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StartseiteBüchermarktEin Buch, das den Leser unsichtbar begleiten soll04.11.2010

Ein Buch, das den Leser unsichtbar begleiten soll

Kim Thúy: "Der Klang der Fremde", Kunstmann Verlag

Die vietnamesische Autorin Kim Thúy erzählt die Geschichte ihrer einst wohlhabenden Familie, die vor der brutalen Willkürherrschaft der Kommunisten floh. Eineinhalb Millionen Vietnamesen bestiegen in den späten siebziger Jahren marode Schiffe. Viele wurden im Südchinesischen Meer Opfer brutaler Piraten.

Von Sigrid Brinkmann

Buchcover Der Klang der Fremde (Kim Thúy) (Kunstmann Verlag)
Buchcover Der Klang der Fremde (Kim Thúy) (Kunstmann Verlag)
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Seelische Schieflage
Schicksale afrikanischer Flüchtlinge

"Ich kam während der TET-Offensive zur Welt, als das Jahr des Affen anfing und die vor den Häusern aufgehängten langen Knallerketten mit den Maschinengewehren im Chor zu knattern begannen. Ich erblickte das Licht der Welt in Saigon, wo die Reste der in tausend Stücke zerfetzten Böller den Boden rot färbten wie Kirschblütenblätter oder das Blut der zwei Millionen Soldaten, verstreut über die Städte und Dörfer eines entzweigerissenen Vietnam."

Die von der nordvietnamesischen Armee begonnene Offensive begann am 30. Januar 1968, am Vorabend des Neujahrsfestes. Kim Thúy erzählt die Geschichte ihrer einst wohlhabenden Familie, die vor der brutalen Willkürherrschaft der Kommunisten floh. Eineinhalb Millionen Vietnamesen bestiegen in den späten siebziger Jahren marode Schiffe. Viele wurden im Südchinesischen Meer Opfer brutaler Piraten. Kim Thúy und ihre Familie gehörten zu den Gestrandeten, die auch die harten Entbehrungen im malayischen Flüchtlingslager überstanden. Ein Sprichwort, das die Mutter der Erzählerin ihren Kindern früh einprägte, sollte sie auf ein Leben im Exil vorbereiten: "Das Leben ist ein Kampf, in dem Trauer zur Niederlage führt." Auf die Frage, ob sie das Verbot, nicht zurückzuschauen, immer befolgt habe, antwortet Kim Thúy mit einer wahren Geschichte.

"Ein vietnamesisches Flüchtlingsschiff geriet in Seenot. Es gab keine Nahrung mehr an Bord, der Treibstoff war ausgegangen, die Leute verhungerten. Der Kapitän eines vorbeifahrenden amerikanischen Frachters lehnte es ab, zu helfen. Eine sterbende Frau forderte die Flüchtlinge auf, sie nach ihrem Tod zu essen. Sie wollte, dass Menschen überleben, um später Zeugnis geben zu können. Diese Geschichte kam nur heraus, weil über zwei Jahrzehnte später ehemalige Schiffsangestellte den Kapitän des amerikanischen Frachters wegen unterlassener Hilfeleistung verklagten. Unter all den Flüchtlingen von damals fand sich nur eine Frau, die bereit war, als Zeugin auszusagen. Die anderen griffen sie deshalb sogar an. Sie wollten auf keinen Fall zurückblicken. Sie sagten: Warum? Es geht uns doch gut, und wir haben eine Zukunft. Die Vergangenheit wird in dem Moment wichtig, wo das Überleben gesichert ist. Solange man nur damit beschäftigt ist, sich am Leben zu halten, vergisst man die Vergangenheit nicht nur, man hat kein Recht, zurückzuschauen. Man darf es nicht."

Kim Thúy hat ihre Lebenserfahrungen in kleinen Prosa-Miniaturen verdichtet. Traumatische Erlebnisse stehen neben heiteren Beobachtungen und den Erinnerungen an besondere Menschen: Verwandte wie den selbstverliebten und großzügigen Onkel, Nachbarsjungen oder den Gärtner, der eine Landarbeiterin liebte. Dass das kanadische Exil für Kim Thúy in keinem Moment einen Kulturschock bedeutete, ist im Wesentlichen einem Erlebnis geschuldet.

"Als wir ankamen, hatten wir verlauste Haare, Krätze und Durchfall, aber die Einwohner von Québec haben sich von all diesem Schmutz nicht beeindrucken lassen. Sie haben uns sofort in die Arme geschlossen. Die Art, wie sie uns anschauten, hat uns vergessen lassen, in was für einem erbärmlichen Zustand wir uns befanden. Das war etwas ganz Außergewöhnliches. Ihre Blicke wurden zum Inbegriff von Zärtlichkeit, und wir Kinder haben uns einfach in sie verliebt. Wir haben alles aufgesaugt: Worte, Lieder, Gesten. Wir waren so mager, und die weichen, wogenden Formen der Kanadier, der dicke Hintern der Frauen, erschienen uns als etwas ganz Wunderbares. Sie zu umarmen, das war, als fiele man in ein weiches Daunenkissen."

Die eher distanzlose, aber empathische Umarmung war der wunderbare Ausdruck einer Haltung, die Menschen als einander gleich und ebenbürtig begreift. Kim Thúy eignete sich leicht eine direkte, das Handeln unterstützende Körpersprache an, doch musste sie in Vietnam, wohin sie später für drei Jahre zurückkehrte, erfahren, dass ihr Ausdruck sie zu einem Fremdkörper machte. Die Kluft zwischen ihr, die das kulturelle Zwitterleben preist, und den Dagebliebenen scheint unüberbrückbar. Es bleibt die Achtung der Autorin vor der Weise, wie vietnamesische Frauen und Männer versuchen, ihre Würde gegen die Versuchungen zu behaupten, das schnelle Geld zu machen. Kim Thúys einfache, bildhafte Sprache sorgt dafür, dass die erzählten Begebenheiten sich einem tief einprägen. Ein kleines und doch vollständiges Universum tut sich auf - grundiert von der Liebe zu ihren zwei Söhnen, für die sie dieses Buch geschrieben hat. Die fragmentarische Ordnung entspricht dem Verzicht darauf, etwas Letztgültiges über die Erfahrung von Flucht und Exil zu formulieren. Der französische Originaltitel "Ru" ist für sie noch stimmiger als der sanft klingende deutsche Titel.

"'Ru' ist ein altes französisches Wort für 'ruisseau'. Das bedeutet 'kleines Bächlein'. Auf Vietnamesisch heißt 'ru' Wiege. Es meint auch das Wiegen eines Kindes. Man sagt in meiner Muttersprache nicht, ich lege das Kind schlafen, sondern ich wiege es in den Schlaf. Ich finde, dass der Klang meines Buches einem Bach ähnelt, den man kaum hört. Das Ziel ist, dass das Kind das Wiegen nicht mehr spürt und in den Schlaf sinkt. Ich wollte, dass mein Buch etwas Stilles hat, dass es den Leser unsichtbar begleitet."

Kim Thúy: "Der Klang der Fremde", Verlag Antje Kunstmann, München 2010, 160 S., 14,90 EUR

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