• Deutschlandfunk bei Facebook
  • Deutschlandfunk bei Twitter
  • Deutschlandfunk bei Instagram

 
 
Seit 09:10 Uhr Europa heute
StartseiteForschung aktuellWas weiß man tatsächlich über die Auswirkungen?28.10.2016

Ein Jahr Zika-VirusWas weiß man tatsächlich über die Auswirkungen?

Am 30. Oktober 2015 meldeten die brasilianischen Behörden der Weltgesundheitsorganisation WHO, dass außergewöhnlich viele Kinder mit zu kleinem Kopf auf die Welt kamen. Mikrozephalie nennen die Ärzte die Fehlbildung. Diese Kinder haben erhebliche psychomotorische Schäden. Ursache ist das Zika-Virus.

Joachim Budde im Gespräch mit Arndt Reuning

Helfer mit Gasmasken laufen durch die Straßen von Sao Paulo. (Imago/Xinhua)
Vor fast genau einem Jahr schlug eine Ärztin aus Nordostbrasilien Alarm, weil sie eine Häufung von Mikrozephalie-Fällen beobachtet hatte. Die WHO rief daraufhin den internationalen Gesundheitsnotstand aus (Imago/Xinhua)
Mehr zum Thema

Zika-Virus Noch lange nicht eingedämmt

Zika-Epidemie Ein Virus attackiert das Gehirn

Die Gen-Bombe Kettenreaktion gegen Zika, Malaria und Co.

Arndt Reuning: Bei mir im Studio ist der Wissenschaftsjournalist Joachim Budde. Herr Budde, Sie beobachten seit Monaten die Entwicklungen rund um Zika: Wie sieht die Situation in den betroffenen Ländern jetzt aus. Hat sich der Nebel gelichtet?

Joachim Budde: Die Frage muss ich mit Nein beantworten. Was Forscher besonders verwundert ist, dass die Fälle von Mikrozephalie so ungleich verteilt sind: Es gibt 56 Länder mit Zika-Übertragung, aber 80 Prozent der Mikrozephaliefälle wurden im Nordosten Brasiliens registriert, wo die Häufung erstmals aufgefallen sind.

Vorher wurden 150 Fälle von Mikrozephalie in Brasilien pro Jahr registriert. Jetzt gibt es 2000 Fälle, bei denen ein Zusammenhang mit Zika bestätigt wurde, 3000 werden noch untersucht.

Erstaunlich ist auch, dass Kolumbien sehr gründlich testen ließ, aber auf viel kleinere Zahlen kommt. Dort kommen auf 10.000 bestätigte Zika-Fälle vier Neugeborene mit Mikrozephalie - in Brasilien sind es 60.

Außerhalb Brasiliens verlief es viel glimpflicher als noch im Frühjahr befürchtet.

"Manche Experten bezweifeln, dass tatsächlich Zika hinter der Häufung von Mikrozephalie steckt"

Eine Frau in Recife in Brasilien hält ihr Baby, das durch Mikrozephalie eine Schädelfehlbildung aufweist. (dpa-news / AP / Felipe Dana)Eine Frau in Recife in Brasilien hält ihr Baby, das durch Mikrozephalie eine Schädelfehlbildung aufweist. (dpa-news / AP / Felipe Dana)

Reuning: Woran kann das liegen, dass die Fälle so ungleich verteilt sind?

Budde: Viele Experten bezweifeln Zuverlässigkeit der Zahlen. 80 Prozent der Infizierten erkranken ohne es zu merken - da kann man leicht Fälle übersehen, dann scheint der Anteil größer als in Wirklichkeit.

Anderer Punkt: Das Zika-Virus selbst ist nur kurz im Blut nachweisbar, während viele Labors in betroffenen Regionen zu schlecht ausgestattet sind. Manchmal muss man sich auf die Aussagen der Mütter verlassen: Ich hatte in der Schwangerschaft diesen Ausschlag, wird wohl Zika gewesen sein.

Auch besteht die Gefahr, dass Tests auf nahe verwandte Viren anschlagen oder dass sie bei Kranken versagen. All das verfälscht die Ergebnisse. Manche Experten bezweifeln, dass tatsächlich Zika hinter der Häufung von Mikrozephalie steckt.

Reuning: Wie könnte man es sonst erklären?

Budde: Eine andere Möglichkeit könnte der Ko-Faktor sein: Bakterium oder Virus, ethnische oder soziale Besonderheiten, die Zika erst ermöglichen und schwere Verläufe verursachen.

Bislang wurde aber nichts Derartiges gefunden. Dennoch sagen Wissenschaftler: Zika gleich Täter, aber es muss Komplizen geben, die wir bislang nicht kennen.

Zika wird auch durch Sex und womöglich auch durch Schweiß oder Tränenflüssigkeit übertragen

Moskito der Art Aedes aegypti (AFP / Marco Garro)Das Zika-Virus wird durch Moskitos der Stechmückenart Aedes aegypti übertragen. Doch anders als bei anderen Flaviviren kann es auch durch Sex übertragen werden - und auch Schweiß oder Tränenflüssigkeit stehen unter Verdacht (AFP / Marco Garro)

Reuning: Zika bleibt also rätselhaft?

Budde: Ja, und es sorgt für Überraschungen: Das Zika-Virus ist ein Flavivirus und eng mit Dengue verwandt. Bei anderen Flaviviren übertragen jedoch ausschließlich Stechmücken die Erreger. Zika wird aber auch über Sex übertragen, erkrankte Männer haben das Virus bis zu sechs Monate nach der Erkrankung im Sperma. Und auch Frauen können es über die Scheidenflüssigkeit übertragen.

Offenbar ist das nicht alles: Bei einem Fall in den USA schließen Forscher Übertragung per Mücke oder Sex aus. Ein Mann hatte sehr viel des Virus im Blut und jemanden angesteckt, der ihn pflegte. Die einzige Erklärung: Das Virus wurde über Tränenflüssigkeit oder Schweiß übertragen.

Reuning: Wie sieht es mit Gegenmittel oder Impfung aus?

Budde: Mehrere Impfstoffe im Tierversuch haben eine Wirksamkeit gezeigt. Zwei Kandidaten sind in einer ersten Verträglichkeitsstudie am Menschen.

Aber es gibt viele Stolpersteine: Die Impfstoffe dürfen nicht mit verwandten Viren reagieren, sonst führt die Impfung gegen Zika möglicherweise zu schweren Verläufen bei einer Dengue-Infektion.

Mit manchen Technologien, auf denen Impfungen basieren, gibt es zudem noch zu wenig Erfahrungen. Auch wenn es optimal laufen sollte, wird es noch viele Monate dauern.

Das könnte sie auch interessieren

Entdecken Sie den Deutschlandfunk