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StartseiteBüchermarktEin einziges Leben. Acht Geschichten aus dem Krieg05.02.2002

Ein einziges Leben. Acht Geschichten aus dem Krieg

Hanser, 316 S., EUR 19,90

Geschichte ist das Arbeitsgebiet von Historikern. Sie rekonstruieren eine vergangene Welt, die so niemand erlebt hat. Und sie rekonstruieren diese Vergangenheit von einem vorläufigen Ende her, nämlich unserer Gegenwart und ihren spezifischen Interessen. Noch vor wenigen Jahren durfte man glauben, die Gegenwart entwickele sich aus den Bedingungen ihrer Vergangenheit. Und insofern bot das Studium der Geschichte die Möglichkeit, die Gegenwart von ihren Voraussetzungen her zu verstehen. Doch heute scheint es, als orientiere sich die Gegenwart vornehmlich an Zukunftserwartungen. Und so kappt das modernisierungsverzückte Jetzt seinen Vergangenheitsbezug und überläßt ihn den Historikern zur gelehrten musealen Bearbeitung. Doch den Historikern zerfällt die Vergangenheit in eine Vielzahl von Forschungsthemen einerseits und andererseits erzeugen sie aus der Pluralität ihrer Perspektiven viele Vergangenheiten. Kurz, in den letzten Jahren ist uns ein genaueres Verständnis davon abhanden gekommen, ob und wie Geschichte heute noch stattfinden kann.

Walter van Rossum

Vielleicht ist es diese neue Ratlosigkeit im Umgang mit dem Historischen, die den amerikanischen Politologen Tom Lampert bewogen hat, sich der Vergangenheit anders zu nähern. Der 39jährige Lampert lebt seit einigen Jahren in Berlin und hatte es nach eigenen Aussagen ziemlich satt, dauernd theoretische Werke zu lesen. Und so begann er zu erzählen, nämlich "acht Geschichten aus dem Krieg" wie der Untertitel seines Buches Ein einziges Leben lautet.

Acht Lebensläufen ist Lampert nachgegangen - und zwar streng nach den verfügbaren historischen Quellen. Die kürzeste seiner Geschichten aus dem Krieg geht so:

Vorsichtsmaßnahmen In Bayerisch Gmain bei Bad Reichenhall wohnt die 67jährige Witwe Klara D. Seit dem Tod ihres Mannes (1924) lebt sie sehr zurückgezogen in ihrem Haus. Am 9. Dezember 1938, einen Monat nach der Reichskristallnacht, hängen unbekannte Täter vor ihre Haustür einen Zettel mit der Aufschrift: ‚Alle Juden endlich einmal heraus!' D., die sich die gegen Juden erfolgten Maßnahmen sehr zu Herzen hat gehen lassen und in einer gewissen Angst lebt, daß ihr einmal selbst Leid angetan werde, vergiftet sich mit Veronal. Das Hausmädchen findet sie in der Frühe des 10. Dezembers bewußtlos im Bett liegend. Drei Tage lang ringt sie mit dem Tod. In dieser zeit verständigt das Hausmädchen mehrere Ärzte in Reichenhall, welche aber die Behandlung ablehnen und sie an den jüdischen, in Reichenhall wohnhaften Arzt Dr. O. verweisen, der den Fall dann übernimmt. D. stirbt am 13. Dezember 1938.

Im Monatsbericht der Gendarmerie-Station Reichenhall heißt es, daß D. sich am 13. Dezember vergiftete. Ob das Datum hier falsch angegeben wurde, um anständige Bürger nicht in Verlegenheit zu bringen oder um die letzten Leiden einer alten Frau nicht anzuerkennen, oder einfach um die Ausfüllung zusätzlicher Formulare zu vermeiden, bleibt unklar. Der Bericht schließt mit folgenden Worten: ‚Die Ortschaft Bayerisch Gmain ist somit judenfrei.

Tom Lampert schreibt im Präsenz. Die Vergangenheit ist noch nicht Geschichte geworden. Und so beobachten wir die Menschen sozusagen unterwegs zu der Geschichte, die sie gerade fabrizieren.

