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StartseiteBüchermarktEin Blick ins Innere von Nordkorea27.10.2013

Ein Blick ins Innere von Nordkorea

Buch der Woche: "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" von Adam Johnsen, Suhrkamp Verlag

Alles, was wir im Roman "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" über Nordkorea erfahren, klingt wie ausgedacht und erfunden. Aber nichts davon ist so absurd, bizarr, unmenschlich und brutal, dass es nicht doch wahr sein könnte. Eine packende Lektüre.

Von Hubert Spiegel

Kim Jong II (l.) mit seinem Sohn Kim Jong-Un (AP)
Kim Jong II (l.) mit seinem Sohn Kim Jong-Un (AP)

Es ist ein nationales Großereignis: Nordkoreas Nationalmannschaft spielt bei der Fußballweltmeisterschaft gegen das Team von Brasilien. Zum ersten Mal seit 44 Jahren nimmt wieder eine Mannschaft aus dem politisch vollständig isolierten Nordkorea an dem internationalen Turnier teil.

Auf die Frage ausländischer Journalisten, welche Ziele er sich und seinem Team gesteckt habe, antwortet der nordkoreanische Trainer, das Wichtigste sei es, "den General zu erfreuen". Gemeint ist der "Geliebte Führer", Kim Jong-Il. Erst an zweiter Stelle nennt der Trainer die Aufgabe, "sich der Erwartungen des koreanischen Volkes wert zu zeigen". Zuerst kommt der Diktator, dann das Volk, das nur des Herrschers wegen existiert, das aus seiner Gnade heraus lebt, dank seines Willens atmet, das geboren wird, um ihn zu preisen und ihm zu dienen.

Für den Fall eines schlechten Abschneidens bei dem Turnier, so ist zu hören, droht den Sportlern Lagerhaft oder Zwangsarbeit in den berüchtigten Kohleminen des Landes. Hunderte von Millionen Menschen in aller Welt verfolgen das Spiel vor den Fernsehern. Im Stadion sind knapp 70.000 Zuschauer einschließlich des nordkoreanischen Fanblocks. Er besteht aus etwa fünfzig Männern mittleren Alters, gekleidet allesamt im roten Einheitslook, einer Art Freizeituniform.

Dieses Spiel hat tatsächlich stattgefunden, nämlich im Sommer des Jahres 2010 bei der WM in Südafrika. Brasilien gewann damals in einer schwachen Partie 2 zu 1. Das Spiel ist also Realität, aber genauso gut könnte es eine Erfindung sein, ein weiterer bizarrer Einfall des amerikanischen Schriftstellers Adam Johnson, dessen neuer Roman "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" in Nordkorea angesiedelt ist und vor bizarr anmutenden Einfällen nur so strotzt. Um nur ein Beispiel zu nennen: Johnson schickt in seinem Roman eine kleine Delegation absurd zusammengewürfelter nordkoreanischer Geheimdiplomaten nach Texas, weil sie dort ein Gerät zur Messung radioaktiver Strahlung wiederbeschaffen sollen, das die Amerikaner Kim Jong-Il weggenommen haben. Johnson hätte genauso gut das Fußballspiel und die servilen Äußerungen des nordkoreanischen Trainers erfinden oder die Auswahl der 50 männlichen Fans mittleren Alters treffen können. Und darin liegt der große Reiz und das kleine Problem dieses Romans: Alles, was wir darin über Nordkorea erfahren, klingt wie ausgedacht und erfunden. Aber nichts davon ist so absurd, bizarr, lächerlich, grausam, unmenschlich und brutal, dass es nicht doch wahr sein könnte.

