Interview / Archiv /

 

"Ein Instrument der Gewalt und des Terrors"

Publizist Kermani über Hinrichtungen im Iran

Navid Kermani im Gespräch mit Dirk-Oliver Heckmann

Die Bauarbeiten am Atomkraftwerk Buschehr im Iran sind abgeschlossen.
Die Bauarbeiten am Atomkraftwerk Buschehr im Iran sind abgeschlossen. (AP)

Morgen wird im Iran das Kernkraftwerk Buschehr eingeweiht. Geleichzeitig sorgt die Hinrichtung einer Frau für Proteste. Die Tötung soll von den Atomaktivitäten ablenken, so Kritiker. Der Publizist Navid Kermani sieht in Hinrichtungen im Iran ein "Herrschaftsinstrument". "Es soll demonstrieren, welche Art von Repression, welche Art von Religion" herrscht, sagt Kermani.

Dirk-Oliver Heckmann: Ein Jahr lang war es relativ still geworden um den Iran, nach der brutalen Niederschlagung der Freiheitsbewegung im Sommer vergangenen Jahres. Nun rückt das Land aus zweierlei Gründen wieder in den Blickpunkt. Zum einen soll morgen das von Russland erbaute Kernkraftwerk Buschehr mit nuklearen Brennstäben beladen werden; zum anderen sorgt die geplante Hinrichtung einer jungen Frau für weltweite Proteste. Sakineh Ashtiani ist im Jahr 2006 verurteilt worden, weil sie angeblich Ehebruch begangen und an der Ermordung ihres Ehemanns beteiligt gewesen sein soll. – Am Telefon der Publizist Navid Kermani. Guten Morgen, Herr Kermani.

Navid Kermani: Guten Morgen.

Heckmann: Herr Kermani, ursprünglich sollte die Frau gesteinigt werden, jetzt möchte man sie "nur noch" erhängen. Was ist der Grund für diesen Sinneswandel? Ist das die Wirkung auch der internationalen Proteste?

Kermani: Sicherlich auch. Die Proteste werden im Iran sehr genau wahrgenommen. Aber es gibt auch sehr viel Widerstand im Iran selbst. Die Steinigung ist nun einmal das Symbol schlechthin für die Barbarei des Systems und es gab schon vor längerer Zeit eigentlich einen Konsens innerhalb der Führung, nicht aus Geläutertheit, sondern aus Gründen der Propaganda auf Steinigung zu verzichten, und das ist offenbar jetzt ihnen nur noch einmal rausgerutscht, weil irgendein Richter da verrückt gespielt hat, und man will das Thema möglichst schnell begraben, aber das gelingt eben nicht so einfach.

Heckmann: Welche Funktion haben Hinrichtungen im Allgemeinen und Steinigungen im Besonderen im Iran? Ist das eine Strafe, oder auch ein Herrschaftsinstrument?

Kermani: Es ist absolut ein Herrschaftsinstrument, ein Instrument der Gewalt und des Terrors, vor allem auch gegen Frauen. Es soll demonstrieren, welche Art von Repression, welche Art von Religion im Iran herrscht. Es ist vor allem aber auch ein Mittel, die schlimmsten und extremistischsten Kräfte im Land stillzuhalten. Mit der Regierung Ahmadinedschad, die aus dem Geheimnis, aus den Revolutionswächtern hervorgegangen ist, sind die radikalsten Elemente innerhalb der islamischen Republik ans Ruder gekommen, und die müssen mit irgendwelchen symbolischen Aktionen auch ab und zu befriedigt werden.

Heckmann: Kritiker sagen, der Streit und das Schicksal von Sakineh Ashtiani soll von den Atomaktivitäten des Iran ablenken. Glauben Sie, da ist etwas dran?

