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StartseiteHintergrundEin kompliziertes Verhältnis30.10.2011

Ein kompliziertes Verhältnis

50 Jahre Anwerbeabkommen mit der Türkei

Am 30. Oktober 1961 unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Türkei den Vertrag über die Anwerbung von Arbeitskräften. Die Arbeitslosigkeit war in der Türkei damals hoch und viele versuchten ihr Glück in der Fremde.

Von Ulrike Klausmann

Türkische Gastarbeiter kommen am Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)
Türkische Gastarbeiter kommen am Flughafen in Düsseldorf an. (picture alliance / dpa /Wolfgang Hub)

"Nanu? Haben Sie hier Italiener beschäftigt?"
"Nein, das sind Türken!"

Eine Fernsehreportage aus dem Jahr 1963.

"Sie kennen die akute Not auf dem Arbeitsmarkt, und da seinerzeit, als wir das Kontingent abdecken mussten, nicht genügend Facharbeiter in Form von Italienern und Spaniern vorhanden waren, auch nicht die Qualitäten innerhalb dieser Angebote, haben wir auf türkische Gastarbeiter zurückgegriffen. Das haben wir gerne getan, allein schon im Hinblick auf die äh- menschlichen Beziehungen."

Der Betriebsleiter einer Kranbaufirma in Langenfeld berichtet über seine ersten Erfahrungen mit den neuen Kollegen.

"Wir haben dann die Leute im Betrieb guten deutschen Facharbeitern zugeteilt, damit sie auch mal ein Gefühl von deutschen Maschinen bekommen. Ich möchte die Erfahrung der Betriebsleitung in einem Satz zusammenfassen: wenn wir wieder vor die Wahl gestellt werden – dann nur türkische Facharbeiter."

Einer der so begehrten türkischen Facharbeiter war Metin Türkoz. Er kam 1962 aus Istanbul nach Köln.

"Die haben in Türkei sehr gut annonciert, Gastarbeiter nach Deutschland gehen, wir dachten Deutschland wunderbar, alles perfekt, aber in Deutschland gekommen, wir waren sehr enttäuscht geworden. Meine Beruf Maschinentechniker, aber hier gekommen in Fabrik als einfach Schleifer oder Bandarbeit."

Die ersten Arbeitskräfte aus der Türkei waren gut ausgebildet, doch sie wurden überwiegend für die härtesten und schmutzigsten Arbeiten eingesetzt. Auch die Unterbringung entsprach selten ihren Vorstellungen.
Necla Türkoz, die ihrem Mann zwei Monate später gefolgt war:

"Ich war erste mal hier, war kalt Winter, aber richtig. Wir haben ein Zimmer gemietet, kein Wasser, alles Eis, und ich hab bisschen warm gemacht, Wasser läuft. Nicht schönes Bett, keine Möbel, ich hab gedacht, Deutschland Europa, Köln ist schöne Stadt, aber ich finde nichts und kein Bad, und wir haben Toilette, aber draußen, Treppenhaus, und das zwei, drei Familien benutzten."

Es begann mit dem Wirtschaftswunder. Schon bald nach ihrer Gründung im Jahr 1949 verzeichnete die Bundesrepublik Deutschland einen erstaunlichen Aufschwung. Er verlangte nach immer mehr Arbeitskräften. Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard warb dafür, Kräfte aus dem Ausland zu holen. Sie sollten als Konjunkturpuffer dienen und den deutschen Arbeitern zum beruflichen Aufstieg verhelfen, wie Erhard 1954 in einem Radiointerview erklärte.

"Italienische Arbeitskräfte kommen gemeiniglich nur für Saisonarbeit im Sommer infrage, wenn bei uns sowieso ein Höchstmaß an Beschäftigung herrscht, und zum anderen besteht die Chance, ungelernte Arbeitskräfte in Deutschland umzuschulen zu Fachkräften und damit dem eigentlichen Bedarf an Facharbeitern in höherem Maße entsprechen zu können. Es liegt also im Interesse der deutschen Wirtschaft und des deutschen Arbeiters, wenn wir uns rechtzeitig darum bekümmern, welche Bedingungen für eine Lösung gegeben sind."

