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Seit 11:35 Uhr Umwelt und Verbraucher
StartseiteThemen der WocheDie Folge von Sorglosigkeit und Ignoranz18.10.2014

Ebola-AusbreitungDie Folge von Sorglosigkeit und Ignoranz

Die Ausbreitung des Ebola-Virus sei ein Fall klassischen Versagens - der afrikanischen Eliten ebenso wie der internationalen Gemeinschaft, kommentiert Peter Pauls vom "Kölner Stadt-Anzeiger" für den Deutschlandfunk. Werde jetzt nicht konsequent eingegriffen, drohe die Ausbreitung nach Asien und vielleicht sogar eine Mutation des Virus.

Von Peter Pauls, "Kölner Stadt-Anzeiger"

Ein Schild in Liberia warnt vor Ebola. In Westafrika sind bislang rund 3.000 Menschen an dem Virus gestorben. (AFP / Pascal Guyot)
Ebola ist real - diese Erkenntnis ist auch im Westen angekommen. (AFP / Pascal Guyot)
Weiterführende Information

Ebola-Ausbruch - Wissenschaftler haben Mühe mit der Rekonstruktion
(Deutschlandfunk, Forschung aktuell, 17.10.2014)

Ebola-Anhörung - Schwere Vorwürfe gegen US-Gesundheitsbehörden
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 17.10.2014)

Schutz vor Ebola - EU setzt auf Ausreisekontrollen in Westafrika
(Deutschlandfunk, Informationen am Abend, 16.10.2014)

Ebola in den USA - Die Lehre aus den Pannen in Dallas
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 16.10.2014)

Ebola in Liberia - Wie tröstet man Kinder, wenn man Angst hat, sie in den Arm zu nehmen?
(Deutschlandfunk, Informationen am Morgen, 15.10.2014)

Das Ebola-Virus hat eine lange Reise hinter sich und sie ist nicht nur in tausenden Kilometern Strecke zu zählen. Zwar kommt der Erreger aus dem Westen Afrikas und hat Europa und die USA erreicht. Doch ebenso gravierend ist die mentale Reise. Es hat verhängnisvoll viel Zeit gebraucht, bis Ebola in den Staaten des Nordens tatsächlich als das wahrgenommen wurde, was es ist: eine massive Bedrohung des Menschen, die gnadenlos jede Möglichkeit zur Infektion nutzt, die durch jede noch so kleine Sicherheitslücke schlüpft, die auf Ausbreitung angelegt ist.

Ebola ist nicht an ethnische Räume gebunden, wird nicht durch lokale Riten und den Verzehr exotischer Speisen übertragen. Die Bedingungen der Ansteckung sind klar zu benennen und sie gelten in Monrovia ebenso wie in Texas, Madrid, Berlin oder Helsinki. In Spanien infizierte eine Krankenschwester sich offenbar, weil sie beim Ausziehen der Schutzkleidung sich mit dem Handschuh durchs Gesicht wischte. Das jedenfalls wird gemutmaßt. Doch dass die Frau tagelang noch als wandelnder Infektionsherd andere Menschen gefährdete, ist nicht der Infizierten anzulasten. Der Vorgang spiegelt Sorglosigkeit und Ignoranz einer Welt, die die Erkrankung bisher systemisch dem Kontinent Afrika zugeordnet hat.

Europa ist in Angst

Teresa Romero wird folgender Satz zugeschrieben: "Ich fürchte, ich habe Ebola. Niemand sollte mich berühren." Da stand die Krankenschwester, die Arme verschränkt, im Eingangsbereich einer Klinik. Erst das war der Moment, als Ebola tatsächlich und in voller Gestalt in Spanien ankam. Oder besser: vollständig wahrgenommen wurde. Erst jetzt verbreitet sich, umso schneller indes, die Erkenntnis, dass Ebola grenzüberschreitend ist, nicht an Hautfarbe, Status oder Kontinent gebunden. Europa ist in Angst. Das sagen Umfragen. Das zeigt ein Blick auf Schlagzeilen. "Heimtückischer als die Pest" heißt es da, von einer "Gefahr für den Weltfrieden" ist die Rede oder einer "Katastrophe globalen Ausmaßes".

Ebola ist zu spät in den Köpfen der Politik und der Mächtigen angekommen. Etwa Barack Obama. Der US-Präsident erklärte die Krankheit jüngst zur Chefsache, versprach Westafrika 500 Millionen Dollar Hilfe und ließ die Kontrollen an den einheimischen Flughäfen schärfen. Das besagt nicht viel, denn vorher hatte es so gut wie keine gegeben. In Großbritannien wurde der Notfall geprobt, vermeintliche Kranke in Hospitäler gebracht, begleitet von Helfern in Uniform. Das behäbige englische Gesundheitssystem mag zu solchen Übungen Anlass geben. Doch zeigen Spanien und die USA, dass Sorglosigkeit und Unwissen ebenso der Ausbreitung dienen. Wie es in Deutschland aussieht? Unser Land sieht sich gut gerüstet. Gerne wird auf die 50 Betten in Sonderisolierstationen verwiesen, die über das Land verteilt sind. Aber was ist, wenn ein Kranker nicht als Kranker erkannt wird?

Ein Fall klassischen Versagens

Bereits im März hatte das westafrikanische Guinea einen ersten Ebola-Ausbruch gemeldet. Als "Ärzte ohne Grenzen" Alarm schlug, wurde der Organisation Panikmache vorgeworfen. Als sei der Rest der Welt gefeit. Das Virus konnte sich nach Liberia, Sierra Leone und Nigeria ausbreiten. Erst am 8. August - also fünf Monate, nachdem alles begonnen hatte - erklärte die Weltgesundheitsorganisation WHO die Epidemie zum internationalen Gesundheitsnotfall. Zu spät. Ein Fall klassischen Versagens. Der afrikanischen Eliten ebenso wie der internationalen Gemeinschaft.

Hilfe ist heute alternativlos. Liberia, das am stärksten betroffene Land, hat ein Gesundheitssystem, das diesen Namen nicht verdient. Es gehört zu den am wenigsten entwickelten Ländern der Welt. Die zehn Jahre seit dem Ende des Bürgerkriegs haben wenig daran geändert. Noch immer verfügt das im 18. Jahrhundert von befreiten US-Sklaven besiedelte Land über nur etwa 50 Ärzte für seine fast vier Millionen Menschen. An all dem hat die Staatschefin und Friedensnobelpreisträgerin Ellen Johnson Sirleaf wenig verändert.
Wird jetzt nicht konsequent eingegriffen, droht die Ausbreitung nach Asien. Viele Arbeiter in Westafrika stammen von dort. Oder auch nach Europa. Zwar ist die Seuche hier leichter einzudämmen. Forscher befürchten aber auch, dass das Virus - wenn es nicht bald zurückgedrängt wird - mutieren könnte. Und es so leichter übertragbar wird. Dann wäre Ebola tatsächlich mitten unter uns.

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