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StartseiteBüchermarktEin Ausflug in den Kosmopolitismus27.01.2010

Ein Ausflug in den Kosmopolitismus

Joachim Sartorius: "Die Prinzeninseln". Mareverlag

Joachim Sartorius' Buch über die Prinzeninseln könnte für alle, die in diesem Jahr die Europäische Kulturhauptstadt Istanbul besuchen ein vergnüglicher, literarischer Reiseführer zu dem etwas abgelegenen Archipel sein. Es verspricht, ein Ausflug in den Kosmopolitismus zu werden.

Von Oya Erdogan

Blick von der Galata-Brücke  in Istanbul (AP Archiv)
Blick von der Galata-Brücke in Istanbul (AP Archiv)

Man nimmt dieses schmale Buch in die Hand wie ein Kleinod, der Umschlag ist verziert mit einem gediegenen orientalischen Blüten-Dekor, ein blaues Band auf grünem Flor, und man fühlt sich leicht verführt, an Prinzen aus 1001 Nacht zu denken, an Märchen und Mythen von schönen Königskindern, die in Gärten und verzauberten Landschaften, umgeben von Wasser, lustwandeln. Die Prinzeninseln gibt es wirklich. Sie liegen allerdings im Marmarameer bei Istanbul und waren in ihrer wechselvollen Geschichte seit dem Byzantinischen Reich keineswegs so romantisch, wie ihr Name anmuten lässt. Der Autor, der sie erkundet und beschreibt, ist Joachim Sartorius, bekannt als Dichter, der mit diesem Buch einen Ausflug in die Prosa unternimmt.

"Selçuk war ein Penner. Ich lernte ihn auf der Galata-Brücke kennen, in einer Teestube im unteren Brückengeschoss. Er verbrachte dort die Sommer und schnorrte Touristen an. Im Winter war er Wächter einer Villa auf Büyük Ada, der größten der Prinzeninseln im Marmarameer, acht Seemeilen vor Istanbul gelegen. ... Er saß auf einem Karton am Eingang und fiel mir sofort auf. Wie konnte man abgerissen und elegant zugleich aussehen? Selçuk schaffte das."

Der Penner erweist sich als gebildeter Cicerone und gibt dem Autor den Impuls, das hektische Gewimmel und lärmende Treiben der Metropole hinter sich zu lassen. Anders als bei früheren Abstechern plant er dieses Mal einen längeren Aufenthalt. Er kommt auf der Hauptinsel Büyük Ada, oder griechisch Prinkipo, an, quartiert sich im noblen, dekadent angehauchten Hotel Splendid ein und findet sofort Anschluss an die Einheimischen.

"Ich bewegte mich schon auf einem relativ vertrauten Terrain. Ich hatte vielleicht eine Vorstellung von türkischer Geschichte, von türkischer Lebensart, ich wusste einiges von meinen Freunden. Aber jetzt die Inseln als solches, als Objekt meiner Begierde, kannte ich dann doch noch nicht. Es war dann eher so, wie wenn man eine Beziehung beginnt mit jemandem, mit dem man schon dreißig Mal zusammen war, man versucht diese Beziehung zu verschärfen, durch genauere Beobachtungen, durch mehr Gespräche, durch viele Wanderungen. Ich glaube es war eher so ein Prozess, sich etwas anzueignen, was man in den Einzelheiten noch nicht kannte."

Detailverliebt und kontemplativ schildert der Autor die Schönheit der Inseln, ihre Ruhe von duftenden Pinienhainen, umweht vom blauen Säuseln des Meeres. Er führt uns zu den orthodoxen Klosteranlagen und zu geschichtsträchtigen Ruinen, die sich widersetzen, vom Grün überwachsen zu werden. Dazwischen sitzt er in Cafés, genießt die übersüßen Verlockungen der Patisserie, trifft sich mit Freunden, führt intensive Gespräche und amüsiert sich bei fröhlichen Trinkgelagen. Es ist diese Vielfalt der Szenen und Begegnungen, die den Leser von Anfang an zum neugierigen Mitreisenden macht und ihn teilhaben lässt am lebendigen und intimen Einblick in sonst unzugängliche Gedankensphären. Darin liegt die Stärke dieses Buches. Die Ansichten und Erfahrungen der Menschen, mit denen der Autor spricht - darunter sind seine Freunde Orhan Pamuk, der Fotograf Ara Güler, oder der Kunstsammler Ferid Edgü - lässt er oft unkommentiert für sich stehen, sodass man als stiller Zuhörer einen ungetrübten Eindruck von der Polyfonie dieser Inselwelt, und damit auch von Istanbul bekommt.

"Wobei ich jetzt noch auf einen wichtigen Punkt komme, das ist eben dieser Kosmopolitismus. Das Interessante ist ja, dass die Inseln über Jahrhunderte hinweg nur von Griechen bewohnt waren, dann kamen Armenier, dann kamen Juden, ich muss sagen die Osmanen kamen eigentlich erst im 19. Jahrhundert, und die Türken erst Ende des 19. Jahrhunderts. Es war sozusagen im Kleinen eine Abbildung dieses Kosmopolitismus, der ja auch in Istanbul da war, und er ist in Istanbul, meine ich, verloren gegangen und man kann auf den Inseln noch die Reste spüren."

