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Ein echter Raffael

Sammlungschef des Städel erklärt technische Untersuchungen des Papst-Porträts

Jochen Sander im Gespräch mit Christoph Schmitz

Ein Gemälde von Raffael, das ein Porträt von Papst Julius II. zeigt, steht im Metzlersaal des Frankfurter Städel-Museums. (picture alliance / dpa - Andreas Arnold)
Ein Gemälde von Raffael, das ein Porträt von Papst Julius II. zeigt, steht im Metzlersaal des Frankfurter Städel-Museums. (picture alliance / dpa - Andreas Arnold)

Mit moderner Technik hat das Frankfurter Städel-Museum die Entstehung eines Porträts von Papst Julius II. sichtbar machen können: Unterzeichnungen, erste Farbanlagen, spätere Korrekturen. Alles deutet darauf hin, dass es keine Kopie ist, sondern tatsächlich von Raffael gemalt wurde, wie Jochen Sander, Leiter der Sammlung Alte Meister, erläutert.

Christoph Schmitz: Raffaelo Sanzio aus Urbino war schon einer der größten Maler in seiner Zeit um 1500 - so berühmt, dass ihn fast alle bis heute nur mit seinem Vornamen kennen: Raffaelo oder Raffael. Die Sixtinische Madonna hat er gemalt, die vatikanischen Gemächer in Rom ausgestaltet, Architekt und Bauleiter des Petersdoms ist er gewesen und doch schon mit 37 Jahren gestorben. Sein zahlenmäßig überschaubares Werk ist bis ins kleinste Detail erforscht, und doch gibt es möglicherweise eine Sensation, die jetzt am Frankfurter Museum Städel entdeckt worden sein könnte. Dort hat man nämlich vor einem Jahr ein Papst-Porträt gekauft. Es zeigt den Förderer Raffaels, Julius II., das Bild galt aber bisher als Kopie eines von Raffael gemalten Julius-Bildnisses, das in London hängt. Ein zweites Raffel-Original befindet sich in den Uffizien in Florenz. Das Städel in Frankfurt hat die Kopie nun kunsthistorisch und materialtechnisch und mit Röntgen- und Infrarottechnik untersuchen lassen, um in die Unterschichten des Gemäldes schauen zu können. Das Ergebnis: Diese Raffael-Kopie ist möglicherweise ein Raffael-Original.

Was deutet darauf hin, dass Sie einen echten Raffael haben könnten? Das habe ich Jochen Sander, Leiter der Sammlung Alte Meister im Städel, gefragt.

Jochen Sander: Dass es sich hier um ein Bild handelt, was in der Werkstatt Raffaels unter Beteiligung Raffaels entstanden sein kann, darauf deutet neben der künstlerischen Qualität, die das Bild an sich hat, vor allen Dingen eine extrem komplexe und für eine Kopie ganz außergewöhnliche Entstehungsgeschichte hin. Ein Bild, bei dem eben die Abweichungen und vor allen Dingen die als Prozess zu beobachtende Abweichung von der ersten Unterzeichnung über Korrekturen in der Unterzeichnung über die erste Farbanlage bis hin zu dem Oberflächenbild, was wir heute ohne technische Hilfsmittel sofort sehen, wenn wir das Bild anschauen. Diese Abweichungen deuten in der Tat auf einen kreativen Schöpfungsprozess hin, der zumindest eine Sache schlicht ausschließt: Dass es sich um eine banale Kopie nach einer Vorlage handelt. Und das war ja die Vermutung, als das Bild natürlich auch ohne die Erkenntnisse dieser modernen Untersuchungsformen vor einigen Jahren schon auktioniert wurde. Da hatte man nur die Oberfläche, aber nicht diese zusätzlichen Informationen. Wenn Sie sich überlegen: Ein Kopist, der eine genaue Vorlage vor sich hat, wird nicht an verschiedenen Stellen in der vorbereitenden Zeichnung auf der Tafel eine andere Komposition anlegen, um dann erst Schritt für Schritt im Prozess der Ausführung des Gemäldes am Ende dann doch da anzukommen, was eigentlich seine ursprüngliche Aufgabe gewesen wäre, nämlich: Mal' mir eine genaue Kopie.

Schmitz: Es geht um die Stuhlverzierung, es geht um eine segnende Hand, die man in der Untermalung sieht, aber nicht in dem ausgeführten Gemälde, um Ringschmuck. Was deutet denn darauf hin, dass es von Raffael selbst gemalt worden sein könnte?

