• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 05:05 Uhr Informationen am Morgen
StartseiteBüchermarktEin großer Autor kann entdeckt werden05.04.2006

Ein großer Autor kann entdeckt werden

Erzählungen von Louis Auchincloss sind auf deutsch erschienen

60 Bücher hat der amerikanische Schriftsteller Louis Auchincloss bis heute veröffentlicht: Romane und Erzählungen, historische Werke, Essays, und Biographien. Obwohl viele davon den Sprung auf die amerikanischen Bestsellerlisten schafften, wurden sie von deutschen Verlegern bislang nahezu völlig ignoriert. Soeben ist nun der Erzählungsband "Die Manhattan-Monloge", Auchincloss' 57. Buch, auf deutsch erschienen.

Von Beate Berger

 Louis Auchincloss Erzählungsband "Die Manhattan-Monloge" liegt nun auf deutsch vor. (AP)
Louis Auchincloss Erzählungsband "Die Manhattan-Monloge" liegt nun auf deutsch vor. (AP)

Der Clan der Auchincloss’ stammt aus Schottland und ließ sich zu Beginn des 19. Jahrhunderts in New York nieder. Heute ist die weitläufige Sippe mit allen, die an der amerikanischen Ostküste Rang und Namen haben, verschwippt und verschwägert, unter anderem auch mit den Kennedys. Zu unermesslichen Reichtümern im Stile der Rockefellers oder Vanderbilts hat es zwar kein Auchincloss je gebracht, aber für ein behagliches Leben an der Upper Eastside in Manhattan reichte es allemal.

Louis Auchincloss fasst die maßgeblichen Koordinaten dieser Sphäre in seinem Buch Manhattan Monologe in wenigen Sätzen zusammen:

""Wir Kinder lernten das Vokabular des Wohlstands präzise zu verwenden. Ich zum Beispiel betrachtete mich nie als 'Erbin’. In unserer Welt bedeutete das eine Mitgift von wenigstens zehn Millionen. "

Geboren wurde Louis Auchincloss im Jahr 1917 auf Long Island. Aufgewachsen ist er in New York. Standesgemäß besuchte er ein Eliteinternat in Neuengland und absolvierte ein Jurastudium in Yale und an der University of Virginia. Wie sein Vater arbeitete Louis Auchincloss bis zu seinem 70. Lebensjahr in New York als Anwalt in einer renommierten Wallstreet-Kanzlei. Neben seinem Brotberuf führte der Jurist ein ebenso leidenschaftliches wie erfolgreiches berufliches Doppelleben als Schriftsteller.

Das Schreiben, sagt Louis Auchincloss, sei ihm immer heilig gewesen. Wie sein Spagat zwischen Künstlertum und Juristerei überhaupt zu schaffen war, hat er in Interviews immer wieder ehrlich beantwortet. Er lernte früh, freie Zeit zum Schreiben zu nutzen – auch die kürzesten Pausen. Wartezeiten bei Gerichtsterminen zum Beispiel waren ihm deswegen immer sehr willkommen. Während seine Kollegen Kreuzworträtsel lösten, schrieb Louis Auchincloss an seinen Romanen.

Seit dem Tod seiner Frau im Jahr 1991 lebt Louis Auchincloss alleine in seiner New Yorker Wohnung in der Park Avenue – uptown, versteht sich. Zwei seiner drei Söhne setzen heute die juristische Familientradition fort, der dritte arbeitet als Architekt.

Das gediegene Flair der alten Ostküsten-Aristokratie ist in allen Texten von Louis Auchincloss spürbar. Lange Zeit rekrutierte sich die Elite Amerikas aus diesem Kosmos der so genannten WASPs, der weißen, protestantisch geprägten amerikanischen Oberschicht – ein in sich geschlossener Kosmos, in dem die Männer in eichengetäfelten Herrenzimmern ihre politischen Schachzüge vorbereiteten, während ihre Ehefrauen in eleganten Stadtvillen und Landsitzen eine exquisite Dinnerparty nach der anderen inszenierten. Einzig eine große Erbschaft konnte die klassische Rollenverteilung aus den Angeln heben:

" Mutter und ihre Schwestern waren 'Erbinnen’ und brauchten nicht im Rampenlicht zu agieren: Sie konnten heiter und gelassen in ihren herrschaftlichen Stadthäusern oder verschnörkelten Châteaux auf dem Lande weilen, zu bestimmten Daten in ferne, der Jahreszeiten gemäße Villen ziehen und in überheizten Wintergärten voller Palmen und Marmorfaune für ihre Garderobe und das Kartenspiel leben. An den Felsen ihrer Ruhe prallte das Geblubber ihrer manchmal jähzornigen Gatten ab wie Gischt; sie waren sich zu sicher, dass nichts, was diese Männer unternehmen könnten, den ewigen Beistand untergraben würde, den das unbegrenzte Vermögen ihrer Väter den Töchtern garantierte. "

Louis Auchincloss blickt auf die Welt der oberen Zehntausend mit der Nüchternheit eines Chronisten. Brillant und detailversessen beschreibt er ihren Glamour, ihre Schrullen, ihre Oberflächlichkeit und nicht zuletzt auch die haarfeinen Risse in den Fassaden, hinter denen der Untergang lauert.

