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"Ein Afroamerikaner kann zwei Mal gewählt werden"

John Kornblum attestiert den USA einen "Riesenschritt" nach vorne

Das Gespräch führte Bettina Klein

John Christian Kornblum, Deutschland-Chef der Investment Bank Lazard und Ex-Botschafter der USA
John Christian Kornblum, Deutschland-Chef der Investment Bank Lazard und Ex-Botschafter der USA (Deutschlandradio - Bettina Straub)

Obamas Wiederwahl zeigt, dass trotz latent-rassistischer Nuancen im Wahlkampf im Endeffekt die Politik des Amtsinhabers wahlentscheidend war, sagt der US-Diplomat John Kornblum.

Bettina Klein: In Berlin begrüße ich zunächst mal am Telefon John Kornblum, ehemaliger US-Botschafter in Deutschland und seinerzeit auch Mitglied der Clinton-Regierung, also den Demokraten nahestehend. Ich grüße Sie, Herr Kornblum.

John Kornblum: Guten Morgen.

Klein: Für Sie schon ein Morgen der Freude?

Kornblum: Ja, natürlich! Aber ich glaube, auch für Amerika, weil Romney ist kein schlechter Mensch, aber die republikanische Partei ist sehr gespalten, sehr negativ bestimmt und vertritt eigentlich nur einen Teil von Amerika, der nicht modern ist.

Klein: Lassen Sie uns noch einen Augenblick auf diesen historischen Moment schauen, der es ja vermutlich ist. Wir haben das vor vier Jahren schon gesagt: Zum ersten Mal gelingt es einem Afroamerikaner, Präsident der Vereinigten Staaten zu werden. Nun ist ihm offenbar die Wiederwahl gelungen. Was heißt das, wenn man den Horizont etwas weiter öffnet, für die Vereinigten Staaten von Amerika?

Kornblum: Ja das ist ein wirkliches Ereignis. Dass er wiedergewählt ist zeigt, dass es keine einmalige Sache war, dass er erstens ein guter Präsident und Politiker ist, aber noch viel wichtiger, dass der Wahlkampf im großen und ganzen auf der Basis von seiner Politik und nicht von seiner Rasse war. Das heißt, ein Afroamerikaner kann zweimal gewählt werden.

Klein: Ist es für Sie auch ein versöhnliches Zeichen, denn wir haben ja immer wieder auch gehört und berichtet darüber, über eben möglichen latenten Rassismus. Das hat vor vier Jahren auch schon eine Rolle gespielt und die Frage tauchte dann wieder auf: Wird seine Hautfarbe möglicherweise den Ausschlag geben, dass Menschen ihn eben nicht wählen.

Kornblum: Es gibt das bestimmt. Es gibt bestimmt Menschen, die gegen ihn wählen, weil er schwarz ist. Aber ich glaube, der Wahlkampf war mehr oder weniger frei von solchen Problemen und man hat einen sehr harten, aber auch einen sehr fairen Wahlkampf gekämpft. Er hat im Endeffekt gewonnen wegen seiner Politik und nicht, weil er Afroamerikaner ist. Und wenn er verloren hätte, hätte er auch verloren wegen seiner Politik, und das ist für Amerika ein Riesenschritt nach vorne.

Klein: Schauen wir noch mal auf die Reaktion des gegnerischen Kandidaten. Mitt Romney hat sich vor wenigen Minuten erklärt, er hat seine Niederlage eingestanden und er hat das gemacht, was eigentlich doch typisch ist für die Vereinigten Staaten von Amerika, dass sich in dem Moment, wo der Sieg klar ist, eigentlich alle hinter den Gewinner scharen. Nach seinen Worten zu urteilen, würden Sie sagen, dass wir vielleicht doch eine Chance auf Versöhnung in Washington haben, oder wird die Spaltung des Landes, wird es eine Vertiefung der politischen Grabenkämpfe in Washington doch geben?

Kornblum: Na ja, ich glaube, dieser Ausdruck Grabenkämpfe ist etwas überstrapaziert worden in diesem Wahlkampf. Das Land ist an sich nicht so gespalten in dem, was es will, und in dem, wofür es ist. Was gespalten gewesen ist, sind die politischen Parteien, auch die Medien, und das bezog sich nicht nur auf die Gesinnung, sondern auch auf das Gefühl, dass man eine andere Politik machen könnte. Die große Frage jetzt: Es gibt so viel Druck, vor allem in Haushaltsfragen, in fiskalen Fragen, dass ich persönlich meine – und ich hoffe nicht, dass ich zu optimistisch bin -, dass man jetzt sehen wird, jetzt haben wir einen sehr harten Wahlkampf gekämpft, aber jetzt müssen wir was für das Land tun.

Klein: Aber das Repräsentantenhaus bleibt weiter republikanisch dominiert. Das heißt, an diesem Gegensatz wird sich ja nichts ändern?

Kornblum: An diesem Gegensatz wird sich nichts ändern, aber das ist ja nichts Neues. Die Demokraten haben ihre Position im Senat ausgebaut, und das heißt, dass es eine Koalitionsregierung geben wird, aber das ist immer der Fall in Amerika. Die Frage: Jetzt lastet auf den Republikanern eine große Aufgabe, sind sie jetzt bereit, konkret und konstruktiv mitzuarbeiten. Das werden wir natürlich sehen. Aber ich persönlich meine, wie man so schön auf Deutsch sagt, die normative Kraft des Faktischen wird so stark sein, selbst wenn man vielleicht nicht versöhnt ist, dass man keine andere Wahl haben wird.

Klein: Wir schauen hier auf die Fernsehbilder aus Chicago. Dort warten jubelnde Anhänger von Barack Obama darauf, dass sich der offenbar wiedergewählte Präsident dort zeigt. So weit ist es im Augenblick noch nicht. Daher, Herr Kornblum, eine abschließende Frage an Sie: Was muss Obama – er hat nicht alles richtig gemacht in seiner ersten Amtsperiode – auf jeden Fall ändern aus Ihrer Sicht, um das, was er sich vorgenommen hat, eventuell doch noch in Gänze durchzubringen?

Kornblum: Ich glaube, er muss ein bisschen mehr auf die Leute zugehen. Er muss ein bisschen mehr – das hört sich witzig an – reden. Er hat interessanterweise sehr wenig mit den Republikanern geredet, und das ist vielleicht, weil er meinte, da könnte man nichts erreichen, mit denen zu reden. Vielleicht hat er eine Strategie der Konfrontation selber gehabt, das kann man nicht sagen. Aber er muss das jetzt aufgeben.

Klein: Herzlichen Dank! – John Kornblum war das, der ehemalige US-Botschafter in Deutschland. Wir erreichten ihn am Telefon in Berlin.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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