• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

StartseiteBüchermarktEin Gebäude mit vielen Geschäften und einer Rolltreppe16.02.2005

Ein Gebäude mit vielen Geschäften und einer Rolltreppe

Olafur Gunnarssons neuer Roman: "Niemand wie ich"

Das Unheil lauert schon auf der ersten Seite. Wenn der Autor Olafur Gunnarsson vorhatte, einen Thriller zu schreiben, hätte er ihn nicht besser anfangen können. Der Architekt Sigurbjörn Helgason, der sich "nichts Peinlicheres vorstellen kann, als schlecht gekleidet in der Öffentlichkeit zu erscheinen", macht mit seinem elfjährigen Lieblingssohn Toti einen Spaziergang durch Reykjavik.

Von Peter Urban-Halle

Reykjavik heute: Kaufhäuser gibt es inzwischen auch hier (AP)
Reykjavik heute: Kaufhäuser gibt es inzwischen auch hier (AP)

Es ist ein milder Abend im Frühsommer 1953, und sie gehen auf die Hallgrimskirche zu, jenes kühne, neugotische Gotteshaus, das jede Postkartenansicht der isländischen Hauptstadt beherrscht und das damals noch im Bau war. Auf dem Vorplatz erhebt sich die Statue Leif Erikssons, des ersten Entdeckers Amerikas, zu seinen Füßen steht eine Bank, und auf dieser Bank sitzt ein abstoßender Kerl mit Hängebauch und vulgär gespreizten Schenkeln und - Zitat - "starrte sie angespannt und mit offenem Mund an".

Man weiß es hier noch nicht, der Penner taucht lange nicht mehr auf, auch die Kirche wird zunächst nicht mehr erwähnt, aber dann spielen beide wichtige Rollen in diesem Buch: Die Kirche wird zu einer Art Leitmotiv, im isländischen Original erscheint sie sogar im Titel: "Tröllakirkja", das kann "Riesenkirche" oder "Geisterkirche" bedeuten. Und der Penner - er wird auf Seite 188, es ist exakt die Mitte des Romans, zu der Figur, die alles auf den Kopf stellt und um die sich nun alles dreht. Ja, man ahnt die Tragödie noch nicht, die einen erwartet, alles scheint so offen und klar in diesem realistischen, fast nüchternen Buch, und doch steckt alles voller Geheimnisse.

Im Mittelpunkt des Romans steht freilich ein anderes Bauwerk, das zwar touristisch nicht ganz so interessant ist wie die Hallgrimskirche, aber als Symbol für den Aufbruch in eine neue Zeit ungleich wichtiger. Erinnern wir uns: Erst 1944 wurde Island eine von Dänemark unabhängige Republik. Die Insel war überwiegend ein Bauern- und Fischerland, die Hauptstadt war Anfang der 50er Jahre nicht mehr als ein großes Dorf.

Da hat der ehrgeizige Architekt Sigurbjörn eine Idee, die in den industrialisierten Ländern längst zum Alltag gehörte, er möchte ein Haus errichten, das verschiedenartige Geschäfte unter einem Dach vereint, er möchte ein Kaufhaus bauen, mit einer Rolltreppe als Clou. Je mehr Mssßtrauen ihm entgegenschlägt, desto manischer wird sein Wunsch. Endlich scheint er es zu schaffen, mit tatkräftiger und finanzieller Hilfe seines Freundes Gudbrandur, eines Zimmermanns. Doch dann, auf ebender Seite 188, wird sein Sohn Toti im Rohbau des Kaufhauses missbraucht.

Mit einem Schlag ist alles anders, der Vater stellt sein Leben in Frage: das Schicksal, die Freunde, die Ehe. Das so typisch isländische Miteinander eines gelassenen Pragmatismus und der frohgemuten Akzeptanz übernatürlicher Phänomene gerät aus dem Gleichgewicht. Wie durch eine sozusagen archaische Tat der ganze Anspruch und der ganze Anschein der Modernität in sich zusammenbricht, so bricht auch Sigurbjörn zusammen, er fällt seelisch in eine vormoderne Welt zurück, eine Welt religiösen Wahns, eine Welt der Rache. Als großes Rätsel seines Lebens steht ihm wieder der frühe Tod des Bruders, der Pfarrer werden wollte, vor Augen. Könnte dieser Tod verstanden werden, dann könnte auch Sigurbjörns Verwirrung verstanden und womöglich geheilt werden. Diese richtige Erkenntnis hat sein ältester Sohn Helgi - freilich ohne sie umsetzen zu können.

Vom Ich ist viel die Rede in diesem Roman, schließlich sind die Isländer zwar volksverbunden, aber auch Individualisten. Einmal - daher auch der deutsche Titel - zitiert Sigurbjörn den philosophierenden Schriftsteller Rousseau wie einen Vorläufer Max Stirners: "Ich erlaube mir zu behaupten, dass niemand ist wie ich auf der ganzen Welt." Und nach seinem schlimmen Erlebnis in der Kaufhausbaustelle schreibt der kleine Toti in sein Tagebuch: "Alle wissen alles von mir. Ich bin nicht länger ich." Zwischen diesen beiden Polen, dem Nur-Ich des Vaters und dem Nicht-mehr-Ich des Sohnes, liegt die Spannung dieses Romans, der also gottlob mehr ist als eine beliebige breite Familiensaga.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk