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Ein Kinderbuch, das keines ist

Amelie Fried hat ihre jüdische Familiengeschichte recherchiert

Die Journalistin und Buchautorin Amelie Fried. (AP Archiv)
Die Journalistin und Buchautorin Amelie Fried. (AP Archiv)

Amelie Fried, 1958 in Ulm geboren und als Autorin eher leichter Romane bekannt, hat ihre jüdische Familiengeschichte recherchiert. Das Ergebnis "Schuhhaus Pallas - Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte" annonciert der Verlag seltsamerweise als Kinderbuch. Doch es ist keines, meint Rezensentin Sabine Weber.

Eine unerwartete Information setzt die Geschichte in Gang - Amelie Fried erfährt rein zufällig, dass ein Großonkel von ihr 1944 in Auschwitz ermordet wurde.

"Wie ist es möglich, dass ich keine Ahnung davon gehabt habe? Gibt es vielleicht noch mehr, was ich nicht weiß? In meinem Elternhaus ist wenig über die Nazi-Zeit und den Krieg gesprochen worden, also habe ich immer geglaubt, es sei wohl auch nichts Wissenswertes vorgefallen. Was soll ich nun machen? Wegsehen oder hinsehen? So tun, als wäre nichts, oder herausfinden, ob da noch mehr ist? Ich entscheide mich fürs Hinsehen und beginne die Geschichte meiner Familie zu erforschen."

Das Ergebnis dieser Forschungen trägt den verheißungsvollen Titel "Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte". Das hört sich nach dem Widerstand kleiner Leute an, nach Mut und Pfiffigkeit in finsteren Zeiten. Doch Amelie Fried will mehr als bloß ihre private Familiengeschichte öffentlich machen. Im Vorwort formuliert sie die Absicht, dass sie für all die erzählen will, "die wissen wollen, was damals geschehen ist", billigt also ihrer Geschichte Allgemeingültigkeit zu.

"Schuhhaus Pallas" - so hieß das Geschäft ihrer Großeltern. In diversen Archiven und in Gesprächen mit Zeitzeugen, mittels Briefen und Zeitungsartikeln erforscht Amelie Fried akribisch die sich darum rankenden Ereignisse.

"Zunächst heißt das Geschäft allerdings 'Schuh-Palast', was den Ärger eines größeren Mitbewerbers hervorruft, der sich beschwert, ein so kleines Geschäft dürfe nicht den irreführenden Namen 'Palast' tragen. Mein Großvater ändert listig nur zwei Buchstaben des beanstandeten Wortes und vermeidet damit eine weitere Auseinandersetzung. Kaum jemand versteht wohl den Hinweis auf die wehrhafte Göttin Pallas Athene, der sich im neuen Namen versteckt. Auch mein Großvater ahnt nicht, wie symbolträchtig diese Umbenennung später erscheinen wird, als er um das Überleben seines Geschäftes kämpfen muss."

Amelie Frieds Großvater Franz ist österreichischer Staatsbürger und Jude, konvertiert aber anlässlich seiner Hochzeit zum Christentum. Sein kleines Schuhgeschäft in Ulm entwickelt sich im Laufe der Zeit zu einem florierenden Unternehmen. In den 30er Jahren sieht er sich zunehmend antisemitischer Hetze ausgesetzt.

Als man ihn enteignen will, überträgt er das Schuhhaus seiner "arischen" Ehefrau und fungiert nur noch als Geschäftsführer. Dennoch nehmen die Boykottaufrufe gegen seinen Laden kein Ende. Auf ihre Beschwerden hin erhalten die Großeltern folgende Antwort der Ulmer Polizeidirektion:

"Obgleich Frau Fried Inhaberin des Geschäfts ist, ist doch ihr Mann (der jüdischer Abstammung ist) maßgeblich in ihrem Geschäft tätig. Frau Fried ist der Meinung, ihr Geschäft als 'rein arisch' bezeichnen zu dürfen; sie hatte auch eine diesbezügliche Erklärung in ihrem Schaufenster ausgehängt. Solche plumpe Tarnung würde aber unweigerlich Unruhe unter der Bevölkerung hervorrufen, denn jedermann hat ein Anrecht darauf, zu wissen, ob er in einem arischen Geschäft kauft. Das Geschäft einer Frau, deren Mann Jude ist, wird aber nicht als rein arisch angesehen."

