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StartseiteBüchermarktEin Leben dem Verbrechen19.05.2004

Ein Leben dem Verbrechen

Karlheinz Deschner: "Kriminalgeschichte des Christentums"

Einer muss es ja machen. Einer muss die Verlogenheit der Welt anprangern, den Frommen die Maske vom Gesicht reißen, die Geschichte der christlichen Kirchen als Kalendarium der Untaten, als Manifestation von Geldgier, Opportunismus, Machtwillen und Grausamkeit neu schreiben. Karlheinz Deschner, der in den fünfziger Jahren als furioser Literaturkritiker angefangen hat, der nichts so sehr hasste wie den Kitsch und der dann selber schonungslose autobiographische Romane vorgelegt hat wie <em>Die Nacht steht um mein Haus</em>, dieser Linke, berufsmäßige Zyniker und doch sehr sensible Mensch hat sein Leben einem einzigen großen Projekt geweiht: der <em>Kriminalgeschichte des Christentums</em>.

Der Vatikan (AP)
Der Vatikan (AP)

Gerade ist der achte Band erschienen, der sich mit dem 15. und 16. Jahrhundert beschäftigt, mit dem großen abendländischen Schisma, den Renaissance-Päpsten und der Reformation. Gleich drei korrupte Päpste bzw. Gegenpäpste führten im 15.Jahrhundert Krieg gegeneinander. Karlheinz Deschner wird nicht müde, sie als geil, verschwenderisch, nepotistisch, verkommen und blutrünstig zu brandmarken, und der bisweilen moralisch eifernde Tonfall steht in einem seltsamen Missverhältnis zu der historisch aufwendigen und präzisen Arbeit, die in diesem Werk steckt. Aber vielleicht darf sarkastisch und wertend nur sein, wer den Steinbruch einmal so minutiös durchkämmt hat wie Deschner.

Es ist eine parteiische, eine notwendige Gegen-Geschichtsschreibung, die er da vorlegt, das Negativ zur offizialkirchlichen Beschönigungs-Rede, und es ist sehr zu wünschen, daß er auch die letzten Bände noch schafft – denn da geht es dann ins 19. und 20. Jahrhundert, in die Nazizeit und zu Deschners Lieblings- und Hauptfeind, dem Nazi-Kollaborateur Eugenio Pacelli, besser bekannt als Pius XII. Ihn hat er schon 1962 in Abermals krähte der Hahn als raffgierigen, gänzlich moralfreien Stellvertreter Gottes beschrieben – und der makabre Gegensatz von Anspruch und Wirklichkeit des Christentums ist ja das eigentliche Antriebsmoment von Deschners Arbeit:

Es gibt keine Idee, kein Wort in der ganzen Geschichte, mit dessen Hilfe so viel Unrecht geschehen ist, so viel Blut vergossen wurde wie das Wort Gott. Gerade dieses Wort musste ja immer dazu herhalten, auch die fürchterlichsten Dinge zu sanktionieren, gegenüber ganzen Völkern, gegenüber der halben Welt. Ob Hitler nun einen Krieg geführt hat oder Herr Bush aus den USA den zweiten Golfkrieg oder auch Saddam Hussein, alle haben sie sich auf Gott berufen.

Deschner ist 1924 in Bamberg geboren und wurde von Franziskanern, Karmelitern und Englischen Fräulein in Internaten erzogen. So war er früh mit den Erziehungsmethoden des Klerus vertraut, und dieses Trauma verfolgt ihn bis heute. Und es hat ihn immer besonders empört, dass gerade die Franziskaner mit den Nazis zusammenarbeiteten und gemeinsam mit den Jesuiten im 2.Weltkrieg eine schlimme Rolle spielten: auf dem Balkan, im Kampf des katholischen Kroatien gegen das orthodoxe Serbien, war nach Deschners Recherchen ein Franziskaner sogar Kommandant eines Konzentrationslagers. Deschner selber war im Krieg Fallschirmjäger, dann studierte er Literatur, Philosophie, Geschichte. Seine mainfränkische Heimat hat er dann nie wirklich verlassen, noch heute lebt er in Hassfurt bei Würzburg.

Karlheinz Deschner wird nun 80 Jahre alt, und in einer Phase, in der andere sich zurücklehnen und feiern lassen, arbeitet er mit Volldampf am Abschluss seines Hauptwerks. Er ist der Außenseiter geblieben, der nie einen Lehrstuhl hatte , nie eine Beamtenstelle, die ihm sichere Pensionen abwirft, und außer dem Arno-Schmidt-Preis 1988 hat er wenig offizielle Belobigung erhalten. Gleichwohl war sein Einfluss in den siebziger und achtziger Jahren immens; während verunsicherte Links-Christen sich an den lauwarmen Hans Küng hielten oder bei Walter Jens Unterschlupf suchten, lasen die etwas Konsequenteren lieber den knallharten Deschner, der Tacheles redete.

