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StartseiteMarkt und MedienEin goldiger Knabe05.01.2013

Ein goldiger Knabe

Satiremagazin veröffentlicht Mohammed-Comic

Das Satiremagazin "Charlie Hebdo" hat ein Sonderheft über das Leben des Propheten Mohammed herausgebracht. Der Präsident des französischen Rates der Muslime verurteilte das Verhalten der Zeitschrift als feige und opportunistisch. Auch aus dem Iran und der Türkei gab es Proteste.

Von Martina Zimmermann

Titelseite der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo". (picture alliance/dpa/Yoan Valat)
Titelseite der französischen Satire-Zeitung "Charlie Hebdo". (picture alliance/dpa/Yoan Valat)

Im Zeitungsladen in der Rue Saint Maur im elften Pariser Arrondissement blättert Buchhändler Philippe Risler im Comic über "Das Leben von Mahomet". Er habe diese Woche acht Ausgaben der Sondernummer verkauft, erklärt der Zeitungshändler. Kein Vergleich mit den Skandalnummern der vergangenen Jahre!

"Damals hatte ich um neun Uhr morgens kein Charlie Hebdo mehr. Sie haben nachgeliefert in den darauffolgenden Tagen. Ein kleiner Laden wie der meine hat damals 100 Exemplare verkauft."

Auch im neuen Sonderheft stammen die Zeichnungen von Charb, dem Chefredakteur der Satirezeitschrift Charlie Hebdo. Doch diesmal handelt es sich nicht um Karikaturen. Der Comic erzählt das Leben des Propheten. Das Wunderkind ist als gelber Bub im Stil von Charb abgebildet. Ein goldiger Knabe! Das Baby wird – wie damals üblich - von Ammen genährt und wächst fern der Mutter und der Geburtsstadt Mekka – "wegen der guten Landluft" – bei einer Gastfamilie in der Wüste auf. Tiere und Menschen gedeihen um den Wunderknaben. Am Ende des ersten Teils erklärt Erzengel Gabriel die Verse des Koran: Mahomet wird mit 40 zum Propheten. Lustig sind die Abbildungen schon, aber historisch belegt: Davon zeugen zwei Seiten Literaturverweise am Schluss des Comics. Zeichner Charb hat mit dem Religionssoziologen Zineb zusammengearbeitet:

"Wir zeichnen Mahomet schon lange als ein Symbol, aber es handelt sich auch um eine historische Persönlichkeit, von der man nicht viel weiß. Wir wissen in Frankreich einiges aus dem Leben Jesu, aber über Mahomet regen sich alle auf, ohne ihn zu kennen. Es war interessant, mehr über sein Leben zu erfahren."

Für sechs Euro liegt das Sonderheft am Kiosk, 80.000 Exemplare wurden gedruckt, 10.000 mehr als sonst. Selbst die sonst so solidarischen Kollegen von den anderen Medien vermuteten hinter der Sondernummer einen Werbeschachzug, um die Auflage zu steigern. Schließlich hat die Satirezeitschrift mit Mahomet-Karikaturen internationale Bekanntheit erlangt. 2006 übernahm Charlie Hebdo die dänischen Karikaturen; eine Klage des französischen Rats der Muslime wegen Beleidigung wies das Gericht damals zurück. Nach einem selbst gebackenen Titel über Mahomet im November 2011 wurde ein Brandanschlag auf die Redaktionsräume verübt. Und erst im September letzten Jahres veröffentlichte Charlie Hebdo nach dem islamfeindlichen Film "Innoncence of Muslims" noch einmal Karikaturen, von denen eine den nackten Hintern des Propheten zeigte. Damals wurden französische Einrichtungen in muslimischen Ländern aus Sicherheitsgründen geschlossen. Zeichner und Chefredakteur Stéphane Charbonnier alias Charb steht bis heute unter Polizeischutz.

"Drei Nummern in 20 Jahren sind nicht viel. Wer uns kritisiert, muss alle 1076 Ausgaben anschauen. Wie oft haben wir den Papst und die katholische Kirche karikiert? Unsere vorige Sondernummer drehte sich um die Atomenergie, da hat sich keiner aufgeregt, obwohl sich die Nummer gut verkauft hat. Da sprach keiner von Marketing."

Letztendlich machte die Sondernummer vor der Veröffentlichung mehr von sich reden als danach. Auch Regierungssprecherin Najat Vallaud-Balkacem wurde um ihre Meinung gefragt, noch bevor sie das Heft gelesen hatte. Sie meinte vorsichtig, es sei nicht nötig, Öl aufs Feuer zu gießen, verwies aber auch auf die Pressefreiheit. Dazu Charb:

"Wir machen unsere Arbeit und zeichnen und merken erst, dass wir die Pressefreiheit verteidigen, wenn man uns sagt, wir sollen damit aufhören und wir trotzdem weitermachen. Drohungen, Gerichte, körperliche Angriffe lassen uns nicht zurückweichen. Wir leben in einem Rechtsstaat und haben das Recht dazu."

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