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Ein beeindruckendes Abschiedswerk

Juan Goytisolos Roman "Der blinde Reiter"

Von Margrit Klingler-Clavijo

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo (mitte) mit dem mexikanischen Autor Carlos Fuentes (links) und Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez auf der mexikanischen Buchmesse 2004.
Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo (mitte) mit dem mexikanischen Autor Carlos Fuentes (links) und Literaturnobelpreisträger Gabriel Garcia Marquez auf der mexikanischen Buchmesse 2004. (AP Archiv)

Der spanische Schriftsteller Juan Goytisolo hat in diesem Jahr in seinem Wohnort Marrakesch seinen fünfundsiebzigsten Geburtstag gefeiert. In Barcelona sind im Verlag Círculo de Lectores mittlerweile die ersten Bände der Gesamtausgabe seiner Werke erschienen. Juan Goytisolo behauptet, mit "Der blinde Reiter" seinen letzten Roman geschrieben zu haben.

" Ich glaube, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte (...) Ich werde ganz bestimmt keinen Roman mehr schreiben (...) Geschrieben habe ich, weil es mich überkam, ich bin dem Schreiben nicht hinterhergerannt, das Schreiben ist zu mir gekommen. Ich schreibe jetzt kurze Texte, wie Karl Kraus, und höre den Stimmen der Welt zu."

Mit diesen Worten beschreibt Juan Goytisolo seinen allmählichen Rückzug aus der Welt der Literatur. Mit "Der blinde Reiter" hat er ein beeindruckendes Abschiedswerk vorgelegt, ein singuläres Werk der Entledigung und Ernüchterung, ein literarisches Kleinod , das die Quintessenz seiner Lebenserfahrung und Lebensauffassung enthält. Jahrelang hat er daran gearbeitet, es immer wieder umgeschrieben, alles Überflüssige erbarmungslos gestrichen, bis er das Wesentliche freigelegt und konzis und präzis benannt hatte, so dass es wie ein sorgfältig geschliffener Edelstein im ureigenen Glanz erstrahlt. In diesem Werk lernt er, Verluste zu akzeptieren: den Tod seiner langjährigen Ehefrau Monique, Lange, die all seinen Erwartungen zum Trotz vor ihm gestorben war. 1956 war er in Paris, wo sie bei Gallimard als Lektorin gearbeitet hatte, ihrem Charme erlegen und hatte seither mit ihr zusammengelebt. In dem Maß wie Juan Goytisolo sich der arabischen Welt zugewandt und in Marokko niedergelassen hatte, hat er sich zwar von seiner Lebensgefährtin entfernt, doch nie endgültig getrennt. "Mit dir zu leben, heißt, sich in Einsamkeit zu üben. Ich weiß nicht, ob ich es dir vorwerfen oder dafür danken soll." hatte ihm Monique Lange einmal geschrieben.

" Ich schrieb den Text "Sie", den El Pais abdruckte (...) mir fiel jedoch bald auf, dass ich aus allzu großer Nähe und vom Schmerz ausgehend schrieb. Ich ließ daraufhin eine gewisse Zeit verstreichen, legte ihn zur Seite und schrieb zur Ablenkung und Unterhaltung "Carajicomedia". Danach konnte ich es anders sehen und der Realität des menschlichen Daseins ins Auge blicken."

Der Roman ist außerdem eine Zwiesprache mit seinem "Baumes der Literatur", das heißt mit Schriftstellern, deren Werke ihm Wegbegleiter und Orientierung sind: Miguel de Cervantes, Luis de Góngora , hier vor allem Fernando de Rojas :

" Pleberios letztes Selbstgespräch von Fernando de Rojas hat mich zeitlebens begleitet. In diesem Text werden die Welt und die Schöpfung erstmals heftig getadelt, weil es darin um die Angst vor dem menschlichen Tod geht. Ich wollte immer schon eine Art Fortsetzung davon schreiben (...) Für mich ist das eine Möglichkeit, meine letzte Verbindung mit dem Baum der Literatur zu vervollständigen (...) ich wollte immer schon etwas schreiben, was mit diesem radikalen Agnostizismus von Fernando de Rojas verbunden wäre."

Soweit die unterschwelligen Einflüsse. Explizit und wiederholt bezieht sich Juan Goytisolo auf den russischen Schriftsteller Leo Tolstoi. Mehrmals nimmt er auf dessen Todes- umstände bezug und schreibt:"der Tod ereilte ihn in Astapowo, in dem bescheidenen Haus eines Stationsvorstehers, mit einem Fahrschein dritter Klasse."

" Ich bin mit Hadschi Murat, Tolstois posthum erschienenen Roman, nach Tschetschenien gefahren und war zutiefst beeindruckt, als ich sah, dass sich an den gleichen Orten die er beschrieben hatte, das Gleiche abspielte (...) Zum Thema des Todes dazu kam die Unfähigkeit es besser zu machen, die Tatsache, dass wir Tiere, intelligente Tiere sind. (...) Dieses doppelte Bewusstsein gab dem Buch seine Struktur, die Furcht vor der Leere sowie die Furcht vor dem Vergessen. Man vergisst alles, alles verschwindet.""

Ungewöhnlich ist die parodistische Vorwegnahme des eigenen Todes. Da reist der Autor ohne Gepäck, ohne Erwartungen oder Befürchtungen, gleichmütig und gelassen in einer Sammeltaxe in die herrliche Steinwüste im Süden von Marrakesch. Innere Zwiesprache hält er dabei nur mit einem Demiurgen:

" Es fällt vielen gar nicht auf, dass der Demiurg einen schwarzen Humor hat und sich über alles lustig macht, wenn er zuletzt sagt: "Wenn du erwachst, wirst du mich nicht sehen und wenn du nicht mehr erwachst, wird alles zu Ende sein.""

"Der blinde Reiter" ist ein Werk über das unerschrockene und humorvolle Loslassen, den Abschied vom Leben und der Vorbereitung auf den Tod.

" Das Buch ist ein Buch der Enteignung: die Bibliothek, die Schallplatten, die Besitztümer, alles den Anderen überlassen im Bewusstsein, dass der Übergang in die andere Welt um so einfacher sein wird , je leichter man geht. (...) Sinnvoll ist es für mich nur, den Menschen in meiner Umgebung zu helfen sowie den Kindern, die ich adoptiert habe."

Juan Goytisolo: "Der blinde Reiter"
Suhrkamp, Frankfurt am Main

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