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StartseiteBüchermarktEigenartig androgyn11.01.2007

Eigenartig androgyn

Siri Hustvedt erforscht die geschlechtliche Identität

Sie ist das Mädchen vom Lande, aufgewachsen in Minnesota, wo aus Skandinavien stammende Einwanderer ein geregeltes Leben zwischen amerikanischem Provinzialismus und norwegischem Protestantismus führen. Als Studentin kommt sie nach New York, erleidet dort den unvermeidlichen Kulturschock und weiß dennoch sofort, dass dieser Schritt weg von der heimischen Geborgenheit zu ihrem eigentlichen Selbst hinführt.

Von Florian Felix Weyh

Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York (AP Archiv)
Das Schriftstellerehepaar Siri Hustvedt und Paul Auster in New York (AP Archiv)

Sie ist zwar das Mädchen vom Lande, doch zugleich ist sie mehr: nicht nur ein Mädchen und nicht nur vom Lande. Ihr unruhiger, brillanter Intellekt wird schon von der Weltliteratur gefesselt, während ihre Mitschülerinnen noch um die Karriere als Cheerleader bangen, und ihre geschlechtliche Identität mag sich nicht mit dem vorgezeichneten Rollenprofil der amerikanischen Hausfrau begnügen. "In meinen Träumen", schreibt Siri Husvedt, "bin ich manchmal ein Mann" - und Träume sind dazu da, ausgelebt zu werden, zumindest auf dem Papier.

Die Literaturwissenschaftlerin, Autorin und nebenbei Gattin des Schriftstellers Paul Auster hat erstaunliche Belletristik veröffentlicht, in der Männerfiguren oder männlich maskierte Frauen auf faszinierende Weise reden und agieren, nämlich zugleich authentisch männlich wie eigenartig androgyn. Auch als Essayistin verfolgt sie dieses Grundthema. Fast jeder der verstreut erschienenen, nun auf Deutsch unter englischem Titel "Being a Man" gebündelten Aufsätze streift irgendwann die Frage der geschlechtlichen Identität.

Zugleich geht es aber immer auch um Grenzüberschreitungen und Lebenserfahrungen am Rande der psychischen Krise, zumindest aber um die Unsicherheit aller vertrauten Lebensverhältnisse. Gerade dies, der schrankenlos private, ja intime Zugriff auf eigenes Material macht die Texte selbst dort aufregend, wo ihr eigentlicher Gegenstand aus hiesiger Sicht ziemlich abseitig wirkt. Wer etwa kennt Franklin Pangborn, einen Hollywoodschauspieler der 40er-Jahre, dessen Präsenz sich auf wenige Filme beschränkt, in denen der Typus des steif-korrekten wie verklemmt-geizigen Kleinbürgers gefragt war. Siri Hustvedt beschreibt ihn mit liebevoller Genauigkeit und findet in diesem Portrait eines Kunstcharakters, der auf der Unveränderbarkeit eines Schauspielers beruhte, genügend Ansatzpunkte zur Selbstreflexion, etwa den "Pangborn'schen Aspekt" ihrer Persönlichkeit: einen "vollkommen irrationalen Willen zur Form." Daran schließt sich eine Exkursion über Schmutz und Sauberkeit an, die wiederum in ästhetischen Kategorien gipfelt. Zitat: "Ich räume auf und mache sauber, weil ich gern die Umrisse jedes Objekts um mich herum deutlich erkenne, und weil ich in meinem häuslichen Leben gegen Ungenauigkeit, Zweideutigkeit, Wirbelstürme und Verfall (wenn nicht gar Krankheit) ankämpfe."

Ob sie über Franklin Pangborn, Henry James, Charles Dickens oder den 11. September schreibt - stets regiert das Prinzip, im Vorgefundenen das Eigene zu erforschen, zu bewerten und manchmal zu verwerfen. Genau dies, die subjektive und damit unwissenschaftliche Umgangsweise mit Literatur, Film und Geschichte macht die Essays so attraktiv. An manchen Stellen gerinnen sie beinahe zu Tagebuchnotizen, die auch Leser von Klatschpostillen interessieren könnten - wie etwa Siri Hustvedt ihren späteren Mann Paul Auster auf einer Lyriklesung kennen gelernt hat und von ihm nach einer durchdiskutierten Nacht in den Arm genommen wurde: "Dann küsst er mich, und es ist der beste Kuss der Welt."

Gewiss, man könnte die Schlüssellochperspektive einer berühmten Künstlerfamilie - auch die Tochter Sophie Auster hat als sechzehnjährige Sängerin früh ihre erste Meriten erworben - etwas anrüchig finden, wäre das alles nicht so gut geschrieben. Grob gefasst, lässt sich das Genre des Essays in zwei Fraktionen einteilen: In diejenigen Texte, die etwas wollen - nämlich Wissen verbreiten -, und diejenigen, die etwas vermögen: nämlich den Leser in ein gleichermaßen erzähltes wie durchdachtes geistiges Reich mitzunehmen.

Siri Hustvedts Buch gehört glücklicherweise zur letzteren Fraktion. "Being a Man" liest sich wie ein Band mit Geschichten, deren Essenz darin besteht, dass man über Geschlechterrollen und Träume von Grenzüberschreitungen auch schreiben kann, ohne je in den Jargon der gemeinen Gender-Debatte abgleiten zu müssen.

Für Hustvedt- wie für Auster-Fans ist das ein Muss, für andere die Aufforderung, eine Autorin zu entdecken, die über sich selbst sagt: "Ich war eine brave Schülerin, nicht nur, weil ich die Garderobe fürchtete, wo Kinder angeblich geschlagen wurden, sondern weil ich an eine Idee des Gutseins glaubte." Das Mädchen vom Lande ist eine kluge Frau geworden; ihrem kindlichen Ideal hält sie weiterhin die Treue.

Siri Hustvedt: "Being a Man"
Aus dem Amerikanischen von Uli Aumüller
Rowohlt, 192 Seiten, 12,- Euro

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