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StartseiteAus Kultur- und SozialwissenschaftenEin kleines gallisches Dorf …02.05.2013

Ein kleines gallisches Dorf …

In der Champagne werden gallische Grabstätten der Bronzezeit ausgegraben

Es sind Spuren von bald 7000 Jahren menschlicher Nutzung: Dort, wo im nordostfranzösischen Bruchère ein Industriepark entstehen soll, haben Archäologen umfangreiche Grabanlagen der Bronzezeit entdeckt. Offensichtlich schätzte bereits die gallische Elite den späteren Sitz der Fürsten der Champagne.

Von Suzanne Krause

Die rund 2500 Jahre alte Statue eines Keltenfürsten, hier im Landesmuseums am hessischen Glauberg. (picture alliance / dpa)
Die rund 2500 Jahre alte Statue eines Keltenfürsten, hier im Landesmuseums am hessischen Glauberg. (picture alliance / dpa)
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Am nördlichen Ende des künftigen Industrieparks liegt, hinter Erdhügeln den Blicken entzogen, der Grabungsort. Ein Gelände in leichter Hanglage, 16.000 Quadratmeter Fläche, hier und da frischgegrabene Löcher, daneben türmt sich der Aushub. Teamleiterin Cecile Parésys klettert auf den hohen Erdwall am Eingang: Von hier aus lässt sich das ganze Gelände überblicken. Die Wissenschaftlerin schlägt die Fundortkarte auf:

"Insgesamt haben wir über zehn Grabanlagen aus der Bronzezeit entdeckt, aus den Jahren 1200 vor Christus. Außerdem wurden vierzig gallische Gräber freigelegt, sie entstanden um 500 Jahre vor Christus. Und auf der östlichen Seite befindet sich eine Römerstraße. Es scheint, als sei er auf einem früheren Gallier-Weg angelegt worden, denn sämtliche Grabmonumente sind in Reih und Glied auf den Römerweg ausgerichtet. Des weiteren haben wir einige jungsteinzeitliche Gräber aufgedeckt, die sich alle auf der gegenüberliegenden Seite befinden, außerhalb des Römer-Wegs und der Grabhügel."

Cecile Parésys eilt vorbei an den Überresten eines neolithischen Herds, an einer gleichaltrigen mannshohen Jagdgrube. Vor einer Grabanlage bleibt sie stehen: Seite an Seite, aber in unterschiedlicher Tiefe, wurden hier zwei Krieger bestattet.

"Den beiden Kriegern war je ein Schwert beigegeben, aus der Latène-Kultur, also 4. bis 3. Jahrhundert vor Christus. Die Männer waren nicht gleichzeitig beerdigt worden, aber ihre Schwerter stammten aus derselben Epoche."

Fünfzehn der vierzig gallischen Gräber beherbergten Krieger. Darunter fünf, die mit ihren Waffen beerdigt wurden. Ein Rekordfund. Zwar sind gallische Grabstätten im Departement keineswegs eine Seltenheit. Aber bislang entdeckte Anlagen waren in 95 Prozent der Fälle leer, ausgeraubt. Emilie Millet führt zu einem anderen Grab, einige Schritte weiter. Die Archäologin ist Spezialistin für metallische Gebrauchsgegenstände. Und sagt: Kaum je zuvor habe sie so viele und guterhaltene Objekte in situ, am Fundort studieren können:

"Auch hier haben wir die Überreste eines Mannes geborgen, der dank seiner Waffen als Krieger identifiziert werden konnte: ein Eisenschwert in seinem Schaft, eine Lanzen, von der noch die Spitze übrig ist. Vor allem aber, und das ist am interessantesten, einen Schild, der auf den Körper des Toten gelegt worden war. Vom Schild war noch der metallene Rahmen übrig, in dem die Platte eingespannt war und der dessen Form vorgab. Und in diesem Fall handelte es sich und das ist außergewöhnlich, um einen Schild in Spitzbogenform."

