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StartseiteBüchermarktEgomania03.02.2004

Egomania

Christine Angot kreist wieder einmal um sich selbst

Das Leben zu meistern, ist ein Handwerk, eine Fähigkeit, die einem gegeben ist oder nicht. Christine Angot kämpft um diese Fähigkeit und auch darum, ihre eigene Vergangenheit zu bewältigen. Menschen wie Christine Angot suchen sich Instrumente, um ihre Lebenskrisenzu überwinden. In ihrem neuen Roman <em> Warum Brasilien </em> geht es wie in allen Angot-Romanen vor allem um Christine Angot selbst. Sie betrachtet und analysiert sich, wie unter einem Mikroskop liegend. Im freudschen Sinne nimmt sie sich als `sujet Angot`-Subjekt Angot: Ein Subjekt, das beobachtet wird und gleichzeitig andere beobachtet. Auch in <em> Warum Brasilien </em> konfrontiert die Autorin ihre Leser mit einer Welt aus Kindheitstraumata, Verlustängsten, Beziehungskisten und Schwächen. Angots Prosa ist ein hermetisch abgeschlossenes `Ich-Universum`, das mit der Spiegelung der eigenen Befindlichkeiten ständig beschäftigt ist.

Claudia Cosmo

Lisa Zeidner, "Zwischenstop", Coverausschnitt (Suhrkamp)
Lisa Zeidner, "Zwischenstop", Coverausschnitt (Suhrkamp)

Ich war so unerträglich müde, und ich konnte nicht mehr...ich fand keinerlei Halt mehr...ich schlief nicht ausreichend...ich hatte keinerlei Energie mehr, ich war kaputt. Wenn man zu mir sagte: `Ruh dich aus`, sagte ich mir: wissen die eigentlich, was das bedeutet, ausgelaugt? Aus-ge-laugt. Ausgelaugt. erschöpft...und ich habe mich gefragt wie ich standhalten würde...es gibt so viele Leute, die zusammenbrechen...die Leute sind vom Handwerk des Lebens erschöpft, wenn dieMechanik klemmt, dann brechen sie zusammen. Ich brach permanent zusammen...Meine Reserven zu diesem Zeitpunkt, das war die Energie, die ich in `Die Stadt verlassen´ gesteckt hatte, das war es woraus ich schöpfen würde...es ging darum es vernünftig zu nutzen, zur rechten Zeit, ausgesprochen konzentriert...wenn das das Handwerk des Lebens war, dann konnte ich eben nicht...Zu dieser Zeit, Ende August schwankte ich zwischen dem Wunsch zu verschwinden...und der Suche nach einer Zweizimmerwohnung...

In Warum Brasilien beschreibt Christine Angot einen Schwebezustand: Sie erzählt von Kur-Aufenthalten, erfolglosen Versuchen, ein neues Buch zu beginnen und von ihrem Umzug von Montpellier nach Paris. Während Christine Angot eine neue Bleibe in der Hauptstadt sucht, verbringt Angots Tochter Léonore die Ferien bei ihrem Ex-Mann Claude. Auf sich alleine gestellt, versucht Christine Angot ihre Einsamkeit zu bekämpfen. Sie bewegt sich in höheren Pariser Kreisen, diniert mit Schriftsteller-Kollegen wie Frédéric Beigbeder und hangelt sich von einer Lesung zur anderen. Während eines Abendessens lernt sie den Journalisten Pierre Louis Rozynès kennen und verliebt sich in ihn. Beide, Angot und Rozynès sind jüdischer Herkunft. Pierre, so heißt auch der Vater der Autorin, mit dem sie als 14jährige ein inzestuöses Verhältnis hatte. Christine Angots Prosa ist eine `écriture circulaire`, eine ewige Wiederkehr und Variation von Motiven, Personen und Ereignissen. Gleichwohl ändert sich in jedem Buch die Perspektive: Erfährt man in `Inzest` lediglich über die Existenz einer schriftlichen Korrespondenz zwischen Christine Angot und ihrem Vater, so tauchen in `Warum Brasilien´ die Briefe von ihrem Vater auf. Darin entpuppt sich der Vater als Machtmensch, der seiner Tochter Liebesbriefe schreibt. In einem der Briefe erschließt sich auch die Bedeutung des Romantitels.

Liebe kleine Christine, es ist sicher, dass uns inzwischen ein unsichtbares Band verbindet, dass nicht reißen kann. Ich habe viel Zeit, um an Dich zu denken. Warum Brasilien? Vielleicht, weil dies ein Land ist, dessen ganzer Reichtum in der Zukunft liegt, wie bei Dir, der die Welt gewidmet ist.

Doch empfindet Christine Angot dies keineswegs so. Die Beziehung zu Pierre bietet kaum Trost. Sie ist geprägt von Enttäuschungen, Terroranrufen, Machtkämpfen und auch durch körperliche Gewalt. Bei ihrem Versuch, Worte für ihr Leid zu finden, greif die Autorin zu kühnen Vergleichen.

Emmenez-la! -Macht, das sie verschwindet! Eines Tages würde man mich abschleppen. Aber nicht ins Land der Liebe. Man würde mich in die Gaskammer schleppen, Ja. Das war es, was mich erwartete, wenn es so weiterging. Gaskammer. Die Erotik war genau das. In meinem Fall war die Erotik die Gaskammer.

Warum Brasilien ist als Konversation mit dem Leser gedacht. Doch entpuppt sich der Roman als innerer Monolog, angelehnt an die `écriture automatique´ der Surrealisten. Sie spielt mit dem Klang der Worte bis sie einen eigenen Rhythmus ergeben.

In dieser Woche waren wir bei einem Diner eingeladen...Die Dialoge verliefen folgendermaßen: ´Wie mein Glas nehmen, piquer mon verre?
-Picasso, pic ton verre, nimm dein Glas. pic assiette, nimm`s von allen Tellern. -Pic ta mère, nimm deine Mutter.
-Was machen wir nach dem Essen?
-Schwing deinen Body auf den dancefloor, baby.
-Nie wurde jemand heftiger angegriffen als Cocteau.`
-So eine schöne Investmentbank, eine wirklich schöne Bank. Eine schöne Bank. Une belle banque, une
banque tellement belle...


Warum Brasilien fordert den Leser heraus. 'Warum Brasilien´ ist nach `Inzest´ und `Die Stadt verlassen´ das dritte Glied innerhalb der Angot´schen Kausalkette: Die Vergangenheit prägt die Gegenwart und macht es unmöglich, an die Zukunft zu denken.

Stellenweise scheint es allerdings, dass Christine Angot doch zu sehr vom eigenen Schicksal fasziniert ist. Verbissen sucht sie nach einem originellen sprachlichen Ausdruck. Diese Verbissenheit ist es, die den Leser gefangen nehmen sollen. Am Ende bietet der Roman aber keine fesselnde Lektüre.

Christine Angot: Warum Brasilien?
Tropen Verlag, 201 S., EUR 17,80

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