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Édouard ManetDer erste moderne Künstler

"Manet. Eine symbolische Revolution" heißt eine jetzt auf Deutsch erschienene Arbeit des bereits 2002 verstorbenen Soziologen Pierre Bourdieu. Sie beschäftigt mal wissenschaftlich, mal fantasievoll mit dem französischen Maler, der in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts eine bis dahin unbekannte ökonomische, ästhetische und soziale Freiheit erreichte.

Von Fabian Granzeuer

Lesung von dem Soziologen und Philosophen Pierre Bourdieu im Audimax der Humboldt-Universität. (picture-alliance / dpa / Lautenschläger Max)
Lesung des 2002 verstorbenen französischen Soziologen und Philosophen Pierre Bourdieu im Audimax der Humboldt-Universität. (picture-alliance / dpa / Lautenschläger Max)
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War Édouard Manet also der erste freie und moderne Künstler? Dies bejaht Pierre Bourdieu laut und deutlich. Pointiert beschreibt er die Umstände, die Manets Werdegang im 19. Jahrhundert begleiteten und ermöglichten. Er nennt die Bedingungen für die revolutionäre Wirkung von Person, Werk und Rezeption:

"... damit die symbolische Revolution sich vollzieht, müssen die Hirne sich ändern: Die der Maler, die nicht fähig sind, sich eine Kunst ohne obersten Kunstrichter vorzustellen; die der Journalisten, die an den Traditionen einer rein literarischen Kunstkritik kleben; die des Publikums, das von einem Jahrhundert besuchter Salons geprägt ist. Die künstlerische Revolution ist ein Sprung ins Unbekannte."

Spätwerk mit sentimentalen Tönen

Bourdieu hat sich langsam mit Manet vertraut gemacht. Bereits in den späten 80er-Jahren begann er die Arbeit am Manuskript "Manet, der Häresiarch". Seine letzte Vorlesung, "Der Manet-Effekt", hielt Bourdieu bis zum März 2000 am Collège de France in Paris. Zwei Jahre später starb er. Ein Spätwerk also mit, für einen Soziologen, erstaunlich sentimentalen Tönen:

"Ich werde versuchen die Lebensbahn Manets zu rekonstruieren, die linear verläuft, eine Einbahnstraße ist wie unser aller Leben: Man kommt nie zweimal an derselben Stelle vorbei."

Wollte Bourdieu also eine Manet-Biografie verfassen? Sicher nicht. Denn er glaubte nicht an abschließende Urteile.

Seine Prinzipien: Zweifeln, immer auch an den eigenen Überzeugungen. Glaubenssätze in öffentlichen Diskussionen aufzeigen, Glaubenssätze in der Wissenschaft aufzeigen, in den Eliten, in den Verwaltungen - eigentlich überall.

Der Band "Manet. Eine symbolische Revolution" umfasst das Transkript von Bourdieus letzter Vorlesung, eine Zusammenfassung und außerdem das unvollendete Manuskript "Manet, der Häresiarch".

Manuskript und Vorlesung stehen in engem Zusammenhang. Lesen sollte man beides, auch die zwei beigefügten Kommentare. Die Zusammenfassung ist hingegen so kursorisch und beinahe entstellend, wie man es aus Vorlesungsverzeichnissen kennt.

Versuch einer Synthese

Eigentlich will Kunstsoziologie à la Bourdieu erklärterweise eine Übersicht liefern, eine Synthese bilden und dabei – so schreibt er – "alles vermischen". Dazu gliedert der Soziologe die überwältigende Materialsammlung zu Manet nach sogenannten Feldern: Literatur, Malerei, Theater, Kunst, Macht, Wirtschaft und weitere mehr.

Diese Felder seien wörtlich "soziale Universen" und sie sind – wir ahnen es – unergründlich. Der Grad ihrer Autonomie wandelt sich im Lauf der Zeit. Die Wechselwirkungen untereinander verschieben sich.

Mit diesem unsystematischen Verfahren kommt Bourdieu zu reichen Erkenntnissen. Mit, so wörtlich, "rationalem Eklektizismus" durchwühlt er die Felder, in denen sich Manet als Person bewegte und in die ihn die Nachwelt einsortierte.