Kermani: Nein, das wäre eine absolute Propaganda, denn dazu sind die viel zu geschickt. Das zeigt ja auch, dass jetzt durch diese Umwandlung in Hinrichtung, die ja keine bessere Todesmethode ist, durch die Umwandlung in eine weniger ins Auge stechende, das Regime durchaus auf Druck reagiert. Nein, ich glaube, wofür der Fall steht und woran er auch die Weltöffentlichkeit erinnert: Es gibt einen ganz klaren Zusammenhang zwischen dem Atomprogramm und der katastrophalen Lage der Menschenrechte und der Unterdrückung der Freiheitsbewegung im Iran. Die Welt hat bis jetzt und vor allem der Westen hat immer nur Druck oder meistens nur Druck ausgeübt auf das Atomprogramm, aber nicht klar gemacht, dass man dieses Atomprogramm ja deshalb ablehnt, weil Iran ein derart terroristisches, unterdrückerisches Regime ist. Das heißt, es ist nicht das Atomprogramm selbst, das nicht so schlimm sei, sondern dass Atomwaffen nicht in die Hand dieses Regimes gelangen dürfen. Dieser Link, diese Verbindung zwischen beiden Themen, Menschenrechte, Demokratie einerseits, Atomprogramm andererseits, die ist bis jetzt in der westlichen Politik nicht genügend dargestellt und nicht genügend gesehen worden, und ich hoffe, dass jetzt das deutlicher gesehen wird.

Heckmann: Vor diesem Hintergrund, den Sie beschreiben, wie wird die Eröffnung des Kernkraftwerks jetzt am Samstag bei der iranischen Bevölkerung ankommen?

Kermani: Das sind zwei Dinge. Einerseits gibt es durchaus auch Empfindungen des Stolzes und wir haben das jetzt auch geschafft. Das, was die Pakistanis, die Israelis, die Inder, all die anderen auch haben, das haben wir jetzt auch. Durchaus gibt es Gefühle des Stolzes. Das Regime spielt mit diesen Gefühlen. Aber andererseits gibt es natürlich die große und wachsende Unzufriedenheit, nicht nur mit der Lage der Demokratie oder der Lage der Freiheit, auch mit der wirtschaftlichen Entwicklung, und es gibt natürlich sehr, sehr viele Menschen, die sagen, ein Land mit einer so hohen Arbeitslosigkeit, ein Land mit einer derart rasenden Inflation, ein Land, in dem praktisch jetzt nichts mehr investiert wird, aus dem die Investoren fliehen, das muss jetzt nicht auch noch Atomkraft beherrschen.

Heckmann: Inwieweit, Herr Kermani, besteht die Gefahr, dass das Kernkraftwerk in Buschehr auch zu militärischen Zwecken genutzt wird?

Kermani: Ich bin da kein Experte, aber natürlich haben die Herrscher im Iran das im Blick, jedenfalls wollen sie die Möglichkeit, innerhalb kurzer Zeit auch gegebenenfalls eine Atomwaffe herzustellen. Das scheinen sie offenbar anzustreben. Ob sie nun selbst wirklich die Atomwaffe jetzt haben wollen oder nicht, sie wollen die Möglichkeit haben, sie haben zu können. Das ist ganz offensichtlich und da spielt natürlich auch das Atomkraftwerk in Buschehr eine zentrale Rolle.

Heckmann: Und diesem Ansinnen sollte man nachgeben?

Kermani: Nein, man sollte dem nicht nachgeben. Man sollte nur das Thema der Atomkraft nicht isoliert betrachten, sondern im Kontext die gesamtgesellschaftliche Entwicklung im Iran. Ein Iran, das diesen Kurs steuert, ist brandgefährlich, nicht nur für die Menschen im Westen, nicht nur für die Menschen in der Region, sondern zunächst einmal für die Menschen im Iran selbst. Man muss dem Iran zu verstehen geben, dass es nicht nur um Atomkraft geht, sondern dass man auch ihre Freiheitsbemühungen, ihr Kämpfen für Demokratie, ihr Kämpfen für Freiheit, dass man sie da nicht im Stich lässt, denn im Augenblick ist das Gefühl bei den meisten Menschen im Iran, dass wenn die Herrscher nur ein bisschen nachgeben bei der Atomkraft, dann werden sie in Ruhe gelassen, und so darf es ja nicht sein.