1955 kam das Anwerbeabkommen mit Italien zustande, es folgten 1960 Verträge mit Spanien und Griechenland. Die Wirtschaft boomte weiter und immer mehr Arbeitskräfte wurden gebraucht. Mit dem Bau der Berliner Mauer im Sommer 1961 fielen plötzlich die Arbeiter aus dem Staatsgebiet der DDR aus. So verlor Siemens Berlin zum Beispiel von einem Tag auf den anderen 4300 Kräfte und schickte sofort Vertreter der Personalabteilung in die Türkei.

"Der Mauerbau, das war kein antikapitalistischer Schutzwall, das war unsere Einflugschneise, unsere Landebahn sozusagen. Und jede Graffiti sagte: Hey Gastarbeiter, schön, dass Ihr da seid."

Fatih Cevikkollu, Kabarettist und Autor des Buches "Der Moslem-TÜV", ist in Köln geboren. Seine Eltern gehören zu den 650.000 Menschen, die zwischen 1961 und 1973 als Arbeitskräfte in die Bundesrepublik vermittelt wurden.

"50 Jahre später wissen wir natürlich, dass wir die Rechnung ohne den Wirt gemacht haben, weil was nützt uns der beste Gastarbeiter, wenn das Land keine Gaststätte ist?"

Am 30. Oktober 1961, zweieinhalb Monate nach dem Mauerbau, unterzeichneten die Bundesrepublik Deutschland und die Republik Türkei den Vertrag über die Anwerbung von Arbeitskräften. Die Arbeitslosigkeit in der Türkei war hoch, und so fanden sich viele Ausreisewillige bei der Anwerbestelle in Istanbul ein. Dr. Karin Hunn, Historikerin und Autorin des Buches "Nächstes Jahr kehren wir zurück – die Geschichte der türkischen Gastarbeiter in der Bundesrepublik":

"Die wurden auf Herz und Lunge überprüft, mussten sich nackt ausziehen, in einer Reihe aufstellen. Im Grunde war das 'ne Massenabfertigung, weil man das anders auch gar nicht mehr bewältigen konnte, das waren am Tag ja mehrere Hundert Leute durch diese Anwerbestelle geschleust worden und am Ende des Tages musste klar sein, wer kann gehen und wer kann nicht gehen und dann sind sie auch direkt in die Züge gesetzt und wurden nach München gebracht, von wo aus die in das Ganze Bundesgebiet je nach Arbeitsvertrag verteilt wurden."

Jeder Vierte wurde ausgewählt und bekam von der türkischen Regierung eine Broschüre mit dem Titel: "Wie geht man als Arbeiter nach Deutschland?" Darin war zu lesen:

Die Bundesrepublik Deutschland ist ein nationalistischer Staat. Die dort lebenden Deutschen sind, genau wie wir Türken, Nationalisten und Feinde des Kommunismus.

Ferner wurde den Auslandsarbeitern ans Herz gelegt:

Arbeitet fleißig, wach und umsichtig und lernt schnell dazu, was ihr noch nicht wisst. Haltet euch strikt an die Betriebsordnung. Kommt pünktlich und geht pünktlich. Lasst euch nie krankschreiben, außer wenn es gar nicht anders geht.

Von dem Abkommen wollten beide Länder profitieren. Die BRD brauchte Arbeitskräfte, die Türkei hoffte auf eine Verbesserung ihrer Handelsbilanz durch Geldüberweisungen der Auslandsarbeiter.

"Insgesamt würde ich sagen war das Verhältnis zu türkischen Migranten wie zu anderen Gastarbeitern auch vor allem ein instrumentelles, man hat sie einfach gebraucht als Arbeitskräfte und hat von daher versucht, sie gut zu behandeln, also wollte man dafür sorgen, dass sie sich wohlfühlen, um dem Betrieb erhalten zu bleiben."

Zunächst wurde vertraglich festgelegt, dass die türkischen Gastarbeiter nur zwei Jahre bleiben sollten. Doch diese Regelung war nicht praktikabel, denn immer wieder mussten neue Kräfte eingearbeitet werden. Deshalb wurde diese Regelung 1964 abgeschafft. Aber auch der Großteil der Türken selbst, die nach Deutschland kamen, wollte nur vorübergehend bleiben. Ihr Ziel war es, genug Geld zu verdienen, um sich damit in der Heimat eine neue Existenz aufbauen zu können.

