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StartseiteInterview"Ein früh vollendetes, eigentlich unbegreifliches Genie"17.10.2013

"Ein früh vollendetes, eigentlich unbegreifliches Genie"

Schriftsteller Peter Schneider würdigt Georg Büchner zum 200. Geburtstag

Georg Büchner sei auch heute noch im Weltgedächtnis, meint Peter Schneider, der 1973 Büchners Novelle "Lenz" neu erzählt hat. Eine selten in der Literatur anzutreffende Unmittelbarkeit und die Wucht seines politischen Engagements zeichneten den so jung verstorbenen Autor aus.

Peter Schneider im Gespräch mit Peter Kapern

Das Büchner-Porträt wurde vor wenigen Wochen auf einem Gießener Dachboden entdeckt. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)
Das Büchner-Porträt wurde vor wenigen Wochen auf einem Gießener Dachboden entdeckt. (picture alliance / dpa / Nicolas Armer)

Peter Kapern: "Das Leben der Vornehmen ist ein langer Sonntag", so steht es auf dem Flugblatt. Und weiter: "Sie wohnen in schönen Häusern und reden eine eigene Sprache. Das Leben des Bauern ist ein langer Werktag. Sein Leib ist eine Schwiele, sein Schweiß ist das Salz auf dem Tisch des Vornehmen." – Wenn ich Ihnen jetzt die Überschrift über diesem Artikel vorlese, dann wissen viele mutmaßlich schon, wer der Verfasser ist. Die Überschrift lautet: "Friede den Hütten, Krieg den Palästen". Georg Büchner heißt der Schmied dieser Parole, die Geschichte gemacht hat. Wenig nur hat Büchner geschrieben, jung mit nur 26 Jahren ist er gestorben, spät erst ist er als Genie entdeckt worden. Und zu seinem Ruhm beigetragen hat auch der Schriftsteller Peter Schneider, der 1973 Büchners Novelle "Lenz" neu erzählt hat, wie es damals im Klappentext des Buches hieß. Guten Morgen, Herr Schneider.

Peter Schneider: Guten Morgen.

Kapern: Herr Schneider, heute vor 200 Jahren, da wurde Georg Büchner geboren. Deswegen sprechen wir miteinander. Die "Süddeutsche Zeitung" schreibt heute auf ihrer Titelseite "Büchner lebt". Stimmt das?

Schneider: Ja. Er hat so vieles geschaffen, zum Beispiel diese revolutionäre Parole, aber auch Dinge, die gar nichts mit Politik zu tun haben, die einfach im Weltgedächtnis bleiben. Es ist ein früh vollendetes, eigentlich ein unbegreifliches Genie. Man kann sich gar nicht vorstellen, wann er das alles geschaffen hat. Der Mann hat ja auch studiert nebenher. Das war ja sogar seine Hauptarbeit. Er war ja Naturwissenschaftler.

Kapern: Was zeichnet Büchner aus? Was ist das Geniale? Sie haben das Wort Genialität benutzt.

Schneider: Es ist eine fast unbegreifliche Sicherheit, die er in seiner Literatur ausstrahlt. Alles hat so etwas Selbstverständliches wie sozusagen perfekt Geborenes, das man gar nicht mehr korrigieren kann und muss. Ich habe damals, als ich seinen "Lenz" sehr genau studiert habe, meine alte Büchner-Ausgabe gehabt, und habe dann Stellen unterstrichen, die direkt zu mir sprachen, wo ich dachte, hier gibt es etwas, was ich wiedererkenne als heutig, als gegenwärtig. Und diesen Stellen nach habe ich dann meinen "Lenz" geschrieben, was mir bis heute viele Büchner-Verehrer nicht verziehen haben. Man muss übrigens immer wieder sagen, dass ungefähr 70 Prozent des Textes von Büchner aus dem Manuskript von Oberlin stammen, des Pfarrers, bei dem der originale "Lenz" in den Vogesen Zuflucht gesucht hat. Büchners Meisterwerk ist selbst natürlich ein Produkt, das sich zusammensetzt aus verschiedenen Elementen. Er hat genial gekürzt und genial dazugeschrieben.

Kapern: Was genau ist so heutig, nicht nur am "Lenz", sondern an allem, was Büchner geschrieben hat? Was meinen Sie damit, wenn Sie das sagen?

Schneider: Es ist eine Unmittelbarkeit, die man selten in der Literatur antrifft, sozusagen fast eine Umweglosigkeit, wenn Sie diesen Textfluss vom "Lenz" vielleicht im Ohr haben, alles so nah, so fremd, so kalt, dieses "so". Zum Beispiel ganz viele Sätze haben gar kein Verb. Das ist so, als würde sich eine Stimmung, ein Gefühl unmittelbar Wort verschaffen, fast unter Umgehung der Grammatik. Ich glaube, das ist es, was einen so packt, aber dann auch die Wucht seines politischen Engagements, die Gefahr davon. Ich meine, Büchner und seine Gesellschaft der Gerechten, diese Leute, der Weidig und der Becker – Weidig ist ja, glaube ich, ganz kläglich im Gefängnis gestorben unter der Folter, und der Becker, dem ist es auch fürchterlich ergangen -, das waren Leute, wenn man das auf heute übertragen würde, die hätte man als Terroristen angesehen.