"Guten Morgen, Bürger! Schart euch in den Wohnblocks und an den Fließbändern um die Lautsprecher und lauscht unseren Nachrichten: Die nordkoreanische Tischtennismannschaft hat ihre Gegner aus Somalia in zwei Sätzen glatt besiegt. Präsident Mugabe übersendet seine Glückwünsche zum heutigen Jahrestag der Gründung der Partei der Arbeit Koreas. Vergesst nicht, dass es unziemlich ist, sich auf die Rolltreppen zur U-Bahn zu setzen. Das Verteidigungsministerium möchte uns erneut daran erinnern, dass unsere U-Bahn-Tunnel, die am tiefsten gelegenen der Welt, der zivilen Verteidigung dienen, sollten die Amerikaner überraschend wieder angreifen. Hinsetzen verboten! Schon bald beginnt die Meeresalgenernte; da wir es Zeit, dass ihr eure Gläser und Krüge auskocht. Und schließlich haben wir wieder die große Freude, die beste nordkoreanische Kurzgeschichte des Jahres zu küren. Die Geschichte aus dem letzten Jahr, vom Leid, das uns von nordkoreanischen Missionaren angetan wurde, war ein hundertprozentiger Erfolg. Die neue Geschichte verspricht, noch großartiger zu werden – es ist eine wahre Geschichte von Liebe und Leid, von Treue und Tapferkeit, von der nie enden wollenden Hingabe unseres Geliebten Führers sogar an die niedrigsten Bürger unseres großen Landes. Doch es winkt Erlösung! Und Taekwondo! Bleibt in der Nähe eurer Lautsprecher, Bürger, damit ihr keine der täglichen Folgen verpasst."

Blicke ins Waisenhaus und Arbeitslager

Mit einer solchen Ansprache beginnt in Nordkoreas Hauptstadt Pjöngjang der Tag. Die morgendlichen Lautsprecherdurchsagen gehören noch zu den harmloseren Mitteln der Gehirnwäsche, mit denen die Bevölkerung malträtiert wird. Im Verlauf des Buches lernen wir noch weitaus brutalere Methoden kennen. Wir blicken in ein Waisenhaus, in Arbeitslager und in Folterkeller. Menschen verhungern, werden getötet, durch Schmerzen in den Wahnsinn getrieben, während ihnen unablässig eingetrichtert wird, sie lebten im besten und gerechtesten Land der Welt, wo der Geliebte Führer für all seine Kinder wie ein wahrer Vater sorge. Gemeint ist Kim Jong-Il, der Ende 2011 verstorbene Diktator, dem sein Sohn Kim Jong-Un als derzeitiger Machthaber nachfolgte. Guten Morgen, Bürger!

Johnson nutzt die Durchsagen nicht zuletzt als wiederkehrendes Element, das seiner komplizierten Handlung Halt und Struktur verleihen soll. Im zweiten Teil des Buches tritt die Stimme aus dem Lautsprecher auch als Erzähler auf, der das bisherige Geschehen kommentiert und künftige Ereignisse und Entwicklungen ankündigt. Mit dieser ironischen Volte bewirkt Johnson, dass der Roman, der das unmenschliche System Nordkoreas anklagt, an diesen Stellen klingt, als würde er von diesem System selbst erzählt, vom offiziellen staatlichen Rundfunk nämlich. Die angekündigte beste nordkoreanische Kurzgeschichte des Jahres ist also der Roman selbst, der allerdings knapp siebenhundert umfasst. Dass das für eine Kurzgeschichte ein wenig viel sein könnte, darf uns dabei nicht stören.

Wenn der Geliebte Führer sagt, dass das Wasser in den unvergleichlich sauberen und klaren Flüssen Nordkoreas, des besten und schönsten Landes der Welt, künftig stromaufwärts fließt, dann fließt es auch stromaufwärts. Zumindest wird sich jeder Bürger hüten, etwas anderes zu behaupten. Und wenn Adam Johnson, dieser postmoderne, allwissende und folglich auch allmächtige Erzähler erklärt, bei seinem siebenhundertseitigen Roman handle es sich um die beste nordkoreanische Kurzgeschichte des Jahres, dann ist "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" auch die beste nordkoreanische Kurzgeschichte des Jahres. Konkurrenz gibt es ja ohnehin nicht. Was das Feld der Literatur betrifft, lässt sich sagen, dass Adam Johnson Nordkorea mit seinem Buch eigentlich erst erschaffen hat. Oder lassen wir es Dr. Song formulieren, einen abgefeimten, in den vielen Jahren, die er im Dienst des Diktators verbracht hat, geradezu weise gewordenen Funktionär, mit dem zusammen Jun Do die Episode in Texas bestreitet:

