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Durchzogen von Angst

Sayed Kashua: "Da ward es Morgen"

Von Sigrid Brinkmann

Ein palästinensischer Häftling winkt kurz vor seiner Freilassung in Ramallah
Ein palästinensischer Häftling winkt kurz vor seiner Freilassung in Ramallah (AP)

Gut eine Million Palästinenser leben in gemischten Städten wie Jerusalem, Haifa oder Nazareth. "Die Juden trampeln auf uns herum", so die Auffassung von Sayed Kashua. Doch viel schlimmer noch wäre es für die israelischen Araber, unter "der palästinensischen Diktatur" leben zu müssen. In seinem Roman "Da ward es Morgen" schont Kashua weder Juden noch Araber. Er erzählt von Seelenqual, Traurigkeit und Angst - und das mit Witz und Tempo.

"Ich bin eine ängstliche Person", sagt Sayed Kashua gleich zu Beginn unseres Gespräches; lacht dabei und behauptet sogar, er sei die meiste Zeit irgendwie auf der Flucht. In seinem Geburtsort Tira aber kann keiner jemandem wirklich aus dem Weg gehen. 25.000 Einwohner hat das 30 km östlich von Tel Aviv gelegene arabische Städtchen. Das Leben dort, so Kashua, gehorche allerdings dörflichen Gesetzen: Fremde werden beäugt und gemieden, die Ehre der Familie wehrhaft hochgehalten. Einmal im Monat kommt der 29jährige übers Wochenende zu Besuch nach Tira.

In seiner Abwesenheit verteidigen Eltern und Brüder Sayeds autobiographisch gefärbte Romane gegen die Lesart der Nachbarschaft. Die erregt sich nämlich über den Spott, den Haß und die Verachtung, mit der Kashuas Helden die Borniertheit von Familienclans und den Selbstbetrug der israelischen Araber überziehen. Diese buhlen so verzweifelt wie opportunistisch darum, als gleichwertig behandelt zu werden. So haben sie sich angewöhnt, das Radioprogramm des Militärfunks zu hören; tragen unauffällige Modefrisuren; lachen, wenn jüdische Kollegen beim Eintritt in ein Restaurant das Wachpersonal auffordern, sie - die Araber – besonders sorgfältig zu kontrollieren. Kashua selbst hat den Kampf um Anerkennung seit Ausbruch der Zweiten Intifada im Herbst 2000 definitiv für verloren erklärt.

" Israelische Araber sind für mich moderne Sklaven, und ich spreche auch über mich, wenn ich so etwas sage. Sklaven haben Angst vor der Freiheit. Sie brauchen den Herrn mehr als er sie. Wir haben Angst ihn zu verlieren, denn er steht für die Gesundheits- und die Sozialversicherung, er zahlt am Ende des Monats unseren Lohn. Wenn man sieht, wie die Palästinenser leben, dann versteht man, warum wir uns fürchten, den Herrn zu verlieren. In meinem Roman fürchten die Leute unter der palästinensischen Diktatur leben zu müssen. Ich habe eine viertägige Ausgangssperre erfunden, um zu zeigen, was in einem arabischen Dorf abläuft. Die Israelis wissen nichts über die Verhältnisse der Leute und ihre Beziehung zu den Palästinensern in den Gebieten. Ich hab’ kein Vertrauen in die Menschheit. Die Juden trampeln auf uns herum, und wir, die israelischen Araber, beuten die Palästinenser aus. Wir behandeln sie so wie die Juden uns. Wenn wir Fernsehen gucken, dann leiden wir mit den Palästinensern, aber im wirklichen Leben sieht das ganz anders aus."

In seinem Roman "Da ward es Morgen" kehrt Kashuas Held, ein arbeitslos gewordener Journalist, mit Frau und Kind zurück ins Heimatdorf. Er will an einem Ort leben, in dem Araber sich nicht verstecken müssen, doch seine Feigheit zwingt ihn zu einem anderen, schmerzhaften Versteckspiel. Der Heimgekehrte verleugnet sein berufliches Scheitern. Zum Schein fährt er weiter täglich in die Stadt. Kehrt er abends zurück, erklärt ihm ein alter Schulfreund das "Lexikon des Überlebens".

"Du fährst auf einer Straße und zwei Autos versperren dir den Weg, weil sich die Fahrer durch die offenen Fenster miteinander unterhalten? Dann warte ganz ruhig, Gott steh dir bei, wenn du hupst, warte, inschallah, auch wenn es eine Stunde dauert. Warte es ruhig ab, und wenn sie dich vorbeilassen, lächle und bedanke dich."

Eine grundlos verhängte Ausgangs- und Nachrichtensperre, die die Einwohner vier Tage lang isoliert, erlöst Kashuas Helden von der Lügerei. Telefonleitungen werden gekappt. Ungefragt treiben die Dorfeinwohner illegal im Dorf arbeitende Männer aus Jenin und Gaza zu den Kontrollposten. "Für viele reicht es, das Wort Dafawi (Einwohner der besetzten Gebiete) zu hören, um in Gelächter auszubrechen", schreibt Kashua. "Die echten Kriege" dieses Dorfs werden um "Ehre, Erbschaften und Parkplätze" geführt. Weil die Soldaten an der Absperrung schweigen, zwingen die Dörfler die Palästinenser, sich auszuziehen. Jedermann soll sehen, dass diese keine Sprengstoffgürtel tragen. Zwei der Ausgelieferten werden dennoch erschossen, als sie den Panzern zu nahe kommen. Zu der Bestattung geht keiner der Dörfler. Der Abstieg in die Niederungen ist unaufhaltsam. Wasserdiebstahl, Schlägereien um Essen bestimmen die Tage in der Isolation, während verbrecherische Banden das Dorf kontrollieren. Schlussendlich erfahren die Dörfler aus dem Fernsehen, dass der Ort unter palästinensische Verwaltung gestellt wird. Politiker ermuntern die israelischen Araber, die demokratischen Veränderungen in einem palästinensischen Staat voranzutreiben.

" Das ganze Buch ist durchzogen von Angst. Als ich es beendete, habe ich mir gesagt: Jetzt können sie uns abschieben. Ich habe mich schon in einem jordanischen Flüchtlingslager gesehen. Die Atmosphäre hatte etwas Bedrohliches. Die Zukunft ist ja noch immer nicht klar, und die Angst, das Zuhause zu verlieren, steckt bereits in den Genen. Wir in Tira sind keine Flüchtlinge, selbst wenn ein großer Teil der Grundstücke hier enteignet wurden. Aber ich werd die Angst nicht los und denke immer, die Koffer sollten gepackt sein."

Sayed Kashua wünscht sich, Israel für einige Jahre zu verlassen, um herauszufinden, ob er tatsächlich als Schriftsteller existieren könne. Der Palästinenser Anton Shammas veröffentlichte 1986 den Roman "Arabesken" auf Hebräisch. Es wurde ein internationaler Bucherfolg, und Shammas emigrierte in die USA. Kashua ist der erste arabische Israeli nach Shammas, der Hebräisch schreibt und es mit seinen zwei Romanen in die Bestsellerlisten schaffte. Gut eine Million Palästinenser leben in den gemischten Städten Jerusalem, Haifa, Akko, Nazareth, Jaffa, Lod und Ramle, doch gibt es nur zwei Läden mit arabischen Büchern. Wenn man schon gezwungen sei, arabische Literatur auf Hebräisch zu lesen, dann, so Kashua, erübrige sich die Frage der Sprachwahl. Dennoch steckt er in einem tiefen Dilemma.

" Die Israelis wollen immer wissen: mag er uns? Und ich soll ihnen erzählen, was in den Köpfen der Araber vorgeht, soll ihnen Geheimnisse offenbaren. Die arabische Seite will vor allem gut dastehen vor den Juden. Und ich denke immer: das ist doch nicht mein Job."

Sayed Kashuas reportagehafter Roman schont weder die Juden noch die Araber. Er stellt die verlogenen Rituale der Gastfreundschaft bloß und die Eitelkeit der Clan-Ältesten, die grausame Herabsetzung auch von Kindern aus den besetzten Gebieten und das starre Geschlechterverhältnis, die Korruption lokaler Politiker und die Unberechenbarkeit moslemischer Banden. Noch schreibt er in fast journalistischer Manier, mit Witz und Tempo, Ideenromane.

Drei Episoden in "Da ward es Morgen" heben sich durch literarische Dichte ab. Kashua vergegenwärtigt Momente kindlichen Bangens. Die wenig fürsorgliche Mutter des Erzählers bricht mit dem Vater auf zu einer Busreise nach Kairo. Die Tour ist für sie der Höhepunkt eines jeden Jahres. Der Sohn aber fürchtet, sie kämen nicht lebend zurück. In wachen Nächten erzählt er dem fast tauben Großvater, der nie antwortet, von seiner Seelenqual. Und am Morgen hört er heimlich zu, wie die Großmutter Gott anklagt, weil sie es leid ist, den Alten, der nicht sterben kann, weiter zu pflegen. Von ähnlich stiller Traurigkeit ist die Erinnerung an die sexuelle Initiation durch einen abgefeimten Mitschüler, nach dessen Anerkennung Kashuas naiver Held sehnsüchtig verlangt.
Welche Wirklichkeit wird Sayed Kashua sprachlich fassen wollen, wenn er wahrmacht, wovon er träumt? Mit seiner Frau und den zwei Kindern wegzugehen aus Israel. Er weiß, dass dann alles auf den Prüfstand gestellt wird. Es wäre die Nagelprobe. Lachend offeriert er mir noch eine Anekdote, in der sich Stolz und Zweifel mischen.

Ein Freund hat zu mir gesagt: Hör mal, Du bist der beste auf Hebräisch schreibende Palästinenser! Und ich hab’ geantwortet: Ja, danke, aber ich bin der e

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