Warum ich aus der Kirche ausgetreten bin heißt ein von ihm herausgegebener Sammelband aus dem Jahr 1970. Man reibt sich die Augen, wer da alles zum Kirchenaustritt aufrief: Klaus Harpprecht, einer der bekanntesten Journalisten der Republik und damals Ghostwriter bei Willy Brandt; Hans Wollschläger, der spätere Ulysses-Übersetzer, Frederic Vester, Gerhard Zwerenz, Robert Mächler, Wolfgang Beutin. Der mittlerweile verstorbene (und weithin unterschätzte) Autor und Fernsehregisseur Otto F. Gmelin beschreibt in dem Band seine Masturbations-Übungen unter den Augen des alles sehenden Gottes und seine Versuche, sich per Psychoanalyse und Marxismus aus den Klauen der Kirche zu befreien; solche heute merkwürdig anmutenden Selbstbekenntnisse waren damals neu und schockierten den Mittelstand. "Écrasez l’infâme" rief Karlheinz Deschner in seiner Einleitung zu dem Buch, und am Ende gab es eine detaillierte Gebrauchsanweisung der Humanistischen Union "So tritt man aus der Kirche aus" mit den geltenden Rechtsbestimmungen der einzelnen Bundesländer.

Dass Karlheinz Deschners Einfluss heute etwas gesunken ist, verdankt sich dem Umstand, dass die sexuell libertären Intellektuellen ihr Verhältnis zur Kirche mittlerweile anders regeln. Man tritt aus oder auch nicht, letzteres meist aus beruflichen Gründen, denn die heilige Mater Ecclesia ist immer noch einer der größten Arbeitgeber in Deutschland und hat sogar bei der Postenbesetzung der meisten Gymnasien ein Wörtlein mitzureden. Aber die Intelligenz der Republik nimmt die Kirchen-Oberen mittlerweile nicht mehr ganz ernst: man setzt sich mit denen kaum noch publizistisch auseinander – so wie das vor 20 Jahren der Fall war. Die sexuelle Freizügigkeit seit der APO hat vieles von selbst geregelt; das "Sündenbewusstsein" ist gesunken. Und auch die Kirche ist seltsam stumm geworden. Man möchte einander nicht lästig fallen, so lässt sich dieser seltsame Burgfrieden beschreiben. Deschner ist auch da der Störenfried geblieben, der alte Wunden immer neu aufreißt – mit geschichtlichem Material:

Allein dieser Tatsache verdankt die Kirche ihr Überleben, dass sie mit den jeweils stärksten Männern, wenn es sich irgendwie strategisch und taktisch vereinbaren ließ, sozusagen ins Bett gekrochen ist. Das haben wir gesehen während der wilhelminischen Ära im 20.Jahrhundert; und dann, in der Weimarer Republik begannen plötzlich die Friedenstöne, nach der hässlichsten Kriegspropaganda. Ich zitiere den Bischof Faulhaber, der sogar noch die Kanonen als Sprachrohre der Gnade bezeichnet hat – es gibt tausende ähnlicher Phrasen. Während der Weimarer Zeit hat er dann den Frieden gefeiert; in der Nazizeit wurde er einer der vehementesten Parteigänger Hitlers, er hat zu seiner Unterstützung bis in die letzten Kriegsjahre aufgerufen, hat antisemitische Äußerungen von sich gegeben – und 1945 hat er die ganze Nazizeit verflucht und sein angebliches Eintreten für die Juden herausgestellt.

In Deschners neuem Buch, dem achten Band seiner Geschichte des Christentums unter kriminaltechnischen Aspekten, geht es um das späte Mittelalter und die Renaissance. Zentraler Punkt ist das große abendländische Schisma: zwei, schließlich drei Päpste konkurrierten miteinander. Nach einer dubiosen Wahl des Konklave in Rom, unter Ausschluss von 6 in Avignon zurückgelassenen Kardinälen, wurde im April 1378 der Erzbischof von Bari, Bartolomeo Prignano, zum Papst ausgerufen. Sobald er unter dem Namen Urban VI. auf dem Chefsessel saß, erwies sich der bis dahin diensteifrige und angepasste Kirchenfunktionär als pathologischer Despot.

Und obwohl er durchaus diskutable Reformansätze vortrug, ging er in seiner Kritik offenbar wenig diplomatisch vor: ihr von Sex und Schmarotzertum geprägtes Lotterleben wollte sich die klerikale Führungsschicht nicht so ohne weiteres verbieten lassen – und installierte ein halbes Jahr später in Fondi bei Neapel den erst 36jährigen Kardinal Robert von Genf, einen berüchtigten "Blutmann" und Karrieristen, als "wahren" Papst.

