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StartseiteBüchermarktEin kleines Meisterwerk in Moll03.06.2009

Ein kleines Meisterwerk in Moll

Jonathan Coe: "Der Regen, bevor er fällt". DVA

Zwanzig Fotos beschreibt Rosamund, Protagonistin von Jonathan Coes Roman "Der Regen, bevor er fällt", kurz vor ihrem Tod. Diese Kassettenaufnahmen sind für ihre Haupterbin Imogen bestimmt, die blind ist. Es ist die Geschichte von drei Frauen, die die eigene Familiengeschichte in ein anderes Licht rückt.

Von Johannes Kaiser

Auf dem Land fasst Rosamund kurz vor ihrem Tod die Ereignisse zusammen.  (Stock.XCHNG / Peter Huys)
Auf dem Land fasst Rosamund kurz vor ihrem Tod die Ereignisse zusammen. (Stock.XCHNG / Peter Huys)

Der 1961 in Birmingham geborene Jonathan Coe hat sich nie vorstellen können, irgendetwas als Schriftsteller zu werden. Seine Beharrlichkeit hat sich ausgezahlt. In England gehört er heute zu den renommiertesten Autoren seiner Generation. Dabei ist er selbst eher scheu, still, in sich gekehrt, hat so ganz und gar nichts Glamouröses, ist kein Medienstar, eher ein nachdenklicher Intellektueller. Allein seine Bücher zeigen ihn als phantasievollen, dramatischen, wortmächtigen, vor allem aber auch ironischen Erzähler. Seine Bücher waren bislang auch heftige, bisweilen satirische Abrechnungen mit der Politik von Margaret Thatcher und Tony Blair. Diesmal ist es anders.

"Einer der Gründe, warum ich Schriftsteller geworden bin, ist das Vergnügen, in Stimmen zu schreiben, die nicht meine eigene ist. Würde ich meine eigene nehmen, schrieb ich Erinnerungen oder Sachbücher. Der Spaß am Bauchreden ist eines der großen Vergnügen, die einem das Schreiben bietet - zumindest mir. Die Gelegenheit, noch einen Schritt weiter zu gehen und aus dem eigenen Geschlecht zu schlüpfen, ist wie eine Befreiung. Es hat mir großen Spaß gemacht, als ältere Frau zu schreiben und ich hatte das Gefühl, mir wäre etwas gestohlen worden, als es vorbei war."

Diesmal hat sich der englische Schriftsteller Jonathan Coe in Rosamond, eine ältere Verlagslektorin versetzt, die in ihrem Sessel in ihrem Haus auf dem Land sitzt und ihre Erinnerungen einem alten Kassettenrecorder anvertraut. Sie wird demnächst sterben und möchte, dass ihre Haupterbin erfährt, was es mit ihrer Familie auf sich hat und warum sie blind ist. Ein merkwürdiger Wunsch, denn Rosamond, die Erzählerin ist mit Imogen, der jungen Frau, der sie ihren Besitz vermacht, nur sehr entfernt verwandt und sie hat sie auch nicht gut gekannt.

Ihre Aufzeichnungen werden, wie sie es geplant hat, nach ihrem Tod von ihrer Nichte Gill gefunden. In ihrem Abschiedsbrief bittet sie sie, die Kassetten der Erbin auszuhändigen. Doch Gill hat keine Ahnung, wer die Erbin ist noch wo sie lebt. So setzt sie sich mit ihren zwei erwachsenen Töchtern hin und beginnt die Aufnahmen abzuhören. Vielleicht geben sie einen Hinweis auf die rätselhafte junge Frau. So beginnt der Roman.