",Wo wir herkommen, sind Geschichten Realität. Wenn der Staat einen Bauern zum Musikvirtuosen erklärt, dann tun alle gut daran, ihn von da an Maestro zu nennen. Und er selbst tut gut daran, insgeheim Klavier zu üben. Für uns hat die Geschichte größere Bedeutung als die Person. Wenn ein Mann nicht zu seiner Geschichte passt, dann ist es der Mann, der sich ändern muss.` Dr. Song trank einen Schluck Saft, und der Zeigefinger, den er erhob, zitterte leicht. In Amerika erzählen die Leute ständig eine andere Geschichte. In Amerika ist es der Mann, der zählt. Vielleicht glauben sie deine Geschichte, Jun Do, vielleicht auch nicht – aber dir, Jun Do, DIR werden sie auf jeden Fall glauben.’
Dr. Song rief die Stewardess herbei. Dieser Mann ist ein Held der Demokratischen Volksrepublik Korea und muss einen Saft bekommen.` Als sie fortgeeilt war, sagte er: , Siehst du? Funktioniert.’ Er schüttelte den Kopf. , Aber versuch mal, das denen unten im Bunker zu erklären.’ Dr. Song zeigte nach unten und Jun Do verstand, dass er den Geliebten Führer Lim Jon Il persönlich damit meinte."


Jun Do ist der Mann aus dem Waisenhaus, der Mann ohne Familie, also ohne Herkunft, Vergangenheit, Erbe und Tradition. All das muss er suchen, sich erfinden wie eine Geschichte, die zu ihm passt. Jun Do ist der Mann, der seine Identität nicht vom Staat formen und bestimmen lässt. Er ist der erste und einzige Individualist des Landes. Er will seine Geschichte selbst erzählen. Davon handelt dieser Roman, der bereits im Titel die erste Anspielung auf seinen Kern enthält. Denn der Name Jun Do klingt, wenn er amerikanisch ausgesprochen wird, so ähnlich wie John Doe. John Doe aber ist der Max Mustermann Amerikas. Mehr noch, John Doe ist ein Platzhaltername, der immer dann Verwendung findet, wenn der wahre Name einer Person nicht bekannt ist. Leichen von Unbekannten werden, solange sie nicht identifiziert werden können, als John Doe bezeichnet. Wer sich selbst, etwa in anrüchigen Bars oder bei schmutzigen Geschäften, als John Doe vorstellt, gibt so zu erkennen, dass er lieber nicht nach seinem wahren Namen gefragt werden möchte.

Im Machtzentrum Nordkoreas

Die Romanfigur Jun Do hat ihren Namen, wie alle anderen Waisenkinder Nordkoreas auch, nach einem jener 113 Märtyrer erhalten, die im Krieg ihr Leben für das Vaterland opferten. Im zweiten Teil des Buches wird Jun Do einen anderen Namen und eine andere Identität annehmen. Er wird in die Haut jenes Mannes schlüpfen, den er getötet hat, und der nach Kim Jong-Il, dem sogenannten "Geliebten Führer", der mächtigste und am meisten gefürchtete Mann in ganz Nordkorea ist. Mit diesem Rollentausch bringt Adam Johnson seinen Helden schlagartig ins Machtzentrum Nordkoreas.