Beide Päpste hatten Nachfolger, beide waren politisch mit unterschiedlichen Gruppierungen und Nationen liiert, die ihr Einflussgebiet durch Krieg zu erweitern suchten, und auch die Nachfolger statteten ihre Verwandtschaft fürstlich mit Privilegien und Posten aus. Das Konzil von Pisa schloss beide Oberhäupter der Christenheit, die mittlerweile Gregor XII. und Benedikt XIII. hießen, 1409 als Schismatiker und Häretiker aus der Kirche aus, freilich ohne größere Folgen, und bestimmte den aus Griechenland stammenden Mailänder Kardinal Petros Philargos zum neuen bzw. dritten Papst, Alexander V. Aber schon ein Jahr später verschied der Gewählte, angeblich Opfer einer Giftattacke seines direkten Nachfolgers, Kardinal Baldassare Cossa, der nunmehr als Johann XXIII. einer von drei Stellvertretern Gottes auf Erden wurde.

Schon diese kurze Aufzählung zeigt, wie verwirrend dieser Sumpf aus Mord, Totschlag und Günstlingswirtschaft ist und wie mühsam sich da einer durch die Fakten kämpfen muss, um schließlich die großen Fäden der Geschichte wieder zusammenzuknüpfen. Leider gelingt das Deschner nicht immer – seine Darstellung wirkt ungemein belesen, aber oft auch detailüberladen. Erst mit dem Konstanzer Konzil von 1414, das den als bisexuellen Maniac berüchtigten Johann wegen "unwürdigen Lebens, Simonie und schlechter Kirchenleitung" absetzte, Gregor seinen Rücktritt erklären und Benedikt in der Bedeutungslosigkeit verschwinden ließ, gewinnt Deschners Darstellung wieder die gewohnte Kraft: lustvoll malt er aus, wie die 700 klerikalen Konzilsteilnehmer mit ihren 18000 Bediensteten rund 700 öffentlich registrierte Huren aus der Region in Anspruch nahmen – abgesehen von denen, die sie selbst mitgebracht hatten. Engagiert beschreibt er den Konzils-Prozess gegen den böhmischen Reformator Jan Hus, der den Ablasshandel angeprangert hatte und den man mit dem Versprechen eines "freien Geleits" nach Konstanz lockte, wo man ihn schließlich verbrannte.

Da ist Deschner in seinem Element, als Anwalt der Schwachen und als Genre-Maler des Verbrechens. Die Darstellung der diversen monströsen Renaissance-Päpste dagegen, die Mitte bis Ende des 15.Jahrhunderts sich als Pornographen, Vergewaltiger und Mörder betätigten, wirkt seltsam buchhalterisch. Danach werden kirchlicher Judenhass, Hexenwahn, Reformation und Bauernkrieg durchgenommen, und hier wird es dann in der Argumentation wieder etwas übersichtlicher.

Es scheint, dass der virtuose Polemiker Deschner dem Geschichtsschreiber Deschner um einiges überlegen ist. Gleichwohl ist seine Anti-Kirchengeschichte seriös gearbeitet, und an ihrer Notwendigkeit kann angesichts des noch immer bestehenden politischen und psychischen Einflusses der Kirchen kein Zweifel bestehen, die viele Gläubige ja noch immer seelisch zugrunde richtet. Gerade für diese Menschen schreibt Karlheinz Deschner – und das ist ihm sehr bewusst.

Die Kirche, das ist ja eine Gemeinschaft, die einem bestimmte Begriffe vorsetzte, hinter denen sich letztlich nichts verbirgt – also die einen erst krank macht, indem sie den Menschen das Sündenbewusstsein einimpft, und zwar von klein auf, von der Mutterbrust an, um ihn dann heilen zu können. Und die ihn in Nöte bringt, die man ohne die Kirche überhaupt nicht hätte. Das ist ja der große Trick der Kirchen. Wenn man dieses Sündenbewusstsein, mit dem der Mensch aufwächst, wenn man das endlich preisgeben kann, dann tritt eben dieses Gefühl einer geistigen, einer moralischen Befreiung ein. Und es gehört zu meinen erschütternsten Erlebnissen, immer wieder zu beobachten, dass nicht etwa primitive Menschen, sondern Menschen, die relativ wach sind, oft die ganze zweite Hälfte ihres Lebens brauchen, um den Blödsinn zu vergessen, den sie in der ersten Hälfte gelernt haben.

Karlheinz Deschner
Kriminalgeschichte des Christentums
Band 8, "Das 15. und 16 Jahrhundert"
Rowohlt, 528 S., EUR 29, 90

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