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StartseiteBüchermarktEheleben06.08.2002

Eheleben

Aus dem mexikanischen Spanisch von Petra Strien

Jacqueline Cascorro und Nicolás Lobato, beide dem mexikanischen Mittelstand entstammend, gaben sich einst zu ihrer Hochzeit wie alle Ehepaare das Versprechen, einander zu lieben und zu ehren, bis dass der Tod sie scheide. Während Nicolás, ursprünglich Erbe eines kleinen Eisenwarenladens, zum angesehenen Hotelbesitzer avanciert, nimmt Jacqueline an kunstbeflissenen Zirkeln teil, um sich von der, auch intellektuell gesehen niederen gesellschaftlichen Schicht abzusetzen, aus der sie kommt.

Martin Grzimek

Ganz im Sinne unseres Klischees von lateinamerikanischer Lebensweise ist Nicolás natürlich ein hintertriebener Macho und Schürzenjäger, während seine Frau in einer zur Dekadenz neigenden Scheinwelt vor sich hin träumt. Aber unter dieser Oberfläche brodelt es. Jacqueline kann ihrem Mann seine Seitensprünge ebensowenig verzeihen wie sich selbst ihre Halbbildung. Aufgestachelt von abgrundtiefem Hass auf den Emporkömmling Nicolás, geschieht es an ihrem siebten Hochzeitstag, dass sich für Jacqueline das ganze Leben ändert "in einem Moment", wie es gleich zu Beginn des Romans heißt, "in dem sie gerade ein Krabbenbein knackte und hinter ihrem Rücken einen Sektkorken knallen hörte. Da verfiel sie plötzlich auf einen Gedanken, der sie von nun an immer wieder heimsuchen sollte; und so entwickelte sich Jacqueline zu einer Frau mit sehr üblen Gedanken." Wahrscheinlich war es kein Krabben- sondern eher ein Krebs- oder Langustenbein, das da knackte, aber sie wird von nun an alles daran setzen, sich an dem sie unentwegt betrügenden Ehemann zu rächen, das heißt: ihn zu ermorden, oder besser, durch ihre Liebhaber ermorden zu lassen.

Unglücklicherweise scheitern aber all die auf ein dreißigjähriges Eheleben verteilten Anschläge und zurück bleibt eine zerstörte Frau, die unter ständigen Depressionen leidet und sich immer mal wieder für Wochen oder auch Monaten in einer psychiatrischen Klinik wiederfindet. Am Ende wird zwar auch Nicolás, wie könnte es anders sein, als Hochstapler und Bankrotteur entlarvt und Jacqueline muss ihre letzten Jahre im Rollstuhl verbringen, es ist aber abzusehen, dass die beiden tatsächlich erst der natürliche Tod scheiden wird.

Sergio Pitol, der Verfasser dieser schwarzen Komödie, hat den Roman vor mehr als zehn Jahren in Mexiko veröffentlicht; bei uns ist der Autor, der in einem Atemzug mit seinem berühmten Landsmann Carlos Fuentes genannt wird, erst noch zu entdecken und man darf sich fragen, warum dies nicht längst geschehen ist. Zumindest in diesem Buch beweist er erzählerische Souveränität und dramaturgisches Geschick, die seine Lektüre zum kurzweiligen Vergnügen werden lassen und ein heiteres Leseerlebnis bescheren. Vorausgesetzt, man begnügt sich damit, artistische Darstellungsweise höher zu bewerten als den Gehalt der Geschichte. Wer sich an der Kunst des Erzählens berauschen möchte, kommt bei Pitol auf seine Kosten.

Jacqueline etwa wird in den Phasen ihres misslungenen Lebens so facettenreich, ironisch und zugleich als tragikomische Figur nachvollziehbar dargestellt, dass man sie regelrecht vor Augen sieht oder sehen will. Kein Wunder also, dass der Erzählstoff schon zwei Jahre nach Erscheinen des Buches in Mexiko verfilmt wurde.

Pitol weist gleich zu Beginn auf die Quellen hin, aus denen derartige Ehegeschichten sprudeln. Es ist der französische Roman des 19. Jahrhunderts. Pate steht allen voran Balzac. Da mag man sich also in den Verlagen gefragt haben, warum sollen wir uns nun von einem Lateinamerikaner noch einmal erzählen lassen, was wir aus der klassischen europäischen Literatur als Konfliktstoff zur Genüge kennen, nämlich die Geschichte der frustrierten Ehefrau, die sich betrogen fühlt und andererseits ihren Mann betrügt, letztendlich also ebenso dumm dasteht wie er. Interessant ist an einer solchen Figur vor allem die Planung des Verbrechens. Die Tat selbst, wäre sie erfolgreich, also der Gattenmord, würde der hysterischen Psychologie dieses Ehelebens den Reiz nehmen und schließlich den Polizeikommissar auf die Bühne holen, der jegliche Artistik zum Klamauk werden ließe, insofern er den Fall irgendwann im Handumdrehen löst.

Das alles weiß natürlich auch Pitol, der sich auch als Übersetzer in der Weltliteratur bestens auskennt. Im Falle seines Buches "Eheleben" vielleicht zu gut. Ist uns einmal das Strickmuster der Erzählung bekannt - und mag es auch noch so gut und burlesk eingefädelt sein - erwarten wir mehr als die kunstvolle Vollendung. Vor allem ist unklar, was ein solcher Roman der Seitensprünge, der Intrigen und daraus erwachsenden Mordgelüste mit Mexiko zu tun hat. Yucatan und Cozumel, Namen touristischer Ziele, dienen als reine Staffage, und Mexiko-City selbst, wo der Hauptteil der Geschichte spielt, erleben wir an keiner Stelle atmosphärisch, sondern immer nur in der Benennung wechselnder Stadtteile. Rätselhaft und interessant sind die Protagonisten allein deswegen, weil Sergio Pitol sie wie Marionetten durch die Kulissen führt. Darauf hat Antonio Tabucchi in seinem in Paradoxen spielenden Nachwort hingewiesen. "Pitol zu lesen", schreibt er, "verlangt eine ständige Wachsamkeit hinsichtlich unserer angeblichen Fähigkeit, die Rätsel des Lebens zu entschlüsseln." Wo aber, darf man fragend einwenden, findet dieses Leben statt? Dort, ließe sich antworten, wo Pitol es vor unseren Augen inszeniert: in einem Kunstraum der Irrungen und Wirrungen, von Liebe und Hass, Eifersucht und Rache, Intrigen und Verleumdungen, kurz: in einem Schauspiel des Lebens, dem wir applaudieren, wenn es ihm gelingt, uns an der Nase herumzuführen. Danach sind wir uns wieder selbst überlassen. Wer solches Theater mag, ist mit Pitols "Eheleben" bestens bedient.

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