Wir wissen so wenig über dieses rätselhafte Land, dass wir dazu neigen, nahezu alles, was wir über Nordkorea hören, für möglich zu halten. Es mag zwar absurd klingen, aber es könnte ja dennoch stimmen. Doch das ist nur die halbe Wahrheit, nur eine Seite der Medaille. Denn das wenige, was wir wissen, macht uns zugleich deutlich, dass wir fast nichts leichtfertig ausschließen dürfen. Fiktion und Realität sind im Fall Nordkoreas ununterscheidbar für uns. Darin liegen Reiz und Bürde des Romans "Das geraubte Leben des Jun Do". Sein Autor Adam Johnson kann seiner Fantasie also die Zügel schießen lassen, aber er trägt auch die Verantwortung für das, was er schreibt. Damit ist nicht etwa die Sorge um das Ansehen des nordkoreanischen Regimes in der Welt gemeint. Gemeint ist vielmehr die moralische Verantwortung für die Würde der realen Menschen, die in irreal anmutenden Verhältnissen leben müssen. Vieles in Nordkorea mag Kulissenzauber sein, ein Operettenstaat mit kleinen Männern in Phantasieuniformen, lächerlich und bizarr. Aber das Blut an den Händen dieser kleinen, lächerlichen Männer ist echt. Deshalb sind sie so furchterregend.

Auch an Jun Dos Händen klebt Blut, viel Blut sogar. Adam Johnson hat mit dem nordkoreanischen Waisenjungen Jun Do, der rasch im Verlauf des Buches zum Mann heranwächst, einen Helden erschaffen, der seine Unschuld früh verliert. Jun Do verrät seine Mitmenschen, liefert sie aus, nimmt an Entführungen teil, verschleppt sie gegen ihren Willen und wird zum Mörder. Er verliert seine Unschuld schon in dem Waisenhaus, in dem er aufwächst, aber er gewinnt nach und nach etwas anderes dafür. Aus dem Kind und dem jungen Mann, der nur Befehle ausführt, ohne sie infrage zu stellen, wird ein Mann, der lernt, seine eigenen Regeln und Maßstäbe zu entwickeln und ihnen zu folgen. Es gehört zu den Ironien der Literaturgeschichte, dass ihre unschuldigen Toren, denken wir nur an Parzival oder an den Simplicius Simplicissimus des großen Grimmelshausen, nie unschuldig sind und nie Toren bleiben. Sie werden schuldig aus Unwissen und klug aus leidvollster Erfahrung. In diesem Sinne sind die Erzählungen von den reinen Toren Bildungsromane und Anti-Bildungsromane zugleich. Adam Johnsons Geschichte von Jun Do macht von dieser Regel keine Ausnahme.

Vielschichtiger Roman

Dieser Roman, für den der 1967 geborene amerikanische Schriftsteller in diesem Jahr mit dem begehrten Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, ist vieles zugleich: Thriller und Liebesroman, Spionagegeschichte und Satire, Dystopie und bitter-blutige Schelmengeschichte. "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do" ist eine packende Lektüre, ein Buch mit vielen Gesichtern und wechselnden Tonfällen, durchaus humorvoll, aber dank seiner ausführlichen Schilderungen von brutaler Gewalt und sadistischen Folterungen ganz sicher nichts für zarte Gemüter. Adam Johnson bietet seinen Lesern ein postmodernes Wechselbad: Kulissenzauber, reichlich Badeschaum und ab und an ein ordentlicher kleiner Stromstoß. Aber wer ist Adam Johnson eigentlich?

Bevor er mit dem Pulitzer-Preis ausgezeichnet wurde, war Johnson zumindest hierzulande nahezu unbekannt. Geboren 1967 in South Dakota und aufgewachsen in Arizona, studierte er Journalistik und nahm danach ein Schreibstudium auf. Heute lehrt er Creative Writing an der renommierten Stanford University, wo er das Stanford Graphic Novel Project ins Leben rief. Er debütierte im Jahr 2002 mit dem Kurzgeschichtenband "Emporium", dem 2003 der Roman "Parasites like us" folgte. "Emporium" wurde auch ins Deutsche übersetzt und erschien im Liebeskind Verlag, ohne jedoch größere Beachtung zu finden.

Dann folgten mehrere Jahre der Recherche. Johnson ist es gelungen, für die Arbeit an seinem Buch ein Einreisevisum für Nordkorea zu bekommen. Im Gespräch mit seinem amerikanischen Lektor David Ebershoff hat er seine Erlebnisse in Nordkorea und seine Recherchen für den Roman beschrieben.