Unter welchen Umständen konnte Manet also zum ersten modernen Künstler werden?

"Die Krise der akademischen Autorität und der geltenden Bewertungskriterien, die Vervielfachungen der zur Bewertung vorgelegten Werke [...], sowie die Proliferation der Etiketten und der diversen theoretischen Zugehörigkeiten, zudem die Vervielfachungen und die (reale oder vorgespiegelte) Professionalisierung der kritischen Artikel: Dies alles trägt in unterschiedlichem Ausmaß zur Emergenz eines neuen Raums und einer neuen Figur bei: [der] des Künstlers."

Ein neues Feld

Ein Mann steht vor dem Ölgemälde "Le Déjeuner sur l'herbe (Das Frühstück im Grünen)" aus dem Jahr 1863 von dem französischen Künstler Édouard Manet. (Imago/ UPI Photo)Ein Mann steht vor dem Ölgemälde "Le Déjeuner sur l'herbe (Das Frühstück im Grünen)" aus dem Jahr 1863 von dem französischen Künstler Édouard Manet. (Imago/ UPI Photo)

Hier ist nach Bourdieu ein neues Feld entstanden. Das ist die symbolische Revolution. Bedingung war Manets Position in einer Vielzahl von bereits bestehenden Feldern.

Das bedeutet: Das staatliche Salonsystem geriet unter Druck: Manet konnte dennoch ausstellen.

Das Akademiesystem, also das System der Ausbildung, erodierte: Manet aber war ausgezeichnet akademisch ausgebildet und konnte einen malerischen Weg zwischen den dilettantischen Klecksern, den Impressionisten und den "artistes pompiers" finden.
Das Feld der Kunstkritik entstand und Manet konnte sowohl radikale Verrisse und Attacken verzeichnen, als auch größte Anerkennung. Hier nimmt Bourdieu eine Neubewertung vor:

"Unter den Faktoren, die für den Erfolg des Manetschen Unternehmens verantwortlich waren, dürfte [...] auch der Umstand zählen, dass er sehr gut reden konnte, nicht zuletzt über seine eigene Malerei, jedenfalls so gut, dass drei bedeutende Schriftsteller ihm zuhörten: Zola, Mallarmé und Baudelaire."

"Ich will hier nicht Gelehrsamkeit um der Gelehrsamkeit willen treiben, aber mit dem Gerede "Manet wurde von der Kritik verhöhnt" muss Schluss gemacht werden, denn das traf nicht auf die Kritik generell zu."

So lässt sich Bourdieu weder Legendenbildung noch Heldenverehrung vorwerfen. Dazu betreibt er seine Feld-Analysen zu überzeugend; dazu ist er mit seinem Urteil zu Manet und seiner Malerei gerade vorsichtig genug.

Spürbar mit Spaß bei der Sache

Und der Soziologe war bei aller Umsicht und Genauigkeit auch spürbar mit Spaß bei der Sache. Helle Freude hatte er daran, sich über Seiten die Entstehung von Manets ikonischem Werk "Frühstück im Grünen" vorzustellen. Gespielt-naiv und kenntnisreich zugleich. Sein Fazit:

"Die Übung, die ich gemacht habe, ist ein bisschen verrückt und riskant. Ich habe es nicht gut gemacht, weil ich mich geniert habe und weil ich nicht ganz die erforderliche Kompetenz habe, aber es gibt Leute, die Manet sehr viel besser kennen als ich [...]. Das Problem ist, sie kommen nicht auf die Idee, es zu tun."

Bourdieus Methode zwischen Fantasie und Wissenschaftlichkeit trifft den Kern der Moderne. Wo gesellschaftliche Autoritäten schwinden, da stehen neue schon bereit. Diese historische Transformation – mit Manet in ihrem Zentrum – sie ist noch heute ein Gewinn.

Pierre Bourdieu: "Manet. Eine symbolische Revolution", übersetzt von Achim Russer und Bernd Schwibs, Suhrkamp Verlag 2015.

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