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Ein Anruf, ein Brief und das Ansehen des Bundespräsidenten

Bundespräsident Wulff sagt Nein zu Veröffentlichung seines "Bild"-Anrufs

Von Christel Blanke, Hauptstadtstudio

Bundespräsident Christian Wulff und die Moderatoren Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf im ARD-Studio in Berlin.
Bundespräsident Christian Wulff und die Moderatoren Bettina Schausten und Ulrich Deppendorf im ARD-Studio in Berlin. (picture alliance / dpa / Bundespressekonferenz)

Aussage steht nun gegen Aussage. Zumal der Bundespräsident es ablehnt, den Wortlaut seiner Nachricht auf die Mailbox von "Bild"-Chefredakteur Kai Diekmann veröffentlichen zu lassen. Ob das eine kluge Entscheidung ist, darf bezweifelt werden.

Das Fernsehinterview mit dem Bundespräsidenten war kaum beendet, da steckte Christian Wulff schon in neuen Schwierigkeiten. Öffentlich hatte er sich noch einmal bei Bild-Chefredakteur Kai Diekmann entschuldigt für die Nachricht auf dessen Mailbox und sie als schweren Fehler bezeichnet.

Doch dabei konnte er es nicht belassen. Er habe gar nicht versucht, die Berichterstattung über seinen Privatkredit zu verhindern, sagte Wulff. Sondern lediglich um einen Tag Aufschub gebeten. Das ließ die Zeitung so nicht gelten. Den Anruf habe die Redaktion deutlich anders wahrgenommen, sagte Nikolaus Blome, Leiter des Bild-Hauptstadtbüros, dem Deutschlandfunk.

Aussage steht nun gegen Aussage. Zumal der Bundespräsident es ablehnt, den Wortlaut der Nachricht veröffentlichen zu lassen. Ob das eine kluge Entscheidung ist, darf bezweifelt werden.

In einem offenen Brief erklärt Wulff, - so wörtlich - "die in einer außergewöhnlich emotionalen Situation gesprochen Worte" seien ausschließlich für Diekmann bestimmt gewesen und für sonst niemanden. Sind diese Worte so verheerend, dass sie dem Ansehen des Bundespräsidenten gefährlich werden könnten? Würden wir ein Staatsoberhaupt erleben, dass völlig die Beherrschung verliert? Was auch immer Wulff nun dazu sagt, es wird genau dieser Eindruck hängen bleiben.

Wie bei allen anderen Vorwürfen versucht der Bundespräsident auch hier, die Sache herunterzuspielen. Wie will aber jemand, der sich als Opfer darstellt und auf Fehler oder zumindest politische Ungeschicklichkeit mit Schulterzucken reagiert und sagt: Ich bin doch auch nur ein Mensch, künftig moralische Maßstäbe setzen? Genau das ist es doch, wofür ein Bundespräsident steht. Er soll dem Volk, der Politik, den Medien den Spiegel vorhalten, wenn es nötig ist. Christian Wulff aber wird künftig immer im Hinterkopf haben müssen, dass alles, was er sagt, mit seinem Verhalten in dieser Krise verglichen werden wird. Und das war bisher alles andere als souverän.

Trotzdem will der Bundespräsident im Amt bleiben. Und er muss es auch - aus mehreren Gründen.

Zuallererst hat er eine Aufgabe zu erledigen. Die Bundeskanzlerin hatte Wulff ausgewählt, weil er ein Politiker ist mit jahrelanger Erfahrung im Umgang mit dem politischen Gegner und den Medien. Nach dem überraschenden Rücktritt von Horst Köhler sollte nicht noch einmal ein Staatsoberhaupt sich verabschieden, weil dem medialen Ansturm nicht gewachsen ist.

Der zweite Grund liegt in der Schwäche der schwarz-gelben Regierungskoalition in Berlin. Die Bundeskanzlerin kann kein Interesse daran haben, dass zum zweiten Mal ein von ihr unterstützter Bundespräsident zurücktritt. Zumal eine Alternative nicht in Sicht ist und die Mehrheit in der Bundesversammlung äußerst knapp wäre. Es sei denn, Angela Merkel würde gemeinsam mit der Opposition einen Kandidaten aufstellen. Doch das würde wohl zu neuem Ärger im schwarz-gelben Bündnis führen.

Der dritte Grund dafür, dass Christian Wulff im Amt bleiben will, ist seine persönliche Biografie. Er ist jung, hat Familie und genau das als gut fürs Schloss Bellevue dargestellt. Ginge er nach so kurzer Zeit, wäre er persönlich gescheitert.

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