Es eröffnet sich ein Blick auf die Hölle, die die Familie sein kann, auf drei Generationen kaltherziger, liebloser Mütter, die ihre Töchter mit Ablehnung und Verachtung straften, denen sie lästig waren und die sie ablehnten. Es beginnt mit der Mutter von Rosamonds Freundin Beatrix, die ihrer Tochter ständig zu verstehen gibt, wie unerwünscht sie ist. Ohne Liebe aufgewachsen ist Beatrix offenkundig unfähig, ihrer eigenen Tochter Geborgenheit und Zuneigung zu bieten. Als sie mit einem Mann nach Kanada geht, lässt sie ihr Kind bei der Erzählerin Rosamond zurück. Die versucht dem Mädchen jene mütterliche Liebe zu ersetzen, zu der die eigene Mutter offenkundig nicht willens ist. Doch viel Erfolg hat sie nicht. Auch aus ihrem Ziehkind wird eine schrecklich egoistische und hartherzige Mutter, die ihre Tochter Imogen zur Adoption freigibt.

"Ich habe herausgefunden, dass man, wenn man älter wird, anfängt, im Guten wie im Schlechten die Eigenschaften der Eltern zu übernehmen. Eigenschaften, von denen man nicht mal wusste, dass man sie geerbt hat, fangen plötzlich an hervorzutreten. In gewisser Hinsicht ist das Buch auch aus den vielen Gelegenheiten entstanden, in denen ich Männer habe sagen hören: 'Oh, mein Gott, ich fange an, meinem Vater zu gleichen' oder Frauen: 'Oh, mein Gott, ich werde wie meine Mutter.' Jeder fürchtet sich davor, aber es passiert mit uns allen. Mich interessierte, wie wir mit den Charaktereigenschaften, die uns von unseren Eltern übergeben werden, umgehen, was wir mit unserem genetischen Erbe anfangen, ob wir es überwinden und uns drüber stellen können oder ob es uns bestimmt und ich vermute, in dem Buch geht es auch um Vorherbestimmung und freien Willen."

Jonathan Coe nutzt das klassische Mittel des Kriminalromans, Spannung zu erzeugen, indem er den Leser mit dem Versprechen lockt, das dunkle Geheimnis der Familie und der Erblindung Imogens zu enthüllen. Fortan hören beziehungsweise lesen wir nur die Stimme Rosamonds, die anhand von zwanzig Familienfotos ein ganzes Jahrhundert vor den Augen der Blinden auferstehen lassen will.

"Dies ist ein dramatischer Monolog und ein gesprochener Text. Die Stimme zu finden war wichtig, um ihre Figur, ihre Persönlichkeit auszudrücken. Es war keine fröhliche Stimme. Ich wollte außerdem, dass das Buch einfach und einheitlich ist, weil meine anderen Bücher eher zur Melange neigen, zu einem Eintopf aus verschiedenen Stilen und Töne, ein paar Seiten Komödie oder Tragödie und ständig wechseln die Stimmungen. Diesmal wollte ich etwas schreiben, bei dem der Leser sich sofort in Stimme und Tonfall hineinfindet."

Die Form des Monologs ist eine bewusste Hommage an Samuel Becketts Theaterstück "The last Tape", Coes Lieblingsdrama. Und es ist eigentlich auch eine Verbeugung vor der Musik, die Jonathan Coe so sehr am Herzen liegt, dass er seinen Roman nicht nur nach einer Komposition des englischen Jazzkomponisten Mike Gibbs benannte - "The rain before it falls" -, sondern Rosamond immer wieder dieselbe Musik hören lässt:

"Durch Musik nehme ich die Welt emotional wahr. Mir gefallen Gemälde, aber Musik ist für mich die mächtigste Kunstform und meine Ambition, die ich wohl nie verwirklichen werde, ist, ein Buch zu schreiben, das die Menschen genauso bewegt. Auch wenn ich diesmal ein wenig davon abrücken wollte, so kann ich Musik offenkundig nicht aus meinen Büchern raushalten und diesen Song, der da immer wieder in Rosamonds Erinnerungen auftaucht und den sie auch tatsächlich von einer Platte abspielt, als sie stirbt, habe ich das erste Mal in den 80er gehört, als ich mir die erste Idee zu diesem Buch kam. Es ist ein sehr schönes französisches Volkslied, das Canteloube orchestriert hat, und es ist für mich sehr eng mit dieser Zeit meines Leben und den Vorstellungen über dieses Buch verbunden. So schlich es sich sozusagen durch die Hintertür ins Buch ein, kroch in mich hinein und stellte sich immer mehr in den Mittelpunkt von allem."

