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StartseiteBüchermarktEin Koffer voll Sand03.06.2003

Ein Koffer voll Sand

Suhrkamp, 244 S., EUR 19,90

Der neue Roman des rumänendeutschen Lyrikers und Erzählers Franz Hodjak, der erst 1992, drei Jahre nach dem Zusammenbruch des Ceaucescu-Regimes, aus dem Karpatenland nach Deutschland übersiedelte, erzählt von einer Reise zwischen den Staaten, dem Abschied von der vergangenen und der Annäherung an die zukünftige Heimat. Der Leser begleitet den Protagonisten Bernd Burger, der selber Schriftsteller und erkennbar das alter ego des Autors ist, zusammen mit seiner Frau und seiner Tochter zwischen Rumänien, Ungarn, Österreich, der Schweiz, Liechtenstein und Frankreich bis ins Auffanglager Hamm, bei einer Irrfahrt, die hauptsächlich aus Erinnerungen, Phantasien und surrealen Begegnungen besteht, und nur in den Dialogen zwischen den Eheleuten wieder vom Kopf auf den Boden der vermeintlichen Tatsachen gestellt wird.

Jan Koneffke

Um es gleich vorwegzunehmen: Franz Hodjaks Prosa ist über weite Strecken vergnüglich und aberwitzig genug, um immer wieder Überraschungen bereit zu halten. Konsequent ist auch die Sprache, sei es in ihrer musikalischen Logik, sei es in ihren semantischen Alogik wie etwa in dem Satz: "Seit immer wieder Katzen mit feuerrotem Fell geboren werden, wächst die Ungeduld auf Volksfeste ins Unerträgliche". Anhand seines Protagonisten, der ein Land verlassen hat, in dem er sich unter den Verhältnissen von Diktatur und Zugehörigkeit zu einer Minderheit nie geborgen fühlen konnte, und der aufgrund seiner Erfahrung von Heimatlosigkeit in der neuen, versprochenen Heimat auch gar nicht ankommen will, weshalb die Familie kreuz und quer durch Mitteleuropa fährt, um die Freiheit der Staatenlosigkeit so lange wie möglich zu genießen, schildert Hodjak eindringlich die Erfahrung der Nichtzugehörigkeit. So heißt es an einer Stelle: "...dem Heimatbegriff, begann Bernd Burger zu schreien, haftet ein enormes Maß an Verklärung an, besonders bei den Emigranten, und weil sie oft das nicht finden, was sie sich erhofften, trauern sie dem nach, was sie in ihrer Vorstellung verloren haben, in Wirklichkeit jedoch nie besaßen."

Bernd Burger hält seine Rede über Heimatlosigkeit nicht etwa vor einer Menschenmenge, sondern, und das ist bezeichnend für Hodjaks Stil, in der Dusche, womit der Autor die Ernsthaftigkeit der diskursiven Passage gleichzeitig ins Absurde biegt, denn die festen Begriffe sind selber sprachliche Heimaten, in denen der Heimatlose nicht zu Hause sein kann. Dessen Elemente heißen folgerichtig Wasser oder Sand, und so will Bernd Burger auf der Fähre über den Bodensee, "bloß dieses Wasser spüren, das nur in der Gegenwart lebte, kein Gedächtnis hatte und an keine Zukunft glauben mußte." Oder er öffnet den Koffer des Staatenlosen, der voller Sand ist, "ein Sand, der nach nichts Vergleichbarem roch, ein Sand, der farblos war, mit dem er sich gierig einrieb, immer wieder, bis alle Wunden geheilt, alle Schmerzen verflogen waren...und jede Pore seiner Haut verlor an Bedeutung."

Ersichtlich teilt der Autor die Zweifel seines Protagonisten an der sogenannten Wirklichkeit, seinen Widerwillen gegen die fixen Bedeutungen, und beides wiederholt sich auf der Textebene als Sprachskepsis und Widerwillen gegen die realistische Erzählung. Am stärksten ist das Buch des Lyrikers Hodjak deshalb in seinen poetischen Abschweifungen wie denen über die Elemente Sand und Wasser oder über eine Welt, die aus Trichtern besteht, Abschnitte, die sich wie Prosagedichte lesen.

Auf der langen Romanstrecke von immerhin 244 Seiten beginnen die häufig von slapstickhafter Komik geprägten Reisebegegnungen, etwa mit einer ungarischen Toilettenfrau, die sich über die Schwänze von Grafen und Baronen auslässt, oder einem gewissen Herrn Domuskolos, dem Bernd Burger betrunkene Frauen vor die Schwelle seines Hotelzimmers legt, jedoch ermüdend zu wirken. Wenn der Herr Domuskolos in geraffter Form seinen Lebensweg als Kind eines griechischen Partisanen zum Besten gibt, mag man noch gerne folgen, wenn er sich aber lang und breit über die Identität von Namen und Person oder über das Christentum ausläßt, erzeugt Hodjak nichts als Langeweile.

Nicht Hodjaks weitgehender Verzicht auf das sogenannte realistische Erzählen ist daran schuld, sondern eher der inflationäre Gebrauch kurioser Kapriolen und Einfälle. Bernd Burgers Phantasien kennen bald kein Halten mehr und seine Reflexionen laufen Gefahr, ins Schwadronieren umzuschlagen. Im Detail können Hodjaks Einfälle zwar immer wieder bezaubern, etwa bei der Beschreibung, was sein Protagonist bei einem 800-Meter-Sturz in den Bergen alles zu sehen und hören bekommt, aber was kleinteilig funktioniert und Hodjaks poetisches Talent bestätigt, verliert im Erzählverlauf seine Spannung und Notwendigkeit.

An den meisten der Erinnerungspassagen an die Zeit in Rumänien wird zudem deutlich, was Hodjak zu erzählen hätte, wenn er wollte. Anrührend ist zum Beispiel die Geschichte von Omusch, der Zigeunerin, die Bernd Burger als Kindermädchen anstellt, und die aus Dankbarkeit das Extrageld ablehnt, das Hodjaks Held für ihre Überstunden bezahlen will. Die Erzählungen aus der neuen Welt, die Bernd Burger bereist, sind hingegen weniger spannend, ja, die auf Klischees beruhende Beschreibung vom Tourismusbetrieb in Vaduz ist sogar ärgerlich, und umso ärgerlicher macht einen in diesem Zusammenhang das Schlagwort vom "fremden Blick" auf der Buchklappe, mit dem der Suhrkamp-Verlag den Roman bewirbt. Nicht nur Herta Müller hat auf das Falsche dieses Schlagworts hingewiesen, das außer Acht lässt, dass Fremdheit und Befremdung des Blicks keine Kategorien der Wahrnehmung in der Fremde, sondern schon zuvor in der Heimat sind. Auch in Hodjaks Roman gibt es eine kluge Bemerkung dazu, wenngleich in ganz andere Richtung. Als seine Tochter eine Krähe als hässlich bezeichnet, erwidert Bernd Burger: "...bloß unser fremder Blick ist hässlich, unsere Vorstellung von Schönheit ist hässlich, ansonsten gibt es keine Hässlichkeit."

Bernd Burgers phantasmagorische Reise geht zu Ende, als der Held erkennen muss, dass in der Freiheit der Unsinn vom Sinn noch schwerer zu unterscheiden ist als in der Diktatur. Doch Hodjak wäre nicht Hodjak, wenn er es bei dieser Pointe belassen würde. Statt dessen endet die Irrfahrt seines Protagonisten nicht im Auffanglager Hamm, sondern mit der Einsicht, dass sie hier, mit neuem Pass und neuer Identität, erst wirklich beginnt.

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