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StartseiteBüchermarktEin Erfinder von Dingen17.11.2010

Ein Erfinder von Dingen

Erich Wolfgang Skwara: "Im freien Fall", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Spielmann heißt die Hauptfigur des Romans, bei deren Namensgebung Grillparzers Novelle "Der arme Spielmann" Pate gestanden hat. Spielmann ist ein Mittfünfziger, der seiner Frau Linda und seinen Töchtern in liebevoller Lieblosigkeit auch aus größter zeitlicher und räumlicher Distanz verbunden ist.

Von Heinz-Norbert Jocks

Erich Wolfgang Skwara: "Im freien Fall", (Hoffmann und Campe)
Erich Wolfgang Skwara: "Im freien Fall", (Hoffmann und Campe)

Die Neue Welt hinter und den weiten Stillen Ozean vor sich kommt sich Spielmann, die auf Grillparzer anspielende Außenseiterfigur im jüngsten Roman "Im freien Fall" von Erich Wolfgang Skwara, wie ein Täter auf der Flucht vor, der unweigerlich ins Sinnieren über sich selbst und den Lauf der Welt gerät. Dieser Mann, der sich als Kind nur reich im Schauen und als Erwachsener sich nur in seinen Innenbildern wohl und zuhause fühlt, scheint an einem Wendepunkt seines Lebens angelangt zu sein. Er will noch heute seinen Abflug zur endgültigen Abreise buchen und sein Leben ändern, und doch scheint am Ende des Tages, durch den wir ihn begleiten, äußerlich alles beim Alten geblieben zu sein, wenn bei ihm auch innerlich vieles in Bewegung geraten ist. Doch der geplante Aufbruch findet nicht statt, dafür aber eine Reise quer durch die Vergangenheit. Der Tag, der draußen mit einem Blick auf die endlose Weite des Pazifiks begann, endet drinnen im Haus, wo er von seiner Frau Linda zum Abendessen wie zu einem seltsamen Happy End gerufen wird. Die Ehe, schon seit langem am Ende ihres Glücks, wird aus Treue zu der Nähe, die einst bestand, aufrechterhalten. Mann und Frau unternehmen zwar noch gemeinsame Reisen wie die zur Insel Santa Catarina. Aber in der Beziehung lebt jeder für sich, zwar in Anwesenheit des anderen, aber beinah erwartungslos. Erich Wolfgang Skwara:

"Nicht nur von Treue, auch von liebe ist da die Rede, denn ich glaube, wenn man einmal geliebt hat, so kann man nicht sagen, jetzt liebe ich dich nicht mehr. Ja, man kann sagen, ich habe keine Begierde mehr. Man kann sagen, ich habe keine Leidenschaft, aber man kann nicht aufhören zu lieben,, wenn man einmal wirklich geliebt hat, und dann verändert die liebe halt ihre Form. So,. wie Wasser zu Gas oder Eis werden kann, .so bleibt es immer noch aus Wasser, und so kann die Liebe auch alle möglichen Formen annehmen. Und bleibt Liebe. Wenn er am Abend seine Hand nur auf die Haare legt, während sie schläft, so ist das doch eigentlich genauso zärtlich wie eine Orgie zu feiern, die wahrscheinlich weniger zärtlich wäre. Also es ist die Frage der Intensität liegt nicht in der Intensität, sondern liegt einfach in der Treue. Hermannstreue ist ein Wort dafür. Das heißt in dem Glauben, dass man nicht aufhören darf, und zwar deshalb, weil es keinen Neuanfang gibt."

Die Liebe kann einer anderen Liebe nicht die Liebe nehmen. So ungefähr heißt es an einer Stelle des Romans, in dessen Rahmenhandlung Episoden oder kurze Erzählungen so raffiniert eingewoben und miteinander verflochten sind, dass der Eindruck von einer sowohl langen als auch ruhigen Dauer entsteht. Die Sprache zeugt dabei von einer verführerischen Leichtigkeit, worüber wir Leser beinah vergessen könnten, dass hier existentielle Themen angeschlagen und Urfragen noch einmal mit einer kindereigentümlichen Naivität gestellt werden. So, als wäre es an der Endzeit, wo nur nochmaliges Fragen weiterhilft. Im Grunde ein versteckt philosophischer Roman. Erich Wolfgang Skwara:

