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StartseiteBüchermarkt"Es gibt keine Grenzen für die Interessen eines Schriftstellers"03.12.2015

E.L. Doctorow"Es gibt keine Grenzen für die Interessen eines Schriftstellers"

Mit "In Andrews Kopf" schließt der im Juli verstorbene Autor E.L. Doctorow posthum ein facettenreiches Schriftstellerleben ab. Der Roman ist eine ebenso verwirrende wie schillernde Charakterstudie. Unser Autor hat ihn in der Vergangenheit mehrmals getroffen und mit ihm über sein Werk, seine Themen und seine Motive gesprochen.

Von Johannes Kaiser

Der Schriftsteller E.L. Doctorow bei einer Signierstunde in Clearwater, Florida, im Jahr 2008. (imago )
Der Schriftsteller E.L. Doctorow ist am 21. Juli 2015 verstorben. (imago )

"Ich sehe meine Romane nicht als historische Romane. Wann immer Sie über die Vergangenheit schreiben, schreiben Sie natürlich über die Gegenwart. Ich sehe keinen Unterschied darin, über jemanden zu schreiben, den alle kennen oder über jemanden, den nur Sie und ihre Freunde und ihre Familie kennen. Es gibt keine ontologischen Unterschiede. Ein Schriftsteller benutzt alle Disziplinen und alles Vokabular. Man kann als Wissenschaftler, als Theologe oder als Reporter sprechen. Man kann beichten, man kann Legenden benutzen, Träume oder das Gemurmel verrückter Leute auf der Straße. Man kann mit der Stimme eines Anthropologen reden oder als Pornograf. Man kann einfach alles machen. Es gibt keine Regeln, keine Grenzen für die Interessen eines Schriftstellers."

Genau daran hat sich der im Juli mit 84 Jahren verstorbene amerikanische Schriftsteller E.L. Doctorow Zeit seines Lebens gehalten und einige der interessantesten Figuren der amerikanischen Literatur erschaffen. Auch sein letztes posthum auf Deutsch erschienenes Buch "In Andrews Kopf" ist wieder so eine beeindruckende, ebenso verwirrende wie schillernde Charakterstudie. Doctorows Erzähler legt eine Lebensbeichte ablegt, eine Art Rechenschaft für all die Fehler, Irrtümer, Verletzungen, die er begangen hat. Und das sind viele, wie wir im Verlaufe der Geschichte erfahren, denn Andrew ist ein Tollpatsch, ein Pechvogel. Sein Gegenüber scheint ein Psychiater zu sein, jedenfalls ein Mann, der eher zuhört als interveniert, selbst wenn Andrew Geschichten erzählt, die so fantastisch klingen, dass man sie kaum für wahr hält. Die Grenzen zwischen Flunkern und Fakten, bewusstem Lügen und reiner Wahrheit sind fließend und für den Leser ebenso wie für den unbekannten Zuhörer kaum zu erkennen.

Protagonist Andrew lebt in einer Ich-Bezogenheit

Das dramatischste Ereignis in Andrews Leben, und davon erfahren wir gleich zu Beginn des Romans, ist der Tod seiner kleinen Tochter aus der ersten Ehe mit Martha. Andrew, der zu Hause an seiner kognitionswissenschaftlichen Dissertation sitzt, gibt dem Kleinkind getreulich, so wie es der Arzt empfohlen hat, ein Medikament. Leider hat ihm der Apotheker die falschen Tropfen mitgegeben. Als das kranke Kind endlich ruhig daliegt, glaubt Andrew, es sei eingeschlafen. Doch es ist tot. Die Ehe bricht auseinander. Martha, gefeierte Cellistin, hört auf zu spielen, verlässt ihn. Andrew flieht aus der Stadt auf eine Provinzhochschule, wird dort Lehrer. Als er seinem Analytiker die Geschichte des tragisch tödlichen Irrtums erzählt, offenbart er sich:

"Im innersten Wesen bleibe ich, egal was passiert, kalt, nicht für Reue, Trauer oder Glück empfänglich, obwohl ich das ganz gut vortäuschen kann, so gut sogar, dass ich fast selbst daran glaube. Was ich damit sagen will – letztendlich bin ich entsetzlich gefühllos. Meine Seele ruht in einem stillen, tiefen, schönen, emotionslosen, ruhigen und kalten Tümpel des Schweigens. Aber ich mache mir nichts vor. Ein Mörder, das bin ich. Und obendrein bringe ich es nicht fertig, mich selbst zu bestrafen und mir das Leben zu nehmen aus lauter Verzweiflung darüber, dass ich das Leben anderer Menschen zerstört habe."

E.L Doctorow hat sich eine Figur einfallen lassen, die in ihrer Ich-Bezogenheit, ihrer permanenten Selbstanklage nicht unbedingt sympathisch wirkt. Andrew ist jedenfalls ein grandioser Unglücksrabe. Das bringt ihn immer wieder in absurde Situationen. Was schief gehen kann, das geht bei ihm auch garantiert schief.

Assoziativ springt Andrew im Gespräch mit dem Therapeuten in seiner Lebensgeschichte hin und her, sodass sich erst im Verlaufe des Romans eine Art Chronologie der Ereignisse herausbildet. Mal erlebt man die beiden im Zwiegespräch und dann wieder liest man die Aufzeichnungen Andrews, zu denen ihn der Psychiater ermutigt hat oder sie telefonieren miteinander. Andrew scheint viel unterwegs und sein Zwiegespräch mit dem Therapeuten zieht sich offenkundig über Jahre hin. Wir finden ihn in New York, dann wieder hat sich Andrew in eine einsame Berghütte zurückgezogen oder ist nach Norwegen entflohen. Am Ende des Romans treffen beide möglicherweise in einem Gefängnis oder einer geschlossenen Anstalt irgendwo in Europa aufeinander.

Andrew hat Schwierigkeiten, mit sich und seinem Schicksal klar zu kommen. Schuldgefühle türmen sich über ihm auf. Das beginnt schon in der Kindheit. Als er im Winter mit dem Schlitten die Straße vor dem Haus runter rodelt, zwingt er einen Autofahrer auszuweichen. Der kracht gegen einen Laternenpfahl und stirbt. Die Familie muss fortziehen. Als Andrew daraufhin einen Hund bekommt, wird der ihm von einem Raubvogel entführt. Hilflos schaut er zu, wie sein Dackel im Himmel entschwindet. Später als Student auf der Elite Uni Yale schlägt er auf einer Party versehentlich eine Professorin zu Boden und bricht anschließend ihrem Mann den Fuß, indem er ihm eine eiskalte Wodkaflasche auf die Zehen fallen lässt. Das liest sich durchaus amüsant, nicht zuletzt weil Doctorow ein fantasievoller Erzähler ist und mit immer neuen Überraschungen aufwartet getreu seiner Überzeugung:

"Um Zeilen singen zu lassen, müssen Sie schreiben, um herauszufinden, was Sie schreiben. Sie müssen die Haltung des Entdeckens einnehmen so wie der Leser, der die Zeilen liest, ohne zu wissen, was als Nächstes kommt. So wird das Buch lebendig. Es wird die Möglichkeit haben, seine eigene Wahrheit zu entdecken, sein eigenes Wesen."

Der am 6.1.1931 in der Bronx geborene und jetzt am 21.Juli 2015 verstorbene E.L. (Edgar Laurence) Doctorow, gehört mit elf Romanen zu den bekanntesten amerikanischen Autoren. Er wurde mehrfach für seine Bücher ausgezeichnet, bekam zuletzt für "Der Marsch" den renommierten PEN/Faulkner Award. Sein literarischer Ruhm gründet vor allem auf seinen Rückblicken auf jene Momente amerikanischer Geschichte, in denen sich eine ganze Nation widerspiegelt, wie zum Beispiel in "Ragtime", "Billy Bathgate" oder "Der Marsch", seinem amerikanischen Bürgerkriegsepos.

Man bekommt den Eindruck, ein schlimmes Ereignis jagt das nächste. Auf der Provinzuni lernt Andrew die junge Studentin Briony kennen. Sie verlieben sich ineinander und ziehen zusammen nach New York, finden dort beide Arbeit. Briony wird schwanger, bekommt eine Tochter. Am 11. September 2001 geht sie joggen und kommt nie wieder. Alleingelassen mit dem Baby bringt der verzweifelte Andrew das Kind seiner Exfrau Martha. Er fühlt sich überfordert. Sie soll es ein, zwei Jahre hüten, bis er sich in der Lage sieht, sich um seine Tochter zu kümmern. Ergebnis: Er verliert sie für immer.

