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StartseiteAndruck - Das Magazin für Politische LiteraturVerknackt, vergittert, vergessen14.03.2016

Ein Gefängnispfarrer erzähltVerknackt, vergittert, vergessen

Rainer Dabrowski hat lange als Pfarrer in Gefängnissen gearbeitet. Nun hat er seine Erfahrungen in einem Buch gesammelt. Damit liefert er einen authentischen Blick auf das Leben hinter Gittern, von dem auch noch Wissenschaftler und Strafvollzugsexperten etwas lernen können.

Von Almuth Knigge

JVA Tegel in Berlin (picture alliance / dpa / Foto: Hannibal Hanschke)
Blick in den Hof der JVA Tegel in Berlin - dort hat Rainer Dabrowski 23 Jahre als Pfarrer gearbeitet. (picture alliance / dpa / Foto: Hannibal Hanschke)
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"Mein Name ist Rainer Dabrowski. Ich bin verheiratet, habe drei erwachsene Kinder und alles andere an mir ist außergewöhnlich." Außergewöhnlich an Rainer Dabrowski ist, dass er 23 Jahre lang Gefängnis-Pfarrer in Deutschlands größtem Knast, der JVA Tegel, war. Dann klappte er zusammen.

"Ich lag zitternd in der Notaufnahme eines kleinen Mecklenburger Krankenhauses und wartete voller Panik auf meinen Befund." Die Diagnose war nicht lebensbedrohlich - aber sie hat einen Entschluss reifen lassen. "Da habe ich dann überlegt - ja nee, man kann nicht 23 Jahre die Welt retten, irgendwann ist Schluss." 

Rainer Dabrowski wurde in Ostberlin geboren. Das heißt, auch die Jahre vor seiner Gefängniserfahrung hatten mit dem Thema Freiheit zu tun - und mit dem, was Freiheitsentzug bedeutet. Wenn man beim Mauerbau das Pech hatte, durch Zufall im falschen Sektor zu wohnen. "Niemand kam zum Lüften, um frischen Wind ins Land zu lassen - alle Türen und Fenster blieben fest verschlossen."

Geprägt von der DDR

Dabrowski hat für seine Freiheit, auch die Gedankenfreiheit, viel in Kauf genommen. Wehrdienst an der Grenze  - eigentlich unvereinbar mit seinem Gewissen, aber doch voller Kadergehorsam - aus Angst vor dem Gefängnis. Theologiestudium. 1985 dann die Ausreise und zunächst ein Berufsverbot als Pfarrer im Westen.

Und als er dann wieder arbeiten durfte als Geistlicher - da ging dieser Mann nun ins Gefängnis - Tag für Tag. Allein die Architektur der 100 Jahre alten Bausubstanz prägt die Bedingungen und die Atmosphäre. Außen wie innen. Schlimme, deutsche Lagerarchitektur assoziiert der Pfarrer.

"Die Zellengröße liegt nur geringfügig über der einer Hundehütte." Was dazu führte, dass er in seiner Freizeit nichts mehr abschließen konnte. Nicht die Haustür, nicht das Auto im Parkhaus. Kein Wunder, dass die Therapeutin, die ihn nach seinem Zusammenbruch im Urlaub betreute, irgendwann sagte: "Sie müssten mal ein Buch schreiben."

Zwangsläufige Vereinzelung

Rainer Dabrowski hat gelernt: ein Gefängnispfarrer ist Weihnachtsmann, Seelsorger, Sexualtherapeut und Theologe in einer Person - und genau in der Reihenfolge. Solidarität unter den Häftlingen gibt es nicht - jeder schaut, wie er am besten über die Runden kommt. Und auch wenn er für viele Häftlinge der einzige Mensch war, mit dem sie über ihre Sorgen und Nöte sprechen konnten, wurde er immer wieder ausgenutzt in seinem Bemühen, ihnen Verständnis und Hilfe zu geben.

Wie es vielen passiert, die nahezu unvorbereitet ehrenamtlich mit Strafgefangenen arbeiten. Rainer Dabrowski erzählt von Menschen und Tragödien, Überlebenskünstlern und Strategien und von einer beinahe zwangsläufigen Vereinzelung.

"Manfred stand nach seiner sechsjährigen Inhaftierung kurz vor der Entlassung. Er hatte Angst davor. Alle Wurzeln in der Freiheit waren im Lauf der Jahre gekappt. Niemand wartete draußen auf ihn. Er schätzte seine Lage realistisch ein und erwartete auch nichts anderes." 