Auch Reste der typischen Totenkluft der Krieger wurden freigelegt: Häufig trugen sie ein bis zwei Armreifen und eine Kleiderfibel.

"Bei den Frauen, die hier bestattet wurden, fanden wir viel Schmuck aus Bronze. Sei es ein sogenannter Torques, also ein steifer Halsreif oder auch unterschiedliche Armreifen und Fibeln, von denen die Frauen mehr besaßen als die Männer. Die Totenkluft der Frauen lässt auf die Identität der Menschengruppe schließen, die hier bestattet wurde. Die Form der Torque, der Armreifen liefert uns Aufschlüsse über den regionalen Standort einer Gruppe. Bei der männlichen Totenkluft ist dies weitaus weniger sichtbar, denn die keltische Bewaffnung dieser Epoche, zwischen Mitte des 4. und Mitte des 3. Jahrhunderts vor Christus, ähnelt sich im europäischen Raum sehr. "

Viele der Fundstücke sind gut erhalten. Darunter beispielsweise ein Armreif in Schlangenform. Emilie Millet zieht ein anderes Stück vor.

"Im Grab einer Frau lag eine sehr schöne Fibel aus Bronze, die am äußeren Bogen und am Verschluss mit Korallen besetzt wurde. Dieses Fundstück begeistert uns, da es einmal mehr die hiesigen Kontakte mit der Mittelmeer-Region belegt. Denn von dort stammen die Korallen."

Grabungsleiterin Parésys schaut einer Mitarbeiterin über die Schulter, die einige aufgeschichtete Steine mit Brandspuren freilegt. Vorsichtig klaubt sie winzige Keramik-Reste und ein scharfschnittiges Silex-Stück auf. Scheinbar haben hier Menschen vor Urzeiten Feuer gemacht, Essen zubereitet.

"Ab dem Neolithikum, der Jungsteinzeit, also ungefähr 4900 Jahre vor Christi bis zu den Römern, im 2., 3. Jahrhundert nach Christus, wurde der Ort hier immer wieder von Menschen genutzt. Vor allem, um die Toten zu bestatten."

Für die Jahrtausende lange Nutzung gibt es Gründe: Der Ort ist gut zugänglich, in der Nähe verläuft ein Bach, das Gelände, ein Westhang, erhebt sich über das weite Tal und erlaubt einen Blick über Kilometer hinweg. Die Grabanlagen aus der Bronzezeit seien hochaufgeschüttet gewesen, sagt Parésys – und hätten so als Blickfang aus weiter Ferne gedient.

"Auch die gallischen Gräber sind sehr monumental angelegt worden, mit einfachsten Werkzeugen, mit viel Zeit und Energie. Diejenigen, die hier bestattet wurden, gehörten zur Elite der Gesellschaft. Zu denen, deren Macht sich auf die Gesellschaft und auf die Waffen erstreckte. Im Gegensatz zu denen, die die Grabmale anlegten. "

Bei früheren Grabungen wurde schon unten im Tal eine gallische Siedlung freigelegt, allerdings hat sie kaum Spuren hinterlassen. Ob dort lediglich diejenigen lebten, die die Nekropole bauten oder auch die, die dort bestattet wurden, haben die Archäologen noch nicht bestimmen können. Für Cecile Parésys gibt es hingegen keinen Zweifel daran, dass es die monumentalen Gräber der Bronzezeit waren, die die gallische Elite anzogen.

"Die Gallier waren sich bewusst, dass der Ort schon früher genutzt worden war. Da gab es Spuren, da wurde das Andenken von Generation zu Generation weitergegeben.
Jede Gruppe von Menschen hat viel Respekt bewiesen für die, die vor ihnen hier waren. Keineswegs haben sie es gewagt, Anlagen ihrer Vorgänger einzureißen, sie bauten ihre Strukturen dort, wo noch Platz war. Sie respektierten einfach, was sie vorfanden."

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