Heckmann: Über die Lage im Iran haben wir gesprochen mit dem Publizisten Navid Kermani. Herr Kermani, ich danke Ihnen, dass Sie sich die Zeit genommen haben.

Kermani: Bitte schön!

Beitrag hören

 
 
Dradio Audio
Kein Audio aktiv
 
 
 
 
 

Für dieses Element wird eine aktuelle Version des Flash Players benötigt.

Interview

Bundespräsident"Er ist sich treu geblieben"

Bundespräsident Joachim Gauck spricht am 21.05.2014 in Hamburg im Schauspielhaus bei der Eröffungsfeier zum deutschen Stiftungstag 2014.

Der Grünen-Politiker Werner Schulz hat Bundespräsident Joachim Gauck zur Hälfte von dessen Amtszeit im Deutschlandfunk gelobt. Gerade durch die Zeit als Bürgerrechtler habe er heute den Mut, auch Politiker wie den heutigen türkischen Präsidenten Erdogan zu kritisieren. Inzwischen habe Gauck auch sein Thema gefunden.

Ebola-Epidemie"Die Bundeswehr ist auch gefragt"

Der verteidigungspolitische Sprecher der SPD-Fraktion Rainer Arnold im Deutschen Bundestag.

Der SPD-Verteidigungspolitiker Rainer Arnold hat sich für einen Bundeswehreinsatz in Westafrika ausgesprochen, um die Ebola-Epidemie zu bekämpfen. Alle staatlichen Organisationen müssten ihren Beitrag leisten, sagte Arnold im Deutschlandfunk. Die Bundeswehr könnte ein Feldlazarett aufbauen oder eine Luftbrücke einrichten.

Ebola-Hilfe"Das ist blanker Zynismus"

Tankred Stöbe (Vorstandsvorsitzender von Ärzte ohne Grenzen) am 17.06.2014.

Der Präsident der deutschen Sektion von "Ärzte ohne Grenzen", Tankred Stöbe, fordert von der Bundesregierung schnellere und effektivere Hilfe im Kampf gegen die Ebola-Epidemie in Westafrika. "Es ist viel zu lange geschlafen worden", sagte er im DLF.

 

Interview der Woche

McAllister über Schottland-Referendum"Das ist eine sehr emotionale Debatte"

David McAllister, CDU-Abgeordneter im Europäischen Parlament

Der CDU-Europaabgeordnete David McAllister ist Sohn eines schottischen Vaters. Das bevorstehende Unabhängigkeitsreferendum habe in der schottischen Gesellschaft zu tiefen Rissen geführt, sagte McAllister im DLF. Nach der Abstimmung sei es enorm wichtig, wieder Brücken zwischen den Lagern zu bauen.

EZB"Die niedrigen Zinsen sind gerechtfertigt"

Sabine Lautenschläger, Mitglied im Direktorium der Europäischen Zentralbank.

Der Leitzins in der Eurozone ist auf einem neuen Rekordtief - und das zurecht, meint Sabine Lautenschläger im Interview der Woche im Deutschlandfunk. Das Direktoriumsmitglied der Europäischen Zentralbank verwies auf die langfristige Verantwortung der EZB. Die Bank wolle keine Sparer ärgern, sondern die Wirtschaft ankurbeln.

Verfassungsschutz"Größte Herausforderung ist der islamistische Terrorismus"

Verfassungsschutzpräsident Hans-Georg Maaßen

400 Islamisten sind bisher nach Erkenntnissen des Bundesamtes für Verfassungsschutz von Deutschland aus in den Irak und nach Syrien ausgereist. Umgekehrt drohe die Gefahr, dass Rückkehrer in Deutschland Anschläge begehen könnten, sagte der Präsident der Behörde, Hans-Georg Maaßen, im Interview der Woche im DLF.