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EDIT

Erhältlich: Gerichtsweg 28, in 04103 Leipzig

Es gibt kaum einen Autor der Weltliteratur, der so sehr unter akutem Peinlichkeitsverdacht steht wie Hermann Hesse, der naturfromme Romantiker und spätberufene Buddhist aus dem nördlichen Schwarzwald. In den frühen siebziger Jahren war Hesse zum blind verehrten Kultautor aufgestiegen, dessen <em>Steppenwolf</em>-Roman und die <em>Siddhartha</em>-Legende weltweit als psychedelische Bibel gelesen wurden, mit Auflagen in Millionenhöhe. An seinem 125. Geburtstag ist der literarische Kurswert des erfolgreichsten Autors deutscher Sprache indes ins Bodenlose gefallen. Denn die einstige Identifikationsfigur gilt vielen Autoren und Kritikern der jüngeren Generation mittlerweile als Lachnummer, als komischer Kauz mit riesigem Strohhut, dessen seelenvolle Botschaften nur noch naive Geister begeistern können. Nur aus Respekt vor der unvergleichlichen Wirkungsgeschichte seiner Werke hievt man ihn in den derzeit virulenten "Kanon"-Rankings auf die ersten Plätze. Als man kürzlich den Schriftsteller Christoph Peters nach seinen Leseerfahrungen mit Hesses tragischer Schülergeschichte "Unterm Rad" fragte, erklärte er lapidar, er habe die Lektüre dieses kanonischen Werks nach zwei Seiten abgebrochen.

Michael Braun

Von ähnlichen Erfahrungen mit der Hesse-Lektüre berichtet nun die aktuelle Ausgabe der Leipziger Literaturzeitschrift EDIT. Hier hat man es riskiert, einige Stürmer und Dränger der allerjüngsten Autorengeneration nach ihrem Verhältnis zum Altmeister Hesse zu befragen. Erwartungsgemäß bekommt man ironische Distanzierungen und Schmähungen zu hören.

EDIT, das "Papier für neue Texte", ist ja seit Jahren unbestritten das literarisch einfallsreichste und ästhetisch neugierigste Periodikum für junge Literatur und wird daher auch ausgiebig von den Scouts der Großverlage als ergiebiges Findebuch für viel versprechende Literaturtalente genutzt. Den verdienten Lohn für diese literarische Pionierarbeit erhält die EDIT im Juli, wenn das regelmäßig wechselnde Redaktions-Team den Hermann- Hesse-Preis für Literaturzeitschriften in Empfang nimmt. Anlässlich dieser Ehrung sah sich EDIT zu ihrem Hesse-Experiment veranlasst. Eine ganze Schriftstellergeneration, so legt das Ergebnis dieser Umfrage nahe, hat sich von Hesse, der die intellektuelle Sozialisation so vieler heutiger Leser prägte, endgültig abgewandt. "Demian", "Siddhartha", "Steppenwolf" oder "Narziss und Goldmund" - diese Longseller will man nur noch als pubertäre Verirrung gelten lassen, als sentimentalischen Flankenschutz bei der Suche nach Identität. Bei der Frage nach der Aktualität Hesses, den immerhin noch Hugo Ball als "letzten Ritter aus dem glanzvollen Zuge der Romantik" verteidigt hat, fallen den jungen Autoren in EDIT nur vernichtende Urteile ein. "Narziss und Goldmund", so befindet etwa Katharina Hacker, ist ein "schwüler Schnulz und Wust". "Siddhartha", ergänzt Jochen Schmidt, sei "das langweiligste Stück Prosa". Ausgerechnet der wildeste Mundwerksbursche unter allen wilden Jungautoren, der Romancier Tim Staffel, entdeckt in Hesses "Demian" noch glühende Energien: "Zwanzig Jahre später wühlt die Lektüre in mir, als entzünde sie erloschene Feuer." Nach der Lektüre der "EDIT"-Statements bleibt nun offen, ob die markanten ästhetischen Defizite beim angeblich obsoleten Romantiker Hesse oder nicht vielmehr bei den forschen Jungautoren liegen.

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