"Ich wollte immer diesen Roman schreiben im Grunde. Aber ich wusste nicht wie. Ich wusste nur, ich möchte ein Buch über all die großen Fragen stellen, denn es erscheint mir immer so geradezu skandalös, pervers und absurd, frech, dass wir Menschen allesamt in dieser Welt so dahinleben, ohne uns die Fragen täglich zu stellen. Warum ist der Himmel blau? Warum spüren wir die Luft als Wind, weil sie sich bewegt? Warum ist das Wasser nass? Warum alles? Das war so ein Grundgefühl von mir, dass man nicht alles nur benützen darf, sondern dass man auch verstehen müsste, warum. Und das ist am allermeisten der Fall für die Zeit. Was ist die Zeit? Was heißt denn das gestern? Was heißt denn das morgen? Das sind halt Fragen, die keiner mehr fragt, und wenn wann es tut, dann gilt man als Kind. Gilt man für naiv oder gilt man für ein bisschen geistig zurückgeblieben. Aber in Wirklichkeit sind das die wichtigsten Fragen, und die wollten ich irgendwann einmal stellen, auf irgendeine Weise. Das ist, was dieses Buch ist also ein Nochmalstellen all der großen Fragen, die eigentlich die existentiellen Fragen sind."

Es scheint, als hielte Spielmann an der Vergangenheit wie an etwas Kostbarem fest, dass er durch kein Vergessen gefährden will. Seine Form der Treue, die in der Weigerung sich äußert, den anderen zu verlassen, den man einst begehrt oder geliebt hat, verdankt sich dem Glauben an die Ewigkeit. Von hier aus ist wohl auch seine ästhetizistische Bejahung der Schönheit zu verstehen, die er angesichts der Bilder von Ghirlandaio und den Gesichtern von Botticelli empfindet. Die Menschen auf den Gemälden, die immer noch so schön sind, wie sie von dem Maler einst gesehen wurden, sind Spielmann nicht nur näher als die Lebenden. Er findet im Ausdruck ihrer Vollkommenheit auch Trost und Stärkung. Von daher zu guter Letzt seine Entschlossenheit, bei den Menschen Ghirlandaois zu bleiben. Das wirkt wie eine Rettung aus der ganz auf Zukunft fixierten Jetztzeit, gegen die Spielmann revoltiert. Doch widersinnigerweise ist er just in der Branche erfolgreich, die sich auf die Bedürfnisse von morgen spezialisiert hat, die den Konsumenten von heute eingeflößt werden sollen. Erich Wolfgang Skwara.

"Der Spielmann ist im Grunde ein Erfinder. Ein Erfinder von Dingen, und da ist er sogar sehr erfolgreich gewesen in seiner Karriere. Aber es ist ihm der Glaube daran abhanden gekommen. Er will nicht mehr. Erfinden heißt ja, in die Zukunft arbeiten. Und gerade er, der sein ganzes leben in die Zukunft denken wollte und musste von seinem Beruf her, hat auf einmal verstanden, die einzig richtige Bewegung wäre ja nach rückwärts, denn wir sind eh schon viel zu weit nach vorne gekommen. Es wäre viel besser, zurückzugehen, und diese Erkenntnis macht ihn natürlich zum Verräter seiner Aufgabe und macht ihn auch zum Versager in den Erwartungen, die die Welt in ihn setzt, was man von ihm glaubt. Aber das weiß eben noch niemand. Also Spielmann ist ein Verräter, den noch niemand erkannt hat, nur er selber weiß es. Als solcher hat er noch eine gewisse Chance, etwas zu bewirken, denn wenn einmal alle Leute sagen, da geht der Verräter, dann wirst du niemanden mehr erreichen und niemanden mehr überzeugen. Aber solange die Leute glauben, du bist ein braver anständiger Erfinder und Zukunftsdenker, kannst du langsam versuchen, alle Dinge abzuschaffen, umzumodeln und rückwärts zu gehen, wie ein geheimer Agent., der irgendwie an einer Mission ist. Das ist Spielmanns geheime Mission, den Rückwärtsgang zu erfinden. was auch immer das heißt. Mit anderen Worten, aufzuhören, mit diesen immer Fortschritt, Fortschritt, Fortschritt. Wachstum, Wachstum, Wachstum. Profit, Profit, Profit."

