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StartseiteBüchermarktEin erschriebenes Leben21.03.2013

Ein erschriebenes Leben

Helmut Pfotenhauer: "Jean Paul. Das Leben als Schreiben", Carl Hanser Verlag

Helmut Pfotenhauer stellt Jean Paul in einer neuen Biografie als modernen Autor vor. Der brachte in der als entgöttert empfundenen Welt des 18. Jahrhunderts eigene Geistesfunken der Erzählkunst hervor.

Von Harro Zimmermann

Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul in einer zeitgenössischen Darstellung nach einem Gemälde von Fr. Meyer. (picture alliance / dpa)
Der Schriftsteller und Philosoph Jean Paul in einer zeitgenössischen Darstellung nach einem Gemälde von Fr. Meyer. (picture alliance / dpa)

"Jean Paul selbst hat in der Vorrede zum 'Siebenkäs' zwischen einem Kunstpublikum und einem Lese- und einem Kaufpublikum unterschieden. Heute ist es so, dass gerade unter den zeitgenössischen Autoren Jean Paul eine Renaissance hat. Er wird außerordentlich viel gelesen und zitiert. Ich erinnere an Navid Kermani, Brigitte Kronauer, Walter Kappacher und viele andere. Auch bei Wissenschaftlern ist er sehr en vogue in den letzten Jahren und Jahrzehnten. Das hat mit mehreren Umständen zu tun. Sein Schreiben ist gerade in der sogenannten Postmoderne hochaktuell. Er schreibt ja nicht linear, die Geschichte vom Anfang bis zum Ende ist für ihn eher nebensächlich. Er montiert einzelne Textbausteine und vor allem, er reflektiert ständig auf sein eigenes Schreiben, auf die Schwierigkeiten, ein Leben zu beschreiben, eine Biografie seiner Helden zu schreiben. Und das sind alles Elemente, die im zeitgenössischen, postmodernen Schreiben eine ganz wichtige Rolle spielen. Für dieses Publikum ist Jean Paul vielleicht sogar der aktuellste Autor aus der Zeit um 1800."

Nein, ein Unbekannter ist er nicht, der 1763 in Wunsiedel geborene und 1825 in Bayreuth gestorbene Johann Paul Friedrich Richter. Mag er zu Beginn des 21. Jahrhunderts auch eine wachsende Zahl von Lesern und Verehrern erfreuen, seine Wirkungsgeschichte spricht - insgesamt gesehen - eine andere Sprache. In den vergangenen zweieinhalb Jahrhunderten sind die poetischen Bizarrerien dieses Schriftstellers von den jeweiligen Kulturverwesern oft um einiges überboten worden. In der Aufklärungsära als singuläres, aber wenig gelesenes Literaturwunder gefeiert, im 19. Jahrhundert zum harmlosen Fabulierkauz à la Biedermeier erkoren, im Stefan-George-Kreis am Beginn des 20. Jahrhunderts zum Apostel eines kunstsinnigen Deutschtums geweiht, bei den Nazis aufgerüstet zum Propheten der nordischen Rassensendung. Und in der Bundesrepublik und in der DDR seit den 60er-Jahren als Pazifist, aber auch als Revolutionsenthusiast und proletarischer Freiheitskämpfer identifiziert, hat sich Jean Paul heute wieder zum Kultobjekt einer Spezies von genussfreudigen Kennern entwickelt.

Umso dankbarer sollte man sein, dass der Würzburger Germanist Helmut Pfotenhauer, ein so gelehrter wie schreibgewandter Forscher, uns das Leben Jean Pauls ohne jede Idolisierung, so text- und persönlichkeitsnah wie nur möglich vor Augen führt.

Mit dem Verhältnis zu Goethe und Schiller begann der Fall Jean Paul im späten 18. Jahrhundert erstmals ein solcher zu werden. Wäre es nach den beiden Weimarern gegangen, der "arme Teufel aus Hof" hätte auf dem deutschen Dichter-Parnass womöglich kaum eine Chance erhalten. Wie ein "Tragelaph", ein Mischwesen in Tiergestalt, kam er Goethe vor. "Aus dem Mond" scheint er gefallen zu sein, schrieb Schiller an den Freund. Was sollte man sagen zu dem kränklichen Witz, den Sentimentalitäten und Phantasmen dieser genialisch auftrumpfenden Literatur? Und doch haben die Weimarer Obacht gegeben, denn hier war ihnen eine höchst wundersame Poesie ins Haus geflattert, alles andere als ein Fall für die gewohnte Tagesordnung der beiden Kulturpräzeptoren.