Angesichts Jonathan Coes Liebe zur Musik könnte man von der Stimme seiner Erzählerin Rosamond sagen, dass er sie wie ein Instrument zum Klingen bringt. Sie ist farbig, detailreich, voller Höhen und Tiefen, kräftiger Akkorde, melodienreich. Wir meinen sie hören zu können, wenn sie anhand von 20 Fotos der jungen Blinden deren Familiengeschichte aufblättert.

"Wenn sie einem blinden Zuhörer Fotos beschreiben wollte, hatte sie sie wirklich sehr detailliert und sorgfältig zu beschreiben. Also fing ich an, mich über Leute zu informieren, die das tatsächlich machen. Es gibt eine Technik, die sich hörbare Beschreibung nennt. Das dient Führungen auf Band für Blinde, die es ihnen erlauben, Museen zu besuchen. Die Gemälde werden ihnen beschrieben. Andererseits ist aber das Beschreiben von Fotos, das sie erklären, sie in Worte fassen, eine ganz natürliche Methode, eine Geschichte zu erzählen. Diesen Eindruck habe ich jedenfalls, denn meine eigenen Töchter, die elf und acht Jahre alt sind, lieben es, Geschichten über ihre Familie zu hören. Es gefällt ihnen, Fotoalben anzuschauen. Sie finden es sowohl komisch als auch faszinierend und ich habe in den letzten Jahren viel Zeit damit verbracht, ihnen Familienalben zu zeigen und über die Fotos zu sprechen. Und sobald man das macht, erzählt man, wer die Menschen waren und wo sie sich befanden, warum sie dort waren und mit wem. Wie man ein Foto beschreibt, verwandelt sich natürlicherweise in einen Vorgang des Erzählens."

Die Idee, Fotos als Fixpunkte des Rückblicks zu nehmen, erlaubt es Jonathan Coe oder vielmehr Rosamond, in großen Zeitsprüngen voranzuschreiten und so ein halbes Jahrhundert relativ rasch zu durchschreiten. Sie verrät aber nicht nur, wie es zu Imogens Erblindung kam, sie enthüllt auch ihr eigenes Geheimnis, ihre Liebe zum eigenen Geschlecht. In den 50er- und 60er-Jahren war gleichgeschlechtliche Liebe ein gesellschaftliches Tabu. Ohne es zu wollen wird Rosamond an den Rand der Gesellschaft gedrängt:

"Ob bewusst oder unbewusst habe ich die Figur zu einer Außenseiterin gemacht und zwar gegenüber den gesellschaftlichen Konventionen ihrer Zeit und das muss einem ein Gefühl von Isolation geben. Aber das führt einen auch dazu, gesellschaftskritisch zu sein. Wenn man wie Rosamond davon überzeugt ist, ein ehrliches Leben zu führen, ein Leben, das ihrer eigenen Sexualität entspricht, die übrige Gesellschaft sie aber dazu zwingt, das im Geheimen zu tun und ihr das Recht abspricht, solche Dinge zu tun, wie ein Kind großzuziehen, dann fühlt sie sich bedrängt und ungerecht behandelt. Sie wird also automatisch zur Gesellschaftskritikerin."

Provokative Ironie des Buches: Die lesbische Rosamond erweist sich als weitaus bessere Mutter als die leiblichen Mütter. Ohne es darauf angelegt zu haben, hat Jonathan Coe mit seinem Buch in Italien heftige Diskussionen darüber ausgelöst, ob gleichgeschlechtliche Paare Kinder bekommen und aufziehen dürfen. So verwandelt sich die generationenübergreifende Familientragödie unter der Hand auch in eine politische Parabel des gesellschaftlichen Wandels des letzten halben Jahrhunderts. Ein melancholischer Rückblick - ein kleines Meisterwerk in Moll.

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