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StartseiteTag für TagEin Jahr danach10.01.2012

Ein Jahr danach

Koptische Mönche und die gesellschaftlichen Veränderungen in Ägypten

Seit der Revolution in Ägypten, die am 25. Januar 2011 begann, hat sich das Verhältnis zwischen Christen und Muslimen verschlechtert. Viele koptische Christen im Land haben Angst. Doch die Mönche in den Wüstenklöstern bekommen nur wenig davon mit - sie konzentrieren sich auf ihr religiöses Leben.

Von Andreas Boueke

Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)
Ein koptischer Christ bei einer Demonstration in Kairo (picture alliance / dpa / Arved Gintenreiter)

"Rami Mounir: Die antiken Ägypter haben ihren Göttern gehuldigt. Zum Beispiel Atum, Amun oder Ra. Das Wort Ägypten hat sich aus dem altägyptischen Wort Kabetach entwickelt. Das bedeutet Land, in dem der Gott Betach gepriesen wird."

Rami Mouni ist Historiker in Kairo und beschäftigt sich besonders mit der Religionsgeschichte seines Heimatlandes. Als die Römer die Pharaonenherrschaft abschafften, ging auch die Religion der Pharaonenzeit zu Ende. Heute hat die alte ägyptische Religion nur noch eine Bedeutung für die Archäologie. Zur Römerzeit kam dann im ersten Jahrhundert unserer Zeitrechnung auch das Christentum nach Ägypten. Nach der Überlieferung soll Evangelist Markus die Kirche in Ägypten gegründet haben. Rami Mounir:

"Der Heilige Markus war der erste Papst der orthodoxen koptischen Kirche. Der jetzige Papst Shenouda der Dritte ist die Nummer 117 seiner Nachfolger. Seit die Araber nach Ägypten gekommen sind, gilt die Bezeichnung 'Kopten' nur noch für die ägyptischen Christen. Ursprünglich aber war Kopten die Bezeichnung für alle Ägypter."

Die wichtigsten Zentren koptischen Lebens in Ägypten sind die Klöster in der Wüstenlandschaft Wadi al-Natrun, etwa 90 Kilometer nordwestlich von Kairo entfernt. Schon zu Beginn des vierten Jahrhunderts haben sich hier die ersten christlichen Eremiten niedergelassen. Im Laufe der Zeit entstanden hier Klöster. Die Mönche suchten die Abgeschiedenheit, um sich ganz auf ihr religiöses Leben zu konzentrieren. Das wohl älteste Kloster ist das von al Baramus. Ein junger Mönch, der seinen Namen nicht nennen will, gibt bereitwillig Auskunft über sein Leben in diesem Kloster:

"Ich verlasse das Kloster nur sehr, sehr selten. In zwölf Jahren bin ich drei Mal außerhalb des Klosters gewesen. Ich habe dieses Leben selbst für mich gewählt. Deshalb empfinde ich es nicht als eine Beeinträchtigung meiner Freiheit. Ich fühle mich nicht eingesperrt. Außerdem habe ich ja die Möglichkeit jederzeit das Kloster zu verlassen, wenn ich das möchte."

Hier in den Wüstenklöstern spürt man nur wenig von den umwälzenden Ereignissen, die die ägyptische Gesellschaft während der vergangenen Monate erlebt hat:

"Wir kümmern uns nicht um Politik. Aber hin und wieder kommen Leute in unsere Kloster, die uns berichten, was draußen vor sich geht. Wir werden nicht aktiv, aber wir haben natürlich auch unsere Meinung. Ich denke, dass die Islamisierung des Landes zunehmen wird. Es gibt jetzt zwar mehr Freiheit, aber nicht für Christen. Wir erleben eher das Gegenteil. Vor allem in Kairo gibt es viele Brandanschläge auf unsere Kirchen."

Gewalttätige Übergriffe gegen christliche Gemeinden gab es auch während der 30-jährigen Herrschaft Hosni Mubaraks. Doch die Berichterstattung über diese Ausschreitungen wurde häufig unterdrückt. Seit der Revolution sind solche Informationen weitgehend frei verfügbar und gelangen bis in die Wüstenklöster. Im Kloster Sankt Bischoi leben 120 Mönche. Einer von ihnen ist Bruder Joaquin. Er sitzt auf einem Bett aus Holzplanken in einer kargen Mönchszelle, die nicht größer ist als fünf Quadratmeter ist:

"Das Leben hier ist für uns jeden Tag dasselbe. Hier gibt es keine Veränderungen. Wir haben täglich ein fest vorgeschriebenes spirituelles Programm zu leisten. Aber natürlich beten wir auch für die Menschen draußen in den Städten. Nur manchmal hören wir von den Dingen, die draußen geschehen."

Doch auch die Mönche können sich nicht völlig von den Ereignissen außerhalb der Klostermauern abschotten. Mönch Joaquin:

"Während der Revolution gab es keine Polizei. Uns wurde gesagt, wir müssten uns selbst schützen. Damals flohen viele Häftlinge aus den Gefängnissen. Viele von ihnen kamen zu den Klöstern und baten um Nahrung und Kleidung und ein paar Zigaretten. Sie wollten auch im Kloster übernachten. Wir Mönche haben ihnen alles gegeben, außer einem Schlafplatz. Wir sagten, nehmt das Essen und ein paar Kleider und die Zigaretten, aber dann müsst ihr gehen."

Die Mönche in den Wüstenklöstern wollen an ihren strengen religiösen Ritualen festhalten und sich deshalb möglichst wenig mit dem beschäftigen, was sich zurzeit Zeit in der ägyptischen Gesellschaft ereignet. Diese Distanz kann man sich in den koptischen Kirchengemeinden nicht erlauben. Sarabamoni Zaki ist koptischer Priester in Kairo. Er meint, die Situation der Kopten habe sich seit der Revolution spürbar verändert:

"Seit der Revolution im vergangenen Januar haben einige Christen Angst. Wir wissen nicht, was in der Zukunft geschehen wird. Uns ist sehr bewusst, dass sich die Beziehung zwischen Christen und Muslimen verändert. Der muslimische Flügel bemüht sich sehr, an die Macht zu kommen. So etwas haben wir in den vergangenen 30 Jahren noch nicht erlebt."

Sarabamoni Zaki macht ernsthaft sich Sorgen um die Zukunft der Kopten in Ägypten. Trotzdem sieht er keinen Grund, sich zu verstecken:

"Den jungen Leuten sage ich, ihr müsst euch unter die Muslime mischen und mit ihnen zusammenleben. Habt keine Angst. Macht sie zu euren Freunden und erklärt ihnen eure Sorgen. Werdet nicht wütend oder nervös, denn das wird uns nur schaden. Geht respektvoll mit ihnen um, sprecht friedlich mit ihnen."

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