"Und er sagte dann zu mir: 'Pfarrer, was soll ich denn machen, wenn ich nächste Woche entlassen bin?' Und dann schlage ich so ein Buch auf mit sozialen Anlaufadressen und will ihm die aufschreiben und da sagt er: 'Jetzt schicken Sie mich dahin, wo ich die ganzen Idioten von hier wiedersehe - ich möchte dahin gehen, wo Sie abends mit Ihrer Frau und Ihren Freunden hingehen.' Familienanschluss!"

Detailgetreue, schnörkellose Beschreibungen

Aber wer ist bereit, solch einen Menschen an die Hand zu nehmen? Das fragt Dabrowski sich, den Leser - und er erzählt. Ohne den Duktus des Geistlichen, pragmatisch, heiter, und auch frustriert in seiner Bilanz: "Also entwurzelte Menschen heutzutage, dafür ist diese Gesellschaft - ob das nun Ausländer, Behinderte, Alte sind - ist diese Gesellschaft nicht mehr scheinbar in der Lage, so etwas aufzufangen."

Manchmal ist der Autor ein bisschen weitschweifig - aber vielleicht ist das auch nötig, damit der Leser Zeit hat, seine eigene Position zu überdenken. Eine Stärke des Buches sind die detailgetreuen, lebendigen, schnörkellosen Beschreibungen - so intensiv wie subjektiv und die kräftig aufräumen mit Klischees und Medienmärchen. Dabrowski hat, als Pfarrer im Ruhestand, sein institutionalisiertes Denkkorsett abgelegt, wie er sagt. Er kritisiert das Rechtssystem.

"Ich habe Anwälte erlebt, die sind die absoluten Geldschneider, die machen den Gefangenen Hoffnung und dann kriegt der zwölf Jahre und dann sagen sie Tschüß."

Kritik an der Kirche

Er kritisiert auch seine eigene Kirche. Die zuerst die Stellen im Gefängnis streicht, wenn das Geld fehlt. Am Anfang seiner Dienstzeit hatte der Pfarrer noch fünf Kollegen - zum Schluss war er ganze alleine da. Und hatte kaum noch Zeit für Gespräche mit den Gefangenen.

"Eine derartige Sachlage hinterlässt natürlich auf beiden Seiten Verletzungen. Diese Narben werde ich nicht mehr los. Ich merke das an einigen meiner Träume, deren Inhalt einzig und allein aus nicht eingelösten Gesprächsversprechungen besteht."

Dabrowski prangert die Polizei und die Gerichtsbarkeit an - anhand des Falls von Werner, der unschuldig wegen Mordes verurteilt wurde. Da ist er sich sicher. Aber er gesteht  auch sein Scheitern ein.

"Blauäugig wie ich war, glaubte ich an die Möglichkeit des schnellen Nachreifens meiner Gefangenen - heute stehe ich mit dieser Ansicht vor meinem inneren Scherbenhaufen." Und ist damit authentisch und regt an, seine eigene Position zu überdenken. Schonungslos. Er ist kein Wissenschaftler, er ist kein gelernter Strafvollzugsexperte. Er ist ein Menschenkenner, der sich für jeden und alles Menschliche interessiert. Und aus dieser Sicht hat er das Buch geschrieben, von dem auch noch Wissenschaftler und Strafvollzugsexperten etwas lernen können.

"Die werden alle unsere Nachbarn"

Dass das "Nachreifen" nicht funktioniert, liegt nach Ansicht des Autors auch an Fehlentscheidungen der Politik. Zum Beispiel, die Haftanstalten immer weiter an den Rand der Städte zu schieben - auch rein praktisch an den Rand der Gesellschaft.

"Für die sozialen Kontakte ist es verheerend, eine Frau mit drei Kindern konnte ihren Mann in Tegel besuchen, da ist sie mit der U-Bahn gefahren, nach Großbeeren da musst du jemanden für die Kinder haben, da musst du mit dem Auto fahren, das ist schon äußerst schwierig. "

Dabrowski ergreift Partei: "Die werden alle unsere Nachbarn, jeden Tag kommen drei, vier, fünf, neu in den Knast und so viele werden auch wieder entlassen, sonst kippt das ganze System. Die werden alle wieder unsere Nachbarn und da muss man was machen - bessere Menschen haben wir nicht."

 

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