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Ein anderer Blick

Teheraner Wissenschaftler führt anspruchsvoll in den Islam ein

Die Entwicklung des islamischen Glaubens stellt Reza Aslan in allen seinen Facetten dar: Kalifendynastien, die Abspaltung der Schiiten von den Sunniten und das Aufkommen des politischen Islams. Sein Buch "Kein Gott außer Gott" überprüft lieb gewordene Vorurteile und wechselt dabei zwischen historischen Passagen und lebendigen Schilderungen.

Von Hilal Sezgin

Pilger in Mekka - die Stadt war schon immer wichtiger und reicher Handelsplatz. (AP)
Pilger in Mekka - die Stadt war schon immer wichtiger und reicher Handelsplatz. (AP)

Als Waisenkind war Mohammed in Mekka aufgewachsen, wurde Kaufmann. Er heiratete eine wesentlich ältere Frau, Khadidscha, seine Arbeitgeberin, deren Karawanen er führte. Die sozialen Unterschiede in Mekka rührten an sein Gewissen, spirituell war er ein Suchender. Oft zog er sich in die Berge zu etwas zurück, was wir heute Kontemplation nennen würden. Als er im Alter von gut vierzig Jahren zum ersten Mal eine Offenbarung erhielt, so erzählt die Überlieferung, hatte er zunächst Angst, verrückt geworden zu sein - oder einer von diesen vielen Möchtegern-Propheten, die von ihrer Botschaft besessen waren.

Dass Ende des sechsten, Anfang des siebten Jahrhunderts viele solcher dubioser Propheten herumliefen, zeigt, dass die arabische Halbinsel im Umbruch war. Sie war reif für eine religiöse Erneuerung. Und wie diese Gesellschaft ausgesehen hat, ist nicht unwesentlich für das Verständnis des Islams. Man neigt dabei gern zu Vereinfachungen; aber es ist eins der vielen Verdienste von Reza Aslans Buch, lieb gewordene Vorurteile zu überprüfen und das Entstehen des Islams noch einmal ein wenig anders zu erzählen, als man es aus vielen historischen Darstellungen gewohnt ist.

Reza Aslan, in Teheran geboren, ist Islamwissenschaftler an der University of California in Santa Barbara. Einleuchtend schildert der Autor das vielschichtige Nebeneinander nomadischer und kaufmännischer Lebensweisen; die alte Stammesethik zerbrach, enorme Wohlstandsgefälle traten auf. Die Kaaba in Mekka war ein Anziehungspunkt für Pilger von nah und fern; und dieses Heiligtum war es, dank dessen Mekka ein wichtiger und reicher Handelsplatz wurde.

Keineswegs allerdings, betont Aslan, war die Stadt komplett heidnisch in dem Sinne, dass man der Vielgötterei huldigte. Sondern es lebten dort viele Juden und andere Monotheisten. Und nicht der Monotheismus war die schockierend neue Botschaft Mohammeds, meint Aslan. Sondern dass er die Privilegien derjenigen Mekkaner über den Haufen warf, die den Zugang zum heiligen Ort kontrollierten und wirtschaftlichen Nutzen daraus zu ziehen wussten. Bekanntlich war es diese mekkanische Oberschicht, die die frühen Muslime später aus Mekka vertrieb.

Die Ideale des Islam entzogen den privilegierten Hütern der Kaaba den Boden. Denn mit dem Islam begründete Mohammed eine Gemeinschaft, in der jeder und jede Gläubige ohne die Notwendigkeit eines Vermittlers vor Gott stand. Er verkündete eine neue, egalitäre Sozialethik - hier trifft sich Aslan wieder mit anderen Darstellungen des Islam. Das gilt auch für seine Diskussion der Stellung der Frau, die daran erinnert, wie viele Rechte die Frauen durch den Koran erhielten. Es war übrigens Mohammeds Ehefrau Khadidscha, die ihn darin bestärkte, seiner Offenbarung zu dienen. Und seine spätere Frau Aischa gehörte nach seinem Tod zu den wichtigsten Überlieferern der Prophetenworte.

Im Unterschied zum Koran, der Offenbarung, werden diese Prophetenworte Hadith genannt. Sie waren und sind sehr zahlreich, historisch unterschiedlich gut verbürgt - und interpretationsbedürftig. Mohammed hinterließ bei seinem Tod keinen fertigen Islam, keinen Nachfolger, keine befugten Institutionen, die das Hinterlassene auslegen sollten. Dass der Kanon der überlieferten Prophetenworte später auch frauenfeindliche Inhalte aufnahm, wird von Aslan nicht verschwiegen. Er führt dies vor allem auf den Einfluss eines bestimmten Kalifen, Umar, zurück.

Eine interessante Anekdote am Rande erzählt, wie schon Alfred Lord Cromer, Ende des 19. Jahrhunderts britischer Generalkonsul in Ägypten, im Schleier ein Zeichen "für die Erniedrigung der Frau" im Islam zu erkennen meinte. Daheim in England hatte Cromer allerdings einen Verein gegründet, der den Befürworterinnen des Frauenwahlrechts entgegentreten sollte. Reza Aslan stellt die Entwicklung des islamischen Glaubens in allen Facetten wunderbar präzise dar: die Kalifendynastien und ihre Herrschaftsformen, die Abspaltung der Schiiten von den Sunniten, die Sufis und schließlich das Aufkommen des politischen Islams; sein Buch ist gelehrt und gleichzeitig sehr schön zu lesen.

Faktenreiche historische Passagen wechseln sich mit lebendigen Schilderungen ab; es kommt dem Buch offenkundig zugute, dass sein Autor auch ein gewandter literarischer Erzähler ist. Wer eine anspruchsvolle Einführung in den Islam sucht, dem sei dies Buch wärmstens empfohlen; aber auch ein belesener Muslim bekommt hier einiges, worüber er nachzudenken hat.

Einer der vielen bedenkenswerten Punkte betrifft die Trennung von Politik und Religion. In den frühen Jahrhunderten des Islam hatten die Kalifen versucht, mit der Staatsmacht auch die religiöse Deutungshoheit zu erringen. Es entwickelte sich eine geistliche Elite, die den Kalifen dieses Recht streitig machte: die Ulema.

Sie werden oft Berater der Kalifen genannt, waren aber eigentlich ein Rat religiöser Experten. Leider hatte diese frühe Form von Gewaltenteilung auch ihre Kosten: Nach und nach machten die Ulema das wahre Verständnis des Islams ganz zu ihrer Angelegenheit. Wie Aslan betont, saßen natürlich nie Frauen in diesem Rat. Auch anderen Laien wurde die Autorität zur selbstständigen Auslegung des Koran immer mehr abgesprochen. In den Ulema sieht Aslan die Hauptschuldigen, dass der Islam vielerorts die konservativen und frauenfeindlichen Züge annahm, die uns immer noch zu schaffen machen.

Geradezu diplomatisch geht Aslan übrigens mit der Frage um, ob der Koran Gottes geoffenbartes Wort sei - oder ob auch der Mensch Mohammed seinen Anteil daran habe. Nach orthodoxem Verständnis gibt es am Offenbarungscharakter des Koran keinen Zweifel. Und Aslan wagt es nie, solche Zweifel auch nur anzudeuten. Allerdings klingen einige seiner historischen Erläuterungen so, als habe Mohammed, nicht etwa die Offenbarung auf bestimmte Umstände reagiert. Wie gesagt: Es bleibt hier äußerst diplomatisch. Doch mit diesem Buch sind die Themen für unzählige weitere spannende Diskussionen gesetzt.

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