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StartseiteBüchermarktEin Kunstwerk inmitten einer wirren, politische Gemengelage07.09.2012

Ein Kunstwerk inmitten einer wirren, politische Gemengelage

Eduardo Mendoza: Katzenkrieg. Nagel & Kimche

Mit seinem Roman kehrt der spanische Schriftsteller Eduardo Mendoza in die Vergangenheit zurück: Er ruft komplexe politische und gesellschaftliche Situation Spaniens vor dem Bürgerkrieg im Jahr 1936 in literarischer Form unterhaltsam, mit unterschwelligem Humor und allgemein verständlich in Erinnerung.

Von Eva Karnofsky

Der spanische General und Diktator Franco grüßt die vorbeiziehenden Massen (picture alliance / dpa)
Der spanische General und Diktator Franco grüßt die vorbeiziehenden Massen (picture alliance / dpa)

Der spanische Bürgerkrieg kostete mehrere 100.000 Menschen das Leben. Und er mündete in die 36 Jahre währende, rechte Militärdiktatur von General Francisco Franco. Noch heute suchen viele Menschen ihre in Krieg und Diktatur verschwundenen Angehörigen, noch heute bemühen sie sich um Gerechtigkeit für damals begangenes Unrecht. Der Bürgerkrieg und seine Ursachen beschäftigen auch Spaniens Schriftsteller und Schriftstellerinnen bis heute. Eduardo Mendozas "Katzenkrieg" führt den Leser in das Vorkriegs-Madrid, das einem Hexenkessel gleicht. Wie auf dem Gemälde "Katzenkrieg" von Goya, das erst spät im Keller des Prado entdeckt und zunächst einem anderen Maler zugeschrieben worden war, belauern sich die Kontrahenten noch und fauchen sich an. Um ein bis dato unentdecktes Gemälde dreht sich auch Mendozas Roman. Der junge britische Kunstprofessor Anthony Whitelands wird von einem zwielichtigen Galeristen gebeten, nach Spanien zu reisen, um ein Bild zu schätzen, dass der Herzog von Igualada illegal nach Großbritannien veräußern will:

"Wenn die Revolution ausbricht, wird die Kunst ebenso malträtiert sein wie das ganze Land. Und zwar auf irreparable Art. Die zweite Erwägung ist nicht weniger wichtig, denn mit ihrer Vermittlung, Señor Whitelands, werden sie zweifellos dazu beitragen, mehrere Menschenleben zu retten."

erklärt ihm der Galerist, denn angeblich möchte der Herzog mit dem Erlös des Bildes seine Familie ins Ausland bringen, aus Angst, sie könnte nach einer möglichen Machtübernahme der Kommunisten ermordet werden. Kaum in Madrid, stellt Whitelands jedoch fest, dass er belogen worden ist. Igualada will das Geld in Waffen investieren, für die faschistische Falange von José Antonio Primo de Rivera. Das Bild stellt sich zu Whitelands Freude als ein bislang unbekannter Velázquez heraus.

Eduardo Mendoza ist 2010 für seinen Roman "Katzenkrieg" mit dem mit gut 600.000 Euro höchstdotierten Literaturpreis für Werke in spanischer Sprache, dem "Premio Planeta" ausgezeichnet worden. Zu Recht, denn Mendoza hat es verstanden, die wirre politische Gemengelage in den Wochen vor Ausbruch des spanischen Bürgerkrieges im Juli 1936 zu einem spannenden Roman zu verweben. Ehe sich der politisch naive Anthony Whitelands versieht, gerät er ins Visier der spanischen Polizei und verschiedener Geheimdienste, wie er in der britischen Botschaft erfährt:

"-"Wenn wir vom Verkauf des Bildes wissen und die spanischen Behörden etwas argwöhnen, dann sind selbstverständlich die Russen ebenfalls auf dem Laufenden. Natürlich haben sie kein Interesse daran, dass die Faschisten Unterstützung in Form von Geld und Waffen bekommen, und werden alles unternehmen, um das zu verhindern. Zu diesem Zweck haben sie Kolja mobilisiert."
- "Verstehe", sagte Anthony, "und wie kann Kolja die Operation behindern?"
-"Was für eine dumme Frage," rief Lord Bumblebee. "Mit der üblichen Methode – in dem er sie aus dem Weg schafft.""

Zu allem Überfluss verliebt sich Whitelands in Paquita, die Tochter des Herzogs von Igualada. Auch Paquita verfolgt ihre eigenen Interessen bezüglich des Bildes, sodass Whitelands zwischen allen Stühlen sitzt.
Mendoza bedient sich eines allwissenden Erzählers, der nicht nur ex-post über das Geschehen berichtet und die Dialoge wiedergibt, sondern dabei auch die handelnden Personen vorstellt, von denen einige, wie der damalige Ministerpräsidenten Manuel Azaña, Falange-Führer Primo de Rivera oder der spätere Diktator Franco historische Figuren sind. Zu Franco informiert er wie folgt:

"Klein, mit Bauch und beginnender Glatze, welkem Gesicht und Dekantstimme. Er raucht nicht, trinkt nicht, spielt nicht und ist kein Schürzenjäger. Dass er sich inner- und außerhalb der Armee dennoch eines enormen Prestiges erfreut, sagt viel über seine Professionalität. Azaña hatte immer auf ihn gebaut, wegen seines außerordentlichen Organisationstalents und weil er überzeugt war, dass ihn, obwohl stockkonservativ, sein pingeliges Pflichtgefühl daran hindern würde, sich gegen die Republik zu wenden."

Der Herzog von Igualada konspiriert mit Franco und anderen Generälen. Noch zeigt sich Franco dabei nicht zum Staatsstreich aufgelegt. Mendozas Erzähler neigt immer wieder zur Ironie, wenn er etwa, wie im letzten Zitat, Rauchen, Trinken, Spielsucht und Schürzenjägerei als Qualifikationsmerkmale für Offiziere hinstellt.

Auch seinen Protagonisten Whitelands zeichnet Mendoza mit Humor, wenn er ihn, den arglosen Ausländer, von einem politischen Fettnäpfchen ins nächste stolpern lässt. Whitelands ist keinesfalls ein strahlender Held, sondern vielmehr ein Leichtfuß, der seine Entscheidungen nach Nützlichkeitserwägungen trifft. Einen Velázquez zu entdecken und nach London zu schaffen, würde ihm in der Fachwelt Ruhm eintragen und finanziell hätte er dann ausgesorgt. Allenfalls aus Liebe zu Paquita, der Tochter des Herzogs, wäre er bereit, auf den Handel mit dem Velázquez zu verzichten.

Mendoza hat sich ein hübsches Szenario erdacht, um auf eine der Hauptursachen des spanischen Bürgerkrieges, die tiefe Kluft zwischen Arm und Reich einzugehen. Whitelands bewegt sich zwischen diesen sich im Frühjahr 1936 unversöhnlich gegenüberstehenden Welten, wenn er am Tag mit den vornehmen Igualadas speist und nachts in das Bett der Toñina schlüpft, einer Prostituierten, die mit ihrem vaterlosen Säugling von der Hand in den Mund lebt und Kontakt zu kommunistischen Kreisen hat.

Eduardo Mendoza ist mit "Katzenkrieg" ein lesenswerter Roman gelungen, der schwungvoll daher kommt, wozu die Sprache beiträgt. Spaniens Adel gibt sich, wie auch Whitelands, wenn er über Kunstwerke salbadert, leicht gestelzt, die Geheimdienstler dagegen mögen es direkt. "Katzenkrieg" ruft die komplexe politische und gesellschaftliche Situation Spaniens vor dem Bürgerkrieg in literarischer Form unterhaltsam, mit unterschwelligem Humor und allgemein verständlich in Erinnerung. Die imposante Kulisse seines Romans, die spanische Hauptstadt Madrid, hat Mendoza detailgenau und lebhaft gezeichnet. Das verleiht "Katzenkrieg" noch zusätzlichen Reiz.

Buchinfos:
Eduardo Mendoza: Katzenkrieg. Aus dem Spanischen von Peter Schwaar. Nagel & Kimche; München 2012; 413 Seiten; 24,90 Euro

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