Dieser Johann Paul Friedrich Richter hatte sich seit 1794 schon mehrfach in verschnörkelten Briefen an Goethe gewandt, aber nie eine Antwort erhalten. Er mochte marginal erscheinen, aber er gab einem Rätsel auf, seit 1792 nannte er sich Jean Paul.

"Er war von frühester Kindheit an ein außerordentlich buchstabenvernarrter Autor, mit 15 Jahren hat er angefangen zu schreiben. Damals war er noch nicht einmal Leser, sondern einer, der mit Buchstaben hantiert und sich in Buchstaben vernarrt wie später seine Figuren wie Schulmeisterlein Wutz und andere. Das ist also schon bei dem ganz jungen Jean Paul mit fünf, sechs Jahren festzustellen. Er lernt theologische Fragen von seinem Vater und dessen Predigten her sehr schnell kritisch zu hinterfragen. Und ist sehr bald eine Art intellektuelles Wunderkind gewesen. Er kommt, ohne vorher in der Schule gewesen zu sein, er hat bei seinem Vater Privatunterricht gehabt, nach Hof ins Gymnasium und wird sofort Klassenbester und macht dann den Abschluss als der Beste seiner Schule. Das zeigt alles, dass er in hohem Maße begabt war."

Ein wahrhaft ungewöhnlicher Zeitgenosse und Schriftstellerkollege im Aufklärungszeitalter. Schon die Fama dieses Menschen sprach Bände. In seinen Büchern tobte sich das "Tolle" in weitschweifigen Fantasie- und Traumwelten neben dem "Wahren" aus, das Alltägliche neben dem Unerhörten, Kosmischen vermengte sich mit dem Gewöhnlichen und umgekehrt. An ästhetischer Heterogenität war diese Poesie nicht zu überbieten. Die Wahrheit, schrieb Jean Paul, sei zwar seine "Gesellschaftsdame, aber nicht meine Führerin". Das haben die am griechischen Gleichmaß geübten deutschen Klassiker Goethe und Schiller nicht verstehen können. Ausgerechnet dieser Autor wird bald zur Heimsuchung, denn Jean Paul sollte zwischen 1798 und 1800 in Weimar leben und dort seinen grandiosen "Titan" zu Papier bringen.

Eine Zeit der "Irritationen und Attraktionen" nennt Helmut Pfotenhauer diese beiden Jahre, die angefüllt sind mit Liebes- und Klatschgeschichten um den illustren und so wenig vornehmen Romanschreiber. Er bringt die weimarische Damenwelt, wie bald auch die Berliner und die Leipziger, in erotische und intellektuelle Aufregung und vermag es trotz allen Bemühens nicht, die Wertschätzung des berühmten Dichterpaars zu erringen.

Aber auf diese "Formschneider" mit ihrer Griechen-Manie, mit ihren eisigen Mienen und "eingeäscherten Herzen", will der Liebesgefühlspoet am Ende doch gern verzichten. In der Romanfigur des Kunstrats "Fraischdörfer" im 'Quintus Fixlein' und im "Titan" hat er ihre Selbstvergötterung seiner humoresken Lauge ausgesetzt.

Weimar bleibt in der Biografie des Jean Paul eine Episode. Helmut Pfotenhauer kostet die soziale Aufgereiztheit und literarische Süffisanz dieser Jahre nicht weiter aus, genauso wenig, wie er das übrige Leben seines Protagonisten zur Anekdotensammlung des allzu Menschlichen werden lässt. Leipzig und Berlin spielen noch eine besondere Rolle für den von der Leser-Weiblichkeit vergötterten und immer besser verdienenden Starautor, aber alles in allem sollte das grandiose Wortexperimentalwerk dieses "Stadtpfarrers des Universums" im Oberfränkischen beginnen und auch enden. Warum eigentlich haben ihn die Frauen als Leserinnen so verehrt und geradezu geliebt?

"Das hängt zusammen mit seinem empfindsamen Stil. Jean Pauls Romane sind ja Mischformen von empfindsamen und satirischen Stilelementen. Er mischt die verschiedenen gegensätzlichen Stilarten, was ihm Goethe dann als Manierismus vorwirft. Die Frauen haben vor allem diese empfindsamen Passagen in seinen Werken geschätzt, zunächst im "Hesperus", der sein großer Erfolgsroman geworden ist. Und es führte zu einer geradezu hysterischen Verehrung Jean Pauls. Vor allem war es auch die adlige weibliche Leserschaft, die ihn verehrt hat. Allerdings muss man sagen, auch andere Gruppen haben Jean Paul verehrt, vor allem auch die metaphysisch-spekulativen Passagen, Jean Paul wurde auf dem Sterbebett gelesen, das ist überliefert. Er wurde von Leuten gelesen, die in Festungen eingekerkert waren. Also es gab eine geradezu fanatische Verehrung Jean Pauls seit dem "Hesperus"."

