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StartseiteBüchermarktEin fast vergessener Konflikt29.11.2012

Ein fast vergessener Konflikt

Jahbour Douaihy: "Morgen des Zorns", Carl Hanser Verlag

Etliche libanesische Romane befassen sich mit dem Bürgerkrieg, der den Zedernstaat 15 Jahre lang zerrissen hat, von 1975 bis 1990. Mit Jabbour Douaihy ist jetzt ein Autor übersetzt worden, der noch weiter zurückgeht: Sein autobiografisch motivierter Roman "Morgen des Zorns" spielt vor dem Hintergrund der Libanonkrise von 1958.

Von Beate Hinrichs

Während der Libanonkrise 1958 starben in monatelangen Barrikadenkämpfen Tausende Menschen.  (picture alliance / dpa - Nabil Mounzer)
Während der Libanonkrise 1958 starben in monatelangen Barrikadenkämpfen Tausende Menschen. (picture alliance / dpa - Nabil Mounzer)

"Man informierte uns erst am nächsten Tag. Sorglos ließ man uns schlafen, im oberen Stockwerk, im Saal des Ostflügels, wo durch die weit geöffneten Fenster der Geruch des nahe gelegenen Flusses und bei Sonnenaufgang die Stimmen der Muezzine zu uns hereindrangen (...).
- Die Schüler aus Barka sollen ihre Bücher einpacken..."


In den Bergen des Nordlibanon, 1957: Die Kinder aus dem Dorf Barka werden plötzlich aus dem Internat nach Hause geholt. Dort liegen auf dem Kirchplatz die Leichen ihrer Väter, Onkel und Brüder aufgebahrt - Opfer einer Blutfehde. Aber wer hat wen umgebracht und warum? Der "Morgen des Zorns" beginnt unscharf, der Leser fühlt sich desorientiert: Zwar schildert Jabbour Douaihy kleinste Details äußerst präzise - aber dem Massaker selber nähert er sich nur indirekt durch die Augen der Zeugen, mehrerer Ich-Erzähler und Beobachter.

Durch das Blutbad hat Kâmleh ihren Mann verloren. Neun Monate und eine Woche später gebärt sie einen Sohn - nachdem das Paar jahrelang erfolglos versucht hatte, Kinder zu bekommen. Diesen Sohn, Elia, schickt sie später in die Emigration in die USA. Mit Anfang 40 kehrt er zurück, um seinen Wurzeln nachzuspüren und dem Tod seines Vaters. Er wandelt umher wie ein Fremder und notiert:

"Ich gehe auf einem Pfad von roter Erde, der sich zwischen den uralten Olivenbäumen hindurchschlängelt, deren gewundene und ineinander verschlungene Äste sich mal flehentlich, mal rebellisch strecken. Gerade ritt ein Mann auf einem Esel an mir vorbei (...). Der Ort hier ist genau so, wie er vor Urzeiten war. Die Zeit hat keine Spuren hinterlassen. Und im Hintergrund sind die hohen Berge zu sehen, an deren Hängen Flecken von Schnee im Licht der Frühlingssonne glänzen. Dieser Ort erinnert tatsächlich an das Neue Testament, man könnte meinen, Petrus würde seinen Meister Jesus Christus bei der nächsten Wegbiegung, beim Tor zum Olivenberg, verleugnen."

Als Elia nach Barka kommt, haben die Dorfbewohner ihn längst gegoogelt und seine Website in den USA gefunden. Im Jahr 2000 sind die Familienbeziehungen so wichtig wie 1957. Noch immer scheint das nächste Dorf weiter entfernt als Beirut, São Paulo oder Sydney und all die anderen Orte, in die Millionen Libanesen emigriert sind.

