl sie sich in einem Milieu jenseits des Atlantiks ereignen, sind sie zum Greifen nah. Als ob die Willow Street, der Halftank Hill, die Lakritzspuckflecken auf dem Gehsteig, der Maschendrahtzaun hinterm 900-er Wohnblock, die John-W.-Satterfield-Grundschule und der Sternenhimmel um die Ecke lägen. - Donald Zinkoff, der Junge in der letzten Reihe - Zink, Z-Mann, Zinkster, Zinkomat wird er spöttisch genannt. Sechs Schuljahre folgt ihm der Beobachter. Nicht auf Schritt und Tritt, jedoch in entscheidenden Augenblicken seines tapferen Durchs-Leben-Stolpern - Beinahekatastrophen eingeschlossen. Wer Donald unter die Arme greift, bevor ihm Kummer in die Seele schleicht (der einem anderen Hinterbänkler, Louis Sachars "Bradley" die Luft zum Atmen nimmt), wer Donald unter die Arme greift, das sind seine Eltern. Liebenswürdigere Menschen kann man sich kaum vorstellen. Selbst wenn Donald ins allergrößte Fettnäpfchen tritt: an der Zuneigung von Mum und Dad muss er keine Sekunde zweifeln.

Er weiß, er kann tausend Wettrennen verlieren, sein Vater würde sich dennoch nie von ihm abwenden. Er weiß, er kann noch so viele Löcher haben und noch so viele Dichtungen verlieren, sein Vater würde ihm dennoch immer zur Seite stehen, würde ihn mit Klebeband und Kaugummi wieder flicken, denn wie sehr er auch rattert und klappert, für seinen Vater wird er immer ein Königskäferchen sein und nie eine Schrottkiste.

Dass der Junge wie sein Vater Postbote werden will, versteht sich von selbst. In einer der berührendsten Szenen des Buches darf Donald einen Tag lang zusammen mit seinem Dad Briefträger spielen. Ein Tag mit Folgen. Manchmal glaubt er, dass unglaubliche Dinge hinter den Türen geschehen, so lange man nicht durch den Briefkastenschlitz guckt.

Jerry Spinellis Geschichten sind wie heimliches Durch-den-Briefkastenschlitz-Gucken. Die unglaublichen Dinge dahinter fühlen sich nicht gestört. Sie treiben weiter ihren alltäglichen Schabernack als wäre nichts geschehen. Donald würde rufen: "Juchhuh!" Obwohl er eigentlich schon fast zu alt für solche Kinkerlitzchen ist. Aber neulich erst hat er wieder einmal lächelnd die Sterne betrachtet, von denen er vor gar nicht so langer Zeit glaubte, sie fielen ab und zu vom Himmel und seine Mutter würde sie wie Bucheckern einsammeln.

Er dreht den Türknauf um, leise, langsam. Er öffnet die Tür. Er lehnt sich vor und versucht dabei, seine Füße nicht den Kontakt zum Teppich verlieren zu lassen. Die Nachtluft spielt kalt um seinen Nacken. Er lehnt sich so weit wie möglich nach draußen und blickt auf. Er lächelt. Der Himmel ist wolkenklar. Sie sind immer noch da. Die Sterne.
Er schließt die Tür. Wieder auf dem Sofa, kuschelt er sich in die Bettdecke und ist binnen Minuten eingeschlafen.


Jerry Spinelli:
Der Held aus der letzten Reihe
Cecilie Dressler Verlag, EUR 12,90

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