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StartseiteBücher für junge LeserGeschichten für die Generation Snapchat28.04.2018

E-Books und AppsGeschichten für die Generation Snapchat

Geschichten für Kinder und Jugendliche, die zum Großteil auf ihrem Smartphone lesen, müssen anders erzählt werden, als im klassischen Buch. Apps wie Hooked setzen auf Storys, die im Chatformat geschrieben werden. Andere Anbieter spielen mit Geräuschen, grafischen Elementen und Benachrichtigungen.

Von Nils Kahlefendt

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Ein fünfjähriger Junge spielt in seinem unaufgeräumten Kinderzimmer auf einem iPhone ein Computerspiel.  (picture alliance / dpa / Jens Kalene)
Viele Kinder benutzen wie selbstverständlich ein Smartphone (picture alliance / dpa / Jens Kalene)
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"Du gefällst mir", der erste Teil der auf 12 Folgen angelegten E-Book-only-Serie "Zuletzt online", erzählt die Geschichte von Lilli und Fabian, die sich über einen Gruppenchat kennenlernen und – obwohl räumlich weit voneinander entfernt – ineinander verlieben. Gleichzeitig ist es eine Geschichte über Hass und Neid im Netz, über Cyber-Mobbing: Lilly muss erkennen, dass sie, zunächst von ihrer bislang besten Freundin, dann von einer immer größeren Clique, gemobbt wird.

Die Handlung entfaltet sich ausschließlich über die Chat-Nachrichten der Protagonisten; eine Reduzierung, die für Spannung sorgt. Wie die Charaktere leben, lieben, leiden und lügen, wird über ihre Schreibgewohnheiten ausgedrückt: Ein anders gesetzter Punkt hier, ein selten benutzter Emoji dort können Bände sprechen. Authentische Fotos, Videos und GIFs ziehen einen als Leser in den Chat. Kein Wunder, dass die aufwendige Produktion den Deutschen eBook Award 2017 in der Kategorie Kinder und Jugend abräumte. Entstanden ist die Serie bei Oetinger34, einem Digital-Imprint der Hamburger Verlagsgruppe. Am Verlagssitz in der Altonaer Max-Brauer-Allee 34 treffe ich die ehemalige Programmleiterin Katrin Weller, die inzwischen in gleicher Position für den Dressler Verlag arbeitet:

"Oetinger 34 ist eine Onlineplattform, auf der Kreative - also Autoren, Illustratoren - mit Lektoren und Lesern zusammen Texte erschaffen. Auch ganz kollaborativ. Also unmittelbar, parallel kann man schreiben, die Illustrationen hochladen, gleichzeitig lektorieren und zehn Leser mitlesen lassen. Und es entstehen eben sowohl digitale Projekte als auch Printprojekte."

Wer mitmachen will, muss sich bewerben. Autoren mit Textproben, Illustratoren mit einem Portfolio, Juniorlektoren legen eine Probearbeit vor. Auch "Zuletzt online" von Misa Ahrend ging als Sieger aus einem Voting hervor. Hinter dem Pseudonym steckt ein Zwillingspärchen aus NRW, die erste Fassung des Messenger-Romans entstand, indem sich die Schwestern als Lilli und Fabi Nachrichten zuschicken. Bis zum finalen E-Book war es jedoch ein langer, vom Lektorat begleiteter Weg:

"'Zuletzt Online' ist eigentlich ein ganz großes Gemeinschaftsprojekt, an dem nicht nur zwei Autorinnen beteiligt waren, sondern darüber hinaus eine Schulklasse, also eine Gymnasialklasse eines Hamburger Gymnasiums. Und eine Booktuberin hatten wir als Patin noch mit dabei. Und wir haben zusammen gearbeitet mit einem Selbstschutzportal, also einem Onlineportal, yuuuport, die waren sozusagen auch noch mit im Boot.

E-Books spielen nur noch eine Nebenrolle

Beim Boom der in Kurzform, oft über mehrere Episoden hinweg erzählten Geschichten spielen E-Books – egal ob klassisch oder "angereichert" - allerdings nur noch eine Nebenrolle. Längst geben Apps wie Hooked, TAP oder – in den USA speziell für Kinder entwickelt - Amazon Rapid den Ton an.

Auslöser der Entwicklung war das Startup eines Ehepaars aus dem Silicon-Valley, das sich vor gut zwei Jahren anschickte, neue Wege des Geschichtenerzählens für die Snapchat-Generation zu entwickeln. Dabei wurde zunächst das Leseverhalten von Jugendlichen analysiert, wie Dorothea Martin, bis vor kurzem Content-Chefin der Streaming-Plattform Oolipo, erklärt:

"Die haben Facebook-Anzeigen geschaltet und haben die Leute auf Leseproben von Young Adult Novels geschickt. Und haben geguckt: Wie lange lesen die Leute wirklich? Und das deprimierende war, dass nur ein Drittel der Leute wirklich bis zum Ende las auf dem Smartphone, das waren immer so fünf Minuten Leseerlebnisse. Und erst, als sie, mehr oder weniger durch Zufall, das Ganze in eine Chat-Konversation umgewandelt haben, haben 90 Prozent auf einmal bis zum Ende gelesen. Vier Monate später haben sie dann Hooked veröffentlicht, und damit diesen Trend losgetreten."