1938 war der Antisemitismus in Deutschland Programm und Gesetz. Es ging bis dahin um Vertreibung, Enteignung und Erfassung. Selbst nach der sogenannten Reichskristallnacht im November 1938 war die Vernichtung der Juden keineswegs konkret geplant. In Tom Lamperts kurzer Geschichte vom grausamen Tod einer alten jüdischen Dame geht es um die spezifischen Einfühlungsleistungen beim Produzieren von Geschichte: Wenn deutsche Ärzte eine sterbende Jüdin nicht behandeln wollen oder dürfen, dann bedarf es eigentlich keiner Fälschung eines amtlichen Protokolls. Andererseits besteht kein öffentlicher Mordauftrag - und übrigens wird nie einer bestehen. Also verzichtet man lieber auf das Protokollieren des unappetitlichen Wegschauens und begrüßt trotzdem den Selbstmord als Abschlagszahlung auf die Zukunft. Diese Geschichte sagt alles über das stille Funktionieren eines Weltbildes. Und diese Konstruktion nimmt vorweg, was später die meisten Deutschen behauptet haben: - "Wir haben ja nichts gewußt!" Doch Nixwissen ist eine intelligente Operation - wie wir soeben gesehen haben.

Doch Tom Lampert interpretierte seine Geschichten nicht. Dem umfangreichen Anhang seines Buches entnehmen wir, daß er sich für jedes Detail auf gesicherte Quellen stützt und etliche Formulierungen gar wörtlich in seinen Text einarbeitet. Was allerdings seine schriftstellerische Leistung nicht schmälert. Im Gegenteil der lakonische Montagearbeiter läßt aus der kruden Verfügungsprosa der Akten die intime Geistesverfassung der Wirklichkeitsteilnehmer grausam minutiös entstehen. Dagegen nehmen sich die Texte eines Samuel Beckett gelegentlich wie biedere Schüleraufsätze aus.

Gelegentlich vergisst man bei der Lektüre des Buches alles das, was man über den Nationalsozialismus zu wissen glaubte. Die Erklärungskraft des Faktischen verflüchtigt sich. Und es scheint, als führte uns Lampert in eine gespenstische Alltäglichkeit um uns die pausbäckige Bewältigungsgemütlichkeit unserer Tage, die weihevollen Zeremonien der Betroffenheit auszutreiben.

Lampert stellt Individuen in den Mittelpunkt. Das von Historikern kaum zu denkende Gewicht des Menschen spielt die entscheidende Rolle. In jedem Text wird uns aufs Neue klar, daß der Führer ohne die komplexe Leidenschaft der Geführten nichts wäre. Die wahre Zustimmung erschöpft sich nicht im grenzenlosen Dienen, sondern im kalkulierenden Verinnern der Aufgaben. Und so geht es in Lamperts Buch nicht darum, was die Umstände aus den Menschen machen, sondern wie sich die Menschen die Umstände zu eigen machen, um sich in ihnen als Individuen hervorzubringen.

Da wäre zum Beispiel die Geschichte von Wilhelm K. Schon als Student vor dem 1. Weltkrieg ist er von völkischer Gesinnung berauscht und entsprechend antisemitisch geladen. Aber im Rausch macht man nicht Geschichte, sondern mit Kalkül und Plan. In der Weimarer Republik wird Wilhelm K. Reichstagsabgeordneter einer völkischen Partei und als solcher legt er sich sogar mit den konkurrierenden Nationalsozialisten an. 1928 wechselt er zur NSDAP und wird deren Gauleiter in der Ostmark. Dann geht es so auf und ab mit Wilhelm K. Er gerät in Konflikt mit der Parteiführung, aber auch mit dem Gesetz. Sein Lebenswandel gibt zu denken. Ein streitbarer Intrigant, der sich für was Besseres hält - vor allem für einen individualistischen Geistesmenschen. Er wird entmachtet, mit einer Entschädigung abgefunden und schließlich 1941 - aufgrund seiner sehr guten Beziehungen - doch noch zum Generalkommissar von Weißruthenien ernannt. Die Hauptstadt Minsk ist bereits zu 80% zerstört. Wilhelm K. interessiert sich vor allem für den Neubau eines Opernhauses, während er gegen das slawische und jüdische Untermenschentum hart durchgreift. Aus Deutschland rollen jetzt die Judentransporte nach Minsk. Um für die Neuen Platz zu schaffen, werden die 6600 slawischen Juden im Minsker Ghetto von der SS erschossen. Aber als Wilhelm K. das jetzt mit deutschen Juden gefüllte Ghetto besucht, befällt ihn eine merkwürdige Unruhe: Er entdeckt arisch aussehende Juden und promovierte Juden und hochdekorierte ehemalige Offiziere aus dem Kaiserreich. Er schreibt an seinen Freund den Reichskommissar Lohse:

Mein lieber Hinrich!