So ermöglicht die Reise dem Autor, der lange im diplomatischen Dienst unterwegs war und heute als Intendant der Berliner Festspiele tätig ist, sich in der Stille und Abgeschiedenheit der Inseln die Größe ihrer bewegten Vergangenheit anzuschauen. Bei einem Spaziergang stößt er auf die vatikanische Sommerresidenz, durch Selçuk erfährt er vom Leben des John Pasa in seiner prächtigen Jugendstilvilla, besucht auf der Insel Burgaz, griechisch Antigoni, das Dichterhaus des von ihm verehrten türkischen Schriftstellers Sait Faik.

"Der Hauptgrund meiner Faszination ist eigentlich, dass diese Inseln ein Mikrokosmos sind von all dem, was in der großen imperialen Stadt sich abgespielt hat. Der zweite Grund, es ist ein sehr beschützter Kosmos, es ist alles wie unter einer Glocke, man muss ein Schiff nehmen, um hinzufahren, das ist schon eine Entscheidung. Autos sind auf der Insel verboten, es hat alles einen viel langsameren Gang, es ist eine größere Stille, es war für mich eine Art Reservat des alten Byzanz, Konstantinopel, Istanbul."

In seinen Lyrikbänden - zuletzt erschien "Hôtel des Étrangers" bei Kiepenheuer und Witsch, ein Hotel übrigens, das sich auf der Prinzeninsel Prinkipo befindet - und in seinen Anthologien hat Joachim Sartorius, der auch ein hervorragender Übersetzer englischsprachiger Lyrik ist, viele Erfahrungen gesammelt, wie sich unscheinbare Details, leise Begebenheiten und große historische Ereignisse literarisch verknüpfen lassen. Im Gespräch charakterisiert er die Besonderheit beim Schreiben der "Prinzeninseln" folgendermaßen:

"Ich bin ja sehr viel gereist und eigentlich schreibe ich sehr selten über eine Stadt, die mir imponiert oder gefallen hat. Ich habe mal einen Zyklus über Alexandria geschrieben, das war aber 12 Jahre, nachdem ich dort war. Ich denke, man hat da so einen kleinen Keim, den man mit sich herumträgt und der wächst dann und irgendwann pocht er an der Schreibfeder, und dann entsteht etwas Gutes oder Schlechtes. Insofern ist das Buch eine Ausnahme, ich bin auf die Prinzeninseln gereist, schon mit dem Vorsatz, jetzt zu schreiben. Ich habe mir jeden tag alles notiert, was mir meine Freunde erzählt haben, was ich wahrgenommen habe. Insofern ist es ein ganz anderes Vorgehen als in der Lyrik."

Als Autor erfindet Joachim Sartorius in seinen "Prinzeninseln" keine Figur, die er auf Reisen schickt. Er ist sie selbst, zugleich aber scheint er sie nicht zu sein. So bedankt er sich etwa schon auf der ersten Seite beim Penner Selçuk dafür, ihn auf die türkischen Dichter Oktay Rifat und Orhan Veli Kanik aufmerksam gemacht zu haben. Andererseits aber weiß man, dass er diese Dichter schon seit langer Zeit kennt. Oktay Rifat hat er einen Platz in seinem viel beachteten "Atlas der Poesie" von 1995 eingeräumt. Eine Gedichtzeile von Orhan Veli Kanik "Für die mit der Sehnsucht nach dem Meer", bildet den Titel seiner Lyrik-Anthologie, die 2008 im Mare-Verlag erschienen ist. So authentisch auch die Erzählweise von Joachim Sartorius klingt, man bleibt als Leser von Anfang an in der Schwebe, ob es sich um einen imaginären oder realen Flaneur und Beobachter handelt. Dies verdeutlicht auch eine Zeile des Schriftstellers Jean-Didier Urbain, die er seinem Buch als Motto voranstellt:

"Gibt es eine Reise, die nicht ein Geheimnis birgt, oder einen einzigen Reisenden, der nicht gelogen hat? ... Die Reise ist eine anthropologische Struktur des Imaginären."

Einerseits gibt es das zurückhaltende Selbstporträt des Reisenden. Andererseits das verlässliche historische Wissen über die Inseln. Dabei setzt Joachim Sartorius nicht auf eine vollständige Beschreibung aller Sehenswürdigkeiten. So hebt er sich die Kirche der Jungfrau Kamariotissa für ein nächstes Mal auf. Es heißt ja, dass man an Orten, die man liebt, etwas zurücklässt, um einen Grund zu haben wiederzukehren. Auf der Insel Büyük Ada - Prinkipo wird im Rahmen der Ernennung Istanbuls zur Europäischen Kulturhauptstadt 2010 das erste Stadt-Museum Istanbuls eingerichtet, in dem die reiche Vergangenheit der Inseln mit Bildern, Briefen und Ausstellungsstücken dokumentiert werden soll.


"Es gibt wenig über die Geschichte der Inseln, und es gibt eigentlich mit zwei Ausnahmen wenig Bücher und Recherchen darüber. Es gibt dieses wunderbare Buch von Pars Tuglaci, was ich ganz toll finde, der ja in Kinali Ada lebt und sein Leben lang alles gesammelt hat, was es über die Inseln gibt; aber ein Museum, ich sehe das sehr positiv. Das könnte einige Lücken in der Erinnerung schließen."

Das Buch "Die Prinzeninseln" von Joachim Sartorius eignet sich dafür als ein vorzüglicher und vergnüglicher Begleiter.

Joachim Sartorius: Die Prinzeninseln
Mareverlag, 128 Seiten, 18 Euro

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