Im Grunde liest sich dieser so subtil gewebte Roman, in dem Nebengeschichten zu von Reflektionen durchdrungenen Zentren werden, wie eine Kultur- und Gesellschaftskritik. Diese schafft zu unserer Zeit mit ihrer notorischen Unüberblickbarkeit dadurch Abstand, dass Skwara zwischen der alten und der neuen Zeit wandert, so wie er sich in seinem von Martin Walser so hochgelobten Roman "Die Zerbrechlichkeit" zwischen der Alten und Neuen Welt bewegte. Die Erkenntnisse gewinnt er aus dem Dazwischen.
Wer den Blick in diese gegengängige Philosophie noch weiter vertiefen will, der wird auch an dem Essayband "Eine Wirklichkeit des Sirenengesangs" großen Gefallen finden, in dem sowohl Politisches als auch Literarisches zu Wort kommen. Und wer zudem als Leser erleben möchte, wie bedächtig und präzise sich Skwara als Übersetzer dem Letzten, Fragment gebliebenen Roman "Bouvard und Pécuchet" von Gustav Flaubert annähert, der wird bei dessen Lektüre erfahren, was es für Skwara heißt, einen Autor vor Übersetzungen in Schutz zu nehmen, die nicht nur stilistische Eingriffe der besseren Lesbarkeit zuliebe vornehmen, sondern sich dadurch auch vom Original verabschieden. "Betrug am Text" nennt er das. Erich Wolfgang Skwara:

"Ich glaube, die Gefahr beim Übersetzen, das gilt für jeden, und vielleicht bin auch ich manchmal in der Gefahr oder in die Falle gegangen, dass man glaubt, man müsse den Text schöner machen in der eigenen Sprache, in der Übersetzungssprache als im Original. Um ein Beispiel zu geben, wenn Flaubert, der schreibt manchmal sehr komplizierte Sätze, das tun andere auch, aber wir sprechen von Flaubert, und diese Sätze haben eine Syntax, einen Neben- und einen Hauptsatzfolge und eine Verbindung., die es eigentlich sehr schwierig macht, ihn ins Deutsche zu übersetzen, das eine völlig andere Syntax und eine völlig andere Satzordnung und Wortordnung hat als das Französische. Ihn zu übersetzen in einen sehr langen zehn Zeilen langen Satz ist oft sehr schwierig, und da haben sich andere Übersetzer in der Vergangenheit einfach gesagt, wichtig ist Klarheit, wichtig ist Verständlichkeit im Deutschen, um die zu gewährleisten, also mache ich aus dem langen eben vier oder drei Sätze."

Für Skwara ist Flaubert nicht nur ein Autor, der geradezu zäh um Sprache gerungen hat, sondern auch einer, der pedantisch auf der Suche nach dem einzigen richtigen Wort war, mit dem sich etwas so genau wie möglich bezeichnen lässt. Nun versteht sich Skwara weniger als Übersetzer denn als Schriftsteller, der sich gegenüber der Literatur, die er liebt, verpflichtet fühlt. Alles in allem geht es ihm darum, das Wesen eines Buches herauszukristallisieren. Erich Wolfgang Skwara:

"Es ist unglaublich aktuell. Denn es ist wirklich so, dass die beiden lustigen Biedermänner oder Spiesbürger einfach glauben, sie können ihrer Zeit, also das ist jetzt die Zeit um 1850, da spielt der Roman, gerecht werden, indem sie ganz einfach interessiert sind an Dingen und auf laienhafte Weise alles lesen. Das ist ein bisschen so, wenn man heute in eine Buchhandlung geht und eine riesige Abteilung mit Tausenden von Titeln sieht "Wie mache ich? "How to do? Wie bin ich ein guter Autor? Wie repariere ich meinen Fernseher? Wie nehme ich ab, wenn ich übergewichtig bin? Dieses "Wie-lebe-ich-richtig?, das ist zum ersten Mal in diesem Buch zum Thema gemacht worden. Das gibt es vorher nicht, das ist auch das Genie Flauberts in diesem Buch, dass er hier sozusagen die Absurdität des Konsumerdenkens, das wir heute noch tausendfach mehr betreiben als damals seine Zeit, sozusagen zum Thema macht und dass er zeigt, wie absurd das ist. Und wie es unmöglich ist, für einen Menschen zu sagen, ich verstehe alles, nur weil ich ein bisschen damit beschäftig habe, was ja heute gang und gäbe ist."

Erich Wolfgang Skwara: "Im freien Fall", Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg

Weitere Romane von Erich Wolfgang Skwara:
Erich Wolfgang Skwara: Die Wirklichkeit des Sirenengesangs
(Mitterverlag, Wels)
Gustav Flaubert: Bouvar und Pécuchet
übersetzt aus dem französischen von Erich Wolfgang Skwara
(Suhrkamp Verlag, Berlin)

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