"Ich habe mich gefragt, wie Familien diese Unterdrückung aushalten, wie sie angesichts der allgegenwärtigen Propaganda ihre Identität bewahren und ob Paare ungeachtet der Gefahr trotzdem noch ihre geheimsten Gedanken miteinander teilen… Die erste Person, die ich für das Buch interviewt habe, war ein Waisenjunge aus dem Norden, und die Verzweiflung und Traurigkeit, die aus seinen Erinnerungen sprachen, haben den Anfang des Buches stark geprägt."

Eine neue Identität

Jun Do, der im Waisenhaus aufwächst, kommt zur Armee und wird in den geheimen Tunneln, die unterhalb der demilitarisierten Zone Nord- und Südkorea miteinander verbinden, zum Elitekämpfer ausgebildet: Seine Spezialität ist der Nahkampf bei völliger Dunkelheit. Deshalb wird er zu einem Entführungskommando versetzt, dass in Japan Menschen kidnappt, nach denen es den Geliebten Führer verlangt, sei es ein Wissenschaftler oder eine schöne Opernsängerin. Von dort verschlägt es ihn auf See, wo er an Bord eines Fischkutters den internationalen Funkverkehr abhören soll. Dazu muss er sich Englischkenntnisse aneignen, die ihn für seine nächste Aufgabe qualifizieren. Jun Do wird Übersetzer und begleitet schließlich die bizarre Delegation nach Texas, wo eine amerikanische Geheimagentin Kontakt zu ihm aufnimmt und er erstmals auf den Gedanken kommt, sein Heimatland zu verlassen. Flucht aus Nordkorea? Nahezu unmöglich, und doch gelingt es immer wieder in seltenen Fällen. Adam Johnson hat während seiner Recherchen auch mit geflohenen Nordkoreanern gesprochen:

"Sämtliche Geschichten von Überläufern haben mich unglaublich fasziniert. Egal, ob Fabrikarbeiter oder Fischer, sie hatten alle die gleichen Erfahrungen gemacht - Wehrpflicht, Hungerjahre, Freunde und Familienmitglieder, die einfach verschwunden sind, brutale Übergriffe durch den Staat. In einer Welt, in der man nicht einfach seine Meinung sagen darf und Spontaneität als gefährlich gilt, war es besonders wichtig, auch mal Momente der Vertrautheit zu finden, Humor Überraschung. Aus diesen Recherchen heraus ist Jun Do entstanden."

Aber Jun Do bleibt nicht in Texas, er kehrt nach Nordkorea zurück. Weil die diplomatische Mission ohne Erfolg geblieben war, wird er ins Lager verbannt, was einem Todesurteil gleichkommt. Jun Do schuftet in den berüchtigten Kohleminen, wo es Sanitäter nur gibt, um den Sterbenden das Blut abzuzapfen oder noch brauchbare Organe zu entnehmen. Beides wird ins Ausland verkauft, um an Devisen zu kommen. Hier in den Kohleminen, wo Jun Do seinem sicheren Tod entgegensieht, endet nach 280 Seiten der erste Teil des Romans. Hier, in den Minen, begegnet er dem gefürchteten Kommandanten Ga, den er tötet und in dessen Haut er schlüpft. Ga aber ist nicht nur Nordkoreas grausamster Kommandant, sondern auch der Ehemann der schönen Schauspielerin Sun Moon, deren Gesichtszüge Jun Do sich auf die Brust tätowieren ließ, als er noch an Bord des Fischkutters Abhördienste leistete, aber wie einer gewöhnlicher Seemann auftreten musste, falls sie an eine russische oder südkoreanische Patrouille gerieten. Alle Seemänner tragen das Gesicht ihrer Liebsten als Tätowierung auf der Brust, und weil Jun Do keine Liebste hat und ohnehin keine Frauen kennt, wählt er die schönste und berühmteste Frau des ganzen Landes, also jene, die am wenigsten erreichbar war, die Schauspielerin Sun Moon. Mit Beginn des zweiten Teils ist Jun Do, der sich nun Kommandant Ga nennt, also der Ehemann einer Frau, die ihn nie zuvor gesehen hat.