" Ich habe den Junior hinter meinem Namen, Ambrose Vollard, auch nach meines Vaters Tod nie abgelegt, weil ich immer das Empfinden hatte, das Bedeutendste an mir sei, sein Sohn zu sein. (...)

Die Brüder Vollard waren alle große, sehnige Männer mit edelknorzigen, aristokratischen Gesichtszügen, die um Dezibel höher sprachen als jedermann sonst, jedes Gespräch, mit ihrem lauten höhnischen Lachen dominierten, sich nie irgendwelcher 'Geschäfte’ schuldig machten, sondern genüsslich die Reste eines alten Immobilienvermögens nutzten."

Louis Auchincloss bezeichnet "Die Manhattan Monologe" selbst als ein "Manifest". Der Terminus ist erhaben, aber er ist treffend, denn die zehn Erzählungen führen den Leser durch das gesamte vergangene Jahrhundert, das der Autor ja größtenteils selbst erlebt hat.

Das Buch ist in drei chronologisch geordnete Kapitel gegliedert: "Im alten New York", "Entre Deux Guerres" und "Der Gegenwart näher". Die Zeiten ändern sich, aber die menschlichen Dramen und Sehnsüchte wiederholen sich in immer neuen Varianten. Louis Auchincloss erzählt von streng gehüteten Familiengeheimnissen, von Schuld, Liebe und Verrat; von Söhnen, die nie aus dem Schatten der übermächtigen Clanchefs heraustreten können, von reichen Erbinnen, die sich vollkommen darüber im Klaren sind, dass man sie nur ihres Geldes wegen geheiratet hat.

Das Personal der Erzählungen ist durchweg privilegiert, aber Dekadenz und sozialer Abstieg sind stets eine Bedrohung:

" Mir ist völlig klar, dass die gesellschaftlichen Aufsteiger sich die Sommerfrischen zunutze machen, weil dort die alte Garde schutzlos ihre empfindlichsten Angriffsflächen darbietet. In ihren Heimatstädten – Boston, New York, Philadelphia – sind die etablierten Familien in ihren bewachten Zitadellen mehr oder weniger sicher: in den Clubs, den Privatschulen, auf den von Damenzirkeln veranstalteten Bällen, sogar in einigen der führenden Wohltätigkeitsvereine. An einem Seebadeort wie Newport, Bar Harbor oder Southhampton jedoch kann der frisch gebackene Industriemagnat (vorausgesetzt er ist nicht gar zu abstoßend vulgär, was erstaunlich viele von ihnen sind) die Kinder der alten Garde als Spielgefährten für seine Kinder gewinnen, indem er ihnen Yachten, schnelle ausländische Wagen, wohlgepflegte Tennisplätze und anderes Luxusspielzeug zur Verfügung stellt, und ist die jüngere Generation erste einmal angelockt, werden die Eltern fast zwangsläufig ihre Aufwartung machen, und der Wall ist gebrochen. "

Louis Auchincloss ist ein kluger Beobachter und ein Meister der sprechenden Details. Der sublime Stil seiner Prosa, die spezielle Mixtur aus feinem Humor und Melancholie ziehen einen schon nach wenigen Sätzen in ihren Bann. Der Enthüllungscharakter der Manhattan Monologe tut ein Übriges. Der Leser wird zum Zeugen von Lebensbeichten, von ungeschönten Lebensbilanzen und enttarnten Lebenslügen. Das macht neugierig – nicht zuletzt auch auf den Autor.

Doch eindeutig Autobiographisches gibt Louis Auchincloss selten preis. In der Erzählung der "Assistent des Richters" wird der Erzähler einmal von seiner zukünftigen Frau gefragt, was ihn zu dem Entschluss gebracht, habe Jurist zu werden. Seine Antwort, könnte auch von Louis Auchincloss stammen:

" Weil das ein Beruf war, in dem ich mit Worten arbeiten konnte. Worte waren die einzigen Werkzeuge, die ich besaß. "

Als das amerikanische Magazin Vanity Fair Louis Auchincloss jüngst fragte, welche Eigenschaft er an seinen Mitmenschen am meisten schätze, antwortete er:

" Die Entschlossenheit, das Leben nicht zu vergeuden. "

Damit hat er eigentlich auch erklärt, wie es ihm jahrzehntelang gelingen konnte, zwei Leben auf einmal zu führen.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk