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StartseitePost aus BrasilienAuf der Suche nach der verlorenen Stimme09.06.2014

Ein Land ist heiserAuf der Suche nach der verlorenen Stimme

Brasilien ist im Umbruch. Kaum ein Tag vergeht ohne Streik oder Demonstration. Ein Land sucht sich selbst.

Von Jonas Reese

Ohne Stimme kein Gesang ( picture alliance / Foto: Peter Kneffel)
Ohne Stimme kein Gesang ( picture alliance / Foto: Peter Kneffel)

Nach einem langen Arbeitstag noch auf einen Absacker in die Bar. „Chez Oscar", bei Oscar. Die hippen Läden in Sao Paulo geben sich jetzt französische Namen. Ein Freund hat geladen und gesagt: „Nicht wundern, es kommen auch ein paar bekannte Künstler." Das beunruhigt mich nicht. Ich erkenne sowieso keine brasilianischen Künstler am Aussehen. Außer vielleicht die ganzen Großen wie Caetano Veloso oder Gilberto Gil.

Bei Oscar empfangen zwei unfreundliche Türsteher. Sie führen in den zweiten Stock. Der Weg dorthin wird begleitet von vielen neugierigen Blicken derjenigen, die es nur bis zum ersten Stock geschafft haben. Schummrig-dunkel ist das zweite Geschoss. Nur von wenigen Kerzen erhellt. Die Klimaanlage kühlt den Raum auf Kühlschrank-Temperatur. Der Deutsche wird umso wärmer empfangen.

Ich berichte von meinen jüngsten Erlebnissen von der Anti-WM-Demo ganz in der Nähe. Einmal die Woche findet sie statt und endet meist in mittelschweren Straßenschlachten. Ich habe noch Spuren von Tränengas in der Kehle. Keiner der Anwesenden geht mehr dorthin. Zuviel Gewalt, die Randalierer haben die euphorische Bewegung aus dem vergangenen Jahr okkupiert. „Weißt Du", sagt eine dunkelhaarige Frau mit tiefer, rauchiger Stimme, „Brasilien ist krank. Lange hat es diese Krankheit einfach so hingenommen. Doch jetzt entdeckt es seine Stimme wieder. Aber das braucht Zeit."

Ihr Gesicht kommt mir bekannt vor. Mein Freund bestätigt mir, sie sei eine ziemlich berühmte Sängerin im Land. Marina Lima. Schon als Jugendliche war sie ein Star in Brasilien. Jetzt ist sie 58. Zahlreiche Hits hat sie geschrieben. Zig Mal Platin bekommen. Und: Sie hat den Soundtrack von gleich zwei Seifenopern im Fernsehen verfasst. Das ist hier der Olymp.

Auf dem Höhepunkt ihrer Karriere ist sie dann aber in eine tiefe Depression gefallen. Grund war offenbar der Tod ihres geliebten Vaters. Marina Lima verlor ihre Stimme.

Sechs Jahre ist sie nicht mehr öffentlich aufgetreten. Kein Konzert, kein neues Stück, nichts. Und das, obwohl Singen ihr Leben ist. Selbst eine Stimmband-Operation hat nichts geholfen. Lange Zeit schob sie den Verlust ihrer Stimme auf ein Versagen der Ärzte. Jetzt hat sie erkannt: Sie konnte nicht mehr singen, weil sie depressiv war.

Jetzt ist sie dabei ihre Stimme wiederzufinden.

So wie ihr Land.

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