"Er fotografiert die Häuser der Familienoberhäupter und die Kirchen. Er hält einen Passanten an, um ihn zu fragen, wo die Frontlinie war. Er muss es wissen.
- Welche Frontlinie?
- Im Jahr 1958.
Der Mann reißt ob der Frage, die ihn Jahrzehnte zurückversetzt, vor Überraschung die Augen auf, und bevor er sich zu einer Antwort entschließt, fragt er:
- Wer sind Sie? Ein Journalist?
- Elia al-Kfûri.
Der Mann zaudert.
- Woher kenne ich Sie?
- Sie kennen mich nicht.
- Wessen Sohn sind Sie denn?
Der Mann spuckt kein Wort aus, bevor er nicht weiß, in wessen Ohren seine Worte fallen werden.
- Der Sohn von Jûssef Farîd Michaîl al-Kfûri.
Eine erschöpfende Antwort, die vier Generationen umfasst. Der Mann erkennt ihn, er ist erleichtert. Seine Miene entspannt sich."


Die Geschichte liest sich streckenweise wie ein Krimi - aber die Auflösung fehlt. Elia findet nie heraus, was genau damals geschah. Stattdessen vermittelt der Roman vielschichtige Realitäten.

Der Autor Jabbour Douaihy kennt sie aus eigener Erfahrung: Der Professor für französische Literatur an der Libanesischen Universität in Beirut stammt selber aus Zghorta im Nordlibanon und gehört zu einer der alteingesessenen Familien. Als sich im Juni 1957 das Kirchenmassaker ereignete - das es wirklich gegeben hat - war er acht Jahre alt. So setzt er sich mit der libanesischen Geschichte auseinander, ebenso wie mit seiner eigenen.

Die Fehde zwischen den rivalisierenden christlichen Clans ging der Libanonkrise 1958 voraus. Damals starben in monatelangen Straßen- und Barrikadenkämpfen Tausende Menschen. Es waren Nachbarn, die sich hier gegenüberstanden, und manchmal sogar Familienmitglieder.

Die literarische Aufarbeitung dieser Vergangenheit hat Jabbour Douaihy 2008 zum Favoriten für den Arabischen Booker Prize gemacht. Virtuos verknüpft er Perspektiven und Zeitebenen, Quasi-Faktisches und menschliche Schicksale; ohne historisches Hintergrundwissen ist der Stoff allerdings nicht immer leicht einzuordnen. Dafür gewinnen nach und nach die zentralen Figuren überraschende Konturen. Zum Beispiel Kâmleh, zunächst scheinbar ganz die sorgende Mutter von Elia, die unter seiner Abwesenheit leidet. Doch die blinde alte Frau erkennt weit mehr als ihre Augen zulassen und verfolgt heimlich ihre ganz eigene Agenda.

"Sie will nicht, dass Elia nach Hause zurückkommt. Je weiter er von ihr entfernt ist, desto leichter ist die Welt für sie zu ertragen, für sie und für ihn."

Elia hat derweil 20 Jahre lang in den USA ein Scheinleben geführt: als Verführer und Aufschneider, der ständig die Wohnung wechselt, viele Sprachen ein bisschen spricht, jede Menge Märchen über sich in Umlauf bringt, aber niemals als Libanese auftritt und trotz allem Einzelgänger bleibt. Ein Getriebener, der vergeblich Antworten in der Rückkehr sucht. Und so ist er auch Sinnbild für den Libanon: Für Vielstimmigkeit, vielseitige Potenziale und innere Zersplitterung. Als Elia schließlich wieder nach New York fliegt, bepackt mit Habseligkeiten und Erinnerungsstücken, mit Gebäck und Eingelegtem von seiner Mutter, lässt er all das einfach im Flughafen stehen.

"Er fühlte sich leicht, ein Reisender ohne Gepäck."

Und so steht Elia auch prototypisch für Migration und die Unmöglichkeit, ins Herkunftsland zurückzukehren. Diese Dimension des Romans weist weit über den Libanon und den Nahen Osten hinaus.

Jabbour Douaihy: "Morgen des Zorns"
Aus dem Arabischen von Larissa Bender.
Carl Hanser Verlag, München 2012.
350 Seiten. Gebunden. 24,90 Euro

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