"Dieser Gedanke wir kehren nach ein paar Jahren zurück da gab es bei allen Beteiligten einen breiten Konsens, sowohl von der deutschen Arbeitsverwaltung, vonseiten der Arbeitgeber, die gedacht haben, im Grunde sind das Beschäftigte, die wir solange wir sie brauchen beschäftigen, und wenn wir sie nicht mehr brauchen, können wir sie problemlos zurückschicken bzw. sie können aus eigenem Antrieb zurückkehren. Und auch aufseiten der Türken, das war überhaupt nicht beabsichtigt, dass man längerfristig in Deutschland bleibt."

"Mein Vater hat sein Lebtag davon gesprochen, dass wir zurückkehren, das war im Prinzip das Mantra meines Daseins, das hat schon richtig groteske Formen angenommen, dass ich sagte: Papa kann ich rausgehen spielen, und er sagte: Junge, das lohnt nicht, und die Lehrerin in der Schule sagte: Fatih, hast du die Hausaufgaben gemacht? Und ich sagte: nein, wir kehren zurück, es lohnt sich nicht. Und meine Mutter hat alles, was eingekauft wurde, was aber für drüben bestimmt war –die aus dem Osten kennen das vielleicht noch, drüben – also alles, was für drüben bestimmt war, wurde weggepackt in Kartons, und da wurde ratzfatz eine Mauer aufgebaut zu Hause, dass wir praktisch 50 Quadratmeter Deutschland und eine Mauer war das."

Diejenigen, die tatsächlich in die Türkei zurückkehrten, mussten feststellen, dass sich die Lage dort verschlechtert hatte. Bürgerkriegsähnliche Zustände und die schwierige wirtschaftliche Situation zerstörten den Traum von einem guten Leben in der Heimat. Metin und Necla Türköz, haben es 1968 versucht. Mit ihren zwei Kindern zogen sie nach Istanbul zurück.

"Langsam in Türkei Terror anfangen, Terroristen, ich hab Angst und Uni ganz nah uns, ich hab gedacht, wenn mein Sohn die Schule fertig, zur Uni gehen, aber an Uni jeden Tag Terroristen, ach, furchtbar."

"Warum die Türken nicht zurückgekehrt sind in dem Maße, wie das eben bei Spaniern oder Griechen der Fall war, war die mangelnde Rückkehrperspektive im eigenen Land, was auch politisch bedingt war, weil es streckenweise bürgerkriegsähnliche Zustände gegeben hat in den 60er-, 70er-Jahren dann der Militärputsch 1980, der natürlich die wirtschaftliche Entwicklung des Landes sehr stark gehemmt hat, es gab eine sehr sehr hohe Arbeitslosigkeit, also war diese wirtschaftliche Perspektive sehr sehr schlecht."

Wie viele andere ging auch die Familie Türköz wieder nach Deutschland, wo sie sich auf einen längeren Aufenthalt einstellte. Doch in der Bundesrepublik waren die Türken inzwischen nicht mehr so willkommen wie anfangs. Die Wirtschaft boomte nicht mehr und auf dem Arbeitsmarkt wurde es enger.

"Es fängt Ende der 60er, langsam Ausländer raus. Ich wusste nicht was ist das, ich war erste Türkin in Fabrik, war alles sehr nett, die Deutschen waren sehr nett, und dann zwei drei deutsche Frau hasst mich."

"Man hatte damals ja schon in starkem Maße den Familiennachzug und Probleme auf dem Wohnungsmarkt, die ganze Problematik mit den Kindern, was machen wir mit den ganzen ausländischen Kindern, sollen wir sie so integrieren in das deutsche Bildungssystem, dass sie vor allem deutsch lernen, oder sollen wir sie so erziehen, dass sie rückkehrfähig sind, da gab es ganz viele offene Fragen und man hat die im Grunde nicht richtig beantwortet und man hat das stagnieren lassen. Also diese Kosten-Nutzen-Rechnung, wenn man es von der Seite betrachtet, was bringen uns diese Arbeitskräfte wirtschaftlich und wo sind die Faktoren, die diesen Nutzen wieder reduzieren, also die Kosten, die anfallen, diese Bilanz fiel 1972/73 zunehmend negativ aus und die Ölpreiskrise, die oftmals als Faktor genannt wird, war im Grunde nur der Anlass, den man verwendet hat, um das gegenüber den Anwerbestaaten zu legitimieren."