Franz Fried weigert sich, seine Kennkarte mit dem verordneten zweiten Vornamen "Israel" zu unterschreiben. Er kommt in Haft und anschließend in das Konzentrationslager Welzheim. Um das Geschäft zu retten, lässt sich seine Ehefrau auf seinen Vorschlag hin von ihm scheiden. Daraufhin wird er aus dem Lager entlassen und siedelt nach München über. Amelies Großmutter darf das Schuhhaus zwar behalten, doch die Hetze gegen das angeblich "jüdische" Geschäft geht weiter - im April 1943 wird die Schließung angeordnet.

"Mein Großvater hat wie durch ein Wunder alles überlebt: den KZ-Aufenthalt, die Zwangsarbeit, das Deportationslager. Bei Kriegsende ist er der einzige seiner Geschwister, der noch am Leben ist. (...) Was meinem Großvater das Leben gerettet hat, ist wohl ein winziger, aber folgenschwerer Fehler auf einem amtlichen Dokument, den ich bei meiner Recherche entdeckt habe."

In der so genannten Judenkartei in München wird er noch als verheiratet mit einer "arischen" Frau geführt – ein Versehen, das ihn vor dem Tod bewahrt. Nach dem Krieg kehrt Franz Fried anscheinend ohne Probleme in sein altes Leben zurück: Er zieht wieder mit seiner Frau zusammen und führt erfolgreich ein neues eigenes Schuhgeschäft. Nur erzählen wird er über seine Erlebnisse nicht. Neben der Geschichte ihres Großvaters erforscht Fried das Leben weiterer Familienmitglieder – die wenigsten hatten sein Glück, viele wurden in KZs ermordet.

"Es dauert fast drei Jahre, bis ich die Ereignisse dieser Recherche geordnet und einigermaßen verarbeitet habe. Noch immer ist das Erschrecken über das Entdeckte groß. Das Schweigen all jener, die darüber hätten sprechen können und es nicht getan haben, hinterlässt Ratlosigkeit, Trauer, aber auch Wut."

Besonders hadert die Autorin mit ihrem Vater – ein dezidiertes Anliegen ihres Buches ist die nachträgliche Auseinandersetzung mit ihm. Genauso wenig wie der Großvater hat er je über seine Erlebnisse als so genannter "Halbjude" während des Nationalsozialismus gesprochen. Kurt Fried, Jahrgang 1906, schreibt bis zu seinem Berufsverbot 1936 für Zeitungen. 1939 wird die "Verordnung zur Ausschaltung von Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben" erlassen. Da jüdische "Mischlinge" davon nicht betroffen sind, wollen die Großeltern ihrem Sohn Kurt das Geschäft übergeben.

In seinem Antrag auf Geschäftsübernahme unterstreicht Kurt Fried seine angebliche freundschaftliche Nähe zu NSDAP-Leuten. Erscheint dieses Verhalten dem Leser absolut folgerichtig – schließlich geht es um den Erhalt des Geschäfts, das die Existenzgrundlage der Familie darstellt – so findet Amelie Fried hier zu einer geradezu verblüffenden moralisierenden Einschätzung:

"Ein Akt der Selbstverleugnung, aus der Not geboren. Wahrscheinlich hat er sich selbst für seine Anbiederei gehasst – und sie später, so gut wie möglich, verdrängt. Aber es muss ihm bewusst gewesen sein, dass er sich nicht immer heldenhaft verhalten hat, denn viele Jahre später sagte er zu meiner Mutter: 'Wer woiß, vielleicht wär i unter andre Umständ sogar a ganz guter Nazi gworda.' Es schmerzt mich, dass mein Vater glaubte, sich so verbiegen zu müssen – verurteilen kann ich ihn dafür nicht."

