• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 11:30 Uhr Nachrichten
StartseiteBüchermarktEin böses Buch15.07.2008

Ein böses Buch

Lilian Faschinger über ein Verbrechen in Wien

Der "Glauser" ist einer der wichtigsten Krimipreise im deutschen Sprachraum. In diesem Jahr bekam ihn in der Kategorie "Bester Kriminalroman" die österreichische Autorin Lilian Faschinger für "Stadt der Verlierer". Der erste Kriminalroman der etablierten Schriftstellerin, wenn auch ein sehr ungewöhnlicher.

Von Antje Deistler

Wien mit seiner sprichwörtlichen Morbidität  erschien Faschinger als   titelgebende "Stadt der Verlierer" ideal. (AP Archiv)
Wien mit seiner sprichwörtlichen Morbidität erschien Faschinger als titelgebende "Stadt der Verlierer" ideal. (AP Archiv)

"Ich denke schon, dass die Menschen immer von Leidenschaft und Verbrechen hören wollen. Und mich interessieren diese Themen eben auch sehr. Eros und Thannatos, Liebe und Tod, das ist doch immer interessant. Tote gibt es in meinen früheren Büchern auch genug. In Magdalena Sünderin bringt eine Frau sieben Männer um. Allerdings wird das nicht ganz ernst genommen und sie kommt auch mit diesen Morden davon. Auch in Wiener Passion gibt es eine Frau, die ihren Ehemann umbringt. Diesmal geht es doch etwas konkreter ins Krimigenre hinein, ist aber nicht ganz typisch für einen Krimi, weil das Verbrechen eben sehr spät passiert, und weil mich die Aufklärungsarbeit nicht sonderlich interessiert hat. "

Um Verbrechensaufklärung geht es tatsächlich wenig in "Stadt der Verlierer". Eher darum, einem Verbrechen dabei zuzusehen, wie es entsteht. Der Tatort ist Wien, ein sommerlich heißes Wien. Lilian Faschinger wählt die Städte in ihren Büchern bewusst aus. Wien mit seiner sprichwörtlichen Morbidität, Melancholie und Misanthropie erschien der gebürtigen Kärntnerin als Schauplatz und als titelgebende "Stadt der Verlierer" ideal. Dass sie dabei die Klischees über die Walzerstadt plündert, findet sie völlig in Ordnung.

"Wien, das Klischee stimmt ja auch manchmal, das Klischee entsteht ja nicht von ungefähr. Auch diese Beschäftigung mit dem Tod, diese Morbidität oder auch diese bizarren Gestalten, die findet man in Wien. Diese alten Frauen mit ihren Hunden, die dann unglaubliche Dinge von sich geben oder auch dieser Zeitungsleser in dem Café Drechsler, solche exzentrischen Personen gibt es viele in Wien und diesen eigenartigen Humor auch. "

Von diesem eigenartigen Humor ist zumindest einer der beiden Erzählstränge geprägt: Da gibt es ein Detektivbüro, gegründet von einer gewissen Emma Nowak, einer arbeitslosen Universitätsdozentin, und ihrem fettleibigen Frisör mit dem schönen Namen Mick Hammerl, also Hämmerchen. Krimileser erkennen darin eine ulkige Reminiszenz an einen der berühmtesten Helden der Kriminalliteratur, den knallharten amerikanischen Privatdetektiv Mike Hammer aus den Büchern von Mickey Spillane. Im zweiten, eher düsteren Erzählstrang, geht es um einen jungen Mann namens Matthias Karner. In der Person des arbeitslosen Musikers steuert die Geschichte auf eine Katastrophe zu.

"Ich wollte da schon ein Täterprofil schildern und eine Art Psychogramm eines Mannes. Was mich interessiert hat, ist auch diese latente Aggression, dessen er sich nicht bewusst ist, und die steigt."

Mit der wachsenden Aggression steigt auch das Tempo der Geschichte, bis der Leser schließlich Zeuge wird, wie die unterschwellige Gewalt eskaliert. Was glücklicherweise nicht heißt, das die Handlung total vorhersehbar ist - obwohl der Täter schnell feststeht. In ihrem zehnten Buch erzählt die Schriftstellerin Lilian Faschinger zum ersten Mal aus der Sicht eines männlichen Protagonisten.

"Karner ist der erste Mann, den ich ernsthaft beschreibe auch in der ersten Person. Der ist zwar ein unsympathischer und letztlich psychotischer Mensch, aber es ist vielleicht dann doch eine Weiterentwicklung. Es war sehr interessant. Ich hab sozusagen schreibend diesen negativen Blick auf dann nicht mehr ganz junge Frauen, den negativen männlichen Blick schreibend ausgelagert. "

Die männliche Hauptfigur schlägt sich als eine Art Gigolo durch, lässt sich von meist älteren Frauen aushalten, lebt von ihrem Geld, verabscheut seine Gönnerinnen aber aus tiefster Seele. Die exquisiten Frauenfeindlichkeiten, die dieser Mann von sich gibt, wirken umso heftiger, als sie aus der Feder einer Frau stammen - und das ist das eigentlich Spannende an diesem Kriminalroman. Wobei Lilian Faschinger ihn keinesfalls frauenfeindlich findet, im Gegenteil:

"Dieses Buch ist ein sehr frauenfreundliches. Der erste Blick täuscht natürlich. Man muss sich darüber im Klaren sein, dass ich ja aus der Perspektive dieses frauenverachtenden, frauenausbeutenden Matthias Karner erzähle in der ersten Person, das heißt die Frauenfeindlichkeit geht ja von ihm aus, das ist sein Blick auf die Frauen, auf diese meist älteren, vom leben und von den Männern meist recht enttäuschten Frauen, die so dankbar sind für jedes bisschen vermeintliche Liebe, das sie da von ihm bekommen."

Tatsächlich werden die misogynen Ausfälle des Antihelden immer wieder abgeschwächt durch freundlichere Sichtweisen und Perspektiven. Insofern stimmt es schon, dass "Stadt der Verlierer" kein reines Handbuch der Frauenfeindlichkeit darstellt. Andererseits sind die Gemeinheiten, die Lilian Faschinger ihre männliche Hauptperson von sich geben lässt, oft auf eine sehr bittere, aber auch klarsichtige Weise wahr. In solchen Momenten ist nicht nur eine männliche, sondern auch eine weibliche Wut auf Frauen zu spüren - darüber, dass sich viele von ihnen immer wieder an die falschen Männer hängen, dass sie sich ausbeuten lassen und sich viel zu selten wehren. Eine Beobachtung, die die 58-jährige Schriftstellerin nach kurzer Denkpause gelten lässt.

"Ja das mag dann schon in gewisser Weise mit mir zu tun haben, weil wenn man dann doch nicht mehr die Jüngste ist, sieht man die Dinge etwas klarer und man beginnt sich zu wundern und auch zu ärgern, dass Frauen immer wieder in diese Rollen hineinkippen und relativ wenig lernen."

Faschingers Methode, die Geschlechterrollen zu untersuchen, gerade indem sie als Frau einen Mann grässliche Dinge über Frauen aussprechen lässt, erweist sich auf geradezu hinterhältige Art und Weise als clever. Damit hält sie Männern und Frauen den Spiegel vor - und beinahe nebenbei gelingt ihr ein spannender, doppelbödiger Krimi. "Stadt der Verlierer" von Lilian Faschinger ist ein böses Buch - aber das ist gerade das Gute.

Lilian Faschinger: Stadt der Verlierer
Hanser Verlag

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk