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StartseiteKultur heuteEifersucht mit Todesfolge27.02.2006

Eifersucht mit Todesfolge

Matthias Hartmann inszeniert Shakespeares "Othello" in Zürich

Das Stück beginnt ganz langsam und zögerlich. Die Zuschauer sitzen in einer Art Forum um eine nackte, rechteckige Spielfläche herum; Schauspieler kommen auf die Bühne und erzählen von ihren Vorbereitungen auf den "Othello", den Schwarzen, den Mohren, den Neger, darf man das sagen, dass die anders sind, oder ist das schon rassistisch? Ganz vorsichtig und aufgeklärt werden Klischees über schwarze Menschen durchgenommen, und am Ende steht Gottfried Breitfuß, der Darsteller des Brabantio, des Vaters der Desdemona, allein auf der Bühne und schreit: "Gerade jetzt bespringt ein geiler schwarzer alter Bock mein weißes junges Lamm".

Von Christian Gampert

Das ist von Shakespeare, und dieser ganze erste Teil ist beinahe genial - weil der Regisseur Matthias Hartmann zeigt, wie sich aus Alltagshandeln Theater entwickeln lässt, eine Figur, ein Problem. Brabantio will dem Mohren die Tochter nicht lassen, und es wird nun coram publico verhandelt, ob die Eheschließung rechtens war oder nicht. Die Desdemona der Mira Bartuschek ist ein frisches Mädchen, ein im Wortsinne reizender Backfisch; ihr Vater ist ihr ein bisschen peinlich, mit einem naiven Staunen ist sie zum Othello hingezogen. Die Schauspieler sitzen im Publikum, neben uns, und gehen zum Rededuell hinaus auf die Fecht-Planche, alles ist ganz privat und dann auf einmal doch öffentlich, und in diesem halboffiziellen Slang erzählt dann ein verdruckt-wortgewandter Mensch im Pullunder, Jago, dass er aus kleinen Verhältnissen stamme und bei einer Beförderung übergangen wurde.

Michael Maertens wirkt in der Rolle so, als könne er alles und jedes einfach wegmoderieren, wie der ausgebuffte Anchorman eines Politik-Magazin jede Ungerechtigkeit der Welt beklagen und gleichzeitig schulterzuckend hinnehmen - und er sagt dann den entscheidenden Satz: "Ich bin nicht, was ich bin". Darum geht es: wer hier was ist, und was er zu sein scheint. Es geht um die Abgründe von Figuren, ihre verborgenen Motive, um Innen und Außen, um Taktik, Ernst und Spiel. Der Othello des famosen Oliver Stokowski ist natürlich nicht schwarz, sondern weiß wie wir alle; er ist nur schwarz gekleidet, ein dezent militärisch anmutender Dress-Code aus dem nächsten Kaufhaus, und seine Ausgrenzung ist eine andere, eine soziale. Dieser Othello ist ein Mann der Verlässlichkeit und Stärke in einer venezianischen Kultur, die auf Lobbyismus und Intrige baut - und so einer ist verdächtig.

Dies zu zeigen, ist hilfreich und gut - und langsam könnte jetzt das Shakespeare-Stück anfangen. Aber Shakespeare kommt nicht. Der Regisseur Matthias Hartmann macht einen kapitalen Fehler: er lädt, als die türkische Flotte vernichtet und man glücklich in Zypern gelandet ist, das Publikum zu Sekt und Bier ein. Er macht Party. Er biedert sich an. Er fraternisiert. Der Irrglaube, dass man das Publikum im Theater beteiligen und verköstigen muss, dass man es da abholen muss, wo es ist, nämlich im Sumpf des Alltags, bringt Hartmann auch dazu, von Shakespeare nur bröckchenweise Text zu nutzen, meist für den Othello, und das Stück ansonsten im Dummdeutsch der Fernsehserie nachzuerzählen. Besonders der Thekensound des Moderators Jago wirkt nach einer Weile nervend und in seiner scheinbaren Lässigkeit auch gestellt. Der Jugi-Jargon des zappeligen Rodrigo, der ständige Rückgriff auf Fäkalsprache und Füllsel demontieren das Stück. Einmal übersetzt der Jago des Michael Maertens sogar Shakespeare-Sätze ganz explizit in heutiges Deutsch. Will sagen: Matthias Hartmann traut uns Shakespeare nicht zu.

So nimmt die Katastrophe ihren Lauf. Maertens und Oliver Stokowski als Othello entwickeln zwar mikroskopisch genau die Entstehung eines Brachialgefühls wie der Eifersucht, Hartmann setzt ein paar schöne Demütigungs-Codes (ein Wangetätscheln wird zu einer halben Ohrfeige) - aber letztlich zeigt man über zwei Stunden nur Jagos Taschentuch-Intrige und ihre Folgen. Über die Abgründe des Bösen erfährt man nichts. Selten hat man so gute Schauspieler so leer laufen sehen: sie haben keinen Text. Als Übersetzer (in Anführungszeichen) ist im Programmheft Wolfgang Swaczynna angegeben. Das ist natürlich ein Fake: in Wahrheit will Matthias Hartmann besser sein als Shakespeare - er hat ihn mundtot gemacht.

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