Sander: Gut, zum einen tatsächlich die herausragende Qualität, die enge Übereinstimmung, die Nähe in allen auch physiognomischen, aber auch letzten Endes künstlerischen Details mit der weiteren Fassung - der, die seit nunmehr 40 Jahren als die bevorzugte Version gilt: das Gemälde in London -, die technische Ausführung, die Art der Unterzeichnung, aber auch ansonsten maltechnisch die Details wie eine tatsächlich jetzt Untermalung, also eine zunächst farbige Grundierung der Tafel, auf der dann die Farbe an sich aufgebaut ist.

Schmitz: Sind das alles Beweise für ein Original, oder nur Hinweise? Und wenn es nur Hinweise sind, wie würden Sie die Wahrscheinlichkeitsabwägung vornehmen?

Sander: Über technische Untersuchungen können sie in den seltensten Fällen einen Beweis antreten, dass ein bestimmter Maler tatsächlich dort Hand angelegt hat, weil wenn er keinen Fingerabdruck hinterlassen hat und sie die Fingerabdrücke nicht sozusagen auch obendrein noch dokumentiert haben, einen hundertprozentigen Beweis liefert dies nicht. Nur die bisherige Einschätzung dieser Tafel als eine bloße Kopie, als eine der durchaus zahlreichen Wiederholungen dieses berühmten Bildnisses von Raffael - dagegen spricht nun eben dieser beschriebene extrem kreative, extrem schöpferische Entstehungsprozess.

Schmitz: Das heißt, es könnte auch eine Urfassung dieses Porträts sein, von dem dann die anderen beiden Bildnisse in Florenz und London abstammen. Was sagen die Kollegen in London und Florenz dazu? Wissen die über Ihre Entdeckung schon etwas, oder andere anerkannte Renaissance-Experten außerhalb des Städel?

Sander: Es gibt etwa mit Jörg Meyer zur Capellen einen deutschen Kollegen, der das Bild auch im Vorfeld schon einmal gesehen hatte. Es gibt eine Reihe anderer Kollegen, die einen Teil der technologischen Dokumentation gesehen haben. Wir wollten zunächst einfach die Restaurierung, die Reinigung des Bildes abwarten und natürlich auch mit Blick auf die in der nächsten Woche anstehende Eröffnung unserer Altmeister-Sammlung, die Wiedereröffnung, die Vorstellung des Bildes damit verbinden. Es wird, ganz klar, jetzt im Grunde genommen die Detaildiskussion einsetzen, und natürlich bin ich sozusagen angemeldet für diverse Gespräche in London wie in Florenz, und wir wollen versuchen, bei allen Problemen, die eine Ausleihbitte von Gemälden des frühen 16. Jahrhunderts in jedem Falle darstellt, einfach aus konservatorischen Gründen, wir wollen versuchen, in einem Jahr eine Studioausstellung einzurichten, bei der eben idealiter die Londoner Fassung und die Florentiner Fassung neben unserem Bild hängen kann und eine Reihe weiterer, die Bildgenese beziehungsweise die spezifische Bildaussage kommentierender, erläuternder, einsichtig machender Ausstellungsobjekte zusammenkommen sollen.

Schmitz: Haben Sie beim Ankauf des Julius-Porträts 2010 geahnt oder gehofft, dass da mehr dahinter stecken könnte, und sogleich dann eine intensive Untersuchung angeordnet, oder wie kamen Sie überhaupt dazu, genauer hinzuschauen?

Sander: Nein. Der Vorbesitzer kam mit dem Bild zu uns und ich war zunächst einfach spontan beeindruckt von der Präsenz, die das Bildnis trotz seines damals noch total verdreckten, ungepflegten Zustandes auf mich machte, und ich war zugegebenermaßen elektrisiert, als wir dann die ersten technologischen Untersuchungen durchgeführt haben. Und in dem Moment, wo die abweichende Unterzeichnung und dann zusätzlich noch das Pentiment, also dieser Reuezug mit der veränderten, in Farbe ausgeführten, aber dann eben zu Gunsten der jetzigen Handstellung verworfenen Rechten des Papstes auftauchte, war mir klar: Das muss weit mehr sein, das ist weit mehr als eine bloße Kopie, eine von zahlreichen bekannten, sondern dieses Bild ist wesentlich interessanter. Und erst in dem Moment begann dann die Überlegung für eine Erwerbung.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.



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