Im Deutschen bedeutet Hooked soviel wie "süchtig" – was, folgt man Dorothea Martin, durchaus wörtlich zu nehmen ist:

"Es hat vielleicht auch einen leicht voyeuristischen Touch dadurch, dass man ja einer Konversation zusieht - oder "mitlauscht" - die eigentlich nicht unbedingt für einen selbst bestimmt ist. Dadurch zieht es einen halt sehr schnell rein, man ist "gehooked". Und es funktioniert wahnsinnig über Cliffhanger. Das Interessante daran ist, dass alle diese Apps von Anfang an auch ein Geschäftsmodell hatten. Das heißt, man kann für ne Weile umsonst lesen. Dann endet es auf ‘nem Cliffhanger und entweder man wird Abonnentin - oder man wartet 20 Minuten. Und die Versuchung ist wirklich sehr groß sofort zu sagen: OK, ich mach’ dieses Probe-Abo, und dann ist man dabei."

User können den Fortgang der Geschichte beeinflussen

Beim Carlsen Verlag, in Hamburg-Altona nur ein paar Gehminuten von Oetinger34 entfernt, hat die Digitalisierung nicht nur beliebten Kinderbuchfiguren wie Conni Beine gemacht. Längst ist das sympathische Mädchen im rot-weissen Ringelpulli auch in E-Books und Lern-Apps präsent. Mit dem auf Fantasy und Romantik für Mädchen ab 14 spezialisierten E-Book-Verlag Impress gründeten die Hamburger 2013 Deutschlands erstes Digital-Imprint überhaupt. Und mit "Mission X", einer Marke für Text-Adventure-Apps, lässt Carlsen das Interaktionsprinzip des "Spielbuchs" der 80er Jahre wieder aufleben – auch hier entscheidet der User über den Fortgang der Geschichte und gelangt so auf bestimmte Handlungsstränge mit verschiedenen Enden.

Satz für Satz läuft wie ein Live-Ticker ein; die eher dünne Story wird mit Sounds, grafischen Elementen und Benachrichtigungen aufgepeppt, die für Echtzeit-Spielerlebnis sorgen sollen. Tatsächlich hat der Jugendbuch-Verlag bei der Entwicklung der Apps mit einem Game-Studio zusammengearbeitet – was, wie Carlsen-Frau Pia Cailleau erklärt, ganz neue Herausforderungen für Autoren mit sich bringt:

"Da reicht es nicht, einfach einen Autor zu haben, der eine gute Idee hat und der weiß, wie er sie zu schreiben hat. Sondern man muss wirklich einen Autor finden, der Lust hat auf ein interaktives Storytelling. Und der auch Lust hat tatsächlich, von seiner eigentlichen Plotidee abzuweichen. Weil, es gibt ja bei solchen Spielen ja nicht nur einen Handlungsweg; es muss ja einfach mehrere geben. Vielleicht kommen sie am Ende zusammen, vielleicht gibt es aber auch mehrere Enden? Natürlich haben wir damit schon viel gespielt auch in den letzten 100 Jahren in der Literatur. Aber jetzt kann man damit noch viel mehr machen."

Man könnte. Doch nachdem in früheren Phasen der Digitalisierung viel in Experimente investiert wurde, was auch Verluste mit einschloss, scheint man sich jetzt wieder stärker dem Brot-und-Butter-Geschäft zuzuwenden. Oetinger baut seine Digitalsparte derzeit um, fürs Frühjahr sind erstmals keine neuen Oetinger34-Titel angekündigt. Bastei Lübbe hat seiner Digitalplattform Oolipo den Geldhahn zugedreht. Bei der Entwicklung von Chat Fiction spielen klassische Buchverlage praktisch keine Rolle. Dorothea Martin, die inzwischen wieder frei arbeitet, schaut dennoch vorsichtig optimistisch in die digitale Zukunft.

"Mal sehen, was im nächsten Schritt passiert. Aber ich wäre definitiv immer dafür, weiter an Innovationen zu arbeiten! Und das bedeutet dann auch wahrscheinlich, sich von der Form des Buchs - und damit auch, wie Geschichten im Buch erzählt werden, und wie sie meistens 1:1 aufs eBook übertrage werden - zu lösen. Und Neues auszuprobieren."

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