Absolute Willkür

Spätestens jetzt wird deutlich, dass Adam Johnson sich um Wahrscheinlichkeiten wenig kümmert. Seine Handlung schlägt Haken, die jeden jungen Hasen wie eine alte Schildkröte aussehen lassen. Seine Logik, und von der kann man allen Haken zum Trotz tatsächlich sprechen, folgt der inneren Logik aller Diktaturen, also der tödlichen Mischung aus strengsten Regeln und absoluter Willkür. Warum lässt niemand den falsche Kommandanten auffliegen, nicht einmal seine Ehefrau? Weil alle daran gewöhnt sind, dass Dinge geschehen, die sie nicht verstehen, und weil der "Geliebte Führer" bei der ersten Begegnung mit dem falschen Ga so tut, als sei alles in bester Ordnung. Also denken nun alle, Kim Jong-Il selbst habe den Kommandanten ausgetauscht. Wie hatte doch der arme, längst in einem anderen Lager verreckte Dr. Song gesagt:

",Wo wir herkommen, sind Geschichten Realität. Wenn der Staat einen Bauern zum Musikvirtuosen erklärt, dann tun alle gut daran, ihn von da an Maestro zu nennen."

Der "Geliebte Führer" hat den unbekannten Mann, der Gas Uniform trägt, zum Kommandanten Ga erklärt, also ist er der Kommandant. Nur Kim Jong-Il selbst kann ihn jetzt noch auffliegen lassen.

Kommandant Ga hat vieles zu erleiden in diesem Buch. So wird ihm zum Beispiel die Tätowierung aus der Brust herausgeschnitten, ohne Betäubung. Genauso verfuhr Nordkoreas Geheimdienst mit dem amerikanischen Soldaten Charles Robert Jenkins, der 1965 in Gefangenschaft geriet und dann 39 Jahre lang in Nordkorea gefangen gehalten wurde. Gerade die größten Grausamkeiten hat sich Johnson nicht ausgedacht, sondern der Realität entnommen, wie er selbst gesagt hat:

"Wenn man Literatur als Fiktion betrachtet, die eine tiefere Wahrheit transportiert, dann empfinde ich mein Buch durchaus als eine sehr genaue Darstellung dessen, wie die Grundsätze des Totalitarismus das Menschliche in uns vernichten. Die überwiegende Mehrheit der schockierenden Aspekte in meinem Buch beruht auf der Realität. Die Lautsprecher, die Gulags, der Hunger, die Entführungen. Ehrlich gesagt hatte ich das Gefühl, Nordkoreas tatsächliche Schwärze noch etwas verharmlosen zu müssen."

Harmlos wirkt das, was Johnson schildert, gewiss nicht und manchen Leser werden die expliziten Folterszenen des Romans abstoßen. Aber sie wurzeln nicht nur in der Wirklichkeit, sondern haben auch im Roman eine besondere Funktion. Deshalb führt Johnson sogar eine weitere Erzählstimme ein. Sie gehört einem jungen Vernehmungsbeamten, also einem Folterer, der sich jedoch human dünkt, weil er mit Stromstößen arbeitet. Auch diese Variante bereichert dieses außergewöhnliche Buch, mit dem Johnson sich als kraftvoller Erzähler und kühner Kompositeur seiner vielschichtigen Handlung erweist. Johnson wagt viel in diesem Buch, das in Blut, Pathos, Absurdität und den Bitterstoffen der Satire schwimmt und schwelgt. Das meiste gelingt ihm. Dieser Roman schlägt ein Fenster in die Mauer, mit der Nordkorea sich umgeben hat. Wir sollten den Blick hineinwagen.

Adam Johnson: "Das geraubte Leben des Waisen Jun Do"
Suhrkamp Verlag, Berlin 2013; 678 Seiten, 22,95 Euro

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