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StartseiteBüchermarktEhebruch und Amoklauf29.07.2009

Ehebruch und Amoklauf

Wally Lamb: "Die Stunde, in der ich zu glauben begann", Pendo

Der amerikanische Bestsellerautor Wally Lamb wurde mit den Romanen "Die Musik der Wale" und "Früh am Morgen beginnt die Nacht" bekannt. Nun hat er in seinem neuen Buch eine fesselnde Geschichte um einen betrogenen Ehemann und seine Frau, die zur Zeit des Amoklaufs an der Columbine Highschool in Littleton arbeiten, entworfen.

Von Thommie Bayer

Die beiden Amokläufer von Littleton (AP Archiv)
Die beiden Amokläufer von Littleton (AP Archiv)

Wer sich vor dicken Büchern fürchtet, wird um dieses einen Bogen machen - "Die Stunde, in der ich zu glauben begann" von Wally Lamb hat 744 Seiten - aber wer den Autor kennt, weiß, dass von ihm nichts Schlankeres zu erwarten war, und kann auch davon ausgehen, dass es sich lohnen wird, ein paar komplette Urlaubstage oder so ziemlich jeden Abend eines halben Monats darauf zu verwenden.

Caelum Quirk, der mittelalte Ich-Erzähler, wird eines Abends telefonisch darauf hingewiesen, dass seine Frau Maureen ihn betrügt. Statt im Fitnesstudio beim Tai-Chi verbringt sie den Abend mit einem Kollegen im Hotel. Quirk reagiert, wie man es erwarten kann: Er stellt sie zur Rede, wirft mit Essen um sich, tobt und rast, bis sie die beiden Hunde nimmt und nach draußen in die Winternacht verschwindet.

Anstatt sie zu suchen, setzt er sich selbst ins Auto und schlittert über die eisglatten Straßen zum Haus ihres Kollegen, dem er im Affekt zwar aber dennoch treffsicher eine zufällig greifbare Rohrzange an den Kopf wirft - was ihn einerseits vor Gericht und zur Besinnung bringt, aber andererseits auch als Lehrer an der örtlichen Highschool unmöglich macht.

Maureen, die auf ihrer Flucht vor ihrem tobsüchtigen Ehemann einen Unfall hatte, trennt sich von Caelum - er zieht aus und überlässt ihr die Wohnung, und die Ehe scheint am Ende. Doch wider Erwarten entdecken beide nach einiger Zeit einen sie selbst überraschenden Mut zum Durchhalten, telefonieren miteinander, nähern sich behutsam wieder an, beginnen eine gemeinsame Therapie und geben schließlich ihrer Ehe eine neue Chance, indem sie weit weg ziehen. Nach Colorado. In einen kleinen Ort, an dem Caelum als Lehrer und Maureen als Krankenschwester an der dortigen Highschool unterkommen.

Ein Schatten huschte über den Teppichboden, und ich hob den Blick. "Caelum?", sah ich sie fragen. Sie hielt ein Korbtablett mit zwei Gläsern Rotwein und einer brennenden Kerze. Ich beobachtete, wie der Wein in den Gläsern schwappte, während sie auf eine Antwort wartete. Die Kerze duftete nach irgendeinem Gewürz. Damals stand sie auf Enya und Aromatherapie.

Ich hob meinen Kopfhörer an. "Ja, in ein paar Minuten", sagte ich. "Ich lasse die Hunde raus und seh mir noch kurz die Nachrichten an, dann komme ich rauf."

Enttäuscht und mit hängenden Schultern drehte sich Maureen mitsamt dem Weintablett um und ging die Treppe hoch. Selbst von hinten konnte ich sehen, was in Mo vorging, aber sehen und reagieren ist zweierlei. "Starrt nicht bloß auf die Buchseiten", ermahnte ich meine Schüler immer wieder, "Versetzt euch in die Figuren hinein. Lebt in dem Buch." Und sie hockten da und glotzen mich an wie ein außerirdisches Wesen vom Planeten Belanglosigkeit.