Man mag bedauern, dass Pfotenhauer manche biografische Delikatesse im tabellarischen Anhang seines Buches untergebracht hat. Doch umso souveräner hält er sich an das Wort Jean Pauls, sein reales Ich sei bei Weitem nicht so bedeutsam wie dasjenige, was es literarisch zu Papier habe: "Ich als Ich kann mir wenig sein", schrieb Jean Paul einmal. Ja, wir haben es hier in der Tat mit einer erschriebenen Vita zu tun, es ist das papierne Kondensat einer ungeheuren Wort-Lebens-Leistung, einer nichtendenwollenden Sehnsucht nach Selbst- und Werkvollendung. Es ist ein Werk der beständig nachholenden wie vorausblickenden Fortschreibereien. Wie bei keinem anderen Autor deutscher Zunge haben die Schriften Jean Pauls einander atemlos abgelöst, haben ineinandergegriffen und sich überlagert, sind sie ergänzt und weiterentwickelt, relativiert und korrigiert, auf grenzenlose Unvollendbarkeit hin entworfen worden. Der kosmischen Erfülltheit und Dynamik, man könnte sagen, den Sternenkonstellationen seines Denkens und seiner Welterfahrung, hatten die Bücher ihren Sinn- und Formwandel zu unterwerfen.

"Dieses Projekt einer durch Schreiben bewirkten Unendlichkeit und Unsterblichkeit ist Ausdruck einer modernen Grunderfahrung, nämlich dass keinerlei Gewissheiten mehr vorhanden sind, was das Fortleben unserer Seele anlangt. Also die Frage der Unsterblichkeit ist für den modernen Autor nicht mehr durch Vorgaben der Religion oder der Metaphysik gegeben, sondern muss immer neu erarbeitet und erschrieben werden. Dieses große Projekt von Jean Paul ist ein "genuin modernes", die Verheißungen einerseits, aber auch die Verzweiflungen des auf sich allein gestellten Autors."

Der Leser Jean Paul nannte sich selbst einen "Bücher-Vampyr", aber das gilt vor allem, weil er als Autor ein Wortfresser war, ein Textsammler und -ausbeuter von höchsten Graden, ein Collageur und Experimentator, der überhaupt nur im Kosmos der "Letternkultur" atmen konnte. Umgeben von karger Möblierung und ohne jede Bibliothek, mit allerlei lebendem Getier im Arbeitszimmer, eingerahmt von "Exzerpten" und "Gedankenbüchern", samt "Machregeln" und Registern, dem sogenannten "Repositorium", haben sich bei ihm auf schmalem Lebensgrat die blitzenden Sprach- und Fantasiefeuerwerke entzündet. Allein diese Materialkonvolute, schrieb Jean Paul einmal, habe er zeitlebens nicht für eine Bibliothek von 200.000 Bänden eintauschen wollen. Sie waren ihm Garanten für die unendliche Fortdauer seiner Schreibmanien, sie waren seine Lebensbedingung, wenn nicht sein Lebensersatz. Diesem "Tummelplatz kontrollierter Zufälligkeiten" verdankt er die imaginative Vervielfältigung seines Ichs bis ins Über-Rationale, ins Traumhaft-Unsagbare und Sprachschwelgerische hinein. Erst durch sie konnten dem manischen Wissens-Poeten, bei Bier und Wein "entworfen" und bei Kaffee "exekutiert", ganze Milchstraßen von Einfällen und Gedankenblitzen, von Pointen und Metaphern ins Bewusstsein schießen, Papierform annehmen und sich als sogartiges "Ideengewimmel" zu immer neuen "Anekdoten des Weltsinns" verdichten: "Ich habe aus mir so viel gemacht, als aus einem solchen Stoff nur zu machen war; und mehr wird man nicht verlangen", schreibt Jean Paul irgendwo in diesem nachgelassenen Buchstabengestöber. Niemals hat er sich begnügt mit dem thematisch Vordergründigen oder dem sprachlich Gewohnten, sondern immer waren es extreme Form- und Reflexionsspannungen, die sich in seinen Werken austrugen:

"Jean Paul denkt nie einhellig, sondern immer in Extremen, und das ist auch der Grund für sein literarisches Schaffen. Diese Extreme auszuagieren und in Figuren zu personifizieren, das ist für ihn wichtig, nicht die einhellige Lösung, nicht die metaphysische Zuversicht oder der feste Glauben, das alles finden wir bei Jean Paul nicht. Gerade diese weltanschaulichen Verunsicherungen sind Antriebskraft seiner Schriften. Dazu kommt auch eine zunehmende Fähigkeit, genau hinzusehen, was Psychologie anlangt, was Milieus anlangt. Ich nenne als Beispiel den 'Siebenkäs', wo kleinbürgerliches Milieu so präzise wie bisher noch nie in der deutschen Literatur beschrieben wird. Übrigens auch der erste Eheroman oder der erste Roman über die Unmöglichkeit der Ehe in der deutschen Literatur, lange vor den 'Wahlverwandtschaften', vor 'Madame Bovary' oder 'Effi Briest'. Das sind schon große literarische Entwürfe, die dieses monoton Satirische der früheren Zeit eindeutig überragen."

Gelegentlich neigt Helmut Pfotenhauer, seines Zeichens Präsident der Jean-Paul-Gesellschaft und Herausgeber der Historisch-Kritischen Ausgabe, zu starker philologischer Instrumentierung, manche Passagen des Buches lesen sich wie editorische Kommentare. Aber durchweg Interessantes erfahren wir über den politischen Autor Jean Paul, der auch über Staatssachen am liebsten und am trefflichsten im Gewande des Poetischen, der launigen Anspielung und ironischen Verlarvung geschrieben hat. Er musste sich daher manches Mal vorwerfen lassen, bei ihm sei es mit dem strammen deutschen Patriotismus nicht besonders weit her. Auch über den besessenen Briefschreiber erfährt man Aufschlussreiches. Wer glaubt, Jean Paul in seinen Briefen als authentischer Person begegnen zu können, unterschätzt seine Verschriftlichungsmanien. Denn auch diese tausendfache Hinterlassenschaft lässt ihn als experimentierenden Künstler erscheinen, dem das Fingierte mehr galt als das bloß Wirkliche:

"Wir sind ihm alle nur Ideen. Und als Personen gehören wir zu den gleichgültigsten Dingen", schrieb die in Jean Paul verliebte Briefpartnerin Charlotte von Kalb enttäuscht. Und was entgegnete der Dichter? "Der mit Dinte gemalte Widerschein des inneren Feuers hat nicht die Wärme, nur die Farbe des Feuers". Man muss über den Biografen Helmut Pfotenhauer sagen, dass er wie nur wenige die federnd leichte, oft schmelzende Wortmusik seines Protagonisten zu hören versteht, an brillanten Textexegesen ist diese Studie mehr als reich. So grundgelehrt wie hellhörig durchmisst Pfotenhauer die Geschichte einer faszinierenden Autor-Werk-Geschichte, die im Kleinen, Unscheinbaren und Idyllischen beginnt, sich zur literarischen "Essigfabrik" der frühen, noch abstrakt temperierten Satiren auswächst, um sich mit dem "Hesperus" allmählich in die figurenreiche und welterschließende Romanhumoreske hinein auszuweiten. Aus dem Glauben erwachsene Gespensterfurcht und Geisterscheu sind es zunächst, die Jean Pauls "Schreibabsolutismus" in Atem halten, mit Beginn der 1780er-Jahre treten dann philosophische und literarische, aber auch psychologische und anthropologische Bedrängnisse an deren Stelle. Nach der "vernichtenden" Abstraktheit der Satire gelangt der Dichter immer tiefer in die Welten des figurativ Erzählbaren, in die soziale Hautnähe des Hoffens und Bangens, des Fühlens und Fürchtens."

Kann man sich noch einmal mit Leibniz auf die spirituelle Homogenität des Universums zurückziehen? Oder zwingen moderne Anthropologie, Assoziationspsychologie und Erkenntnistheorie nicht längst zu riskanten Denkoperationen im Bereich des "Unbewussten, dieses wahren inneren Afrika", fragt Jean Paul. Wo Seinsgewissheiten nicht mehr zu haben sind, muss man sich das kosmisch Beunruhigende und Sinnverweigernde als poetische Ausdrucksform zueigen machen. So lautet die Grunderfahrung, die das unabsehbare Schreib-, Welt- und Ich-Verständigungsunternehmen des Jean Paul inspiriert, diese endlose Selbstmultiplikation eines von empathischen Imaginationen beseelten Egos. Doch all das geschieht nicht allein um seiner selbst willen, sondern im Interesse des Lesers. Der befindet sich im ständigen Blick dieses Erfindungsvirtuosen, vor allem für den Leser begibt sich Jean Paul immer wieder auf unerhörte Sprach- und Fantasie-Abenteuerreisen:

"Er will den Leser mit auf eine abenteuerliche intellektuelle Reise mit extremen Experimenten führen. Er ist einer der größten Experimentatoren der deutschen Literatur, der seine Leser und seine Figuren immer wieder in extreme Situationen versetzt, also Glaubenszuversicht und Verzweiflung. Oder erhabene Liebe, die von der banalsten Wirklichkeit wieder eingeholt wird. Das sind die Zumutungen, aber auch Verheißungen, die Jean Paul dem Leser bietet. Nicht jeder Leser kann dem folgen, es ist anstrengend, auch weil die Texte immer wieder durchschossen werden von ungeheuer vielen witzigen Vergleichen, wo die entlegensten Bereiche miteinander verknüpft werden. Aber es ist eine Zumutung, die, wenn man sich auf sie einlässt und sich Mühe macht, doch auch belohnt wird, denn das Ergebnis sind immer ungeheure Sprachschöpfungen."

Es handelt sich bei Jean Paul um eine aus allen "Fremdbestimmungen entlassene Literatur der Moderne", schreibt Helmut Pfotenhauer prägnant, allerdings muss diese neu gewonnene Freiheit bezahlt werden mit den Triumphen und Verzweiflungen einer Autorschaft, die permanent über sich selber zu sprechen gezwungen ist. Darin mag auch das Geheimnis dessen liegen, was Lichtenberg, der eigentlich von der "Lebensunkundigkeit" der Romanschriftsteller überzeugt war, den "cayennischen Pfeffer" bei Jean Paul genannt hat. Von literarischer Würze dieser Art sprach der Göttinger Denkmeister nicht zu Unrecht, denn das Salz des Glaubens war dem alten Dichter nahezu abhanden gekommen: "Nicht die Bibel, sondern der rechte Blick ins All tröstet und kräftigt", hieß es noch kurz vor seinem Tod, der schreibselige Humorist blieb von Trauerblicken in den Abgrund des Daseins nicht verschont: "Die Ewigkeit wiederkäuet sich und zernagt das Chaos", notierte er einmal. Sogar die eigene Poesie erschien ihm dann wie "hineingesprochen in die Schauder der Menschenverlorenheit". War Jean Paul am Ende ein Sisyphos, ein glücklicher Mensch?

"Nein, das kann man eigentlich nicht sagen. Das Spätwerk von Jean Paul ist ein bitteres. Vor allem "Der Komet" ist eine Auseinandersetzung mit seinen frühen empfindsamen Romanen. Das letzte Wort dieses letzten Romans ist "Entsetzen", mit diesem Wort bricht der Roman, ohne fertig zu sein, ab. Das ist ganz charakteristisch. Er schreibt dann noch ein Werk, das ebenfalls unfertig geblieben ist: "Celina oder über die Unsterblichkeit", wo auch wiederum das Hin und Her und nicht die einhellige Botschaft im Mittelpunkt steht. Und das alles hat in seinen späten Jahren immer auch den Charakter der Verzweiflung und Verbitterung. Er wird dann ja auch sehr krank, er erblindet, schreibt weiter oder versucht über Personen, die ihm helfen, weiterzuschreiben, aber ich finde, dass gerade die letzten Jahre Jean Pauls eine sehr bittere Geschichte sind."

Wo also, wenn nicht in Literatur, Musik und Kunst vermochte die gebrochene Weltordnung noch einmal aufzuleuchten im "Zauber des uneingelösten Glücks"? Für Jean Paul, den Unendlichkeitsschreiber, war das Leben allenfalls der Rohstoff für die literarische Fantasie-Wortarbeit. In ihr allein konnte es bedeutsam und seiner selbst ansichtig werden. Dieser Jean Paul war versessen auf den Genuss der symbolisierten, schönen Unendlichkeit seines Poeten-Ichs, auf den ewigen Ruhm beim lesenden und am Werk gleichsam mitschaffenden Publikum. All das aber ließ sich nur als künstlerische Leistung und nur auf dem Papier in die Welt setzen. Für dieses zeitlos faszinierende Schreibprojekt hat Jean Paul sein Dasein aufgezehrt.

Buchinfos:
Helmut Pfotenhauer: "Jean Paul. Das Leben als Schreiben", Biografie, Carl Hanser Verlag 2013, 508 Seiten, Preis: 27,90 Euro

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