Jede Episode endet in einer Katastrophe

Je weiter der schmale Roman voranschreitet, desto verrückter und bizarrer werden die Geschichten. Andrew, der nach Brionys Verschwinden und dem Verlust seiner zweiten Tochter in einer Oberschule in Washington als naturwissenschaftlicher Lehrer untertaucht, trifft dort auf den Präsidenten der USA. Er hat mit ihm zusammen studiert und das Zimmer geteilt. Der ernennt ihn prompt zum Direktor eines neu geschaffenen Amtes für neurologische Forschung – ein durchschaubares Manöver, kennt doch Andrew aus der gemeinsamen Studienzeit einige dunkle Geheimnisse des Staatsoberhaupts. Doch auch diese Episode endet erwartungsgemäß in einer Katastrophe. Allerdings ist diese Geschichte auch eine bitterböse Satire auf den Ex-Präsidenten George W. Bush junior und seine Mitstreiter Rumsfeld und Cheney. E.L. Doctorow hat nie eine Hehl daraus gemacht, dass alle seine Bücher politisch engagiert sind, denn:

"Das Leben ist politisch. Wir alle leben in einer Gesellschaft, besitzen eine Geschichte und sind politische Wesen. Selbst wenn ich als Einsiedler in einem unbekannten Teil der Welt lebte, wäre das eine politische Aussage oder etwa nicht? Ich meine, wir sind alle politisch, wir müssen es sein und unsere Bücher reflektierten das."

Vertrauen zum eigenen Ich ist zentrales Moment

Indem E.L. Doctorow seinen Protagonisten zum Kognitionswissenschaftler macht, verwischt er damit auch gleichzeitig die Grenzen zwischen Wahrheit und Fantasie. Immer wieder äußert Andrew selbst Zweifel an seinen Geschichten. Vielleicht sind sie ja nur seinem Gehirn entsprungen. Er entwickelt teilweise bizarre Ideen wie:

"Mein Verstand ist von Visionen, von Träumen durchsetzt und von den Handlungen und Worten von Menschen, die ich nicht kenne. Ich höre lautlose Stimmen, Phantome ragen aus meinem Schlaf und an der Wand auf, die bleiben dort hängen, zucken in ihrer Qual, winden sich in erkennbaren Verdrehungen des Schmerzes und schreien wortlos nach meiner Hilfe. Was tut ihr mir an!, rufe ich und falle zurück ins Bett, und dann starre ich die schwarze Decke an, und mein Zimmer ist ein verdunkeltes Kino, in dem gleich die nächste stumme Horrorvorstellung beginnt. Ich spreche von einer angeschlagenen Integrität. Ich kann das nur ertragen, indem ich hoffe, dass eine Wissenschaft dahintersteckt. Vielleicht trage ich in meiner Gehirnmassen die neuronalen Zeugnisse vergangener Zeiten mit mir herum... Wenn Sie so gefühllos sind wie ich, ... dann finden die schlafenden genetischen Mikrospuren früherer Zeiten vielleicht eine Gelegenheit, sich in Träumen auszudrücken."

Die Frage, die der Schriftsteller indirekt stellt, ist uralt: Wie können wir unseren Erinnerungen, unseren Gefühlen, unserem Verstand trauen. Mag sein, dass E.L. Doctorow, als er Andrew seine Erkenntnisse in dem Mund legte, nicht ganz auf der Höhe der wissenschaftlichen Forschung in den Kognitionswissenschaften war, wie einige Kritiker ihm ankreiden, doch das ist nebensächlich. Wir alle hüllen unsere Geschichten in ein Gewirr aus Dichtung und Wahrheit und wissen oft nicht, beides auseinanderzuhalten. So ist "In Andrews Kopf" ein kleiner, faszinierend facettenreicher Abschluss eines großen Schriftstellerlebens.

E.L. Doctorow
In Andrews Kopf, Übers. Gertraude Krueger , Kiepenheuer & Witsch Verlag Köln 2015, 208 Seiten, 22.90 Euro



 

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