Maureen ist meine dritte Ehefrau, mein letzter Versuch und, soweit ich weiß, die einzige der drei, die mich je betrogen hat. Diese brennende Kerze auf dem Tablett war eins der Zeichen, die wir uns damals in Connecticut ausgedacht hatten, 1994, während der demütigenden Paartherapie - sieben Sitzungen, die wir uns verschrieben hatten, nachdem Maureens Fickorgien mit Paul Hay im Courtyard Marriott ans Licht gekommen waren.


Das Zeichen mit der Kerze bedeutete "Liebe mich, sei nah bei mir, umarme mich" - Caelum schafft es nicht, darauf zu reagieren. Er schaut sich noch ein Baseballspiel an, dann die Late Show von David Lettermann, er holt sich noch ein Bier und noch eins aus dem Kühlschrank und schläft irgendwann auf dem Sofa vor dem Fernseher ein.

Der kleine Ort in Colorado heißt Littleton, und es ist die Columbine Highschool, an der sie beide Arbeit gefunden haben.

Noch am Morgen des Tages, an dem Maureen vergeblich die Kerze anzündete, sprach Caelum mit den Schülern Harris und Klebold, die noch normale Jungs zu sein scheinen, von denen niemand annehmen konnte, dass sie wenige Tage später zu entsetzlichem Weltruhm gelangen würden.

Zu diesem Zeitpunkt ist Caelum in Connecticut, um seine Tante zu beerdigen, und Maureen versteckt sich in der Bibliothek der Schule in einem Schrank, wo sie in Todesangst mit anhören muss, wie die beiden Amokschützen ihren Auftritt genießen.

Über den Feueralarm hinweg hörte sie, wie die beiden alle Schüler verspotteten, wie sie ihre Opfer lächerlich machten, ehe sie sie erschossen. Es war, als würde jede Kugel durch sie hindurchgehen, sagte Mo. Sie war davon überzeugt, dass sie sie finden würden. Sie war sich sicher, dass sie sterben würde - dass dieser Schrank ihr Sarg werden würde.

Die Luft stank nach Schießpulver und Benzin. Wenn sie weinen könnte, würden ihre Augen nicht mehr so schrecklich brennen, aber aus Angst, sich zu verraten, wagte sie es nicht, ihren Tränen freien Lauf zu lassen. Dann wurde die Tür zum Pausenraum aufgestoßen, und sie dachte, jetzt ist es aus mit mir. Eine Schrotladung wurde abgefeuert, sie hörte, wie erst am Ende des Raums Dinge zerbarsten und zersplitterten, dann über und neben ihr.

"Los, wir gehen in die Cafeteria", schrie einer der beiden, worauf der andere, der ganz in der Nähe stand, erwiderte, er habe noch etwas zu erledigen. Er will mich töten, dachte Maureen. Er wird mich töten, und dann werden sie gehen. Sie hörte ein lautes Krachen, als würden Möbel zerschlagen. Danach hörte sie lange Zeit nur noch die Alarmsirene.


Das Trauma ist das Thema und der Dreh- und Angelpunkt dieses Buches. Wie findet man zurück in das Leben eines normalen Menschen, nachdem man eine solche Auslöschung bei lebendigem Leib und wachem Bewusstsein erlitten hat?

Wally Lamb schafft es, uns über fünfhundert Seiten in einer Mischung aus Schmerz und Mitgefühl, an diese Geschichte zu fesseln, indem er immer auch Hoffnung, Mut und Vertrauen aufleuchten lässt. Seine Figuren sind durch und durch normale Menschen, aber die Nähe, in die er sie uns rückt, lässt sie keinen Moment banal auf uns wirken. Dazu passt die reportagenartige Sprache und das helle Licht, in dem alles steht, was er beschreibt.

Leider macht er nach starken fünfhundert Seiten noch ein zweites Fass auf - er lässt Caelum in seiner eigenen Familiengeschichte graben, wodurch er uns aus der Teilnahme am Schicksal Maureens für eine ziemlich lange Strecke entlässt. Das ist schade. Das Buch ist dennoch sehr, sehr lesenswert und sei hiermit eindringlich empfohlen.

"Die Stunde, in der ich zu glauben begann" von Wally Lamb hat 744 Seiten, ist erschienen im Pendo Verlag und kostet 22 Euro und 95 Cent.

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