Kapern: Viele Leute bezeichnen Büchner oder kennen Büchner insbesondere als den Revolutionär des Vormärz, wie es ja manche gegeben hat, auch manche mit schriftstellerischen Ambitionen. Andere machen darauf aufmerksam, dass er doch auch eher jemand ist, der Psychogramme zeichnet, der die Seelenzustände seiner Protagonisten sehr genau herausarbeitet. In welchem Verhältnis steht eigentlich beides zueinander, das Politische und das Psychologische bei Büchner?

Schneider: Ja das ist ja das Wunderbare bei Büchner, dass sich das überhaupt nicht trennt. Auch die revolutionären Figuren, die er schildert in "Dantons Tod" und so weiter, die sind ja gleichzeitig als Seelengemälde, als Charaktere unmittelbar präsent, wo sie diese großen politischen Parolen vor sich hertragen.

Büchner hat – und das ist etwas, was ich zum Beispiel kaum begreife – in seinen jungen Jahren (er hat das ja mit 22, 23 Jahren geschrieben) bereits mit großem Abstand die Französische Revolution betrachtet und das eigentlich schon aus einer Warte der Resignation, ja fast des Zynismus abschildert, nicht als etwas, das gelingt oder gelingen könnte, und dadurch ist sofort auch eine Art Stimmung gezeichnet, eine Stimmung des Niedergangs, der Verzweiflung, da passiert etwas, was nicht gut ausgehen wird, und Büchner hat damit seine eigene gescheiterte Revolutionserfahrung verarbeitet, aus der ja dann auch der "Lenz" entstanden ist. Übrigens das war für mich der Hauptgrund, mich an dieses Stück Literatur heranzuwagen, weil ich wollte einfach sagen, na ja, unsere Erfahrungen, wir sind auch politisch gescheitert mit unseren großen weltumspannenden Plänen, aber es ist keine einmalige Erfahrung. Das ist anderen Leuten vor uns auch so gegangen. Ich wollte diese Erfahrung des Scheiterns historisieren und ich glaube, das ist auch gelungen.

Kapern: Es hat fast ein Jahrhundert gedauert, bis Büchner entdeckt worden ist, bis er den Status als Genie bekommen hat. Wie ist das gekommen? Warum wurde er so lange vergessen?

Schneider: Das weiß ich jetzt selber nicht mehr, woran das lag. Ich glaube, das war vor allen Dingen diese Ächtung. Er war ja ein steckbrieflich gesuchter Mann. Dieser Steckbrief ist in Hessen ja bis zu seinem Tode gültig gewesen. Er war also niemand, den man gerne in den Schoß der Klassik aufgenommen hätte. Er ist wahrscheinlich auch schon jemand, der gar nicht mehr in die Klassik hinein gehört. Er gehört zusammen mit Lenz, aber auch mit Heinrich Heine schon einer anderen Epoche an.

Kapern: Nun hat sich das rapide geändert vor 100 Jahren. Derzeit gibt es Büchner ohne Ende, seine Stücke werden überall aufgeführt. Alleine der "Woyzeck" ist zwölfmal verfilmt worden. Können Sie uns sagen, warum wir, obwohl es so viel Büchner auf den Bühnen und dem Bildschirm gibt, uns heute immer noch mit Büchner beschäftigen müssen?

Schneider: Gerade zum Beispiel der "Woyzeck", das ist eine Abbildung von "Lenz", dem jetzt schon so oft erwähnten. Sein Stück Soldaten ist eins, wenn nicht das erste große soziale Drama, ein sozialkritisches Stück, das Helden auf die Bühne stellt, die normalerweise nicht auf der Bühne waren. Dieser "Woyzeck" ist ja ein armer Schlucker, ein Mörder. Da gibt es – das finde ich sehr interessant – eine Verfilmung, die in Kreuzberg spielt. Das sozusagen von Büchner hier diese ganze soziale Thematik, die ja dann später von Hebbel bis Brecht unsere Theaterautoren beschäftigt hat, er war der erste, der das gemacht hat.

Kapern: Der Schriftsteller Peter Schneider heute Morgen zum 200. Geburtstag von Georg Büchner bei uns hier im Deutschlandfunk. Herr Schneider, vielen Dank, dass Sie uns Büchner nähergebracht haben. Schönen Tag noch.

Schneider: Gerne.

Äußerungen unserer Gesprächspartner geben deren eigene Auffassungen wieder. Deutschlandradio macht sich Äußerungen seiner Gesprächspartner in Interviews und Diskussionen nicht zu eigen.

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