Ich bitte Dich persönlich um eine dienstliche Anweisung für das Verhalten der Zivilverwaltung gegenüber den Juden, die aus Deutschland nach Weißruthenien deportiert worden sind. Unter diesen Juden befinden sich Frontkämpfer mit dem Eisernen Kreuz erster und zweiter Klasse, Kriegsverletzte, Halbarier, ja sogar ein Dreiviertelarier. (..) Bei wiederholten dienstlichen Besuchen im Ghetto habe ich festgestellt, daß unter diesen Juden, die sich auch durch persönliche Sauberkeit gegenüber den russischen Juden unterscheiden, auch Facharbeiter sind, die etwa die fünffache Tagesleistung von dem leisten, was russische Juden vermögen. (..) Ich bin gewiß hart und bereit, die Judenfrage mit lösen zu helfen, aber Menschen, die aus unserem Kulturkreis kommen, sind doch etwas anderes, als die bodenständig vertierten Horden. (..) Ich bitte Dich, mit Rücksicht auf das Ansehen unseres Reiches und unserer Partei hier eindeutige Anweisungen zu geben, die in der menschlichsten Form das Nötige veranlassen. Mit herzlichem Gruß und Heil Hitler. Dein K.

Doch Wilhelm K. wird nicht erhört. Im Gegenteil: er gerät in ernsthafte Konflikte mit der Partei und diversen Dienststellen. Doch bevor das Problem eskaliert, wird Wilhelm K. von Partisanen umgebracht. Nur in einem einzigen Fall hatte er zuvor Erfolg: Es gelingt ihm, den jüdischen Oberleutnant der Kaiserlichen Marine a. D. Dr. L. vor dem Vernichtungsprozeß zu retten. "Ein einziges Leben" - das ist die Geschichte, die dem Buch den Titel gibt. In einem anderen Kapitel wird Lampert die Lebensgeschichte jenes Oberleutnant a. D. Dr. L. erzählen. Denn in seinem Buch widmet er der Handlungsweise der Opfer ebenso viel Aufmerksamkeit wie den Tätern.

Mit Sicherheit erzählt Lampert diese Geschichte nicht auf über 70 Seiten im aberwitzigen Detail, um uns mit moralischen Differenzierungen im Täter-Opfer-Schema zu beglücken - um uns also etwa darauf aufmerksam zu machen, daß auch im finsteren Herzen eines fiesen Nazis humanitäre Partikel zirkulieren können. Der humanistische Einfall des Wilhelm K. relativiert mitnichten seine ausgezeichneten Qualitäten als überzeugter Massenmörder. Tom Lamperts Geschichten belegen vor allem eins: niemand wird als Massenmörder abgerichtet und ist nebenher noch ein ganz normaler Mensch. Vielmehr muß man sein ganzes Menschsein individuell darauf trainieren, um sich als Massenmörder hervorbringen zu können. Und so kann eben der individualistische Humanist Wilhelm K. die Endlösung nur dann überzeugt vollstrecken, wenn er sich dabei als Humanist nicht aus den Augen verliert. Nichts wäre hier falscher als die berühmte Sentenz über "die Banalität des Bösen" von Hannah Arendt. Erstens, ging es den Tätern nicht um die Errichtung des Bösen, zweitens setzte die Wirksamkeit ihrer Taten äußerst komplexe Operationen des Individuums voraus, so wie eine außergewöhnliche Komplexität in der Kollektivabstimmung.

Lampert führt uns zum Ursprung der Geschichte: Damit es so etwas wie Geschichte gibt - also, erkennbare kollektive Ordnungen mit ihrer spezifischen Rationalität - müssen Menschen sich diese Ordnung zum Projekt machen. Lampert fragt nicht, was hätten Individuen anders machen können, sondern er fragt, was mußten sie tun, um das tun zu können, was sie getan haben. Und Lampert ist ein so feinsinniger Erzähler, daß wir am Ende des Buches nicht das Gefühl haben, wir könnten die Epoche des Nationalsozialismus endlich begriffen hinter uns lassen. Jenes hochleistungsfähige Individuum, das zu schlicht allem bereit ist, um sich im kollektiven Fortschritt selbst zu erzeugen, dieses Individuum ist entwickelter denn je. Wir sind es - ohne daß wir uns dabei so ganz verstehen wollten.

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