Die Ölpreiskrise 1973 bot den Anlass zum Anwerbestopp von Arbeitern aus Nicht-EG-Ländern, doch er hatte eine Bumerangwirkung: Er bestärkte viele Türken darin, vorerst in der BRD zu bleiben, denn im Falle einer Ausreise hätten sie keine Chance mehr gehabt, nach Deutschland zurückzukommen. Familienangehörige wurden nachgeholt, sodass die türkische Wohnbevölkerung nach 1973 um mehr als eine halbe Million anstieg. 1980 lebten rund 1,5 Millionen Türken in der Bundesrepublik. Doch für ihre Integration wurde wenig getan. Es sollten keine Anreize für einen dauerhaften Verbleib geschaffen werden.

"Es klingt ja heute so seltsam, aber es war wirklich der Wunsch, in die Türkei zurückzukehren. Wobei ich zu denen immer sagte, Freunde, wohin wollt ihr zurückkehren, ihr seid doch noch gar nicht angekommen."

"Man muss ja auch sehen, dass von türkischer Seite nicht viel beziehungsweise gar nichts zur Integration der Türken in Deutschland beigetragen wurde. Weil dort immer gesagt wurde, ihr sollt euch bitte der Türkei nicht entfremden, der Bezug ist die Türkei, ihr seid Türken, ihr kommt zurück, also man hat das auch nicht von türkischer Seite als Einwanderungsprozess akzeptiert, weil man auch eben großes Interesse an diesem weiteren Fluss der Devisen von Deutschland in die Türkei hatte."

Auch auf bundesrepublikanischer Seite wurde die Integration der Türken wenig gefördert. Die Wohlfahrtsverbände versäumten es, sich zum Beispiel um die religiösen Bedürfnisse der Muslime zu kümmern. So konnten rechtskonservative und fundamentalistische Strömungen wie Mili Görüz, die Grauen Wölfe oder islamische Kulturzentren Fuß fassen und einen Einfluss ausüben, der die Integrationsbereitschaft der Türken nicht gerade förderte. Der Militärputsch in der Türkei 1980 bewirkte, dass noch mehr Menschen einreisten, politisch verfolgte Kurden und Türken beantragten Asyl. Unterdessen beschlossen Herr und Frau Türköz, in Deutschland zu bleiben. Sie kauften sich ein Haus in der Nähe von Köln.

"Ich hab meine Kinder frage, mein Sohn Diplomingenieur, meine Tochter Diplompädagogin, ich habe gefragt, Deutschland oder wir alle zurück zusammen? Und meine Tochter, die ist in Köln geboren, hat gesagt, es tut mir leid, ich bleibe Deutschland und mein Sohn, ich habe gute Position, ich bleibe Deutschland, und dann ich habe gesagt, wenn beide Kinder und Enkelkinder, ich bleibe auch."

In der Bundesrepublik verschlechterte sich die wirtschaftliche Lage zunehmend, 1983 stieg die Arbeitslosenzahl erstmalig auf über zwei Millionen. Die fremdenfeindliche Stimmung im Land wuchs. Im selben Jahr verabschiedete die Bundesregierung das Gesetz zur Förderung der Rückkehrbereitschaft von Ausländern. Damit wurden Menschen, die durch Konkurs ihre Arbeit verloren hatten oder von Kurzarbeit betroffen waren, angeboten, gegen einen Betrag von 10.500 plus 1500 DM pro Kind und die einbezahlten Sozialversicherungsbeiträge in ihre Heimat zurückzukehren. 140.000 Menschen nahmen das Angebot an, davon 120.000 Türken.

"In den Betrieben hat das die Stimmung sehr stark verschlechtert, weil der Druck auf die türkischen Migranten sehr groß war, jetzt wirklich auch zu gehen. Die Zielgruppe dieses Gesetzes waren Ausländer aus nicht EWG Ländern und die größte Gruppe waren eben die Türken, weil die anderen durch die Freizügigkeit innerhalb der –damals schon EG gar nicht betroffen waren von dem Gesetz. Die Reaktionen auf türkischer Seite waren ambivalent, auf der einen Seite natürlich hat man sich stärker diskriminiert gefühlt als je zuvor, was auch gewisse Rückzugstendenzen befördert hat, das andere ist aber, dass dieses Gesetz für diejenigen Türken, die gesagt haben nein, wir bleiben hier, dazu geführt hat, dass sie sich stärker um ihre Interessenvertretung in Deutschland bemüht haben, das heißt der Lebensmittelpunkt, nicht nur der geografische, sondern auch der gefühlte hat sich von der Türkei zur BRD verschoben, das man gesagt hat, wir haben unsere Familien hier und wir wollen unsere Bedingungen in Deutschland verbessern."

"Wir können weder das Arbeitsamt noch das Sozialamt für die ganze Welt sein."

Verkündete der CSU-Abgeordnete Horst Seehofer in der Bundestagsdebatte vom 10. November 1983.

"Dies liegt auch im Interesse der Ausländer selbst. Denn die Ausländer selbst, die spüren doch zu allererst die Störungen des inneren Friedens, die spüre eine gelähmte Integrationsbereitschaft der deutschen Mitbürger bis hin zur Fremdenfeindlichkeit."

Diese "gelähmte Integrationsbereitschaft" der Deutschen verschärfte sich nach der Wiedervereinigung mit all ihren wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Herausforderungen.

"Als die Mauer wegfiel, hat man dann gesehen in Berlin zum Beispiel, dass die Ausländer, die man an den Rand gedrückt hatte, auf einmal standen die im Zentrum. Das irritiert ja bis heute noch, ich glaub im Osten, da gibt es ja keine Ausländer, aber ganz viel Feindlichkeit gegen die."

Auch im Westen wuchs die Ausländerfeindlichkeit, geschürt von der Asylkampagne zu Beginn der 90er-Jahre. Mit den Brandanschlägen von Hoyerswerda, Rostock, Mölln und Solingen fand sie ihren schrecklichen Höhepunkt. Doch inzwischen war die zweite Generation der sogenannten "Gastarbeiter" herangewachsen und integrierte sich mit einer größeren Selbstverständlichkeit. Heute leben etwa drei Millionen Türkeistämmige in Deutschland. Von den circa eine Million Erwerbstätigen sind 80.000 Menschen selbstständig. Sie erwirtschaften einen geschätzten Jahresumsatz von 35 Milliarden Euro und haben etwa 400.000 Arbeitsplätze geschaffen. Doch seit 2005 wandern mehr Menschen von Deutschland in die Türkei ab als umgekehrt.

Fatih Cevikkollu hat als Kabarettist noch genug zu tun, um sich als Kabarettist über die Deutschen, die Türken und ihr seltsames Verhältnis lustig zu machen. Seine Eltern sind inzwischen in die Türkei zurückgegangen.

"Und mein Vater war es auch, der eines Tages sagte, Fatih weißt du was, wir haben einen Fehler gemacht. Wenn wir seinerzeit, als wir hier hingekommen sind alles in Deutschland investiert hätten, unsere Zeit, unser Geld, unsere Aufmerksamkeit, hätten wir jetzt einen viel besseren Stand und schöneren Stand in diesem Land. Weil das nicht stattgefunden hat, war das immer ein Leben im Stand-by-Modus. Vater muss mal 30 Jahre ranklotzen, dann fahren wir zurück. Zieh schon mal die Schuhe an."

Herr und Frau Türköz sind in Deutschland geblieben und blicken zufrieden auf ihr Leben zurück. Ihre Kinder haben studiert, Familien gegründet und sind beruflich erfolgreich.

"Ich habe jetzt deutschen Pass, und ich bleibe nur wegen meine Kinder und meine Enkelchen. Aber wenn bisschen meine Enkelchen wird groß, vielleicht ich zurück. Heimat ist Heimat."

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