Kurt Fried wird in einem Außenlager des KZs Buchenwald zur Zwangsarbeit herangezogen, kommt heil wieder heraus und fasst nach dem Krieg, ähnlich wie sein Vater, anscheinend problemlos Fuß. Er betätigt sich erfolgreich als Verleger und Kulturpolitiker und ist zeitlebens ein streitbarer Mensch mit spitzer Feder.

"Ich behaupte nicht, dass das Schweigen meines Vaters über die Nazi-Zeit der einzige Grund für unser problematisches Verhältnis war. Aber ich habe immer, meine gesamte Kindheit und Jugend hindurch, gespürt, dass es Dinge gab, die er uns vorenthielt. (…) Dass er uns nichts erzählt hat über sein Unglück, uns keine Chance gegeben hat, ihn besser zu verstehen, das habe ich ihm lange, auch nach seinem Tod, verübelt. Erst viele Jahre später konnte ich ihm endlich verzeihen."

Es wäre für sie leichter gewesen, hätte ihr Vater von sich aus berichtet, so Amelie Fried. Nur schwer bringt sie Verständnis dafür auf, dass für ihren Vater vielleicht das Schweigen leichter war, wenn nicht gar der einzige Weg weiterzuleben.

Nach der Darstellung der größtenteils tragischen Lebensgeschichten ihrer Verwandten wirkt die folgende Episode wie der seltsame Versuch, sich selbst in die Reihe mutiger Familienmitglieder einzuordnen. In München ist die Verlegung von "Stolpersteinen" – das sind ins Pflaster eingelassene kleine Gedenksteine – verboten. Um an ihre in Auschwitz ermordeten Verwandten zu erinnern, bringt Amelie Fried zwei Folien vor deren ehemaligem Wohnhaus an. Dabei lässt sie sich von einem Fernsehteam begleiten und informiert auch die Presse.

"Mir ist ganz schön mulmig zumute, als wir bei strömendem Regen vom Café Freiheit zur Frundsbergstraße gehen. Ob die Polizei Wind von der Sache bekommen hat? Ob ich mit einer Anzeige rechnen muss?"

Anscheinend versteht die Autorin diese Aktion als gefährlichen Akt zivilen Ungehorsams. Die Stärke des Buchs liegt gerade in dem Umstand begründet, den Amelie Fried so bemängelt: Da ihre Verwandten ihr fast nichts erzählt hatten, musste sie umfassend recherchieren. Dank dieser akribischen Forschungen gelingt es ihr, ein lebendiges Bild der Zeit und ihrer im positiven Sinne kämpferischen Familie zu entwerfen.

Leider aber versäumt es Amelie Fried, sich reflektiert mit den aus dieser Verweigerungshaltung ergebenden Fragen auseinander zusetzen. Haben die Opfer tatsächlich die Verpflichtung, ihre Geschichte zu erzählen, selbst wenn sie kein Bedürfnis danach haben? Oder haben sie das Recht zu schweigen, zu verdrängen, vielleicht auch zu vergessen?

Statt einer solchen weiterführenden Erörterung erfährt der Leser viel über die emotionale Erschütterung der Autorin, die das Schweigen ihrer Familie bei ihr verursacht hat.


Amelie Fried: Schuhhaus Pallas. Wie meine Familie sich gegen die Nazis wehrte.
Carl Hanser Verlag, München 2008,
192 Seiten, 14,90 Euro
(Parallelveröffentlichung als 5-CD-Hörbuch,
Hörverlag Frankfurt/Main, 24,95 Euro)

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