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StartseiteBüchermarktEin Leben in der Bannmeile31.10.2008

Ein Leben in der Bannmeile

Wilfried N'Sonde: Das Herz der Leopardenkinder, Kunstmann Verlag, München 2008

Der Schriftsteller Wilfried N'Sonde ist in den Vorstädten von Paris aufgewachsen. In seinem ersten, preisgekrönten Roman "Das Herz der Leopardenkinder" schildert er das Leben in der Banlieue, die Erfahrungen einer neuen Generation von Migranten, die auf der Suche nach ihrer Identität ins Abseits gerät: ein Roman von unerhörter Musikalität und sprachlicher Ausdruckskraft.

Von Christoph Vormweg

Straßenschlacht in einem Pariser Vorort. (AP)
Straßenschlacht in einem Pariser Vorort. (AP)

Banlieue - wörtlich: Bannmeile - nennen die Pariser den Gürtel der Vorstädte rund um ihre Metropole. Über zehn Millionen Menschen leben dort heute, viele davon Einwanderer und sozial Schwache. Wegen regelmäßiger Krawallen machen die Betonburgen immer wieder Schlagzeilen.

Wilfried N'Sondé, Sohn kongolesischer Einwanderer, hat in der Pariser Banlieue Kindheit und Jugend verbracht. Dort spielt sein in Frankreich preisgekrönter Debütroman "Das Herz der Leopardenkinder". Christoph Vormweg hat Wilfried N'Sondé in Berlin besucht, wo er seit sechzehn Jahren lebt.

"Ich habe es gerne, wenn der Leser möglichst sofort in das Buch reinkommt und drin bleibt auch, weil: Bei jedem Wort fast erfährt er was. Ich versuche, jeden Satz richtig zu wiegen, der Rhythmus muss stimmen, also die Töne, die Wörter - deshalb schreibe ich, das ist für mich eine Leidenschaft."

Wilfried N'Sondé, geboren 1968 im Kongo, verspricht nicht zu viel. Seine Romanprosa erzeugt von der ersten Zeile an einen eigenwilligen, genau austarierten Sog. Der Ich-Erzähler ist Anfang zwanzig, Sohn kongolesischer Einwanderer und kurz zuvor verhaftet und verprügelt worden. Sein Hauptproblem: Wegen eines nur langsam nachlassenden Vollrausches kann er sich an nichts erinnern. Er weiß nicht, ob er das Opfer eines rassistischen Polizisten geworden ist oder ob er wirklich - wie behauptet wird - eine abscheuliche Gewalttat begangen hat. In seinem berauschten, vom Schmerz geplagten Hirn melden sich innere Stimmen:

Dafür bist du nicht nach Frankreich gegangen, mein Sohn!

Ich sehe, wie mein Ahne sich erhebt und schwankend dasteht. Um ihn herum ein Schwarm guter Geister. Sein abwesender Blick hat sich irgendwo jenseits der Lebenden verloren, aber seine Worte höre ich noch sehr gut.

Man muss fest dran glauben. Stark bleiben. Glaube versetzt Berge. Du schaust dem Leben nicht zu, nein, du packst es mit beiden Händen, legst dich drauf wie auf eine Frau, eine echte, den Rücken wie zum Gebet gewölbt. Umarmst es zärtlich, manchmal heftig, suchst seine pulsierenden, glühenden, sprudelnden Quellen, hier und dort, überall, die Welt gehört dir. Du musst lernen, die Welt zu fühlen.


"Also ich kommuniziere mit meinem toten Großvater. Warum nicht? Das hilft mir. Deshalb ist der Ahne durch das ganze Buch anwesend, weil die Ahnen in meinem Leben anwesend sind, selbst wenn ich in Berlin lebe. Aber ich denke, wenn man das Buch liest, versteht man besser, was ich meine. Wenn ich das so gut erklären könnte, hätte ich kein Buch darüber geschrieben."

Ehre, Stolz, magische Kräfte - das mythische Afrika ist im Roman "Das Herz der Leopardenkinder" immer gegenwärtig. Doch die inneren Stimmen trösten den Erzähler nicht nur. Sie foltern ihn auch mit Forderungen, die nicht erfüllbar sind. Denn in den Pariser Vorstädten mit ihren Rassenkonflikten herrscht das brutale Gesetz der Straße. Wilfried N'Sondé:

"Der junge Mann in dem Buch ist im Knast. Ich war noch nie im Knast. Das ist nicht meine Geschichte. Nur: so viel kann man nicht erfinden. Also, es sind schon Dinge in dem Buch, die ich erlebt habe, aber die ich verändert habe. Es gibt Vieles, was ich erfunden habe. Aber die Themen sind Themen, die mich treffen: Liebe und Identität, Gewalt, ja."

Nicht nur die Ahnen bestürmen den Erzähler, auch die Erinnerungen: etwa an seinen besten Freund Drissa, der in die Psychiatrie abgeschoben wurde, weil er dem - wie es heißt - "Fragevirus" in seinem Kopf nicht mehr Herr wurde.

"Drissa steht für eben diese Migranten, die keinen Platz finden, denen man keinen Platz gibt. Wir sind eben eine Mischung aus Vielem. Und Drissa steht für die, die es nicht schaffen, irgendwie Harmonie in ihrem Leben zu finden: durch die Mischung, die nicht verstanden wird, die nicht als Ganzes wahrgenommen wird. Und das bringt Menschen zu Depression und zu psychischen Störungen."

Auch Mireille, die Freundin des Erzählers, eine Jüdin nordafrikanischer Herkunft, hat sich aus seinem Leben verabschiedet. Allerdings freiwillig. Sie hat die Betonburgen der Pariser Banlieue verlassen, um ihr Glück in Israel und im politischen Engagement zu suchen.

Sie wollte ein Leben in Farbe und nie mehr zurück in diesen Dreck zwischen Nationalstrasse, Wohnblocks und Supermarkt. Weit weg von dem Grau und den verkommenen, verrotteten, versifften Menschenkäfigen mit der ewigen Spucke und dem Gestank von Pisse im Flur. Sie wollte das Leben in sich pochen fühlen und nicht mehr nur davon träumen oder es vor dem Bildschirm hockend verfolgen, sie wollte endlich im Fluss sein, dort, wo das Leben wirklich spielt.

Freundschaft und Liebe, die wirksamsten Trostmittel wider die Misere in den Betonburgen: Beide hat der Erzähler verloren. Um die Einsamkeit in seiner Zelle auf dem Polizeirevier zu vergessen, lässt er noch einmal die Zeiten des Glücks wiederauferstehen: die ersten Schuljahre, als ihn Mireille bemutterte und so den Schock der Ankunft im kalten Frankreich verdauen ließ; dann die gemeinsamen Streiche zu dritt mit Drissa; und schließlich die Euphorie der Zweisamkeit, der Liebesräusche.

"Also, das war ein Zufall, dass ich einen Roman geschrieben habe. Ich hatte ein paar Kurzgeschichten geschrieben, und eine Freundin von mir hat sie gelesen. Und sie fand sie gut. Und ich wusste nicht, dass sie die Tochter von Hans-Christoph Buch war. Und der Hans-Christoph Buch hat meine Kurzgeschichten gelesen, er fand sie auch gut, und er hat dann Kontakt mit einem Verlag in Frankreich, der fand sie auch gut und hat mich gefragt, ob ich nicht einen Roman schreiben könnte. Dann habe ich "Das Herz der Leopardenkinder geschrieben". So einfach ging es."

Für ein Romandebüt überraschen nicht nur die geschickte Verschachtelung der Erzählebenen, der präzise Rhythmus der monologisierenden Prosa, die innigen, tabulos beschriebenen Liebesszenen. Wilfried N'Sondé besticht auch, weil er die beim Thema Immigration gängigen Schwarz-Weiß-Kontraste und -Klischees unterläuft. Mit anderen Worten: Seine Figuren, auch die nur knapp skizzierten, sind komplexe, widersprüchliche Charaktere - selbst die auftretenden Polizisten. Schuld und Unschuld, Gut und Böse, Mitgefühl und Egoismus kreuzen sich in ihnen.

So verwundert es nicht, dass auch die Gewalttat, an die sich der Erzähler am Schluss des Romans wieder erinnern kann, keine eindeutige Bewertung zulässt. Zwar gehorcht sie der Logik der Eskalation, die das Verhältnis von Immigrantenjugend und Polizei im Schatten der Betonburgen bestimmt. Doch ist sie im Grunde ein tragikomisches Missverständnis. Ein klares moralisches Urteil über die Tat zu fällen, ist unmöglich. Umso fataler, dass es für die Justiz ein klarer Fall zu sein scheint.

"Ich bin froh, dass ich nach 35 Jahren wieder in Afrika war im Rahmen der Literatur. Für mich es war so: Ich kehre zurück nach Afrika und ich habe was in der Tasche, ich habe was geschafft, ich habe was zu zeigen. Es ist kein Geld, es sind keine Geschenke, es ist ein Buch, worüber man sich unterhalten kann. Und das war mir wichtig."

Wie Mireille, die große Liebe des Erzählers, hat sich auch Wilfried N'Sondé aus der Pariser Banlieue verabschiedet: 1992 ins frisch vereinigte Berlin. Sein dortiger Brotberuf ist ein Echo auf die früheren Erfahrungen. Als Sozialarbeiter verbringt Wilfried N'Sondé seine Tage mit benachteiligten Jugendlichen, vor allem Türken. Und die Verlierer werden sein literarisches Thema bleiben.

"Mein zweites Buch wird auf jeden Fall 2009 in Frankreich erscheinen. Es ist die Geschichte eines Treffens. Er kommt aus Südafrika, er hat einen Bürgerkrieg mitgemacht, er ist jung. Und sie ist nicht mehr so jung und ein bisschen abgeschnitten von der Gesellschaft, weil sie eben nicht so schön, nicht so schlau und nicht so jung ist. Es sind zwei Menschen, die man als Loser beschreiben könnte. Und ich versuche, aus diesem Treffen eine schöne Geschichte zu schreiben. Denn Liebe kann ja nicht nur für Junge, Schöne, Reiche sein, oder?"

Wilfried N'Sondé: Das Herz der Leopardenkinder
Aus dem Französischen von Brigitte Große
Kunstmann Verlag, München 2008, 128 Seiten, 14,90 Euro

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